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       (Quelle: Allianz Global Digital Factory / Allianz Deutschland AG)

      29. März 2018

      Wir sind nicht die ‚cool kids on the block‘. Wollen wir auch gar nicht sein.

      Text: Markus Walter
      Foto: Allianz Global Digital Factory / Allianz Deutschland AG
      Daniel Poelchau und Arne Benzin steuern die Digital Factories der Allianz - und stehen damit für den massiven Kulturwandel, der gerade stattfindet und in erster Linie auch ein digitaler Wandel ist. Ein Besuch in der Global Digital Factory am Münchner Ostbahnhof

      Ein Industrie-Loft mit Blick über halb München, modernes Mobiliar, von der Decke baumeln Mehrfach-Steckdosen für's gerade mal wieder auf Reserve laufende iPad. Leger gekleidete, mal englisch, mal deutsch sprechende Mitarbeiter, die mittags in die engagierte „Werkraum-Küche“ gehen, wo Menschen mit Behinderung kochen und kellnern. Daneben gleich ein Laden für Künstlerbedarf, eine Baugrube weiter soll ein großer Konzertsaal entstehen, der ein bisschen Elbphilharmonie an die Isar bringt. Munich Re und Deloitte haben ihre digitalen Labs ebenfalls auf dem Gelände der ehemaligen Pfanni-Knödelfabrik eingerichtet, der Insurtech Hub Munich bietet eine physische Plattform für die Branche. Man ahnt, dass im Werksviertel (das zuvor schon als Party-Areal „Kunstpark Ost“ und später als „Kultfabrik“ bis weit über München hinweg bekannt war) einer der kreativen Hotspots Münchens entsteht. Und dass die Global Digital Factory (GDF) die Blaupause für's Büro der Zukunft sein könnte.

      „Bitte lassen Sie uns über etwas anderes sprechen“, sagt GDF-Leiter Arne Benzin. Über die Räumlichkeiten möchte der 41-jährige Wirtschaftsingenieur, der sein Handwerk als Underwriter bei der Swiss Re gelernt und in der Versicherungsbranche in Deutschland und Großbritannien vertieft hat, nicht viele Worte verlieren. Denn zu oft, erklärt er, werde die Arbeit seines 120-köpfigen Teams aufs schicke Interieur reduziert. Dabei geht es hier doch um handfeste Dinge, um die so genannte „Customer Journey“ und „Digital Assets“. Soll heißen: Allianz Mitarbeiter, Freelancer und Digital-Agenturen tüfteln gemeinsam an digitalen Lösungen, die den Kunden - und auch den Mitarbeitern - des Versicherungskonzerns das Leben einfacher machen. „Wir spüren den Atem der Start-Ups und der großen Tech-Companies in unserem Nacken. Die Kunden erwarten von uns dasselbe Tempo, dasselbe Komfort-Level, das sie von amazon, Zalando oder Paypal aus dem Netz gewohnt sind“, erklärt Benzin. 2015 hat die Allianz 125. Jubiläum gefeiert, sie steht seit Jahrzehnten wie kaum ein anderes Unternehmen für Seriosität, Verlässlichkeit, Vernunft – mit wegweisender Zukunftsgerichtetheit oder simplen, schnellen Prozessen wird die Marke allerdings seltener verknüpft. Bisher.

      Arne Benzin, Leiter der Allianz Global Digital Factory, auf der großen Treppe im Zentrum des Industrielofts im Münchner Werksviertel.

      Foto: Allianz Global Digital Factory / Allianz Deutschland AG

      Arne Benzin, Leiter der Allianz Global Digital Factory, auf der großen Treppe im Zentrum des Industrielofts im Münchner Werksviertel. (Quelle: Allianz Global Digital Factory / Allianz Deutschland AG)

      Erbe und Erneuerung

      Daniel Poelchau, 40 Jahre alt, hat Politologie studiert und vor der Allianz bei McKinsey gearbeitet. Seit zwei Jahren verantwortet er die für den größten Markt des Versicherers, Deutschland, zuständige Digital-Unit. Fast 350 Mitarbeiter arbeiten in München und Stuttgart in „Agile Training Centers“ (ATC) und der unternehmenseigenen Design-Agentur Kaiser X an digitalen Kundenservices. Agiles Arbeiten ist im ATC kein Buzzword - Pair Programming, Scrum und Co-Location sind gelebte Realität. Die Ansage lautet: Unternehmerisch denken, Experimente zulassen - und vor allem so häufig wie möglich den Kunden nach seiner Meinung fragen, ihn in die Entwicklung einbeziehen.

      Daniel Poelchau verantwortet die "Agile Training Centers" der Allianz Deutschland AG sowie die unternehmenseigene Digital-Agentur Kaiser X Labs.

      Foto: Allianz Global Digital Factory / Allianz Deutschland AG

      Daniel Poelchau verantwortet die "Agile Training Centers" der Allianz Deutschland AG sowie die unternehmenseigene Digital-Agentur Kaiser X Labs. (Quelle: Allianz Global Digital Factory / Allianz Deutschland AG)

      Die deutsche und die internationale Factory arbeiten Hand in Hand: Ist in der GDF eine Anwendung für die Allianz Kollegen in Italien oder den USA entstanden, wird stets geprüft, wie sie (oder zumindest Teile davon) auch in anderen Ländern verwandt werden können. Gleichzeitig beteiligt sich die deutsche Factory an der Entwicklung von digitalen Lösungen, die auf eine internationale Nutzung abzielen. Ein aktuelles Beispiel ist die im März 2018 online gegangene Plattform „FirmenOnline“.

      Versicherungsgeschäft = Verantwortung

      Sollen so also in der Allianz, aus der Allianz heraus Start-Ups und Coding-Schmieden entstehen? „Jein“, antwortet Poelchau. Denn wie Benzin fände auch er es zu kurz gedacht, wenn der Tanker Allianz sich plötzlich als Schnellboot tarnen würde. „Wir haben ordentlich Tiefgang – was uns in der Vergangenheit selten zum Schnellsten im Rennen gemacht hat. Daran müssen wir dringend arbeiten. Aber gleichzeitig kann keiner kleinreden, dass unsere Finanzstärke, unsere lange Erfahrung gewichtige Vorteile sind. Und: In einem Geschäft wie der Altersvorsorge hat man einfach mehr Verantwortung gegenüber dem Kunden als wenn man zum Beispiel Turnschuhe verkauft.“

      Statt sich jedoch an den Gegensätzen zwischen Gründerszene und großem Konzern zu reiben, so stellt Poelchau klar, gilt es, den Schulterschluss zu suchen: „Ich begreife es als massgebliche Aufgabe unserer Factories, Brücken zu bauen, die uns helfen das Beste beider Welten zu vereinen: Um uns im Wettbewerb durchzusetzen, müssen wir unsere Stärke aus 128 Jahren im Geschäft nutzen und uns gleichzeitig gegenüber neuen Ansätzen öffnen“. Die Allianz Unternehmensstrategie benennt es deutlich: „Heritage and Renewal - Erbe und Erneuerung“.

      Haben Sie sich so den typischen Allianz Mitarbeiter vorgestellt? In den Agile Training Centers stehen Teamwork, neue Arbeitsmethoden - und nicht der Dresscode im Vordergrund.

      Foto: Allianz Global Digital Factory / Allianz Deutschland AG

      Haben Sie sich so den typischen Allianz Mitarbeiter vorgestellt? In den Agile Training Centers stehen Teamwork, neue Arbeitsmethoden - und nicht der Dresscode im Vordergrund. (Quelle: Allianz Global Digital Factory / Allianz Deutschland AG)

      Wettbewerb um Talente

      Benzin und Poelchau sprechen offen an, dass Bewerber für die von ihnen verantworteten Bereiche - Developer, UX-Experten, Data Engineers und Scientists, Designer, SEO- oder Analytics-Fachleute - von vielen Seiten umworben werden. Gerade in der bayerischen Hauptstadt ist der Wettbewerb immens. Tech-Profis sind bei Siemens oder BMW genauso gefragt wie bei der Allianz - oder eben den vielen kleinen Start-Ups. Er werde oft gefragt, warum die Global Digital Factory nicht in Berlin logiert - schließlich ist das doch der angesagteste Ort Deutschlands, berichtet Benzin. Seine Antwort: „Man muss dort sein, wo die Branchenkompetenz sitzt. Und für die Versicherungs-Branche sind das München, Stuttgart oder Köln.“

      „Wir wollen keinem vormachen, dass wir die ‚cool kids on the block‘ sind“, sagt Benzin. „Mit Gimmicks zu locken ist nicht unsere Art. Massagetermine oder vom Chef verordnete Parties finden Sie hier nicht“. Das, so seine und Poelchaus Erfahrung, ist auch von ihren Teams nicht nachgefragt. Dafür punktet die Allianz mit Beiträgen zur Work-Life-Balance oder langfristigen Benefits wie Weiterbildung und -entwicklung sowie Sozialleistungen. „Wir stellen bei jüngeren Kollegen fest, dass sie Karriere ganz anders definieren“, sagt Poelchau und Benzin fügt lachend hinzu: „Ich habe fast den Eindruck, die sind smarter als wir damals: Hierarchien werden hinterfragt, die Leute haushalten besser mit ihren Kräften“. Und - endlich lässt er auch diese Feststellung zu – letztlich ist natürlich auch das neuartige Arbeitsumfeld in der international arbeitenden Factory, in den ATCs oder bei Kaiser X in Schwabing ein Pluspunkt.

      Not your average Großraumbüro: Ist diese Besprechungsnische rund, damit die Ideen die Ideen die Richtung wechseln können?

      Foto: Allianz Global Digital Factory / Allianz Deutschland AG

      Not your average Großraumbüro: Ist diese Besprechungsnische rund, damit die Ideen die Ideen die Richtung wechseln können? (Quelle: Allianz Global Digital Factory / Allianz Deutschland AG)

      Lebenslanges Lernen

      Was bedeutet all das für altgediente Mitarbeiter? „Es ist zu kurz gedacht, Digitalisierung mit Automatisierung gleichzusetzen“, sagt Benzin. Allerdings: „Mit dem ständigen Wandel müssen sich vom Trainee bis zum Vorstand alle anfreunden. Digitale Aufgabenstellungen und agile Arbeitsweisen werden schon bald ganz selbstverständlich sein“. An vielen Stellen müsse einfach anders als bisher gewichtet werden: Eine Adressänderung etwa ist für den Kunden schneller und einfacher digital abzuwickeln als per Telefon. In komplexen, emotionalen Situationen wie der Altersvorsorge oder einem Schadenfall hingegen kann nichts die menschliche Interaktion ersetzen

      Abschlussfrage: Zu welchem Studiengang, welcher Ausbildung würden sie einem Schulabgänger raten, wie sollten sich Berufserfahrene weiterbilden? „Natürlich nimmt die Bedeutung technischer Fähigkeiten zu“, erklärt Poelchau, „es gibt immer mehr Studien- und Weiterbildungsangebote, etwa zu Design Thinking oder UX-Design.“ Genauso wichtig seien aber Soft Skills wie Offenheit, Weitblick, die Fähigkeit, in Netzwerkstrukturen zu arbeiten und Probleme pragmatisch anzugehen. „Das findet man oft auch in sozial- oder geisteswissenschaftlichen Fächern“, sagt Poelchau und schiebt nach: „Das wichtigste ist letztlich: Die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen“. Der Chef der deutschen Digital Factory schmunzelt: „Ein älterer Kollege, der kurz vor der Rente steht, sagte mir kürzlich: ‚Mist, jetzt gehe ich grad, wo es richtig spannend wird‘“

      Dieser Text erschien – in leicht veränderter Form – ursprünglich auf LinkedIn.