Wieso ist Scheibenwischen während der Fahrt gefährlicher, als man denkt? Und warum sollte man sich besser nicht mit Mantel hinters Steuer setzen? Wie man als Autofahrer sicher durch den Winter kommt, verraten Carsten Reinkemeyer, Leiter der Allianz Sicherheitsforschung, und Dr. Jörg Kubitzki, Unfallforscher am Allianz Zentrum für Technik
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Und warum sollte man sich besser nicht mit Mantel hinters Steuer setzen? Wie man als Autofahrer sicher durch den Winter kommt, verraten Carsten Reinkemeyer, Leiter der Allianz Sicherheitsforschung, und Dr. Jörg Kubitzki, Unfallforscher am Allianz Zentrum für Technik

1. Herr Kubitzki, passieren im Winter mehr Unfälle?

 Das ist ein Mythos. Rein ­statistisch gesehen ereignen sich im Sommer in etwa 50 Prozent mehr Unfälle mit Personenschäden als im Winter. Das liegt natürlich da­ran, dass in dieser Jahreszeit auch mehr gefahren wird. Bei den Unfällen im Winter sticht eine Ursache besonders hervor, nämlich die früher einsetzende Dunkelheit. Die Opfer sind die Schwächsten: Fußgänger, davon häufig Senioren, die in der Dämmerung unterwegs sind.

2. Herr Reinkemeyer, was können Autofahrer jetzt für mehr Sicherheit tun?

 Für klare Sicht im Fahrzeug sorgen! Wir empfehlen einen Beleuchtungstest durch Profis. Häufig sind die Scheinwerfer falsch eingestellt, das schränkt die Sicht ein und kann den Gegenverkehr stark blenden. Wichtig ist, die Scheibe nicht nur von außen, sondern auch von innen zu reinigen. Dort hat sich ein Belag gebildet, der den Durchblick trübt und Blendeffekte erzeugt. Und: Die Wischer dürfen nicht schmieren. Sind sie verschlissen, ist es jetzt Zeit, sie zu tauschen.

3. Ist das Wischen beschlagener Scheiben wirklich so gefährlich wie die Ablenkung durch ein Mobiltelefon?

Kubitzki: Sogar noch gefährlicher. Die Gefahr eines Unfalls verdoppelt sich, wenn man mit dem Handy am Ohr telefoniert. Beim Scheibenwischen von innen erhöht sich das Risiko auf das Acht- bis Zehnfache. Das ist ein Ergebnis unserer Ablenkungsstudie. Dabei wurde bei Autofahrern Verhalten untersucht, bei dem sich die Sitzposition des Körpers ändert, etwa wenn man sich vorbeugt, um nach etwas zu greifen oder sich zum Kind auf dem Rücksitz umdreht.

4. Wieso sind Pullover im Auto für Kinder gefährlich?

Reinkemeyer: Das gilt auch für Er­wachsene. Der Grund ist ein physikalischer: Der flauschige Pullover oder die dicke Skijacke verhindern ein korrektes Anschnallen. Der Beckengurt hält eigentlich den Körper zurück. Wenn der nicht richtig anliegt, kommt es bei einem Auffahrunfall zu einem Effekt, den wir »Submarining« nennen. Das Becken rutscht dabei unterm Gurt durch, und der weiche Bauchraum bekommt die volle Wucht des Zugs zu ­spüren. Das verursacht schwerste innere Verletzungen. Um das zu verhindern, gibt es einen einfachen Trick: immer den Pullover oder die Jacke über den Beckengurt ziehen.
Kubitzki: In der Ablenkungsstudie haben wir ein weiteres unfallträchtiges Verhalten untersucht: den Kleiderwechsel während der Fahrt. Menschen steigen bei Kälte mit voller Montur ins Fahrzeug ein. Wenn es dann wärmer wird, wird sich in teils kunstvollen Tänzen aus der Kleidung geschält. Bei unserer Befragung haben 20 Prozent der Autofahrer zugegeben, dies regelmäßig zu tun.

5. Worauf achtet ein Unfallforscher privat, bevor er sich ans Steuer setzt?

Reinkemeyer: Es sind oft Kleinigkeiten, die das Leben einfacher machen. Wer im Winter Auto fährt, sollte Handschuhe dabeihaben. Die Finger frieren schnell ein, wenn man Schnee vom Dach fegt. Dafür ist eine Bürste mit langem Stil unentbehrlich. Ich habe auch immer eine getönte Brille ­dabei, denn die Sonne steht tief und blendet horizontal.
Kubitzki: Mein Rat an die Auto­fah­rer: »Vorsicht auf der letzten Meile!« Bei Glatteis ist man auch gefährdet, wenn man zu Fuß zum Auto geht und auch, wenn man aussteigt.

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