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      Bernd Halbach ist Mittelstürmer der Kreisauswahl Siegen, auch "FC Bayern des Seniorenfußballs" genannt. In diesem Jahr gewannen sie alle (inoffiziellen) Titel. (Quelle: Dominik Pietsch)

      23. Dezember 2016

      Weit über siebzig

      Text: Detlef Dreßlein
      Foto: Dominik Pietsch
      Müde Knochen? Ist doch egal! Wir zeigen sieben Sportler, die in einer eigenen Klasse spielen. Jeder und jede für sich: eine Alterserscheinung


      Reinhard Dahms, 77: Der Fünfkämpfer

      "Ich war überrascht, als ich mit 51 die Leichtathletik wieder­ entdeckt habe, zur Deutschen Meisterschaft fuhr und sah, welch großartige Leistungen die 70­-Jährigen da schaffen. Aber um so lange erfolgreich zu sein, muss man im Training genau wissen, was man tut. Durch fal­schen Ehrgeiz kommt es schnell zu Gelenkschäden. 

      Am liebsten ist mir der Diskus, dort ärgere ich Sportler, die größer und schwerer sind. Ebenso wichtig wie die körperliche Fitness ist mir der Kontakt zu anderen Athle­ten. Über 25 Jahre sind da viele Freundschaften entstanden."

      Reinhard Dahms von der LG Alsternord Hamburg ist einer der erfolgreichsten Seniorensportler Deutschlands. 2016 wurde er Deutscher Meister im Fünfkampf in der Altersklasse M75.

      Foto: Dominik Pietsch

      Reinhard Dahms von der LG Alsternord Hamburg ist einer der erfolgreichsten Seniorensportler Deutschlands. 2016 wurde er Deutscher Meister im Fünfkampf in der Altersklasse M75. (Quelle: Dominik Pietsch)

      Ulrike Hiltscher, 64: Die Läuferin

      "Als Seniorensportlerin kann man noch so viele Weltmeister­titel vorweisen – wirklich interessieren tut es keinen. Das zeigt sich schon daran, dass wir nur einmal pro Woche für eine Stun­de einen Trainer haben. Die Hallen sind durch den Schulsport belegt, und ich kann froh sein, wenn uns mal eine Lehrerin unter der Hand ein Drittel der Halle abgibt.

      Dennoch bin ich begeis­tert dabei, mit meinem Mann fahre ich im Wohnmobil zu den Meisterschaften in ganz Europa. Wenn meine Gesundheit und das Wohnmobil halten, will ich das noch mindestens zehn wei­tere Jahre machen."

      Ulrike Hiltscher von der LG Neiße begann erst mit 47 mit der Leichtathletik. Seither hat sie neun Welt-, 17 Europa- und 76 Deutsche Meistertitel gesammelt.

      Foto: Dominik Pietsch

      Ulrike Hiltscher von der LG Neiße begann erst mit 47 mit der Leichtathletik. Seither hat sie neun Welt-, 17 Europa- und 76 Deutsche Meistertitel gesammelt. (Quelle: Dominik Pietsch)

      Willi Neubauer, 70: Der Bodybuilder

      "Bodybuilding hält topfit, trainiert den ganzen Körper, und man sieht einfach gut aus, so ohne dicken Bauch. Dabei habe ich mir immer auch mal ein Bier und gutes Essen gegönnt. Von verbo­tenen Sachen habe ich Gott sei Dank die Finger gelassen.

      Mit 70 ist es schon eine Herausfor­derung, den Stand zu halten. Wenn ich sechs Wochen nicht trainieren würde, könnte ich das nie mehr aufholen. Dafür hat es manch 30 Jahre jüngerer Ath­let schwer mitzuhalten. Ich pum­pe noch heute locker 100 Liege­stütze am Stück."

      Willi Neubauer betreibt Bodybuilding, seit er 20 ist. Richtig erfolgreich wurde er ab 60: mit vier deutschen Meister- und zwei Vize-EM-Titeln. 2015 wurde er Dritter bei der Ü65-WM in El Salvador. Im Dezember 2016 verabschiedete er sich von der Wettkampfbühne.

      Foto: Dominik Pietsch

      Willi Neubauer betreibt Bodybuilding, seit er 20 ist. Richtig erfolgreich wurde er ab 60: mit vier deutschen Meister- und zwei Vize-EM-Titeln. 2015 wurde er Dritter bei der Ü65-WM in El Salvador. Im Dezember 2016 verabschiedete er sich von der Wettkampfbühne. (Quelle: Dominik Pietsch)

      Bernd Halbach, 69: Der Fußballer

      "Okay, unmittelbar nach dem Spiel fühle ich mich manchmal sehr alt. Fußball ist eben eine körperbetonte Sportart, auch wenn es bei uns nicht mehr so ruppig zur Sache geht. Dass ich so lange spielen würde, hätte ich nie gedacht, obwohl ich noch mit über 50 in der Kreisliga spielte.

      Als Jüngerer habe ich mich nicht geschont, ich hatte Bänderrisse und Brüche. Wer denkt, dass wir Alten nur noch alles ,mit Auge' machen, aber nicht mehr laufen, täuscht sich gewaltig. Ich gehe regelmäßig joggen und fahre Rad, um kon­ditionell mitzuhalten. Wichtig ist mir, dass wir Titel holen. Bei einem reinen Spaßkick würde ich nicht mitmachen."

      Bernd Halbach spielt mit 69 noch Fußball

      Foto: Dominik Pietsch

      Bernd Halbach spielt mit 69 noch Fußball (Quelle: Dominik Pietsch)

      Anemie Rath, 70: Die Triathletin

      "Ich war schon als Kind sportlich: Mein neun Jahre älterer Bruder wettete immer mit seinen Kum­pels, dass ich schneller sei als sie – und gewann. Durch Beruf und Familie hatte ich später im­mer weniger Zeit für Sport.

      1986 fand in Bergisch­Gladbach ein Triathlon statt, und mein Mann Heiner meldete uns an. Es war der Beginn unserer Triathlon-­Be­geisterung. Wir treiben uns beide gegenseitig an und trainieren je­den Tag: Montag Krafttraining, Dienstag Laufen, Mittwoch Rad­ fahren. Sport im Alter gibt einem Selbstvertrauen. Viele ältere Menschen sind leider etwas faul."

      Anemie Rath von der TS79 Bergisch-Gladbach gewann gleich bei ihrem ersten Triathlon in ihrer Altersklasse. Zuletzt wurde sie 2013 in London Vizeweltmeisterin über die Sprintdistanz: 750 Meter Schwimmen, 20 km Radfahren, 5 km Laufen.

      Foto: Dominik Pietsch

      Anemie Rath von der TS79 Bergisch-Gladbach gewann gleich bei ihrem ersten Triathlon in ihrer Altersklasse. Zuletzt wurde sie 2013 in London Vizeweltmeisterin über die Sprintdistanz: 750 Meter Schwimmen, 20 km Radfahren, 5 km Laufen. (Quelle: Dominik Pietsch)

      Roswitha Wahl, 78, und Renate Recknagel, 75: Die Turnerinnen

      "Als wir 1998 nach längerer Pau­se wieder turnten, wurden wir gefragt, ob wir nicht mal etwas zusammen einüben wollten. Warum nicht? Nach unserer ers­ten Synchron­-Kür beim Deut­schen Turnfest 2005 ging es los. Wir traten in Varietés und im Zirkus auf und wurden zu einem Casting eingeladen.

      Machen wir, aber nur, wenn Dieter Bohlen nicht dabei ist. Es konnte ja kei­ner ahnen, dass es um die Show ,Das Supertalent' ging. 2007 sind wir bis ins Finale gekommen. Seither werden wir regelmäßig ins Fernsehen eingeladen, um zu zeigen, wie fit man im Alter noch sein kann."

      Roswitha Wahl (l.) und Renate Recknagel starten für 1860 Bremen und gewinnen regelmäßig bei den Deutschen Turnmeisterschaften der Senioren. Recknagel allein elf Titel seit 2000.

      Foto: Dominik Pietsch

      Roswitha Wahl (l.) und Renate Recknagel starten für 1860 Bremen und gewinnen regelmäßig bei den Deutschen Turnmeisterschaften der Senioren. Recknagel allein elf Titel seit 2000. (Quelle: Dominik Pietsch)

      Hochleistung im hohen Alter? Was die Sportmedizin darüber weiß

      Die Frage, ob Leistungssport im hohen Alter gesund ist, beantwortet Kiros Karamanidis mit einem klaren "kommt darauf an". Der Biomechaniker vom Institut für Bewegungs- und Sportgerontologie an der Deutschen Sporthochschule Köln forscht seit Jahren zum Thema "Sport im Alter".

      Einerseits sei es zu jeder Zeit möglich, an seine Grenzen zu gehen. Andererseits dürfe man es natürlich auch nicht übertreiben, denn ältere Knochen und Muskeln sind definitiv verletzungsanfälliger als junge. "Den richtigen Punkt dazwischen zu finden ist bei Seniorensportlern schon ein Problem."

      Einen seriösen Ratschlag, der für alle gelte, könne man nicht geben, "das ist sehr individuell", sagt Karamanidis. Nur eines rät er generell: Wer mit 50 oder älter noch mit dem Leistungssport beginnen will, der solle erst zum Sportmediziner. "Das Herz-Kreislauf-System sollte man auf jeden Fall gründlich checken lassen. Aber eines muss klar sein: Kein Arzt kann voraussagen, ob man Gefahr läüft, dass die Sehne reißt oder der Knorpel geschädigt wird."

      Nichts spricht dagegen, mit 50 intensiv Sport zu treiben

      Zwei Punkte sind besonders wichtig für ältere Sportler. Zum einen die Motivation: "Ich muss das wollen", so Karamanidis. Und zum anderen muss der Körper mitmachen. "Wenn ich Arthrose im Knie habe, dann nützt der ganze Wille nichts, dann werde ich keine 100 Meter sprinten können."

      Etwas Glück und gute Gene gehören also auch dazu. Dann spricht nichts dagegen, auch mit über 50 noch intensiv Sport zu treiben – oder auch erst damit anzufangen. Solange man auf seinen Körper achtet und das Training seinem Körperbau anpasst. "Wer zum Beispiel kräftige Waden, aber schwache Sehnen hat, sollte erst einmal die Sehnen aufbauen", rät der Sportwissenschaftler.

      "1890" können Sie auch als App lesen - selbstverständlich kostenfrei: Über die QR-Codes gelangen Sie direkt zu iTunes beziehungsweise Google Play. 

      Foto: allianzdeutschland.de

      "1890" können Sie auch als App lesen - selbstverständlich kostenfrei: Über die QR-Codes gelangen Sie direkt zu iTunes beziehungsweise Google Play.  (Quelle: allianzdeutschland.de)

      Was der Experte beobachtet hat: Viele, die im höheren Alter dem Leistungssport verfallen, haben zuvor nicht allzu intensiv Sport getrieben. Wer schon früher Spitzenathlet war, dem kann später die Motivation fehlen, wenn seine Leistungen von Jahr zu Jahr schlechter werden.

      Außerdem hat der Körper vielleicht unter der jahrelangen Belastung gelitten. Wer dagegen in jungen Jahren seinen Körper kaum beansprucht hat, kann plötzlich noch einmal durchstarten. Und dann erlebt ein Spätstarter kleine, aber doch merkliche Leistungssteigerungen. Das motiviert.

      Wichtig: Muskeln ungewohnt stimulieren

      Was nicht motiviert, sind die nachlassenden Leistungsgrenzen. Mit der Schnellkraft fängt es an, da hat der menschliche Körper bereits mit 20 Jahren seinen Höhepunkt erreicht. Die Muskelkraft lässt ab 40 nach. Die Schnellkraft  geht unwiderruflich verloren, die Muskelkraft jedoch – und das ist so erstaunlich wie erfreulich – lässt sich bis ins hohe Alter wenn auch nicht steigern, so doch weitgehend erhalten. Unter der Bedingung, dass man etwas dafür tut, sprich: Sport treibt.

      "Im Rahmen einer Studie haben wir 70-jährige Top-Sprinter und junge Sportstudenten analysiert und verglichen. Mit dem Ergebnis, dass beide etwa gleich starke Waden und gleiche Sehneneigenschaften besaßen", berichtet Karamanidis. Wichtig sei jedoch, dass man die Muskeln auch mal anders als gewohnt stimuliere. "Wer gern lange Strecken langsam geht, sollte auch mal kurze schnell bewältigen."

      Aber nicht nur der Körper wird durch Bewegung fit gehalten, sondern auch der Geist. "Seit den 90er-Jahren wird dazu viel geforscht, und es lässt sich sagen, dass durch die Sauerstoffzufuhr und die Hormonausschüttung beim Langstreckenlauf definitiv neue Netzwerke im Gehirn gebildet werden", sagt Karamanidis.

      Und abseits aller sportmedizinischen Faktoren gebe es noch einen guten Grund, im Alter Sport zu treiben: "Der soziale Kontakt zu anderen ist für ältere Menschen enorm wichtig."


      Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 1/2017 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" zum Schwerpunktthema "Altern". Alle bisherigen "1890"-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download.