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      Dr. Eckart von Hirschhausen empfiehlt Humor (Quelle: Frank Eidel)

      Interview 1. April 2015

      Was stärkt meine Gesundheit - Interview mit Dr. med. Eckart von Hirschhausen

      Foto: Frank Eidel
      Keine Sorge, wir wollen Ihnen jetzt nicht mit erhobenem Zeigefinger eine Anleitung für einen gesunden Lebenswandel geben. All die medizinischen Verhaltensregeln perfekt zu befolgen, schafft sowieso kaum irgendjemand. Dr. med. Eckart von Hirschhausen ist Experte dafür, die Sache mit der Gesundheit gelassener zu nehmen – und so auf Dauer die besseren Blutwerte zu erzielen.

      Der studierte Mediziner Dr. med. Eckart von Hirschhausen hat für das Thema Gesundheit eine neue Darreichungsform entwickelt: Humor. Mit seinen Büchern und Bühnenprogrammen begeistert er sein Publikum seit 15 Jahren. Sein Markenzeichen: Eine gesunde Portion Humor.

      Was raten Sie uns, was können wir für unsere Gesundheit tun?

      Im Prinzip ist es ganz einfach: nicht rauchen, viel bewegen und Gemüse essen. Das weiß ja eigentlich jeder. Und deswegen interessiert mich auch, warum wir immer wieder in die gleichen Fallen Tappen – wider besseres Wissen. Nehmen wir das Beispiel gesunde Ernährung: Jeder weiß, dass er mehr Gemüse essen sollte. Aber im Zweifel drückt man dann doch beide Augen zu und sagt sich, Pommes seien ja auch so eine Art Gemüse.

      Warum rauchen eigentlich so viele Ärzte?

      Das ist ein schönes Beispiel für „kognitive Dissonanz“. Wir denken gerne schlau, handeln blöd und finden im Nachhinein Rechtfertigungen. Ärzte sagen zum Rauchen hinter vorgehaltener Hand: "Was soll denn daran wirklich schädlich sein, ist doch rein pflanzlich." Früher galt im Krankenhaus die einfache Regel: Wer im Schwesternzimmer raucht, muss nicht springen, wenn ein Patient klingelt. Kein Wunder, dass auch alle Krankenschwestern geraucht haben. In Unternehmen heißt es oft, dass Raucher die lebensfroheren Leute sind. Das ist eine paradoxe Wirkung, denn in Zeiten des Nichtraucher-Schutz gehen Raucher regelmäßig vor die Tür, machen Pausen, haben Licht, sozialen Kontakt und Bewegung. Das ist alles super. Nur das Rauchen bleibt schädlich…

      Gelingt es Ihnen, sich ausgewogen und gesund zu ernähren?

      Ich muss gestehen, dass ich in den vergangenen Jahren selber an Gewicht zugelegt habe. Deshalb will und kann ich nicht der Diätapostel der Deutschen sein. Der wichtigste Tipp ist jedoch, sich viel zu bewegen. Wenn man sich da ausreichend betätigt, kann man im Prinzip essen, was man will. Und: Ein rundlicher Mensch, der Ausdauersport betreibt, ist gesünder als ein Hagerer, der sich nicht bewegt. Ich selber stelle mir vor, bevor ich mir etwas in den Mund stecke: Möchte ich daraus bestehen? Das hilft, manchen Gelüsten den Garaus zu machen. Wenn man einmal begriffen hat, dass unser Körper letztlich aus dem besteht, was wir ihm an Bausubstanz zuführen, dann fällt es leichter, etwa auf künstliche Fette oder Konservierungsstoffe zu verzichten. Ich brauche keine Konservierungsstoffe um länger zu halten. Und noch was: Man sollte immer mit Freude und nie mit einem schlechten Gewissen essen.

      Dr. Hirschhausen heilt mit Humor

      Foto: Det Kempke

      Dr. Hirschhausen heilt mit Humor (Quelle: Det Kempke)

      Warum gelingt es so wenigen Menschen, ihre guten Vorsätze in Sachen Gesundheit in die Tat umzusetzen?

      Wir können uns über Lust oder über Schmerz verändern. Die Motivationsstrategie der Mediziner war lange über die Angst: Wenn Sie jetzt nicht das oder das machen, dann passiert Irgendwann etwas schreckliches. Aber damit erreicht man nur, dass wir uns verhalten wie ein kleines Kind: trotzig. Eine Verhaltensänderung, oder auch so etwas Einfaches wie eine regelmäßige Tabletteneinnahme, sind schwierig. Es muss eine gemeinsame Entscheidung sein, keine einsame des Arztes. Die größte Idiotie der Gesundheitskosten ist doch, dass etwa die Hälfte der teuren Arzneimittel zwar von allen bezahlt, aber von niemandem genommen werden. Wenn man sie nicht braucht, soll man sie nicht verordnen. Und wenn man sie braucht, muss mit den Patienten so kommuniziert werden, dass die verstehen, dass sie die Blutdrucktablette nicht nehmen, um dem Arzt einen Gefallen zu tun, sondern weil erhöhter Blutdruck verdammt noch mal der Killer Nummer Eins ist.

      In den Kiosken stapeln sich die Magazine mit Tipps für einen gesunden Lebenswandel. Aber worauf kommt es wirklich an?

      Der Wunsch, dass es eine Pille gegen das Altern gibt, ist unerfüllbar. Erstens sind wir nicht so einfach gestrickt, dass es jemals einen "Schalter" für etwas so Komplexes geben würde. Und zweitens ist es naiv zu glauben, dass ich nicht altere, wenn ich etwas schlucke oder schmiere – aber sonst nichts für mich tue. Das beste Rezept, das Leben zu verlängern, ist immer noch alles wegzulassen, was es verkürzt. So einfach. Und da hat sich in den letzten 2.000 Jahren auch nichts Wesentliches verändert. Auch positive Gefühle sind wichtig. Wer sich geliebt fühlt, hat weniger Herzinfarkte. Hingegen kann man an gebrochenem Herzen sterben. Deshalb wäre mein Tipp: Lesen Sie nur wirklich gute Gesundheitsmagazine, bei denen Journalisten und nicht Anzeigenkunden hinter den Artikeln stehen. Oder lesen Sie gute Bücher statt vieler kleiner Artikel, denn da hat man langfristig am Meisten von.

      Sollte das Recht auf Glück – wie im südasiatischen Königreich Bhutan – auch in Deutschland in der Verfassung verankert sein?

      Bevor wir Glück in die Verfassung verlegen, könnten wir einen viel wichtigeren Schritt gehen und Glück dort verankern, wo es unbedingt hingehört: In den Schulen. Glück als Schulfach klingt erst einmal erstaunlich, aber warum eigentlich? Wir gehen selbstverständlich davon aus, dass man Sprachen erlernen kann oder Biologie. Wenn man unter Glück zum Beispiel Genießenkönnen, Achtsamkeit, Stärkenorientierung, Beziehungspflege, Widerstandsfähigkeit in Krisen und Sinnsuche versteht, dann ist die Antwort ein klares "Da". Denn das können Sie lernen – und es lohnt sich. Wenn man sich vor Augen hält, was Übergewicht, Rückenschmerzen und Depression volkswirtschaftlich und seelisch an Kosten verursachen, ist es höchste Zeit, mehr Gesundheit und Psychologie an dem Ort zu lehren, wo wir am schnellsten lernen. Wenn ich überlege, was ich von meinem Schulwissen später jemals wieder gebraucht habe, wirkt die Forderung, Glück als Schulfach einzuführen, nicht utopisch, sondern sehr vernünftig.

      Was halten Sie von Trends wie "Low Carb", die angeblich der Gesundheit dienen?

      Diät halten ist ganz einfach – tagsüber. Blöd ist nur nachts: Man hat sich den ganzen Tag gequält und eine Scheibe Gurke auf drei Mahlzeiten verteilt. Aber dann stehst du nachts hungrig auf und gehst zum Kühlschrank. Und damit noch nicht mal dein Körper sieht, was du alles in dich reinstopfst, lässt du extra das Licht aus. Das ist doch absurd. "Low Carb" beziehungsweise abends wenig Kohlehydrate zu essen kann allerdings tatsächlich dabei helfen, abzunehmen. Nur bekommen viele davon langfristig schlechte Laune, weil Nudeln und Brot eben auch glücklich machen. Viel wichtiger als die Frage, was wir essen, ist die Frage, wie wir essen. Stress macht dick. Und ein Abendessen mit Freunden, an dem ich das Essen genieße, ist gesünder als alleine vor mich hin zu darben und meinen Körper innerlich zu hassen, weil er gerade etwas anderes will als die Gesundheitsideologie gerade verlangt

      Sollten wir uns besser an Omas altbewährte Ratschläge halten? Stimmt es wirklich, dass wir uns "den Tod holen", wenn wir uns nicht warm genug anziehen?

      Auch wenn sich alle Großmütter der Welt einig sind: „Kind, zieh dir was an die Füße, du holst dir den Tod!“ muss ich als Mediziner widersprechen. Wie, bitte, sollen diese kleinen Virenbiester durch die kalten Füße bis in die Nase kommen? Kalte Füße sind nicht Ursache, sondern Folge der Ansteckung. Denn sobald die Viren den Körper befallen, kämpft der Kreislauf gegen sie an. Die Füße werden schlechter durchblutet, sie werden kalt – gerade weil wir schon auf dem Weg sind, krank zu werden. Den historischen Beweis lieferten zwei Gruppen von Studenten. Die einen musste nasse Socken tragen, die andere nicht. Alle bekamen die gleiche Menge Erkältungsvirus ins Gesicht gesprüht, und wer steckte sich eher an? Beide Gruppen gleich. Die experimentell gekühlten Füße machten also keinen Unterschied. Auch Millionen Großmütter können eben mal irren.

      Warum haben die Ärzte in Deutschland so wenig Zeit für Patienten?

      Das Anreizsystem für Beratungsgespräche ist pervers. Der Arzt bekommt 35 Euro pauschal für einen Patienten im Quartal. Egal, ob er den nur einmal ansieht oder jede Woche. Geld verdient er nur, wenn er alles immer wieder rauf und runter untersucht. Deshalb versuchen viele Kassenärzte, 45 Patienten am Tag durchzuschleusen. Und weil die wiederum merken, dass ihnen keiner zuhört, gehen sie gleich wieder. Ein Teufelskreis. Gespräche müssten viel besser bezahlt werden als Röntgen.

      Unsere Gesellschaft wird immer älter – müssen wir uns darauf einstellen, dass immer mehr über Krankheiten und Wehwehchen gesprochen wird?

      Worüber wir mehr sprechen können: wie man glücklich älter wird. Das hat viel mit persönlicher Entwicklung, Erfahrung und Sinn zu tun. Beispielsweise leben Menschen, die sich ehrenamtlich für andere engagieren, nachweislich bis zu sieben Jahre länger als andere. Es gibt kein Medikament auf der Welt, was so wirksam ist! Also lange, bevor wir Betablocker und Cholesterinsenker für alle aufschreiben, sollte man jedem raten, eine Aufgabe zu finden, wo man gebraucht wird. Das gilt bis ins hohe Alter.

      Warum hatten in den 60er Jahren eigentlich noch so wenige Menschen Allergien und heute so viele?

      Es gibt die "Dschungel-Hypothese", dass Menschen, die früh sehr viel Kontakt mit "Dreck" haben, ihr Immunsystem stärken. Allergien entstehen womöglich dann, wenn sich unser Immunsystem nicht ausgelastet fühlt und sich gegen den Körper wendet. So wird heute empfohlen, Kleinkinder auf den Bauernhof zu schicken – nicht nur um Schweine, sondern auch bestimmte Bakterien kennenzulernen! Wahrscheinlich hilft auch eine Infektion mit Würmern, die gab es auch in den 60ern "frei Haus". Die Zunahme hat jedenfalls nichts mit Impfungen zu tun, das ist ein Mythos.

      Warum ist in Deutschland der sogenannte "Burnout" eigentlich so ein großes Thema? In Frankreich oder Großbritannien ist der Begriff ja nicht einmal bekannt…

      Es ist gut, über Burnout zu sprechen, weil dadurch auch die Depression angesprochen und enttabuisiert wird. Franzosen sind nicht automatisch entspannter als wir. Im Gegenteil, die schmeißen noch viel mehr Beruhigungsmittel ein als wir. Die Verbrauchszahlen für Benzodiazepine, also Schlafmittel vom Valium-Typ, sind erschreckend hoch, und auch bei uns eine verschwiegene Sucht. Benzos machen abhängig, Anti-Depressiva nicht. Also: im Zweifel zum Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, davon gibt es leider viel zu wenige.

      Mit Humor heilen nach Hirschhausen

      Foto: Michael Zargarinejad

      Mit Humor heilen (Quelle: Michael Zargarinejad)

      Sie nähern sich der Medizin mittlerweile als Komiker. Aber mal ehrlich: Hört bei schweren Krankheiten der Humor nicht auf?

      George Bernhard Shaw hat es am besten formuliert: Das Leben hört nicht auf, komisch zu sein, wenn wir sterben. So wenig wie es aufhört, ernst zu sein, wenn wir lachen.

      Was raten Sie den Menschen, die ständig ein schlechtes Gewissen mit sich herumschleppen, weil sie nicht genug für ihre Gesundheit tun – eine Humorkur?

      Humor ist eine Gabe des Herzens, die eine heitere Gelassenheit mit sich und anderen meint. Das kann man lernen und üben. Es beginnt damit, sich selbst zu lieben und anzunehmen, mit allen Macken. Das ist schon schwer genug. Wenn ich über mich lachen kann, kann ich etwas verändern. Und wenn ich lerne, mit Freude zu scheitern., entdecke ich, das es Teil des Lebens ist. Das Schlimmste, was man sich vorwerfen könnte, ist doch: Ich bin noch nicht mal gescheitert! Über die Wirkung von Humor in der Psychotherapie und in der praktischen Anwendung, zum Beispiel mit Clowns, Musik und Workshops im Krankenhaus, wird noch wenig geforscht. Momentan finanziere ich dort Studien mit meiner Stiftung HUMOR HILFT HEILEN. Ich hoffe, dass sich die Krankenkassen und die Träger bald daran beteiligen. Humor auf Kasse – das möchte ich noch erleben!