Mobilität der Zukunft

Die Mobilität der Menschen und die zugehörigen Technologien ändern sich stetig. Bei den Antriebsarten deutet sich ein radikaler Wandel an. Was bedeuten diese Entwicklungen für die Versicherungsindustrie?

Von Dr. Klaus-Peter Röhler, Vorstandsvorsitzender der Allianz Deutschland AG

Blicken wir doch für einen kurzen Moment 20 Jahre zurück. Das Auto des Jahres 1999 hieß Ford Focus. Zur Grundausstattung gehörte seinerzeit ein ABS, vier Airbags und elektrische Fensterheber. Vorne! Klimaanlage und ein ESP, damals gerade vier Jahre alt, standen beim Focus 1999 noch auf der Zubehörliste.

Dr. Klaus-Peter Röhler, Vorstandsvorsitzender der Allianz Deutschland AG
Dr. Klaus-Peter Röhler, Vorstandsvorsitzender der Allianz Deutschland AG

Hätten wir damals von Fahrassistenzsystemen geträumt, die unsere Fahrzeuge selbstständig einparken, abbremsen oder gar steuern – heute bei vielen Fahrzeugmodellen fast schon ein Standard – hätten viele dezent den Kopf geschüttelt. Wären wir damals gar von elektrisch betriebenen Flugtaxis ausgegangen, wie zuletzt in Stuttgart getestet, oder von E-Autos mit Reichweiten von mehreren hundert Kilometern, hätte das nur in einem Film von George Lucas funktionieren können.

Das Mobilitätsverständnis hat sich nicht nur in den zurückliegenden 20 Jahren gravierend verändert, es wird weiterhin in immer größeren Schritten neue Innovationen und Konzepte hervorbringen, die nicht nur Technologiekonzerne und Verbraucher in Bewegung halten, sondern auch die Versicherungsbranche. An sechs Entwicklungen zeigt sich das besonders deutlich.

Erstens: Autonom fahrende Busse, für manche Strecken auch automatisierte Autos, könnten in naher Zukunft schon Teil unserer Mobilität sein, auch wenn sich manche an solche Bilder, die an Science-Fiction-Filme erinnern, noch gewöhnen müssen. Versicherungstechnisch sehen wir mit Blick auf die Antriebsart selbst – ob nun Benzin, Diesel, Elektro- oder Wasserstoffantrieb – keine Probleme. Wir als Versicherer sind in dieser Frage technologieoffen. Unser Selbstverständnis ist es, diese Einwicklungen zu begleiten und zu ermöglichen.

Zweitens: Es wird sich in Zukunft auch für die Allianz erweisen, ob beispielsweise Elektrofahrzeuge einen anderen Schadenverlauf nehmen als Fahrzeuge mit herkömmlichen Antriebskonzepten. Die Frage wird sein, ob sich die Schadenhöhe bei kleineren Auffahrunfällen signifikant ändert, weil die Batterien bei E-Fahrzeugen beschädigt werden, wo Autos mit herkömmlichen Antrieben vielleicht nur „Blechschäden“ aufweisen.

Die bisher beobachtete, vergleichsweise niedrige Schadenhäufigkeit bei Elektrofahrzeugen dürfte primär der geringeren Fahrleistung geschuldet sein. Es wird sich also in Zukunft herausstellen, ob bei einer Zunahme von Fahrzeugen mit Elektroantrieb auch die Zahl von Fußgängerunfällen steigt, weil E-Autos geradezu lautlos über die Straßen gleiten und von Passanten oder Radfahrern schlichtweg überhört werden können.

Ändern dürfte sich beim Einsatz von Elektrofahrzeugen voraussichtlich der Eigentumsanteil – auch bei den eingesetzten Batterien. Es wird mehr geleaste Autos, aber auch geleaste Batterien geben, wie bei manchen Herstellern (Renault, Nissan) bereits im Angebot zu sehen ist. Dies jedoch wird auch die Komplexität der Schadenregulierung erhöhen, da man es als Versicherer von Fall zu Fall mit zwei Geschädigten zu tun bekommt.

Drittens: Die immer intelligenter werdenden elektronischen Assistenzsysteme dürften in nicht allzu ferner Zukunft die Aufklärung von Unfallhergängen und somit auch die etwaigen Schadenregulierungen beeinflussen. Schon heute mindern effiziente Parkassistenten die Kosten für eine Versicherung, weil sie deutlich weniger Parkschäden verursachen als das von Menschenhand gesteuerte Auto.

In anderen Fällen wird sich zeigen müssen, ob Mensch oder Maschine einen Unfall verursacht haben, welche Daten gesammelt werden dürfen und wer schließlich auf diese Daten Zugriff haben wird. Die Allianz empfiehlt einen unabhängigen Treuhänder, dem künftig die zur Unfallaufklärung erforderlichen Daten bei hoch- und vollautomatisierten Fahrzeugen übertragen werden. Hierbei soll kein Interessenträger einen exklusiven Zugang zu diesen Daten haben – weder einer der Unfallbeteiligten noch der Fahrzeughersteller oder der Versicherer.

Viertens: Generell kann man sich auch vorstellen, dass Fahrzeuge künftig mit Schadenassistenten ausgestattet werden, die selbstständig Hilfe anfordern, Schäden bei der Versicherung melden und in der Werkstatt bereits die notwendigen Ersatzteile bestellen – immer vorausgesetzt, der Kunde gibt für diese zusätzlichen Datenspeicherungen seine Zustimmung.

Fünftens: Man darf davon ausgehen, dass die sogenannte „Intermodale Mobilität“ in den kommenden 20 Jahren eine dominierende Rolle spielen wird. Darunter versteht man die Kombination unterschiedlicher Verkehrsmittel, die über digitale Plattformen gesteuert werden. So wird man künftig den Weg von A nach B mit unterschiedlichen Fahrzeugen wie Bahn, Auto, E-Bike oder Scooter bestreiten – alle miteinander vernetzt und unter dem Dach einer passenden Versicherung miteinander vereint.

Spannende Zeiten liegen also vor uns. Wir werden künftig mehr die sicherheitsrelevanten Fähigkeiten des Autos in den Tarifen berücksichtigen als die Fahrkünste der Fahrzeuglenker. Die Frage wird also sein, welches Assistenzsystem verbaut ist, welche Qualität das System hat und wie es eingesetzt wird?

Sechstens: Wir als Versicherer werden bei der qualitativen Bewertung der Assistenzsysteme eine wichtige Rolle spielen, da wir aus der Schadenanalyse schon heute ableiten können, welche Sicherheitspotenziale diese Systeme haben. Im Prinzip ist das bereits heute im Typklassensystem abgebildet; die Bedeutung solcher fahrzeugbezogenen Statistiken wird sich aber erhöhen, wenn die Relevanz der Fahrerqualitäten als Unfallursache an Wichtigkeit verliert. Noch aber steht überwiegend der Mensch im Fokus unserer Betrachtungen, wie seinerzeit beim Auto des Jahres 1999, dem Ford Focus.

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  • mobilitaet-der-zukunft: iStock/metamorworks