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      Richard David Precht im Gespräch mit Bernd Heinemann über Mut (Quelle: Markus Burke)

      Kundenbericht 2016 7. März 2017

      Warum wir Mut brauchen

      Text: Alexandra Nennstiel und Christian Merten
      Foto: Markus Burke
      Richard David Precht, Philosoph und Publizist, im Gespräch mit Bernd Heinemann, Vorstand Marktmanagement der Allianz Deutschland, über Mut und Veränderung.


      Was ist Mut für Sie?

      Richard David Precht: Mut ist eine positive Eigenschaft, aber nicht nur. Mut und Klugheit können einander widerstreiten. Es gibt Situationen, in denen es im Nachhinein gut ist, mutig gewesen zu sein. Und es gibt andere Situationen, da ist es besser, nicht so viel Mut zu zeigen und nicht zu viel zu riskieren.

      Bernd Heinemann: Mut und Belohnung hängen für mich eng zusammen. Man kann etwas Außergewöhnliches erreichen, wenn man mutig ist. Mut ist deshalb immer ein bisschen mehr als das, was ich noch ­berechnen kann. Ein Stück weit Bauchgefühl jenseits der Grenze von Sicherheit. Da fängt für mich persönlich Mut an.


      Können Sie ein Beispiel geben, bei dem Sie besonders mutig waren?

      Heinemann: Extrem mutig habe ich mich eigentlich nie gefühlt. Aber bei den mittelmutigen Dingen war ich immer in der ersten Reihe. In der Kindheit bei den Klassikern: Das erste Mal Rad fahren, das erste Mal alleine in den Keller gehen, das erste Mal vom Zehn-Meter-Turm springen. In beruflichen Dingen war es zum Beispiel, vor vielen Leuten zu sprechen. Wenn man etwas dann ein paar Mal gemacht hat, braucht man dafür keinen Mut mehr, denn man hat Erfahrung. So weitet man seinen „Mut-Horizont“ aus.

      Precht: Die mutigste Entscheidung in meinem Leben war eine, von der mir nicht bewusst war, dass sie mutig war. Das war vielmehr ein Mangel an Lebenserfahrung: Drei Geisteswissenschaften zu studieren, war im Nachhinein nicht nur mutig, sondern tollkühn. Das würde ich niemandem raten.

      Physiker trifft auf Philosophen: Bernd Heinemann und Richard David Precht trafen sich im Deutschen Museum in München zum Gespräch.

      Foto: Markus Burke

       (Quelle: Foto: Markus Burke)


      Wie steht es um den Mut in unserer Gesellschaft?

      Precht: Wir haben eine starke Fehlkonditionierung in der Gesellschaft im Hinblick auf Mut und Kreativität. Unser Bildungssystem fördert es nicht sonderlich, mutig zu sein. Was wir vor allem anderen lernen, ist, Erwartungen zu entsprechen. Und durch die Erziehung mit der Heli­­kop­terei, das permanente Behüten der Kinder durch die Eltern, entsteht eine Gesellschaft nur in der sicheren Mitte, Durchschnitt eben.

      Heinemann: Gerade in den ersten Lebensjahren ist man sehr mutig und geht oftmals hohe Risiken ein – vielleicht auch aufgrund fehlender Erfahrung mit dem, was alles schiefgehen kann. Im Laufe der Jahre wird dieser Risikoappetit dann aber immer kleiner. Man könnte auch sagen: Man verlernt den Mut.


      Warum akzeptieren wir diese Mutlosigkeit?

      Precht: Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Menschen beispielsweise finanziell mehr zu verlieren haben als jemals in der Geschichte der Menschheit.

      Heinemann: Damit wird man risikoscheuer, und das Leben findet im sicheren Durchschnitt statt. Umgekehrt gibt es dann auch weniger Ausnahmeleistungen, die Gesellschaften aber oft weiterbringen.


      Ist die Angst vor Veränderung etwas spezifisch Deutsches?

      Precht: Sie ist in Deutschland be­sonders ausgeprägt, weil wir viel zu verlieren haben. Die Deutschen wissen sehr genau, wogegen sie sind, insbesondere gegen viele Veränderungen. Darin liegt auch das große Problem der digitalen Revolution: Sie stellt Gewohntes auf den Kopf. Den Leuten ist nicht klar, worin ihr persönlicher Zugewinn bestehen könnte. Ihnen ist aber klar, was sie verlieren könnten.

      Heinemann: Wenn man zu sehr auf die Risikoseite schaut, traut man sich nicht mehr, mutig zu sein. Aus dieser Entwicklung muss man ­bewusst ausbrechen – um seine Träume zu leben.

      •  (Quelle: Markus Burke)



        Foto: Markus Burke

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        Foto: Markus Burke

      •  (Quelle: Markus Burke)



        Foto: Markus Burke

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        Foto: Markus Burke


        Und wie brechen wir aus dieser Entwicklung aus?

        Heinemann: Ich fände es durchaus gut, wenn junge Menschen drei Geisteswissenschaften studierten, denn daraus kann etwas Großartiges entstehen. Begabungen und Fähigkeiten brauchen Freiraum, damit sie sich entfalten können. Wir sollten talentierte Menschen, den Fußballer wie den Künstler, ermutigen, sich diesen Freiraum zu nehmen.

        Selbst wenn nicht alles zum großen Erfolg wird, gibt es doch Menschen, die Außergewöhnliches probieren und damit sich und uns bereichern. Für die, die viel gewagt haben und dabei Rückschläge erfahren, müssen wir natürlich Sicherheitsnetze bieten – in der Gesellschaft wie im Unternehmen.

        Precht: Wie viel Mut halten denn normale Unternehmen aus? Man ist ja nur so mutig, wie der Chef es zulässt. Mut ist kein theoretisches Konzept. Mut muss ich vorleben. Mut muss sich wie ein Lauffeuer verbreiten. Eine mutige Persönlichkeit inspiriert auch andere Leute zu Mut. Ein Langweiler stiftet niemanden dazu an, Neues auszuprobieren, selbst wenn er sagt: Sei doch mal mutig, sei kreativ.

        Heinemann: Ich befürchte, viele Unternehmen sind da nicht so gut. Vielleicht ist die Strafe fürs Scheitern oft zu groß. Das zwingt die Mitarbeiter, stärker zu planen, zu berechnen, sich in der erwartbaren ­Mitte zu bewegen, statt Extreme auszuprobieren – obwohl diese uns manchmal am weitesten bringen.

        Man müsste an beidem arbeiten, an mehr Mut für die Chance auf Erfolg und an besserer Absicherung, wenn man mal danebenliegt. Für Unternehmen heißt das, dass sie ein nicht funktionierendes Projekt nicht als Scheitern betrachten, sondern als unvermeidbaren Teil des Strebens nach Erfolg.

        Precht: Ich frage mich auch: Welche Helden hat eine Gesellschaft? Wenn man Leithelden unserer Gesellschaft wie Steve Jobs oder Bill ­Gates anschaut, dann sehen wir heute von außen Geschichten eines immer größer werdenden Erfolges. Sie hatten die Fähigkeit zu erkennen, was marktfähig ist. Daran haben sie festgehalten, auch bei mehr oder weniger kurzfristigen Rückschlägen.

        Ihr Erfolg war nicht die Belohnung für unkalkulierbaren Mut. Das sind keine klassischen Heldengeschichten wie die Aventiure im Mittelalter, in der plötzlich der Drache auftaucht und das Burgfräulein gerettet wird.

        Heinemann: Aber steckt nicht auch im Kern dieser großen Erfolge immer ein großer Mut, das Unkonventionelle zu wagen – egal, in welchem Jahrhundert wir uns bewegen? Ganz am Anfang steht doch häufig eine klassische „Drachentöter-Geschichte“: Ausziehen ins Ungewisse – das ist für mich das, was mich beim Thema Mut umtreibt.

        • Laut gedacht! Heinemann und Precht diskutieren über Mut. (Quelle: Foto: Markus Burke)

          Laut gedacht! Heinemann und Precht diskutieren über Mut.

          Foto: Markus Burke

        •  (Quelle: Markus Burke)



          Foto: Markus Burke


          Machen Sie sich denn Gedanken darüber, wie wir wieder mehr Drachentöter bekommen?

          Heinemann: Versicherungen schaffen genau dafür die Basis: Sie bieten denjenigen, die etwas wagen wollen, um ihr Ziel zu erreichen, in vielen Bereichen die Absicherung, die sie brauchen. Sie nehmen für den ­„Drachentöter“ die individuellen Risiken raus. Finanziell zumindest.

          Mehr und mehr bieten wir auch Hilfe, die über die Deckung finanzieller Schäden hinausgeht, wenn etwas schiefgelaufen ist. Somit machen wir Mut möglich – damit Menschen die sichere Mitte verlassen können und etwas riskieren.

          Precht: Lässt bei den jungen Leuten nicht das Interesse nach, sich versichern zu lassen, weil sie sich eben genau in dieser sicheren Mitte befinden?

          Heinemann: Ich würde sagen, das ­Interesse verschiebt sich. Bei den kleinen Dingen ist heute vieles von dem, was ich früher versichern wollte, leicht und günstig neu zu haben. Was soll ich da noch absichern, fragen sich manche. Ehrlicherweise muss man ja sagen, dass zum Beispiel die Hausratversicherung für meine Eltern im Falle kleiner Missgeschicke noch wichtiger war.

          Precht: Klar, früher kaufte man nur einmal im Leben seine Möbel. Heute lässt sich vieles leicht ersetzen.

          Heinemann: Genau. Im Kleinen sehen wir heute weniger Risiken. Große und existenzielle Risiken gibt es natürlich immer. Manchen ist neben persönlichen Besitztümern auch etwas ganz anderes wichtig: „Lebensgefühle“ wie Selbstbestimmtheit und Freiheit, welche ich abgesichert wissen möchte. Diese Haltung wird sich in den kommenden Generationen wohl noch verstärken.

          • Ein Aufenthalt im faradayschen Käfig: mutig oder wohl kalkuliert? (Quelle: Markus Burke)

            Ein Aufenthalt im faradayschen Käfig: mutig oder wohl kalkuliert?

            Foto: Markus Burke

          • Ein Aufenthalt im faradayschen Käfig: mutig oder wohl kalkuliert? (Quelle: Markus Burke)

            Ein Aufenthalt im faradayschen Käfig: mutig oder wohl kalkuliert?

            Foto: Markus Burke

          • Ein Aufenthalt im faradayschen Käfig: mutig oder wohl kalkuliert? (Quelle: Markus Burke)

            Ein Aufenthalt im faradayschen Käfig: mutig oder wohl kalkuliert?

            Foto: Markus Burke


            Aber vorhin haben Sie gesagt, dass wir viel zu verlieren haben. Bräuchten wir da nicht umso dringender eine Versicherung?

            Heinemann: Die Frage ist, wie Sie vermeiden, etwas zu verlieren. Sie können das durch ein anderes Verhalten …

            Precht: … oder durch die Versicherung.

            Heinemann: In einer Welt, die durch risikoarmes Verhalten weitgehend stabil ist, benötige ich kaum Absicherung. Aber für mehr Mut braucht es eindeutig die Versicherung. So würde ich das sehen. Und gerade wenn sich die Welt wandelt, wenn man nicht einfach weitermachen kann, dann braucht man Mut, um Veränderung aktiv anzugehen.

            Wenn wir uns Mut ab­erzie­hen, ist das dramatisch. Das gilt für die Gesellschaft und auch für Unternehmen wie unseres. Die Digitalisierung zum Beispiel bringt enorme Veränderungen, Kundenansprache über das Internet, Automatisierung interner Prozesse oder ganz neue Produkte, zum Cybercrime zum Beispiel. Wir brauchen den Mut zur Veränderung.

            Precht: Exakt. Autos bringen ihre Versicherungen möglicherweise gleich mit, weil sie ja künftig sowieso alleine herumfahren und keinem mehr gehören.

            Heinemann: Wenn ich mit solch neuen Trends umgehen will, brauche ich Leute, die kreativ sind und über moderne Lösungen nachdenken. Hier ist Mut auch für uns richtig und wichtig. Die Versicherungsindustrie ­befindet sich gerade im Umbruch – vom rein finanziellen Absicherer ­hin zum Ermöglicher mutiger Entscheidungen.

            Damit unsere Kunden genau so leben können, wie sie es wollen. Dabei muss der Versicherer die ­Aufgabe übernehmen, die Kehrseite, den Misserfolg, abzufedern, und zu Neuem zu ermutigen. Darin sehe ich ein Wachstumsfeld.

            Precht: Darüber habe ich noch nie nachgedacht, aber es ist eine Parallele zu anderen Entwicklungen. Ein schönes Beispiel: Die Apple-Watch bietet viele Funktionen, für die wir früher zum Arzt gehen mussten. Die Daten können automatisch ausgewertet werden und sagen etwas über meinen Gesundheitszustand aus.

            Für einfache Untersuchungen brauche ich keinen Hausarzt. Die meisten Menschen gehen aber auch nicht zum Arzt, weil sie krank sind, sondern weil sie jemanden haben wollen, der sich für zehn Minuten um ihr Leben kümmert. Das ist der Wachstumsberuf: Life-Coach, der Hausarzt, der wieder nach Hause kommt, der als medizinischer Lebensberater fungiert.

            Heinemann: Solche Trends gilt es zu verfolgen. Daran arbeiten wir. Man muss sich darüber im Klaren sein: Wofür stehen wir eigentlich? Wir wollen dafür stehen, dass wir es den Menschen ermöglichen, ihr Leben zu leben. Ohne Wenn und Aber.

            Precht: Das wäre interessant: Eine Branche, die man mit Vermeidung von Risiken in Verbindung bringt, wird jetzt zum Risikoermöglicher. Dieser Imagewechsel ist ein gewaltiges Projekt.

            Heinemann: Ja, das ist es.

            Precht: In der Philosophie würde man sagen, der Sinn von Versicherungen ist Kontingenzbewältigung. „Kontingenz“ ist seit Leibniz der Fachbegriff für alles Unverfügbare, alles Nicht-Berechenbare, alles Zufällige. Aber Sie wollen ja eigentlich mit dem, was Sie gerade gesagt haben, Kontingenz neu ermöglichen.

            Heinemann: Und das aus gutem Grund: Unvorhersehbares wird es immer geben. Und am Rande der Kontingenz liegen Chance, Verbesserung, Erfolg, Erfüllung – sowohl für uns als auch für künftige ­Drachentöter!

            Richard David Precht

            ist Philosoph und Publizist. Er arbeitet als Honorarprofessor in Lüneburg und Berlin. Seine allgemein verständliche Einführung in die Philosophie „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ wurde zu einem Bestseller. 1964 in Solingen geboren, studierte er Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte in Köln.

            Foto: Markus Burke

            Bernd Heinemann

            ist seit 2010 Mitglied des Vorstands der Allianz Deutschland AG und verantwortet das Marktmanagement. Er wurde 1966 in Essen geboren und studierte Physik in Aachen und Wirtschaft in Cambridge (USA). Bevor er 2007 zur Allianz kam, arbeitete er bei der Unternehmensberatung McKinsey & Company.

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