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    • Traumberuf Crashtestleiter: Ein Besuch im Allianz-Technikzentrum
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      Crashtest Allianz Zentrum für Technik

      24. April 2015

      Warum fährt diese Dame dauernd Autos gegen die Wand?

      Text: Caroline von Eichhorn
      Ein ungewöhnlicher Job für eine Frau: Melanie Kreutner (31) ist Versuchsleiterin für Crashtests im Allianz Zentrum für Technik (AZT). Im Interview erzählt sie, wie sie dazu gekommen ist und was sie bereits in der Crashbahn herumfliegen hat sehen.

      Frau Kreutner, welche Fahrzeuge haben Sie bereits an die Wand gefahren?
      Vom Kleinwagen über die Mittelklasse bis zum SUV ist eigentlich alles dabei, was in den letzten Jahren von den verschiedenen internationalen Automarken auf den Markt gebracht worden ist.

      Macht es Ihnen Spaß, einen Crash zu beobachten?
      Ja, das ist immer interessant. Man bereitet sich gemeinsam mit dem Team lange und intensiv darauf vor, aber es bleibt immer ein Versuch. Theoretisch kann jedes Mal etwas Unerwartetes geschehen, so dass es immer wieder spannend ist. Wenn dann das herauskommt, was man erwartet, freue ich mich natürlich.

      Ist bei einem Crash schon etwas richtig Schlimmes passiert?

      Nein, das habe ich bisher nicht erlebt. Es wurde glücklicherweise auf unserer Bahn noch niemand verletzt. Es kam aber schon vor, dass das Fahrzeug nach dem Crash rückwärts gegen die Wand rollt und diese beschädigt. Bei Tests zur Ladungsicherung passiert es zum Beispiel häufig, dass sich Gegenstände vom Fahrzeug lösen und durch den Raum fliegen, etwa Christbäume, Regalbretter oder Ski. 

      Melanie Kreutner, Versuchsleiterin für Crashtests im Allianz Zentrum für Technik (AZT) erklärt, was beim Transport von Elektrofahrrädern zu beachten ist.

      Ihr aktuellster Test drehte sich um E-Bikes auf Auto-Fahrradträgern. Die Elektroräder sind auch durch den Raum geflogen. Bei einem simulierten Auffahrunfall gab es erschreckende Versuchsergebnisse.

      Genau. Die E-Bikes konnten durch die Fahrradträger nicht auf dem Fahrzeugdach gehalten werden. Das Problem ist, dass Pedelecs deutlich schwerer sind als normale Fahrräder, aufgrund des Elektromotors mit Akku und des stärker ausgelegten Rahmens. Die handelsüblichen Fahrradträger sind für dieses hohe Gewicht häufig nicht ausgelegt.

      Was muss ich beachten, wenn ich ein E-Bike auf dem Auto transportieren möchte?

      Man muss sich vorher genau informieren: Wie viel wiegt mein E-Bike, und wie viel Gewicht kann mein Fahrradträger tragen? Es geht nicht nur um die gesamte Traglast des Trägersystems, sondern besonders um die zulässige Traglast pro Standplatz. Außerdem ist es wichtig, dass Haltearme und Befestigungselemente stabil genug sind.

      Unsere Crashversuche haben gezeigt, dass man die Pedelecs am sichersten auf dem Heckträger transportiert. Bei längeren Fahrten sollte die Position von Heckträger und E-Bikes bei jeder Pause überprüft werden. Es empfiehlt sich ebenfalls, vorab den Akku zu entfernen, damit die Elektroräder leichter sind.

      Melanie Kreutner zeigt das Ergebnis des Crashversuches mit Pedelecs auf gewöhnlichen Fahrradträgern.

      Melanie Kreutner ist Versuchsleiterin für Crashtests im Allianz Zentrum für Technik (AZT) (Quelle: Allianz)

      Welche Crashs sind für Sie die Interessantesten?
      Ich finde es spannend, dass wir uns häufig an aktuellen Themen orientieren. Zur Fußball-WM haben wir getestet, wie gefährlich ein Autokorso für ungesicherte Insassen werden kann. Wir haben sozusagen einen Fancrash simuliert. Wir haben mit Dummies unterschiedliche Positionen der Fans in einem Autokorso nachgestellt, wenn etwa jemand im offenen Schiebedach steht und die Fahne schwenkt oder auf dem Fensterrahmen sitzt.

      Was ist dabei herausgekommen?
      Die Ergebnisse waren verheerend. Wer sich aus dem Schiebedach beugt, kann sich bereits bei geringen Kollisionsgeschwindigkeiten erheblich verletzen. Durch die Dachkante können innere Organe gequetscht und schwer geschädigt werden. Wer im Fensterrahmen sitzt riskiert einen Beckenbruch und wird auf die Straße geschleudert. Dabei können schwere Kopfverletzungen entstehen.

      Wie wird man Versuchsleiter für Crashtests?

      Es gibt keine einschlägige Ausbildung. Am wichtigsten ist das technische Verständnis, das sich die meisten in einem Ingenieursstudium aneignen. Wer die Projektleitung für einen Crashtest übernehmen will, braucht neben dem Fachwissen auch Geschick im Umgang mit Menschen, Organisationstalent und starke Nerven.

      Was beim Transport der Räder auf einem Auto-Dachträger bei einem Unfall passieren kann zeigt ein aktueller Crashtest im Allianz Zentrum für Technik.

      Wie sind Sie selber in den Beruf gekommen?

      Ich habe nach der Schule Fahrzeugtechnik studiert, weil ich etwas mit anwendbarer Mathematik und Physik machen wollte. Während des Studiums war ich bei einem Fahrzeughersteller in verschiedenen Versuchsabteilungen, da ich den Bezug zur Praxis gesucht habe. Anschließend habe ich mich auf die Unfallrekonstruktion spezialisiert. Ich war als Kfz-Sachverständige unterwegs und habe Gutachten unter anderem im Auftrag von Gerichten erstellt.

      Wieso sind Sie nicht dabei geblieben?

      Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass es mich nicht befriedigt, wenn ich Unfälle nur im Nachhinein analysiere. Sondern, dass ich lieber dazu beitragen möchte, solche Unfälle vorab zu vermeiden. 

      Verbringen Sie den ganzen Tag damit, Autos gegen die Wand zu fahren?

      Nein, wir schaffen maximal drei Versuche mit Fahrzeugen pro Tag. Die Vor- und Nachbereitung nimmt viel Zeit in Anspruch. Der Crash muss ganz genau geplant werden. Ich fahre die Anlage und das Fahrzeug in die richtige Position. Kameras, Sensoren und Messtechnik müssen vom Team jedes Mal anders montiert werden.

      Nach dem Crash bringen wir das Auto in unseren Werkstattbereich. Dort werden die Schäden analysiert. Wir werten die Videoaufnahmen und die Messwerte der Dummies aus. Es gibt aber auch Tage, an denen ich nur am Schreibtisch sitze, weil ich Versuche auswerten muss, Berichte erstelle und neue Versuche plane. Zur Planung gehören statistische Auswertungen und Analysen von Unfällen.

      Wie ist es für Sie, als Frau in einem männerdominierten Beruf zu arbeiten?

      Ich habe bisher keine negativen Erfahrungen damit gemacht. Die männlichen Kollegen akzeptieren mich. Jedoch habe ich bis heute noch keine andere Frau kennengelernt, die in meinem Beruf arbeitet. Im gesamten Fahrzeug-Ingenieurswesen gibt es nur sehr wenige Frauen.

      Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

      Ich weiß es selbst nicht genau. Meiner Meinung nach arbeiten gemischte Teams sogar effizienter. Mit einer Frau kommen andere Aspekte ins Team, weil sie gewisse Dinge anders angeht. Vielleicht wird den Mädchen bereits in der Schule zu viel Angst gemacht. Ich kann andere Frauen nur motivieren, in diese Branche zu gehen. Wer sich gern mit Mathe und Physik beschäftigt, wird Spaß an dem Job haben.

      Fahren Sie, seit Sie in ihrem Beruf arbeiten, anders durch den Straßenverkehr?
      Ja. Ich fahre auf jeden Fall bewusster Auto. Das hat allerdings schon angefangen, als ich als Unfallanalytikerin gearbeitet habe. Ich merke in meiner täglichen Arbeit, wie verletzlich der menschliche Körper ist, und wie enorme Beschleunigungen bei einem Unfall auf ihn einwirken können. Ich halte mehr Abstand, und achte darauf, dass ich nur ins Fahrzeug steige, wenn ich mich fit fühle.

      Haben Sie besondere Sicherheitsmaßnahmen in Ihrem eigenen Auto?
      Mein Fahrzeug ist schon älter und hat deshalb keine Fahrerassistenzsysteme der neusten Generation. Ich habe aber bei der Auswahl darauf geachtet, dass es bei Crashtests gut abgeschnitten hat. Wenn ich mir jetzt ein neues Auto kaufen würde, wäre mir ein Notbremssystem besonders wichtig und ein modernes Lichtsystem mit Kurvenlicht und Fernlichtassistent. Für meinen Hund habe ich eine stabile Hundebox, damit er auch sicher transportiert werden kann. Die müsste natürlich im neuen Fahrzeug auch in den Kofferraum passen.

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