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      21. August 2015

      Ist das der FC Bayern Kader für 2025?

      Text: Detlef Dresslein
      75 Jugendliche aus 27 Nationen erleben beim
      7. Allianz Junior Football Camp in München knallhartes Training und die Weltstars hautnah. Mit dabei: Manuel Neuer.

      Diese Gelegenheit lässt sich Mario Skala nicht entgehen. Als David Alaba etwa zwei Meter entfernt an ihm vorbeitrabt, da ruft er: "Hey, David, ich bin auch aus Österreich. Wien, Zehnter Bezirk." Alaba, österreichischer Nationalspieler und ein Teil des Starpuzzles des FC Bayern München, dreht sich um, lacht und winkt.

      Schon praktisch, so ein multikulturelles Ensemble, wie es der deutsche Rekordmeister unterhält. Auch Wiktoria Barczak aus Polen kann so ein paar Worte mit Landsmann Robert Lewandowski wechseln ("Seine Großmutter kommt aus dem gleichen Ort wie ich"). Und der Spanier Xabi Alonso erkundigt sich bei Maria Rius de Quiros nach der gemeinsamen Heimat. Dumm nur, dass Maria aus Barcelona stammt und mit dem vormaligen Real-Madrid-Kicker recht wenig anzufangen weiß. Weltstar hin oder her, da ist die 16-jährige Katalanin konsequent.  

      27 Nationen, ein Sport

      Das "Meet & Greet" und das nachfolgende Training an diesem Samstag ist aber nur ein weiterer Höhepunkt unter vielen beim Allianz Junior Football Camp 2015. 75 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren kamen aus insgesamt 27 Nationen für sechs Tage nach München, um hier zu trainieren, aber vor allem, um das Erlebnis ihres Lebens zu haben. Es ist das siebte Camp seiner Art, und was einst überschaubar mit neun Nationen begann, ist längst zu einer weltweiten Institution geworden. An die 80.000 Jugendliche bewarben sich in Thailand, den USA, in Kolumbien und Brunei, in Österreich und Portugal und all den andern Ländern. Um sich den Traum schlechthin zu erfüllen: Training an der Säbener Straße mit der Expertise des FC Bayern. Dazu Besuche der Allianz Arena, einmal zum Spiel gegen den HSV und dann noch zur ausgiebigen Stadiontour. Und natürlich Sightseeing, Party und ganz viel Ferienlager-Atmosphäre.

      27 Nationen waren im Junior Football Camp vertreten.

      Foto: Bernd Ducke

      27 Nationen waren im Junior Football Camp vertreten. (Quelle: Bernd Ducke)

      Zwei Tage zuvor waren die Teilnehmer etwas übermüdet in München eingetroffen. Etwa die Delegation aus Indien. Zehn Stunden Flug, davon vergingen allein sieben mit der vorfreudigen Diskussion über den FC Bayern und den Fußball an sich. "Die Jungs haben nur zwei Stunden geschlafen", berichtete Betreuer Aatish Urkudkar. Und dann gings mit Jetlag mitten rein in den deutschen Sommer. Auf einer Tafel im Hotel Limmerhof, wo die 75 Jugendlichen und ihre Betreuer untergebracht sind, steht es geschrieben: 35 Grad im Schatten.

      Doch Schatten gibt es keinen auf dem Kunstrasenplatz in Taufkirchen, wo das erste lockere Training stattfindet. Ein Wetter, das dafür sorgt, dass einige der herbeigekarrten 18,9-Liter-Kanister Trinkwasser geleert werden. Das gemeinsame Spiel verjagt die anfängliche Zurückhaltung. "Es ist sehr schön, das immer zu sehen, wie sie am Anfang noch sehr schüchtern sind, sich das im Lauf der Tage immer besser mischt – und am Schluss gibt es wieder Tränen beim Abschied", sagt Margit Wurm, die Betreuerin der österreichischen Kinder.

      "One, two, three, four"

      Der zweite Tag, dessen Höhepunkt der gemeinsame Besuch des Bundesliga-Auftaktspiels sein würde, beginnt mit einem kleinen Vortrag über den richtigen Umgang mit Geld. Derart geschult dürfen die 75 dann in den Fanshop des FC Bayern. Und viele legen ihr Geld dort an. Solana Dietrich aus der Schweiz zum Beispiel investiert in eine rote Gummiente, weil sie Gummi-Enten sammelt, und noch keine vom FC Bayern hat. Und hätte Ho Chun Ting aus Hongkong nicht sein Geld im Hotel vergessen, er hätte sich das neue Trikot gekauft. Das gefällt ihm.

      Dann aber wird es ernst, das erste Training steht an. Die Lehrmeister: Sebastian Dremmler, Thomas Döllner, Marcel Schneider und Simon Martinello, allesamt Trainer verschiedener Jugendteams des FC Bayern. Und da geht es gleich zur Sache. Dremmler macht zwar auch Späßchen, aber seine Stimme und auch die Worte lassen keinen Zweifel, dass hier Disziplin herrscht. Er teilt die Gruppen ein, die für die nächsten vier Tage gelten werden. "One, two, three, four", sagt er immer wieder und deutet auf die Spieler. Das dauert etwas. Nicht jeder spricht englisch. Und nicht jeder kann hören.

      Denn 2015 sind auch zwei gehörlose Spielerinnen mit dabei. Die Holländerinnen Myrthe Brugman und ihre Freundin Bernice Leming fragten einfach mal, ob das denn ginge. "Im Prinzip ja, aber ich habe ja nur zwei Plätze zu vergeben, und es gibt 350 Bewerber", entgegnete ihnen Betreuer Vincent Diepstraten. Er fragte dann in Schwabing nach. Mit dem Ergebnis, dass man die beiden Mädels für ihren Mut belohnte und sie kurzerhand zusätzlich einlud. Immer mit dabei in München ihre Gebärdendolmetscherin Marianne Redan, die alles übersetzt, was die Trainer wollten. 

      •  (Quelle: Bernd Ducke)

        Kicken mit den FC Bayern Junior-Trainern

        Foto: Bernd Ducke

      • Kicken mit den FC Bayern Junior-Trainern (Quelle: Bernd Ducke)

        Kicken mit den FC Bayern Junior-Trainern

        Foto: Bernd Ducke

      • Kicken mit den FC Bayern Junior-Trainern (Quelle: Bernd Ducke)

        Kicken mit den FC Bayern Junior-Trainern

        Foto: Bernd Ducke

      •  (Quelle: Bernd Ducke)

        Kicken mit den FC Bayern Junior-Trainern

        Foto: Bernd Ducke

      • Kicken mit den FC Bayern Junior-Trainern (Quelle: Bernd Ducke)

        Training mit den Profis

        Foto: Bernd Ducke

        Und das ist einiges. "Nur mit dem linken Fuß", ruft Trainer Thomas Döllner, „nicht auf den Ball schauen" oder "Control, look up, play". "Das Training ist schon ein bisschen dynamischer und die Ansprache direkter als in meinem Verein", sagt Mario Skala, der Junge aus dem zehnten Wiener Bezirk. "Man hat gemerkt, dass hier gearbeitet wird, und wir nicht schlafen und rumstehen sollen", ergänzt Johannes Rosenbaum, einer der deutschen Teilnehmer.

        Ab in die Arena

        Nach anderthalb Stunden ist es vorbei. Nun gilt: Fertig machen zum "großen" Abend. Der Bundesligasaisonauftakt des FC Bayern gegen den Hamburger SV vor 75.000 Zuschauern in der Allianz Arena. Ausgestattet sind die Jugendlichen mit Landesflaggen aller 27 Nationen und den frisch erworbenen Fanartikeln. Bernice aus Holland trägt gleich mal ihre neuen roten FC-Bayern-Badelatschen. Es geht mit dem Bus von Taufkirchen nach Fröttmaning, und die leichten Schüchternheiten des ersten Tages sind längst überwunden. "Die Iren sind sehr nett, die machen Stimmung im Bus", kann Dustin Strzoda (Deutschland) feststellen. Das 5:0 ist ein großes Erlebnis für alle, aber der folgende Morgen sollte es noch übertreffen.

        In der Allianz Arena beim Bundesliga Auftakt die Bayern anfeuern.

        Foto: Bernd Ducke

        In der Allianz Arena beim Bundesliga Auftakt (Quelle: Bernd Ducke)

        Die Nacht ist kurz. Etwa fünf Stunden Schlaf zwischen Heimkehr vom Stadion bis zum Aufwecken schaffen die meisten. Abzüglich weiterer Minuten und Stunden, die die Aufregung wach hält. Aber zum "Meet&Greet" mit den Bayern-Profis sind um 9 Uhr morgens dann alle in der gewächshausartigen Kantine versammelt; 75 Jugendliche aus 27 Ländern mit 150 riesigen Augen. Alle haben einen Ball bekommen, der für Autogramme genutzt wird. Und die Stars Philipp Lahm, Xabi Alonso, Arturo Vidal, Robert Lewandowski und Mehdi Benatia nehmen sich Zeit. Etwa zehn bis 15 Minuten nur, aber das reicht für Autogramme und ein paar persönliche Worte und Händedrücke. "Come stai?" ruft Moussa Diallo aus dem Senegal zu Arturo Vidal. Der lacht und gibt Moussa die Hand. "Er ist sehr nett und freundlich", bestätigt Moussa das, was heute wohl viele denken. Eine Einschätzung, die ja nicht alle von Vidals Gegenspielern auf dem Fußballplatz teilen würden.

        Der Senegal gehört ebenso wenig zu den Teilnehmerländern wie Gambia und Nigeria. Dennoch sind auch aus diesen drei Nationen Jugendliche im Camp vertreten. Und zwar als Gruppe des SOS Kinderdorfs in Landsberg, wo Moussa und seine Kumpels Mass Mbaye (Gambia) und Charles Harrison (Nigeria) seit knapp einem Jahr leben. Und auch wenn ihre Geschichte, über die sie lieber nicht sprechen, sicherlich traurig ist – hier sind sie diejenigen, die mit am meisten lachen.

        Völkerverständigung im Fußballcamp

        "Die richtig spannenden Geschichten liegen in den Ländern", sagt Oliver Kraus, Global Sponsoring Manager der Allianz SE. Er meint die Kinder, die zum ersten Mal ihr Dorf verlassen konnten. Die weite Reisen auf sich nehmen, um eines der Vorausscheidungsturniere zu besuchen. Die in ihrem alltäglichen Leben nicht mal davon träumen würden, so etwas zu erleben. Renata Perez kennt all diese Geschichten. Die Brasilianerin war bisher in jedem Jahr als Betreuerin dabei, heuer ist sie "Oberbetreuerin" und fühlt sich für alle 75 Teenager verantwortlich. Einmal fragte sie ein Junge, wann und wo er denn all das Equipment, die Trikots, den Rucksack, zurückgeben müsse. Renata sagte ihm, dass er alles behalten dürfe. Da habe er geweint. Einen Rucksack hatte er noch nie besessen. Auch die Freundschaft der diesjährigen Camp-Reporterin und vormaligen Teilnehmerin Leticia Mamede (Brasilien) mit einem Mädchen aus der Schweiz hält über die Jahre und die Kontinente. Nach Ende das Camps reiste Mamede gleich nach Zürich weiter.

        Seit 2009 bewarben 330.000 Jugendliche aus aller Welt um die Plätze. 420 Teilnehmer wurden seither in den sieben Camps begrüßt, geschult und versorgt. "Fußball ist eine ganz tolle Plattform, mit der Jugend zu interagieren und zu kommunizieren", sagt Oliver Kraus. Drei Bereiche sind ihm wichtig: "Der Sportliche, der Gesellschaftliche und der Menschliche." Die Auswahl ihrer zwei bis fünf Kandidaten gestalten die Länder eigenständig. Dabei sei "eine gewisse Flexibilität" wichtig, denn: "Jedes Land hat seine eigenen Ziele und Stärken." So sucht man in Deutschland per Facebook, in der Schweiz via Fernsehen und in Indien in einer landesweiten Liga nach den Kandidaten. Wobei man die Kriterien zuletzt „etwas angezogen“ und fünf Ziele formuliert habe, von den drei verfolgt werden sollen – also etwa "Reichweite steigern" oder "Markenbekanntheit schaffen".

        Fußballschuhe aus dem Jahr 1932

        An Tag vier schließlich erhält auch das konventionelle Sightseeing seinen Platz. Über Oper, Marienplatz, Viktualienmarkt geht es natürlich auch zum Hofbräuhaus. Danach aber obsiegt wieder der Fußball, die Tour geht in die Arena. Diesmal ohne Spiel, dafür mit besonderen Einblicken. Die Infos über die Entstehung der Arena, die Spielfeldgröße, die Akustik oder die Rasenbeleuchtung werden routiniert abgehakt. Dann wird es spannend, denn es geht in die Umkleidekabine der Bayern. Und nebenan, im Gang mit den überlebensgroßen Spielerportraits, ruft der Tourführer: "It’s selfie time". Ein Fanal für den gemeinen Teenager des 21. Jahrhunderts. Jetzt gibt es kein Halten mehr und während die Jungs sich an die üblichen Verdächtigen wenden (Müller, Lahm, Ribéry), ist der Favorit der Mädels ein gewisser Joshua Kimmich und natürlich Manuel Neuer. Im Museum dann, der "FC Bayern Erlebniswelt", interessiert eher die neuere Zeitgeschichte und der Fanshop. Moussa Diallo immerhin ist fasziniert von den Fußballschuhen aus dem Jahr 1932. Er kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, damit zu kicken.

        Fussballstar Alonso bei der Autogrammstunde

        Foto: Bernd Ducke

        Fussballstar Alonso bei der Autogrammstunde (Quelle: Bernd Ducke)

        Muss er auch nicht. Er darf beim Abschlussturnier am fünften Tag mit den eigenen, gelben Schuhen aufspielen. Camp-Cheftrainer Sebastian Dremmler ist angetan: "Die Qualität im Camp ist von Jahr zu Jahr gestiegen." Vorher haben auch noch Franck Ribéry und Manuel Neuer vorbeigeschaut, so dass die Quote der Weltstars, denen man auf die Pelle rücken durfte, noch einmal beträchtlich ansteigt. "Uns Profis macht es glücklich, wenn wir den Kindern ein Lächeln ins Gesicht zaubern können", erzählt Nationaltorwart Neuer. Der im Übrigen fast etwas neidisch ist auf die 75 Auserwählten. "Für mich wäre es ein Traum gewesen, so etwas in den Sommerferien erleben zu dürfen. Da war es schon ein Abenteuer, mit der Kirchengemeinde nach Ameland zu fahren."Mit dem Besuch des Olympiaparks und der BMW World geht aber am sechsten Tag auch das Abenteuer ihres Lebens langsam zu Ende. Viel wird geredet, zwischen gepackten Sporttaschen und Umarmungen. Eindrücke, die für ein Jahr (oder ein ganzes Leben) reichen, wurden in sechs Tage gesteckt. Und natürlich gibt es Tränen. Renata Perez ist glücklich darüber. "Die Kinder nehmen viel mehr mit nach Hause, als die Eindrücke und eine Sportausrüstung", sagt sie. "Sie merken, wie viel sie abseits aller kulturellen Unterschiede gemeinsam haben und lernen so viel voneinander. Da ist jetzt eine Saat im Herzen gepflanzt, die eine große Ernte bringen wird."

         

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