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      Tanja Baier auf der Regattastrecke in München. (Quelle: Toby Binder)

      22. August 2016

      Es lebe der Sport

      Text: Sandra Michel
      Foto: Toby Binder
      Unfall, Querschnittslähmung – und dann? Tanja Baier fing an zu rudern. Das hat sie in kurzer Zeit sehr viel weitergebracht.

      Tanja Baier lässt sich vom Holzsteg in ihr Ruderboot gleiten. Sie legt ein Bein nach dem anderen in den Fußraum und schließt den Gurt um ihren Bauch. Ihre Trainerin Thea Straube, die ehemalige Vorsitzende der Rudergesellschaft München 1972 e. V., steht auf dem Steg bereit, um der zierlichen Frau zu helfen. Aber Hilfe braucht Tanja Baier nicht. Sie nimmt ihre Ruder und taucht sie in das türkisfarbene Wasser des Regattasees im Norden Münchens. Thea Straube lächelt und sagt: "Es beeindruckt mich immer noch, wie fix sie vom Rollstuhl ins Boot kommt. Anfangs hatte ich Schweißausbrüche, weil ich befürchtete, dass sie zwischen Steg und Boot verschwinden könnte."

      Früher sah Tanja Baiers Leben ganz anders aus: Tagsüber arbeitete sie in einem kleinen Dorf in der Oberpfalz als Sport- und Gymnastiklehrerin, ging nach dem Job erneut zum Sport und kam meist erst spät nach Hause. Heute lebt die 29-Jährige in München, geht zur Uni – und treibt immer noch Sport: Rollstuhlbasketball und Pararudern. Früher, das war bis vor etwa einem Jahr. Bis sie sich bei einem Unfall in der Turnhalle die untersten Brustwirbel brach. Seitdem sitzt sie im Rollstuhl. Doch obwohl sich äußerlich so viel geändert hat, ist ihr Wesen doch weitgehend unverändert geblieben. Ihr Selbstbewusstsein. Ihre offene, natürliche Art. Der Drang, unabhängig und selbstständig zu sein. Die Liebe zu Ehemann Matthias. Und der Ehrgeiz im Training.

      Nachwuchs mit Weltmeisterambitionen gesucht

      "Wenn man Erfolg haben will, sollte man sich eine Sportart aussuchen, die für die eigene Behinderung günstig ist", sagt sie. Zur Rudergesellschaft München kam sie über eine Zeitungsanzeige im Herbst 2015. Darin hieß es: "Nachwuchs mit Weltmeisterambitionen gesucht." Tanja Baier ist zurzeit die einzige Sportlerin mit Behinderung im Verein, Thea Straube sagt daher: "Wir mussten gemeinsam lernen." Ihr Boot bekam Tanja Baier vom Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband Bayern e. V. zur Verfügung gestellt. Zusätzliche Schwimmkörper an den Rudergabeln verhindern, dass das Boot kentern kann. Es hat keinen Rollsitz, sondern einen fest montierten, auf dem sich die Ruderin mit Gurten an Bauch, Brust und Oberschenkeln festschnallen kann.

      "Ich konnte mir nicht vorstellen, wie Rudern ohne Beinarbeit gehen soll", sagt Trainerin Straube. Aber es geht: Die einen rudern nur mit Armen und Schultern, die anderen, wie Tanja Baier, bewegen zusätzlich den Oberkörper.

      Viele Boote, aber nur ein Rollstuhl. In ihrem Verein ist Tanja Baier die Erste mit Handicap.

      Foto: Toby Binder

      Im Münchner Ruderverein ist Tanja Baier die Erste mit Handicap. (Quelle: Toby Binder)

      Umso erstaunlicher wirken die Fortschritte der vergangenen sechs Monate. Die zwei Kilometer lange Regattastrecke schafftt Tanja Baier in sechs Minuten und 37 Sekunden. Damit ist sie nur noch eine halbe Minute von der Zeit entfernt, mit der sich Ruderinnen für die Paralympics qualifizieren konnten. Obwohl selbst ihre Trainerin anfangs besorgt war, das Boot könnte trotz der Schwimmkörper kentern, hat Tanja Baier keine Angst. Erstaunlich, wenn man bedenkt, wie sie verunglückte.

      Sturz kopfüber in die Tiefe

      "Das war beim Sport in der Turnhalle", berichtet sie. "Wir waren gerade beim Aufwärmen, und ich habe an den Turnringen in die Luft geschwungen und eine Kerze gemacht." In diesem Moment lösten sich die Ringe aus der Halterung und sie stürzte kopfüber in die Tiefe. Sie lag auf dem Boden der Halle, hatte Schmerzen wie noch nie und wusste sofort, was passiert war: Sie konnte die Beine nicht mehr bewegen. Ihre Kollegen alarmierten den Rettungsdienst und riefen ihren Mann an. Matthias Baier war noch vor den Sanitätern da und wich von da an seiner Frau nicht mehr von der Seite. "Es hat ihn ja genauso schwer getroffen wie mich. Wir hatten gerade erst geheiratet", sagt sie. Mit dem Hubschrauber wird sie nach Regensburg geflogen, zwei Wochen später in eine Unfallklinik nach Murnau verlegt.

      Dort bleibt sie vier Monate. Anfangs liegt sie im Bett, kann sich nicht alleine aufrichten, nicht mal ein Glas Wasser vom Nachttisch nehmen. Sie wird noch einmal operiert und muss weitere drei Wochen liegen. "Trotzdem hatte ich in Murnau eine gute Zeit, den Umständen entsprechend", sagt sie. "Es waren viele junge Patienten dort, mit denen ich ein ähnliches Schicksal geteilt habe. Wir haben uns gegenseitig motiviert, sind gemeinsam zum Staffelsee zum Handbiken gefahren. Oder wir haben einfach abends auf dem Balkon gesessen und uns unterhalten."

      Mit ihrem Mann Matthias wagt Tanja Baier die ersten Schritte nach dem Unfall.

      Foto: Toby Binder

      Mit ihrem Mann Matthias wagt Tanja Baier die ersten Schritte nach dem Unfall. (Quelle: Toby Binder)

      Dass sie dabei den Kontakt zu ihren Freunden und Bekannten aus ihrem früheren Leben verliert, muss sie akzeptieren: "Ich finde das ganz natürlich, denn unsere Gemeinsamkeit war der Sport. Und den übe ich so nun mal nicht mehr aus." So ein Satz lässt ahnen, dass sich hinter ihren feinen Gesichtszügen und den nachdenklichen blauen Augen Gefühle und Gedanken verbergen, die sie nicht teilen möchte. Manchmal, sagt Tanja Baier, träume sie nachts, wie sie ins Leere fällt. Wenn sie dabei aufwacht, kann sie lange nicht mehr einschlafen.

      "Zu Hause hätte ich es nicht verkraftet, wenn alle Mitleid gehabt hätten"

      Nach der Rehabilitation will sie nach München umziehen, in die Anonymität der Großstadt. "Ich kannte in meiner Heimat fast jeden. Für alle war ich die sportliche Lehrerin. Ich hätte es nicht verkraftet, wenn alle Mitleid gehabt hätten." Außerdem hat München einen weiteren Vorteil: Viele Rolltreppen und Aufzüge und vergleichsweise wenige Hügel. Ihr früheres Grundstück lag am Hang, ohne fremde Hilfe konnte sie es gar nicht mehr erreichen. Matthias Baier unterstützt seine Frau, wo er kann.

      Er verlegt seinen Arbeitsplatz nach München und arbeitet im Homeoffice. Er nimmt gemeinsam mit ihr am "Wings for Life World Run" teil, einem globalen Event zugunsten der Rückenmarksforschung. Das Ziel der Veranstalter: Querschnittslähmung heilbar machen. Tanja Baier bleibt da skeptisch: "Meine Ärzte haben mir gesagt, dass sie erst in 50 oder 100 Jahren Erfolge erwarten. Wenn es mein Ziel wäre, aus dem Rollstuhl herauszukommen, würde ich nicht mehr glücklich werden."

      Innerhalb kurzer Zeit rudert sich Tanja Baier ins Nationalteam

      Es gebe schließlich genügend Dinge, die sie noch machen könne. Und sogar solche, die im Rolstuhl einfacher sind. Im Leistungssport an die Spitze zu kommen, zum Beispiel. Früher trainierte sie auf Freizeitniveau, heute auf nationaler Ebene. Im Frühjahr 2016 startete Tanja Baier im Rudern fürs Nationalteam. Sie hätte sogar Chancen gehabt, 2020 bei den Paralympics in Tokio dabei zu sein – wenn sie nicht schwanger geworden wäre. Im Herbst erwartet sie ihr erstes Kind – ein weiteres Zeichen, dass sie ein erfülltes Leben nicht von ihren Beinen abhängig machen will. "Ich hätte mich auch eineinhalb Jahre krank melden können. Das fand ich aber unnötig. Ich bin selbstständig genug. Ich habe lieber gleich mit dem Studium begonnen."

      Tanja Baier lebt jetzt in München. Nach ihrem Unfall suchte sie die Anonymität der Großstadt.

      Foto: Toby Binder

      Tanja Baier an der U-Bahn Station Odeonsplatz in München. (Quelle: Toby Binder)

      Vielleicht sei es nicht schlecht, sich einmal im Leben so einer schwierigen Situation zu stellen, findet sie. Es bilde den Charakter. Der zeigt sich, als sie nach dem Training am Treppenaufgang eines S-Bahnhofs mehrfach von Passanten angesprochen wird, ob sie Hilfe benötige. "Anfangs hat es mich extrem genervt, dass die Leute mir Hilfe anbieten, obwohl ich ja allein zurechtkomme." Stets freundlich bleiben, das könne sie inzwischen.

      Es wirkt wie eine Ironie des Schicksals, dass sie beim Sport verunglückte und dennoch ohne Sport nicht leben kann. Auch weil sie sportliche Disziplin und Kampfgeist noch nie so dringend nötig hatte wie jetzt. Im Park neben ihrem Wohnhaus üben Tanja und Matthias Baier das Laufen mit Schienen, damit die Muskeln und Gelenke belastbar bleiben. Sie will die Referate an der Uni im Stehen halten. In diesem Moment wirken beide sehr glücklich.


      Dieser Text stammt aus der Paralympics-Sonderausgabe des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890", das ab Ende August hier auf allianzdeutschland.de komplett zum Download zur Verfügung stehen wird. Alle bisher erschienenen Ausgaben des Magazins finden Sie in unserer Mediathek.