Stellplatz im Paradies: Zu Gast bei Wintercampern
Elke Wiesemann und Hubert Bonje reisten vor zehn Jahren als „Solisten“ auf den Campingplatz – und als Paar wieder ab. Alter schließt späte Liebe nicht aus.
Foto: Gunnar Knechtel

Als Wintercamper in Spanien erfüllen sich deutsche Pensionäre den Traum von der ewigen Sonne. Sie leben, lieben und sterben in ihrer Dorfgemeinschaft unter Palmen

Für den Traum von der ewigen Sonne reichen manchmal zehn Quadratmeter. Vielleicht sind es auch nur acht. Kurt und Marianne Schleith sitzen in ihrem Wohnzimmer, ein Sudoku-Heft liegt aufgeschlagen auf dem Tisch, auf dem Laptop steht die „Rheinzeitung“ zum Download bereit, im Fernsehen flimmert n-tv.

Kanne Kaffee, Gebäck, Orangensaft. An der Wand Bilder von den Kindern, den Enkeln und ein Foto von einem Boot, elf Meter, sie heißt „Maricu”. Das steht für Marianne und Kurt.

Wenn ein Paar so weit ist, dass es gewissermaßen zu einem Namen verschmilzt, wenn man einander nach 52 Jahren Ehe ein halbes Jahr lang in der Enge eines – wenn auch luxuriösen – Wohnmobils immer noch erträgt, kann nicht mehr viel schiefgehen im Leben. Oder am Lebensabend.

Stellplatz im Paradies: Zu Gast bei Wintercampern
Kurt und Marianne Schleith sind seit 52 Jahren verheiratet. Foto: Gunnar Knechtel

Freiheit bedeutet paradoxerweise hier auch: freiwillige Selbstbeschränkung. Bis zu 500 Rentner überwintern auf dem Campingplatz Torre La Sal 2 in Ribera de Cabanes, eine Autostunde nördlich von Valencia. Sie leben sechs Monate in Wohnmobilen und parken sie so nah beieinander wie die Hütten im Schrebergarten. Sie haben sich hier ihr Dorf konstruiert mit Tennisplätzen, Pools, Boule-Bahnen und Bars.

Und wenn man an den Gardinchen vorbei in die Gefährte hineinschaut, exportieren sie auch ein Stück Gelsenkirchen, Rosenheim oder Flensburg an die Costa del Azahar. Bisschen Heimat in der Fremde, Heimatzeitung inklusive.

„Wir holen jetzt nach, was wir früher verpasst haben“

Dauercamping ist ein Milieu mit eigenen Codes und ungeschriebenen Regeln. Es gibt kein Sie, das muss man mögen. Zur Belohnung regnet es von Oktober bis März an maximal sieben Tagen. Dieser Ort erzählt von Sehnsucht nach Wärme, Wärme in jedem Sinn; und er verdeutlicht wie unter dem Brennglas einen Paradigmenwechsel, was Lebensentwürfe im Alter betrifft.

Dies ist die erste Seniorengeneration, die ihr Geld für sich ausgibt – zum Reisen, zum Überwintern, für eine Jacht und bemerkenswerte Autos. Vor allem haben die Alten richtig viel Spaß dabei.

Stellplatz im Paradies: Zu Gast bei Wintercampern
Ehepaare und Alleinreisende leben hier wie in einer Dorfgemeinschaft zusammen. Foto: Gunnar Knechtel

Auf Kurts Laptop ist der Bildschirmschoner angesprungen; es läuft eine Diashow, die man als Bilanz seiner bisherigen Rentnerjahre sehen kann. Bilder aus den USA und China, von den Lofoten; mit ihrem Wohnmobil haben sie im Prinzip ganz Europa bereist. „Vom Nordkap bis nach Gibraltar“, sagt Kurt, 78, „wir holen jetzt alles nach, was wir früher verpasst haben.“

„Solange es die Gesundheit zulässt, nutzen wir das aus“

Als Vertreter hat er sich nur selten Urlaub gegönnt. Selbstständig sein heißt ja auch: selbst ständig arbeiten. Haus bauen, für die Kinder sparen, immer funktionieren. Und jetzt: Träume leben, die Welt sehen, Abenteuer. Es hinnehmen, dass man „on the road“ auch mal überfallen wird. Ist ihnen in Frankreich passiert und schon wieder abgehakt; gehört womöglich dazu. Reisen verlangt neben Neugier auch Mut.

Kurt sagt: „Wir haben uns das Geld erarbeitet, und solange es die Gesundheit zulässt, nutzen wir das auch aus.“ Zwei künstliche Hüftgelenke, Kreuz kaputt. Ganz praktisch, dass seine Marianne, 73, Krankenschwester war.

Diesen Campingplatz darf man sich vorstellen wie einen Robinson Club, nur nicht so überdreht. Jeden Morgen Aqua-Gymnastik und Yoga, zwischendurch Happy Hour in den Bars, abends Bingo und Tanz.

Stellplatz im Paradies: Zu Gast bei Wintercampern
Klare Ansage, weithin sichtbar: Im Wohnmobil sind wir zu Hause. Foto: Gunnar Knechtel

Das Hauptrestaurant funktioniert wie ein Zeittunnel: Tür auf, auch wenn sie ein wenig klemmt – und schon ist man in den frühen Neunzigern. Boden und die Wände erdfarben gekachelt, die Decke mit Spanplatten abgehängt, kaltes Neonlicht. An der Wand thront auf einer Mikrowelle ein Lautsprecher, aus dem an diesem Abend „Chanson d’amour“ ertönt.

Bosco, der fulminante Alleinunterhalter, spielt hier jeden Donnerstag für mindestens 100 bemerkenswert enthemmte Pensionisten alles, was seine Elektroorgel so hergibt: die Stones und Westernhagen, Engelbert und Schlimmeres. Ein bisschen Folklore ebenfalls, damit ja niemand vergisst, dass dies hier immer noch Spanien ist.

„Hier kann ich in meine Zukunft schauen“

Sie heißen Jürgen, Peter oder Heinz, Gisela, Inge oder Rita und tanzen Foxtrott, Rumba, Cha-Cha-Cha. Alte Schule. Und Leute, die regelmäßig dabei sind, schwören, dass hier manchmal sogar auf der Theke getanzt wird.

Während Bosco einen Schlager von roten Rosen säuselt, greift Jürgen Hahn zu seinem Bier. Er ist 64, einer der Jüngsten auf dem Platz, und sagt: „Das Tolle ist – hier kann ich in meine Zukunft schauen.“ Abschätzen, wie er drauf sein wird mit 70, 75, 80. Sind ja alle Altersstufen vertreten.

Stellplatz im Paradies: Zu Gast bei Wintercampern
Bingo verbindet: Langweilig wird es den Wintercampern nicht so schnell, sie wissen sich die Zeit zu vertreiben. Foto: Gunnar Knechtel

Bisschen komisch ist nur das Gefühl, ein halbes Jahr lang kaum ein junges Gesicht zu sehen. Aber Jürgen hat sich ziemlich gut mit Estella angefreundet, die hier die Strandbar betreibt. Sie und ihr Mann nehmen ihn ab und zu mit rüber nach Benicassim, in die nächste größere Stadt, und da gibt’s Kneipen, da geht die Party erst um 23 Uhr los. Zu der Zeit sind auf dem Campingplatz längst alle Lichter erloschen.

„Die ärztliche Versorgung ist perfekt, keine Sorge“

Der Platz funktioniert letztlich wie ein Altenheim unter Palmen. Sagen alle Bewohner. Zwei-, dreimal die Woche kommt ein Krankenwagen und transportiert jemanden ab. „Die ärztliche Versorgung“, sagt Jürgen, „ist perfekt, keine Sorge.“

Altenheim bedeutet aber zugleich, dass jeden Winter zwei oder drei Pensionisten nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Die Dorfgemeinschaft fängt die Hinterbliebenen auf. Einer kam tatsächlich bewusst zum Sterben hierher. So weit kann Sehnsucht gehen. Tod im kleinen Paradies.

Stellplatz im Paradies: Zu Gast bei Wintercampern
Die örtliche Panadería freut sich über die deutschen Rentner. Foto: Gunnar Knechtel

Die Stellplatzmiete kostet keine 500 Euro im Monat, wobei man die erst mal überhaben muss im Alter. Strom und WLAN gibt’s gratis dazu. Und WLAN ist wichtig für all die Laptops und iPads und Smartphones; für „WhatsApp“ und Skype. So halten die Rentner Kontakt zu den Lieben daheim. Und untereinander.

Im Internet gibt es das sogenannte Solisten-Forum; ein Netzwerk für Alleinreisende, gegen die Einsamkeit. Das ist auch so ein Thema. Schließlich sind viele hier verwitwet.

Und so kam auch Jürgen hierher. Mitunter reisen bis zu 40 „Solisten“ mit ihren Wohnmobilen an; sie stehen dann am Rand des Campingplatzes alle beieinander. „Wenn’s warm genug ist“, sagt Jürgen, „stellen wir bei uns in der Straße die Tische zusammen, jeder kocht etwas und dann hoch die Tassen.“

„Jeder kocht etwas und dann hoch die Tassen“

Er sagt wirklich: bei uns in der Straße. Dorf eben. Dorfgemeinschaft. In einer Zeit, in der Familien verstreut über die ganze Republik leben, sorgt so ein Campingplatz für angenehme Übersichtlichkeit. Und sozialen Zusammenhalt. „Wenn einer mal zwei Tage seinen Kopf nicht rausstreckt“, sagt Jürgen, „geht einer von uns hin und klopft mal an.“ Man weiß ja nie.

Neben seinem Wohnmobil hat Jürgen ein Küchenzelt eingerichtet und eine Garage für sein schweres Motorrad, eine Suzuki GS Sport. 600 Kubik, vier Zylinder, 100 PS. „Das ideale Spaßgerät, um hier in den Bergen durch die Serpentinen zu donnern.“

Stellplatz im Paradies: Zu Gast bei Wintercampern
Bei schönem Wetter gilt: Tische zusammenstellen und dann „hoch die Tassen“. Foto: Gunnar Knechtel

Wohnmobil, Motorrad. Symbole der Freiheit. Aber Freiheit erfordert letztlich auch Kompromisse. Jürgen hat eine Lebensgefährtin daheim in Hannover, jünger als er, sie muss noch arbeiten. „Manchmal fehlt mir das natürlich“, sagt Jürgen, „körperliche Nähe, mal kuscheln. Aber das ist der Preis, den ich für meine Freiheit zahlen muss.“

„Das hat auch etwas mit Flucht zu tun“

Dieses Überwintern im Süden, sagt Jürgen, hat immer auch etwas mit Flucht zu tun. Flucht vor dem grauen Alltag oder vor dem Vakuum, das sich nach einem durchgetakteten Arbeitsleben einstellt. Oder vor der Furcht, dass das schon alles gewesen sein könnte. Das Reisen kann aber auch Ankommen bedeuten. Und ein neues Leben. Spätes Glück.

Stellplatz im Paradies: Zu Gast bei Wintercampern
Jürgen Hahn auf seinem Motorrad. Foto: Gunnar Knechtel

Elke Wiesemann, 73, kann so eine Geschichte erzählen. Vor zehn Jahren ist sie allein hier angereist, „Solistin“, und dann mit Mann wieder weg. So schnell kann das gehen. Elke war abends zum Tanzen in Estellas Bar, und traf dort Hubert Bonje, einen charmanten Belgier mit spannenden Falten im Gesicht. Sie nickte ihm kurz zu, er forderte sie auf.

Die Musik, die Bewegung, das gedämpfte Licht, alles hatte gepasst. Elke sagt: „Wir haben eine Woche Probewohnen in seinem Wohnmobil gemacht. Du musst ja wissen, ob er schnarcht oder ausdünstet oder so was.“ Fünf Jahre nach diesem Abend haben sie geheiratet.

„Du musst ja wissen, ob er schnarcht oder so was“

Gerade sortiert Elke die Weihnachtsdekoration, überhaupt macht sie sich einen schlimmen Kopf wegen Heiligabend: wie viele Plätze sie reservieren, wer mitfeiert, solche Sachen. Sie schläft deshalb schlecht.

Manche Leute sagen, die Elke sei ein bisschen die Primadonna auf dem Platz. Aber das ist schon okay so. Weil sie’s kann, in jeder Hinsicht. Sie hat Musik studiert und Jahrzehnte am Würzburger Theater als Sängerin und Schauspielerin in Operetten und Musicals mitgewirkt.

Stellplatz im Paradies: Zu Gast bei Wintercampern
Schon das Kleid der Boule-Spielerin signalisiert: Hier ist immer Frühling. Bis zu 500 Rentner überwintern auf diesem Campingplatz an der Costa del Azahar. Foto: Gunnar Knechtel

Hubert ist ein Jahr älter als sie; er hatte mit zehn die Schule geschmissen und ist erst mal auf dem Fischkutter zur See gefahren. Eine attraktive Frau aus der intellektuellen Kunstszene und ein knautschiger Seebär? Das ist schon mal Culture Clash an sich, aber kein unüberwindbarer Widerspruch.

„Im Kopf bleibe ich 25“

Wer sie beim Tanzen erlebt hat, bekommt ein ziemlich gutes Gespür dafür, was diesen Platz auszeichnet mit seinen zwischenmenschlichen Grautönen. Lebensfreude, Camper-Solidarität, aber auch Cliquenbildung und hin und wieder ein wenig Missgunst. „Der Körper mag ja ein paar Wehwehchen haben“, sagt Elke, „aber im Kopf bleibe ich 25″.

Stellplatz im Paradies: Zu Gast bei Wintercampern
Camping im Wohnmobil ist etwas für Leute, die keinen Stillstand ertragen. Dieser emsige Herr repariert die Dichtung seines Daches – falls es tatsächlich mal regnen sollte. Foto: Gunnar Knechtel

Sie setzt sich zurück auf ihren Stuhl mitten in dieser von praktischem Campingmobiliar zugestellten Parzelle und schenkt Kaffee nach; in dem Käfig, den sie nach draußen gehängt hat, flötet das Distelfinken-Pärchen. Elke denkt eine Weile über das Leben hier nach, über das Alter, dann lächelt sie und sagt: „Flirten, sich verlieben, Eifersucht und Niedertracht, das ändert sich nie.“ Sie sieht sehr zufrieden aus.

Jetzt informieren

Ihre Wohnmobilversicherung: MeinMobil

Ihre Wohnmobilversicherung: MeinMobil

Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 1/2017 des Allianz Deutschland Kundenmagazins „1890“ zum Schwerpunktthema „Altern“. Alle bisher erschienenen „1890“-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download sowie als App für Apple-Geräte in itunes und für Android bei Google Play.

Bildquellen

  • Stellplatz im Paradies: Zu Gast bei Wintercampern: Gunnar Knechtel