Kapla Erfinder
Foto: Marco Okhuizen

Tom van der Bruggen hat ein Baukastensystem erfunden, das aus dem immer gleichen Holzstück besteht. Eine verrückte Idee und irrsinnig erfolgreich. Ein Gespräch – vom Hölzchen aufs Stöckchen.

Was war das schönste Kompliment, das Ihnen jemand zu Ihrem Baustein Kapla gemacht hat?
In Bordeaux habe ich einen Dirigenten kennengelernt, der von Kapla begeistert war. Er hat mich zu seinem Konzert eingeladen, danach gingen wir essen. Dann fing er an zu singen und sagte: “Kapla ist wie die siebte Sinfonie von Bruckner. Einfaches Motiv, aber komplizierte Folgen.” Das hat mir gefallen.

Erinnern Sie sich an den Moment, in dem Sie Kapla erfunden haben?
Oh, das ist lange her. Ich baute damals ein Schloss in Südfrankreich, von Grund auf, nur mit meinen Händen. Für die Baugenehmigungen musste ich viel zeichnen, und für die Zeichnungen habe ich mit Bauklötzchen gespielt, um mir das Schloss vorstellen zu können. Dabei fiel mir auf, dass man mit Bauklötzchen gar nichts bauen kann, die sind nämlich viel zu massiv für eine detaillierte Konstruktion. Die Lösung waren die Plankjes. Etwas später stellte ich fest, dass ein einziges Plänkchen reicht.

Und Kapla war geboren.
Noch nicht! Erst viel später, als das Schloss schon fast fertig war, kamen mir meine Plankjes wieder in den Sinn. Das ist so eine wunderbare Idee, dachte ich, damit musst du doch was anfangen. Ich habe mir dann zehn Kubikmeter Holz gekauft und daraus in meiner Pianowerkstatt die ersten 400 Schachteln Kapla produziert.

Für eine Ausstellung im Louvre habe ich ein Schloss aus Kapla gebaut

Wussten Sie gleich, dass Kapla ein Erfolg werden würde?
Ich glaubte, ich muss damit nur in den Spielwarenladen gehen und die würden es begeistert verkaufen. Weil jeder die Idee dahinter sofort versteht. Ich war ziemlich naiv. Es hat natürlich überhaupt nicht geklappt.

Hatten Sie denn keine Testspieler?
Meine Kinder, damals acht und zehn Jahre alt, waren die Ersten, die mit den Steinen spielten. Aber sie waren nicht sonderlich interessiert daran.

War das nicht ein Warnsignal, dass selbst Ihre Kinder Kapla nicht mochten?
Das war schon okay. Mein Sohn ist inzwischen 39 und der Generaldirektor von Kapla. Jetzt mag er es ja.

Wann kam der Erfolg?
Für eine Ausstellung im Louvre habe ich ein Schloss aus Kapla gebaut. Da bin ich heute noch stolz darauf. Das Modell war komplex konstruiert wie eine Fuge von Bach. Es war zwar nicht sonderlich spektakulär fürs Publikum, aber das Fernsehen kam, und die Zeitungen haben darüber geschrieben. Daraufhin wurde ich zur Pariser Spielwarenmesse eingeladen, wo ich einen fünf Meter hohen Eiffelturm aus Kapla in die Eingangshalle stellte. Die Stadt Paris hat daraufhin gleich tausend Schachteln auf einmal gekauft für die Schulen der Stadt. Schulverwaltungen haben es eigentlich immer gerne genommen. Aber ansonsten lief das Geschäft gar nicht gut. Ich musste dann mein Schloss verkaufen.

Weil Sie Schulden hatten?
Ich hatte einfach kein Geld mehr, um das Unternehmen auszubauen. Die Bank gab mir ein Darlehen aufs Schloss, aber nicht mehr. Ich habe alles versucht. Bankierssind nicht nett zu Leuten, die ganz am Anfang stehen. Die mögen keine Spieleerfinder.

Also waren Sie wieder genauso arm wie zu der Zeit, bevor Sie Ihr Schloss gebaut hatten.
Was heißt arm? Wir hatten damals keinen Strom, kein Telefon, nichts. Im Garten haben wir Getreide angebaut und davon Brot im Kamin gebacken. Mor- gens gab es Kaffee, dazu einen schönen Kuchen. Meine Kleidung habe ich von meinem Bruder bekommen. Ich war die ganze Zeit draußen, am Fluss, und habe das Schloss gebaut. Das ist noch nicht arm, wenn die Umstände so schön sind.

Ab wann war Kapla so erfolgreich, dass Sie keine Geldsorgen mehr hatten?
Das war im November 1993. Da waren alle Geschäftszahlen okay, es war etwas Geld auf der Bank, und die Kunden haben mir mehr gezahlt, als ich den Lieferanten zahlen musste. Ab da ging es aufwärts.

Kapla
Tom van der Bruggen mit der Erfindung seines Lebens. Dieses Stück Holz hat ihn reich gemacht. Genauer gesagt: ungefähr eine Milliarde davon. Foto: Marco Okhuizen

Sie haben geschätzt über eine Milliarde Steine verkauft. Planen Sie, auch Euro-Milliardär zu werden?
Ich hätte nichts dagegen, aber das ist kein Ziel. Ich habe doch schon alles: eines der schönsten Autos überhaupt, einen weinroten Rolls-Royce SilverCloud von 1958. Ein Kunstwerk. Ich habe ihn 2012 gekauft und komplett neu als Cabrio aufbauen lassen. Er ist fertig und kann jeden Tag hier ankommen. Und seit letztem Donnerstag hab ich mein neues Boot.

Was für eines?
Es ist einer der größten Einmaster der Welt, 35 Meter, 1914 in Schottland gebaut. Das schönste Schiff der Welt.

Etwas einfacher zu machen, ist wirklich sehr schwierig

Haben Sie zwischenzeitlich versucht, Ihr Schloss zurückzukaufen?
Seit zwei Jahren habe ich ein neues Schloss, viel größer und viel schöner als mein erstes. Der älteste Turm dort ist 27 Meter hoch und stammt aus dem 11. Jahrhundert. Das Anwesen wurde dreimal von Richard Löwenherz belagert und hat ihm dreimal widerstanden.

Woher kommt Ihre Leidenschaft für Schlösser?
Ich wollte schon immer Schlossherr sein. Künstler dorthin einladen und Musikfestivals veranstalten. Das habe ich geschafft.

Als Sie ein Kind waren, womit haben Sie da gespielt?
Tatsächlich auch schon mit Plankjes bei meinen Großeltern. Im Krieg gab es diese Behelfsbrücken, Bailey-Brücken hießen die. Sie sahen aus, als hätte man sie aus einem Baukasten zusammengeschraubt. So eine wollte ich unbedingt nachbauen, aus Bastelhölzchen. Aber ansonsten hatten wir nicht viele Spielsachen. Wir waren immer draußen.

Und irgendwas zum Spielen findet sich ja immer. Kann Mangel die Fantasie von Kindern anregen?
Es ist doch so einfach: Ein Blatt Papier und ein Stift – und das Spiel geht endlos. Oder Sie nehmen etwas Sand von guter Textur, ein bisschen Wasser dazu, sodass er sich fein schneiden lässt wie Ton – fantastisch! Aber heute wollen die Leute immer etwas kaufen. Und sie wollen, dass der Erfolg beim Spiel mühelos kommt.

Gehört denn zum Spielen auch Disziplin?
Ich würde lieber Konzentration dazu sagen. Es geht um die Stille beim Spiel.

Die Leute kaufen es, weil es einen Gegenentwurf zu den elektronischen Spielzeugen darstellt

Sie haben früher Pianos restauriert. Sind Ihre Steine den Maßen von Klaviertasten nachempfunden?
Die Plankjes sind tatsächlich genauso breit, aber das war keine Absicht.

Die exakten Maße sind: acht Millimeter dick, 24 breit und 120 lang. Haben Sie ein Faible für schöne Zahlen?
Ja, das sind wirklich schöne Zahlen, aber sie stimmen nicht. Tatsächlich sind die Plankjes 7,85 mal 23,44 mal … Aber lassen wir das. Wirklich wichtig war, das Spiel möglichst einfach zu gestalten, denn das erhöht die Kombinationsmöglichkeiten. Wenn man bei einem Spiel zu viel vorgibt, beschränkt man es.

Ein einziger Stein – ist das nicht fast zu simpel?
Etwas einfacher zu machen, ist wirklich sehr schwierig. Die Länge brauchte es, damit sich gute Strukturen ergeben. Zu lang duften die Plankjes aber auch nicht sein, sonst hätten sie ihre skulpturale Qualität verloren. Und weil es nur eine Art Stein gibt, ist der dort, wo man ihn braucht, immer zu lang, zu kurz oder zu schmal. So bleibt das Ganze ein Denkspiel, ein tiefes philosophisches Denkspiel.

Spiegelt Kapla die Sehnsucht der Menschen nach Einfachheit wider?
Zum Teil. Ich denke, die Leute kaufen es vor allem, weil es einen Gegenentwurf zu den elektronischen Spielzeugen darstellt.

Ihr Spiel hat inzwischen einige Nachahmer gefunden.
Es gibt Hunderte von Kopien.

Empfinden Sie es als Ehre, kopiert zu werden?
Absolut! Allerdings ist es ein finanzieller Nachteil. Aber am Ende sind die Kunden noch immer wieder zu uns zurückgekommen. Mit den Kopien zu spielen, das ist nichts.

Was ist denn so viel besser an Ihren Holzplättchen?
Das sind Präzisionsstücke! Ich meine, die sind nicht nur gut, die sind perfekt. Legen Sie mal ein paar davon nebeneinander. Da fühlen Sie keinen Höhenunterschied.

Wie präzise produzieren Sie?
Wenn das Wetter und die Lufttemperatur stimmen, produzieren wir auf drei hundertstel Millimeter genau.

Irgendwann färbten Sie Ihre Steine auch ein. Warum das denn?
Das unbehandelte Holz bleibt immer die erste Wahl. Aber Farben erhöhen die Möglichkeiten. In die Sonderschachteln kamen immer eine dunkle und eine helle Farbe und ein Buch mit Mustern. Die Kinder sollten die Farben nicht einfach nur so gebrauchen. Die Farben bedeuten eine zusätzliche Komplexität. Sie sind nicht nur zum Vergnügen da.

Etwas später legten Sie noch lila und rosa Steine nach – um den Markt für Mädchen zu erschließen?
Überhaupt nicht! Vorbild für mein Rosa war eine klassische italienische Fassadenfarbe, kein Barbie-Pink.

Warum haben Sie Kapla nicht patentieren lassen?
Das konnte man nicht patentieren. Nur der Markenname ist geschützt. Und die Illustrationen, die wir in unseren Büchern veröffentlicht haben. Ikea hat auch mal eine Kopie gemacht. Wir haben die angeschrieben, dass das so nicht gehe. Die haben geantwortet: Das sei doch keine Konkurrenz für uns, es werde ja nur bei Ikea verkauft. Lustig, nicht? Was die nicht wussten: Ganz am Anfang bin ich mit den ersten Exemplaren von Kapla zu Ikea gegangen, um denen mein Spiel zu verkaufen. Aber damals haben sie es nicht gewollt.

Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 3/2017 des Allianz Deutschland Kundenmagazins “1890” zum Schwerpunktthema “Kinder”. Alle bisher erschienenen “1890”-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download sowie als App für Apple-Geräte in itunes und für Android bei Google Play.

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