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      Berberaffen (Quelle: Fotolia)

      Tierreport 15. April 2015

      Affen in Elternzeit und Alphatiere im Ruhestand

      Text: Cord Riechelmann
      Foto: Fotolia
      Helfen macht glücklich. Wer sich sozial engagiert, das hat die Glücksforschung nachgewiesen, tut sich selbst genauso etwas Gutes wie den anderen Menschen. Gilt das auch im Tierreich? 

      Unbedingt! Die amerikanische Primatologin Sarah Blaffer-Hrdy geht sogar noch einen Schritt weiter. Ihre evolutionäre These ist ebenso radikal wie einfach: »Am Anfang war die Freundlichkeit.« Der Moment, als unsere Vorfahren das Miteinander entdeckten, stimulierte auch das Gehirn. Dadurch erst wurden wir Menschen. In ihrem Buch »Mütter und andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat« erzählt sie die erstaunliche Geschichte von Tiermüttern, die sich gegenseitig helfen. Die Kinder bilden dabei den sozialen Kitt, um die sich die sozialen Netze spannen.

      »Fürsorge macht also schlau«, so die Verhaltensforscherin, die die verschiedenen Helfersysteme im Tierreich untersucht hat. Bei vielen sozial lebenden Säugetieren wie Affen, Gorillas, Löwen oder Elefanten bilden die Weibchen den Kern der Gruppen. Diese »Großfamilie« bleibt immer zusammen. Ein Elefantenkalb zum Beispiel wird von Geburt an nicht nur von der Mutter, sondern auch von seinen Tanten mütterlicherseits und der Großmutter beschützt. Die Elefanten haben für ihre Kleinen sogar »Kinder­gärten« zum Spielen eingerichtet, mit einem ausgeklügelten Betreuersystem. Dabei werden auch die Teenager mit eingebunden. Die noch nicht geschlechtsreifen Weibchen sollen so spielerisch den Umgang mit den Kindern erlernen.

      Elefanten nehmen ein kühles Bad.

      Foto: Fotolia

      Elefantenherde (Quelle: Fotolia)

      Die Hierarchien werden bei Elefantenkühen über die Erfahrung herausgebildet, nicht über Stärke und Kraft. Die Leitkuh ist die mit der größten Erfahrung in allen Belangen des Gruppenlebens. Die Männer spielen, außer bei der Paarung, kaum eine Rolle im Gruppenleben. Auch bei den Löwen kümmern sich hauptsächlich die Frauen um den Nachwuchs. Löwen sind die einzig sozial lebende Katzenart, bei der die Weibchen gemeinsam jagen.

      Jeder Einsatz wird strategisch geplant: Während der Jagdzeiten gibt es einen Kinderhort, für den jeweils ein Weibchen als Aufpasserin abgestellt wird. Auch beim Säugen unterstützen sich die Mütter gegenseitig. Wie bei den Elefanten laufen alle Fäden des Clans bei der erfahrensten Löwin zusammen, die oft, aber nicht zwingend die Großmutter sein kann. Bei den Gorillas funktioniert das Zusammenleben durch ein vergleichbares Mütter-Tanten-Töchter-Großmütter-System. Matrilinien nennt die Verhaltensforschung solch stark ausge­prägte Bindungen von Koalitionen genetisch eng verwandter Weibchen.

      Ausgemusterte Alpha-Paviane

      Großväter und, wenn man so will, »Senioren« oder ausgemusterte ältere Männchen helfen bei einigen Affenarten bei der Kinderbetreuung. So bei den Dscheladas oder Blutbrustpavianen, die in riesigen Herden von bis zu 600 Tieren auf den baumlosen Wiesen des äthiopischen Hochlands leben. Das Zusammenleben ist in Harems organisiert. Die Weibchen bleiben ihr Leben lang in der Gruppe mit ihren Müttern, Tanten und Töchtern in enger Verbindung, während das Alphamännchen von einem anderen, stärkeren, abgelöst werden kann. Der amerikanische Stressforscher Robert M. Sapolsky beschreibt drastisch, was mit den ausgemusterten Strombergs passiert. Es ist für das Ego nicht leicht, ein Ex-Alphamännchen zu sein. Die Trauer abgelöster und ihrer Weibchen beraubter Pavian-Harem-Machos ist fast immer tief und endlich. Ihre vorher hellen Gesichter werden in wenigen Tagen dunkel. Sie magern ab, das Fell geht in Büscheln aus. Zurückgelassen von der Herde haben die geschwächten Männchen keine Überlebenschance.

      Die Löwenomas passen auf die Kleinen auf, wenn die Mütter auf die Jagd gehen

      Foto: Fotolia

      Löwenjungen (Quelle: Fotolia)

      Sapolsky berichtet aber auch von zwei Ausnahmen. Von einem Exchef, der sich freiwillig von seinem Amt als Alphamännchen zurückzog, sich aus allen Streitigkeiten unter den Männchen der Gruppe heraushielt und sich nur noch um die Kinder der Gruppe kümmerte und mit ihnen spielte. Ein anderer machte es ähnlich, entwickelte dabei aber eine seltsame Macke. Er grüßte jedes vorbeikommende Weibchen wie geistesabwesend mit einem hektischen Winkewinke. Vielleicht, so der Stressforscher, macht sich der Affe so unbewusst zum Affen. Die automatisch wiederholte Grußgeste ist wie eine Unterwerfung aus Angst, verstoßen zu werden. Der eigentlich ausgemusterte »Opa« darf in der Gruppe bleiben, wenn er sich um die »Enkel« kümmert. Ob er wirklich der Großvater ist, ist wegen der extremen Promiskuität unter Affen niemals sicher. Es spielt auch keine Rolle. Für die Betreuungsqualität ist die genetische Verwandtschaft unerheblich.

      Berberaffen sind Kinderversteher

      Im Vergleich zu den Pavian-Machos sind die Berberaffen regelrechte Kinderversteher. Bei der Betreuung teilen sich die Männchen die Arbeit fast zu gleichen Teilen mit den Weibchen. Schon kurz nach der Geburt entwickeln sich intensive und enge Beziehungen zu den neugeborenen Kindern, egal, ob es eigene oder fremde Kinder sind. Männchen tragen bereits wenige Tage alte Kinder, pflegen ihnen das Fell oder spielen mit ihnen.

      Die männlichen Betreuer entwickeln Präferenzen für ein ganz bestimmtes Kind und ihr zeitlicher Betreuungsanteil in den ersten drei Monaten nach der Geburt kann bis zu 50 Prozent betragen. Und gerade die älteren Männchen der Gruppe können durch spezielle Freundschaften zu den Müttern zu beliebten langjährigen Bezugspersonen werden. Wobei Sex in der Helferbeziehung keine besondere Rolle spielt, es sind häufig rein platonische Freundschaften mit den Müttern. Auch in diesem Fall ist es nicht ausgeschlossen, dass die alten Affen tatsächlich die Großväter sind. Die biologische Verwandtschaft ist aber weder eine Bedingung noch der Grund des Engagements der Alten. Uneigennützig ist es trotzdem nicht. Gute Kinderbetreuer sind bei Berberaffen hoch angesehen. Als weise Alte schlichten sie Streitfälle zwischen jungen Hitzköpfen. Solche »Großväterengagements« sind allerdings bei Säuge­tieren die Ausnahme.

      Bei den Prachtstaffelschwänzen kümmern sich die Männchen auch um fremden Nachwuchs.

      Foto: Fotolia

      Prachtstaffelschwänze (Quelle: Fotolia)

      Prachtstaffelschwänzen und der fremde Nachwuchs

      Auch bei manchen Vogelarten hat die Qualität der Betreuung wenig mit genetischer Verwandtschaft zu tun. Bei den australischen Prachtstaffelschwänzen zum Beispiel leben bis zu vier Männchen mit nur einem brütenden Weibchen zusammen. Die Herren arbeiten bei der Verteidigung des Reviers zusammen, beschützen die Küken gemeinsam und lösen sich beim Füttern ab. DNA-Vaterschaftstests australischer Ornithologen haben nun gezeigt, dass die große Mehrzahl (über 75 Prozent) der Staffelschwanzküken von Männchen außerhalb (!) der Gruppe gezeugt worden waren.

      Man braucht eine Weile, um das in seiner ganzen Tragweite zu verstehen. Da lebt ein Weibchen mit vier Männchen zusammen, die sich aufopfernd um die Kleinen gekümmert haben – doch die meisten Küken wurden von Männchen gezeugt, die nicht zu dieser Gruppe gehören! Aus der Vogelperspektive betrachtet, sieht die Sache wunderbar aus. Denn das Entscheidende ist: Die Brutpflege war erfolgreich, die Jungen sind flügge. Egal, welcher Vogel der Vater war. Und genau in diesem Sinn versteht die Forscherin Sarah Blaffer-Hrdy die Unterstützung durch andere bei der Aufzucht der Kinder: als Freundlichkeit.

      Über den Autor: Cord Riechelmann ist Biologe und Philosoph. Als Lehrbeauftragter forschte er über das Sozial­verhalten von Primaten. Der Journalist und Kolumnist ist Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt erschien von ihm das Buch »Krähen. Ein Portrait« im Verlag Matthes & Seitz Berlin.