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      Auf Spielsachen verzichten? Für die Kinder kommt das nicht infrage. (Quelle: Bert Heinzlmeier)

      Familienreport 7. März 2016

      Weniger ist schwer: Eine Familie räumt auf

      Text: Philipp Kohlhöfer
      Foto: Bert Heinzlmeier
      Bücher wie "simplify your life" versprechen, dass Entrümpeln glücklich macht. Familie Glasbrenner hat die Wegwerf-Prinzipien des berühmten Ratgebers getestet. Und erkannt, wie kompliziert das Verzichten ist.

      Und dann erst diese Eiskisten. Nicht wirklich schön. Ganz normale, schnöde aus dem Supermarkt-Tiefkühlregal, Vanille, Erdbeere, Schoko. Mal durchsichtiges Plastik, mal in Gelb gehalten. Dutzendfach im Keller zwischen alten Flaschen und Werkzeug auf einem Regal gestapelt, immer mal wieder woandershin geräumt, eigentlich immer im Weg.

      "Aber praktisch", sagt eine Stimme.
      "Müll", sagt die andere.
      "Super, wenn man was einfrieren will. Grillfleisch zum Beispiel", sagt die erste.
      "Schon klar", die zweite.
      "Wer weiß, wofür man die Kisten sonst noch benutzen kann."
      "Ja, wer weiß es? Wahrscheinlich niemand."
      "Stapelbar."
      "Im Auto stapeln und zum Müll fahren."

      K.-o.-Schlag: Richards Bruce-Lee-T-Shirt ist reif für den Altkleidersack. Ihm sollen nur drei einfarbige bleiben.

      Foto: Bert Heinzlmeier

      K.-o.-Schlag: Richards Bruce-Lee-T-Shirt ist reif für den Altkleidersack. Ihm sollen nur drei einfarbige bleiben. (Quelle: Bert Heinzlmeier)

      Einfachheit - ein Grundbedürfnis der Menschheit?

      Mittelhessen, in einem Ort, der eher Dorf ist als Kleinstadt, viel Wald rundherum, Mittelgebirge, 60 Kilometer nördlich von Frankfurt. Eine Bilderbuchfamilie, Ärztin, Betriebswirt, zwei Mädchen, vier und zwei Jahre alt. Die Glasbrenners wollen ausmisten, bewusst auf Dinge verzichten. Radikal entrümpelt werden sollen der Schrank, der Geist und der Körper. Grundlage für das Experiment ist ein Ratgeberbuch, sehr bekannt, 16 Auflagen, über zwei Millionen Exemplare verkauft, in 20 Sprachen übersetzt. Es heißt "simplify your life". Auf 388 Seiten enthält es Tipps zum Ballast-Abwerfen. Der Untertitel: "Einfacher und glücklicher leben". Der Verzichtsbibel liegt die Annahme zugrunde, dass Einfachheit ein Grundbedürfnis des Menschen ist.

      "Glaube ich nicht", sagt Richard, der Betriebswirt.
      "Ich auch nicht", sagt Stephi, die Ärztin.

      Man könne das ja mal der Natur erzählen: Augen, Doppelhelix, Innenohr, alles nicht wirklich einfach. Dazu noch Sprache und Sozialkompetenz beim Menschen. Wie man da auf Einfachheit als Lebensprinzip komme, obwohl sie nirgends angelegt sei, das würden die beiden gern erfahren. "Steht aber nicht drin", sagt Richard und wiegt das Buch in der Hand, als wolle er den Wahrheitsgehalt schätzen. Gern würde er das Experiment sofort beenden. Macht er aber nicht, seiner Frau zuliebe … verflixt. Die Eiskisten, sagt er, seien doch so etwas wie die natürliche Ordnung des Kellers, die DNA des Hauses sozusagen. "Wir haben doch noch nicht mal angefangen", sagt Stephi. Zumindest könne das Ratgeberbuch helfen, den ganzen Kram wegzuschmeißen, der sich an allen möglichen Stellen im Haus angesammelt hat.

      Nicht alle Tassen im Schrank: Das mit "Nein" markierte Geschirr darf weg. "Ja" heißt: behalten. Unklarheit besteht über den Stapel in der Mitte.

      Foto: Bert Heinzlmeier

      Nicht alle Tassen im Schrank: Das mit "Nein" markierte Geschirr darf weg. "Ja" heißt: behalten. Unklarheit besteht über den Stapel in der Mitte. (Quelle: Bert Heinzlmeier)

      "Was denn für Kram?"
      "Zum Beispiel das alte Bett."
      "Da kann man doch noch was daraus bauen."
      Stöhnen.

      Ziel des großen Aufräumens: Überprüfen, ob Verzicht wirklich Spaß oder gar glücklich machen kann. Allerdings ist die Zeit knapp. Das Wochenende soll reichen, schließlich müssen die Eltern arbeiten, die Kinder in die Kita. Die erste Entrümpelung betrifft daher das Buch selbst. Welche der 37 simplify-Ideen von "Ent-wirren Sie Ihren Arbeitsplatz" bis "Ent-krampfen Sie Ihre Beerdigung" lassen sich im Schnellverfahren zu Hause anwenden?

      "Kann das nicht weg?"

      Die Eiskisten stehen auf dem Wohnzimmertisch. Der war vorher leer, aber nur weil die Zeitschriften jetzt auf dem Boden liegen. Kann das nicht beides weg? "Im Prinzip", sagt Richard, und er findet, dass darüber jetzt genug gesprochen wurde und man vielleicht zuerst mal bei den Klamotten anfangen sollte, aber da kann gar nichts weg, findet Stephi.

      Laut Buch geht das mit der Kleidung so: Alle Sachen, die in den letzten Wochen getragen wurden, werden ganz nach links auf die Stange geschoben oder ins linke Fach gelegt. Dazu die Klamotten, die einfach nicht der Jahreszeit entsprechen, kurze Hosen etwa, da muss man in einem halben Jahr noch mal ran. Das was nicht links hängt? Das kann weg. Das zieht man angeblich sowieso nicht mehr an.

      Es dauert nicht lange und alles hängt links.
      "So funktioniert das nicht."
      "Sieht so aus."
      "Kann das nicht weg?" Stephi wedelt mit einem rosa Hemd.
      "Wenn wir das wegschmeißen, dann misten wir aber auch was von dir aus."

      Raus damit: Im Schlafzimmerschrank schlummert Verzichtbares. Im Prinzip.

      Foto: Bert Heinzlmeier

      Raus damit: Im Schlafzimmerschrank schlummert Verzichtbares. Im Prinzip. (Quelle: Bert Heinzlmeier)

      Das simplify-Prinzip wird zum lebenden Organismus

      Und so wird vor einem alten Holzkleiderschrank, Bauernmöbel, Ende 19. Jahrhundert, das simplify-Prinzip zu einem lebenden Organismus: Jeder wirft abwechselnd ein Teil des anderen weg, wenn der nicht einen guten Grund nennen kann, warum es aufgehoben werden sollte. Es funktioniert. Nach flottem Beginn dauert es aber von Teil zu Teil länger, die Diskussionen nehmen zu, die Stimmung sinkt. Nach einer Stunde ist der Kleiderschrank tatsächlich halbleer, aber zur angeblich gewonnenen Freiheit kommt auch ein ungeplanter Erkenntnisgewinn: "Guter Grund" muss vorher definiert werden.

      Dennoch: Unterm Strich finden beide, dass man so vorgehen kann. Sie sind erleichtert. Kurz. Und dann behauptet jeder, dass von ihm mehr aussortiert wurde als vom anderen. "Warum nicht mal die Kinder einbeziehen?", fragt Richard. Es ist mehr Ablenkung als echte Strategie, aber es funktioniert, weil auch Stephi nicht streiten will. Außerdem: Spielsachen gibt es so viele, da fallen ein paar weniger doch kaum auf.

      Den Kindern allerdings schon.
      Anni, die Große, findet, dass sie auf gar nichts verzichten kann. Charlotte kuckt. Anni findet außerdem, dass sie eher noch zu wenige Spielsachen hat. Denn wenn sie sich mit diesem kleinen Stoffschaf beschäftigt, dann ist doch wohl klar, dass sie auch noch zwei größere Stoffschafe benötigt, mindestens, damit das eine glückliche Schaffamilie wird. "Aber damit hast du doch seit einem Jahr nicht mehr gespielt", sagt Richard. "Ich spiele jetzt damit", sagt Anni.
      Charlotte kuckt.

      Zwei Herzen für Tiere: Anni (links) und Charlotte brauchen ihren Kuschelzoo.

      Foto: Bert Heinzlmeier

      Zwei Herzen für Tiere: Anni (links) und Charlotte brauchen ihren Kuschelzoo. (Quelle: Bert Heinzlmeier)



      Und ist dann entschieden schlecht gelaunt, als Richard auch nur in die Nähe einer Giraffe kommt, die zwischen Sofa und Wand eingeklemmt ist, um sie vielleicht … Charlotte weint. Anni stellt sich vor die Giraffe und sagt: "Nein."
      Richard stöhnt, Stephi auch. Gar nicht so einfach, eher das Gegenteil. Und Spaß, nun ja, auch nicht.

      "Warum nicht mal was Einfaches?", schlägt Stephi vor, schließlich bedeutet Simplifizierung laut Buch nicht nur, dass weggeworfen wird. Findet Richard gut, Anni auch und Charlotte freut sich. Hauptsache, die Giraffe bleibt da.
      Aber was?
      Sie blättern im Buch, bereits einigermaßen erschöpft. Es ist mehr die Suche nach dem geringsten Widerstand als nach der besten Idee.
      Da empfiehlt das Buch, ziemlich weit hinten: Lächeln Sie sich gesund!
      "Na also."
      "Das ist doch mal was."

      Gute Laune durch Lächeln - ein Placebo-Effekt

      Lächeln, 30 Sekunden, vor dem Spiegel. Angeblich kann die Simulation eines Gefühls ein Gefühl erzeugen. Bessere Laune kann nicht schaden, gut für die Gesichtsmuskulatur ist es auch. Also lächeln. Stephi und Richard lächeln vor einem Spiegel. War’s das? Gleich noch mal. Lächeln vor einem Spiegel. Vermutlich kann man nicht erwarten, dass man sich gleich beschwingt fühlt, sagen sie. Richard probiert es erneut. "Vielleicht funktioniert’s", sagt er, jetzt deutlich besser gelaunt. Placebo-Effekt? Immerhin ein Effekt.

      Die Motivation ist gestiegen, beide blättern weiter im Buch. Und entdecken Zähneputzen auf einem Bein. Stärkt die Muskulatur und vereinfacht dadurch … was eigentlich? Das Lebensgefühl? Es geht um kleine Schritte, die am Ende vielleicht den Besuch in einem Fitnessstudio verzichtbar machen sollen. Der Preis allerdings: Zähneputzen verkompliziert sich.

      Richard schlägt vor, zunächst etwas zu essen, denn einfach so Zähne zu putzen sei doch irgendwie widersinnig. Außerdem habe weiter vorn im Buch etwas im Sinne von "Entspannen Sie sich, wenn Sie zu dick sind" gestanden. Tatsächlich schlägt das Buch in einem Fall von Unzufriedenheit mit dem Körpergewicht vor, dass man sich nackt auszieht und dann vor den Spiegel stellt. Und sich einfach vorstellt, auszusehen wie eine griechische Götter­statue. Irgendwann fühle sich das dann auch so an.

      Versuchsaufbau: Richard, Stephi und Anni präsentieren, was theoretisch weg könnte ("Nein!"). Und was bleiben muss ("Ja!")

      Foto: Bert Heinzlmeier

      Versuchsaufbau: Richard, Stephi und Anni präsentieren, was theoretisch weg könnte ("Nein!"). Und was bleiben muss ("Ja!")  (Quelle: Bert Heinzlmeier)



      "Mmhh", macht Stephi und blättert weiter.
      "Wir könnten ja das hier noch machen."
      "Was denn?"
      "Stärken aufschreiben."

      Sie holt Stifte und Papier. Aufgeschrieben wird: nett, tolerant, freundlich, spendabel. Allgemeinplätze, aber was soll’s, überprüft ja keiner und macht ein gutes Gefühl. Die Frage ist allerdings, was man mit der Liste voller
      Stärken anfängt. "Keine Ahnung, steht nicht im Buch", sagt Stephi und blättert. Findet nichts. Richard knüllt den Zettel zusammen. "Und?", fragt er, "hast du Spaß?" Stephi: "Wollen wir das nicht lassen?"

      Richard nimmt die Eiskisten, lächelnd. Er trägt sie in den Keller. Als er wieder ins Wohnzimmer kommt, kümmern sich die Kinder im Spielzimmer um ihre Stofftiere und Stephi räumt den Schrank wieder ein. Das Buch liegt einsam auf dem Tisch. Richard sieht es ein letztes Mal an, dann wirft er es in den Müll. Zumindest eine Sache hat er weggeräumt.


      Dieser Text stammt aus der Ausgabe 1/2016 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" zum Themenschwerpunkt "Verzicht". Diese Ausgabe sowie alle bisher erschienenen "1890"-Hefte stehen in unserer Mediathek zum Download zur Verfügung.