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      Die Batterie der Drohne schwächelt - besser mal in Deckung gehen. (Quelle: Illustration: Noam Weiner)

      Selbstversuch 4. Oktober 2016

      Mein erster Helikopter

      Text: Markus Götting
      Illustration: Noam Weiner
      Wir haben unserem Autor eine Drohne vor die Tür gestellt mit der Bitte, sie mal auszuprobieren. Was wir nicht wussten: In Sachen Technik hat er zwei linke Hände.

      Ich war das nicht. Es gibt kaum einen Satz, den ich öfter sage; meist angesichts meiner grollenden Gattin. Wahrscheinlich sage ich ihn sogar noch häufiger als meine Kinder. Also: Neulich war in der Zeitung von einem Hobbypiloten zu lesen, der irgendwo auf den Feldern außerhalb Münchens eine Drohne steigen ließ, die fast mit einer Lufthansa-Maschine zusammengestoßen wäre. Wir reden hier übrigens von einer Beinahe-Kollision in 1500 Meter Höhe, die Polizei ermittelt in dem Fall, und bei der Beschreibung des Fluggeräts – 50 Zentimeter Durchmesser, vier Rotoren – lief mir ein Schauer über den Rücken. Ich schwöre: Ich war das nicht.

      Wir haben sogar ein Alibi. Zur fraglichen Zeit hatten mein Sohn und ich unsere Drohne zu den Nachbarn entsandt, die auf dem Balkon saßen und Zwetschgenkuchen aßen. Unser kleiner Flieger war rübergeknattert, nicht sehr diskret übrigens, denn er macht Lärm wie ein alter Industriestaubsauger. Wir können unsere Unschuld also belegen; mit Fotos vom Kuchen samt Zeitstempel und so weiter. Das war, bevor unser Quadkopter in die Hecke stürzte – und die Rotoren das Thujen-Geäst ein wenig stutzten.

      Nicht bei allen kommt so ein Drohnenflug gut an - vor allem Nachbars Thujen leiden unter den ersten Tests.

      Illustration: Noam Weiner

      Bei den Nachbarn kommt der Drohnenflug weniger gut an. (Quelle: Illustration: Noam Weiner)

      Für Robi, wie mein Sohn Maxi die Drohne nennt, also Robi im Sinn von Robocopter, ist der Absturz übrigens glimpflich ausgegangen. Wäre auch ein Desaster gewesen. Robi, der in Wahrheit DJI Phantom 4 heißt, kostet nämlich knapp 1500 Euro – da will man für einen Totalschaden nicht verantwortlich sein.

      Die Drohne ist kein Spielzeug

      Phantom 4, das klingt angemessen mysteriös, aber noch wesentlich geheimnisvoller sieht der Styropor-Koffer aus, in dem das Gerät geliefert wurde. So stelle ich mir Behältnisse vor, in denen Uran aus der Ostukraine eingeschmuggelt wird. Mein Sohn Maxi ist jetzt sieben, und als das Phantom Robi bei uns einzog, stritt er mit seiner zehnjährigen Schwester Linda darum, bei wem die Drohne die erste Nacht im Bett schlafen würde. Dabei hatte ich noch die mahnenden Worte des DJI-Produktmanagers im Kopf: "Denken Sie daran: Unsere Phantom 4 ist kein Spielzeug." Er meinte weniger das Risiko, einen voll besetzten Airbus vom Himmel zu holen, sonder eher: Die Phantom, das ist Serious Business für Fotografen und Filmemacher, die mit der stabilisierten und schwenkbaren Kamera sagenhafte Luftaufnahmen macht. Fernsehtauglich, kinoreif.

      Aber natürlich ist diese Drohne am Ende beides, professionelles Arbeitsgerät, schon klar, aber auch ein fantastisches Gadget für ein Vater-Sohn-Wochenende. Toys for Boys halt. Wir hatten sie zunächst in der Münchner Suburbia ausprobiert, in einem Dörfchen namens Großdingharting, am Rande einer Weide mit Pferden, die solche Säcke auf dem Kopf trugen, wie SEK-Beamte sie Terrorverdächtigen drüberziehen. Inzwischen weiß ich, dass solche Säcke die Pferde vor lästigen Mücken schützen, allerdings auch ihr Sehvermögen solcherart beeinträchtigen, dass sie ganz schön nervös wurden durch das Gesumme und Gebrumme unserer Drohne. Quasi Riesenmücke. Und am Ende wurde der Bauer, dessen Hof wir offensichtlich überflogen, ebenfalls ziemlich nervös und jagte uns davon. Maxi protestierte noch kurz, ich aber sagte einsichtig: "Lass uns lieber abhauen, du weißt nie, ob dieser Typ nicht auf uns schießt."

      Was die Pferde scheu macht, macht den Bauer sauer. Da heißt es besser: Abflug!

      Illustration: Noam Weiner

      Drohnen scheuchen Pferde auf. (Quelle: Illustration: Noam Weiner)

      Immerhin hatten wir eine gute Viertelstunde unseren Spaß gehabt. Es war mir gelungen, die Hochspannungsleitungen zu über- und unterfliegen und das Gerät nicht im Wald zu versenken. Maxi war der Drohne hinterhergelaufen und hatte sich regelmäßig im hohen Gras überschlagen, weil er nur aufgeregt in die Luft geglotzt hatte statt nach vorn und deshalb ins Stolpern geriet.

      Systemchecks wie bei "Top Gun"

      Für mich fühlte es sich ein wenig wie bei "Top Gun" an. Bevor du so eine Maschine startest, kannst du tatsächlich, ja musst du schon fast, einen umfangreichen Systemcheck durchführen. Das Fernsteuern der Drohne wird mit dem Telefon gekoppelt und über Knöpfe und eine App bedient. Das Telefondisplay verwandelt sich in ein Cockpit; man checkt den sogenannten Aircraft Status inklusive der Kompassdaten, des GPS-Signals, der Sichtsensoren. Wenn alles so weit bingo ist, erscheint ein grüner Balken in der App: "Safe to Fly". Ein Fingerwischer nach rechts, schon springen die Rotoren an, Steuerknüppel nach vorn, und die Drohne hebt ab.

      "So eine Drohne kann einem eine Menge unangenehmer Überraschungen ersparen"

      Im Prinzip ist sie ja ein sehr teures, aber auch extrem cooles ferngesteuertes Flugzeug; eines, das angeblich fünf Kilometer weit fliegen kann. Und es versteht sich von selbst, dass wir das nicht ausprobiert haben. Da kannst du noch so gut Allianz versichert sein. Praktisch ist das Ding natürlich auch. In der Landwirtschaft werden Drohnen dieser Art zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt, aber auch zur Ackerkontrolle. Ein Aufklärungsflugzeug im besten und zivilen Sinn. Und das war für mich ja der eigentliche Reiz. Wir verbringen unsere Wochenende nämlich gern in Tirol, und ich dachte, man könnte also mal kurz zum Hahnenkamm hochfliegen und schauen, ob auf unserer Lieblingshütte so viel los ist, dass es sich lohnen würde, mit der Gondel hinaufzufahren. Oder man knattert rüber zum Schwarzsee, um zu checken, ob es noch freie Parkplätze gibt und ausreichend Liegefläche auf der Wiese im Seebad. So eine Drohne, richtig eingesetzt, kann einem eine Menge überflüssiger Wege und unangenehmer Überraschungen ersparen.

      Die Drohne hat auch ihre Vorzüge, zum Beispiel im Einsatz als Ausspäher für beliebte Ausflugsziele.

      Illustration: Noam Weiner

      Die Drohne hat auch ihre Vorzüge, zum Beispiel im Einsatz als Ausspäher für beliebte Ausflugsziele. (Quelle: Illustration: Noam Weiner)

      Der Herr von DJI hatte mich allerdings vorab auch auf Lappalien wie Persönlichkeitsrechte hingewiesen, was insofern ein wenig schade ist, weil ich doch gern mal zu Fiona Swarovski in den Garten rübergejettet wäre oder zu Maria Riesch oder zu Hansi Hinterseer; wir haben da ja allerhand interessante Menschen in der Nachbarschaft. Spätestens bei dem Typ, der im Vorstand eines Rüstungskonzerns sitzt, sollte man eher vorsichtig sein. Nachher holt der unsere Phantom noch vom Himmel.

      Drohnenfliegen vermittelt ein Gefühl der Überlegenheit

      Die Welt von oben zu betrachten vermittelt ein enormes Gefühl der Überlegenheit. Über den Dingen stehen. Vogelperspektive. Alles wird plötzlich so klein. In unserem Bergdorf sind Maxi und ich rüber auf die große Wiese gegangen, um im Fall eines erneuten Absturzes Verletzungen Unbeteiligter zu vermeiden. Linda hatte da schon das Interesse verloren. "Soll sie doch Armbänder knüpfen", meinte Maxi, dann rannte er wieder wie ein Hund seinem fliegenden Freund nach. Ich ließ die Drohne Richtung Wilder Kaiser sausen, drehte dann aber in einem scharfen Bogen ab und flog auf das Schloss auf der anderen Straßenseite zu, dessen Dach wir Silvester schon mal versehentlich mit Feuerwerksraketen beschossen hatten. Diesmal kamen wir in friedlicher Absicht.

      Inzwischen waren auch die Kinder aus den umliegenden Häusern auf die Wiese gekommen, um unseren Flug zu bestaunen. Joa zefix, sagte so ein Knirps, klammerte sich an die Hand seiner Oma und schaute in den Himmel. Joa zefix. Das ist die Tiroler Version von: ey boah, Alter!

      "Kaum ist die Drohne 100 Meter entfernt, verliert man das Gefühl für unten und oben, für rechts und links"

      Das Interessante ist: Je weiter das Feld, je freier die Fläche, umso leichter verliert man als – nun ja, Pilot – die Orientierung. Keine Ahnung, wie schnell im Sinn von km/h die Drohne tatsächlich ist – mir war sie fast ein wenig zu rasant. Kaum ist sie 100, vielleicht 200 Meter entfernt, verlässt einen als Anfänger das Gefühl für unten und oben, für rechts und links.

      In solchen Momenten kann man sich gut vorstellen, was in Piloten vorgeht, die einen Airbus steuern. Und in jenem, der plötzlich auf seinem iPhone-Display ein Verkehrsflugzeug sieht. Insofern kann ich die Diskussionen um Drohnen komplett nachvollziehen. Für alles brauchst du in Deutschland einen Schein: fürs Mofa, zum Angeln, sogar um einen Golfplatz zu betreten. In der Tat ergibt es da Sinn, Drohnenpiloten zunächst mal auszubilden, zumindest auf ein paar Flugstunden zu verpflichten. Oder wenigstens ihre Spielzeuge technisch so zu limitieren, dass sie keinen Schaden anrichten können. Kann doch nur eine Frage von Sensoren und Software sein.

      Ich steuerte jedenfalls Phantom-Robi über die Landstraße auf Kirchberg zu, überflog dabei den Golfplatz und glaubte, auf dem Telefonbildschirm einen älteren Herrn im Poloshirt zu erkennen, der drohend seinen Schläger nach oben richtete. Maxi war längst ermattet ins Gras gesunken und schaute der Drohne bloß noch hinterher, als ein mir bis dahin unbekanntes Signal leuchtete: Weak Battery. Au weh!

      Eine Drohne zu fliegen ist gar nicht so einfach, wie Markus Götting feststellen muss.

      Illustration: Noam Weiner

      Eine Drohne zu fliegen ist gar nicht so einfach. (Quelle: Illustration: Noam Weiner)

      Panic-Button verhindert das Armageddon

      Ich begann zu schwitzen. Der Orientierungsverlust war ja mein geringstes Problem. Was, wenn Robi schlappmacht wie Maxi? Und vor allem: Wie viel Zeit blieb mir noch? Von Weak Battery zu Dead Battery? Ich schob den Steuerknüppel der Fernbedienung nach rechts, nach links, vor und zurück, aber die Drohne schien ihre Position nicht wesentlich zu ändern. Dann fiel mir der Knopf mit dem H im Kontrollgerät wieder ein, die sogenannte Coming-Home-Funktion. Das ist eine Art Panic-Button für Leute mit massiver technischer Überforderung. Ich drückte auf das H und wartete. Unsere Drohne schien nicht näher zu kommen. Ich sah zu ihr rüber und dachte daran, was dereinst wohl geschieht, wenn sich unsere Geräte gegen uns wenden. Wenn aus autonomem Fahren das Autonomiestreben einer Maschine wird; unser Quadkopter jedenfalls schien sich einen Dreck um meine Befehle zu kümmern. Oder war er einfach nur trödelig? Ich sah batteriemäßig die Zeit runterticken und die Drohne aus allen Wolken fallen. Drückte die H-Taste, drückte sie hart. Nach einer ganzen Weile drehte das Maschinchen bei, folgte dem Lockruf seiner Basis, steuerte auf uns zu, kreiste noch einmal über meinem Kopf, bevor es sich sanft senkrecht ins Gras fallen ließ.

      Armageddon war ausgefallen, zumindest für dieses Mal. Maxi legte sich neben seinem Freund Robi auf die Wiese. Wartete, bis die Rotoren zum Stillstand gekommen waren, und streichelte ihm dann sachte den Bauch.


      Dieser Text stammt aus der Ausgabe 4/2016 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" zum Schwerpunktthema "Fliegen". Alle bisher erschienenen "1890"-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download.

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