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      Schädlingsbekämpfung (Quelle: Norman Konrad)

      Schädlingsbekämpfung 24. April 2015

      Der Rattenfänger von Hameln

      Text: Kerstin Leppich
      Foto: Norman Konrad
      In Sachen Ratten vertraut Hameln auf Ralf Schmidt. Der Kammerjäger zeigt uns seinen Arbeitsalltag und erklärt, weshalb die Stubenfliege das ekelhafteste Insekt von allen ist.

      Schmidt, 48 Jahre alt, dunkelblond, kann Karate, weiß alles über Gifte und kennt seine Feinde genau: Mus musculus alias Hausmaus. Rattus norvegicus alias Wanderratte. Er weiß, wo sie sich aufhalten. An diesem Morgen kriecht Schmidt in Jeans und Hemd auf allen vieren auf dem Boden im Büro eines Supermarktes herum. Er lugt unter die Regale, drückt sich in Ecken. »Ich muss wie eine Ratte denken«, sagt er, der Rattenfänger von Hameln.

      Von wegen Märchen - Ein Geschäft mit Ekel, Gefahr und Angst

      Schmidt zieht eine schwarze Schachtel unter dem Regal hervor. Darin sein erstes Opfer an diesem Morgen: eine kleine Mäuseleiche, grau-braun, spitze Nase, geschlossene Augen. Ein unschuldiges Stillleben. Im Angesicht des Todes agiert Schmidt routiniert. Er wechselt den angeknabberten Giftbeutel und steckt die Maus in eine Mülltüte, später wird er sie entsorgen.

      Schmidt steht in langer Tradition. Im Jahr 1284 hat der Sage nach der Rattenfänger von Hameln mit seinem Pfeifenspiel die Ratten aus der Stadt und in die Weser gelockt, wo sie ertranken. Als die Ratsherren ihm seinen versprochenen Lohn verweigerten, nahm der fremde Mann bittere Rache. Während die Bürger in der Messe waren, lockte er mit seinem Pfeifen die Kinder der Stadt. 130 Jungen und Mädchen folgten ihm und verschwanden spurlos.

      Die Kinder kehrten nie zurück. Was man von den Ratten nicht behaupten kann. Hameln erneuert derzeit die Abwasserkanäle. »Da wird die eine oder andere Ratte aufgescheucht«, sagt Schmidt. Ratten können auch schon mal über selten benutze Toiletten ins Haus eindringen. »Deckel offen lassen«, rät Schmidt, »damit der Ratte nicht der Rückweg abgeschnitten wird.« Denn Ratten haben Angst vor den Menschen.

      »Mäuschen« ist ein Kosename, »Ratte« ein Schimpfwort

      Im Supermarkt macht eine Verkäuferin Druck: »Und wenn uns das Vieh in den Verkaufsraum läuft?« Erst gestern sei eine im Büro an ihr vorbeigehuscht. Der Kammerjäger verspricht, Schlagfallen aufzustellen. »Ein paar Mäuschen wären ja nicht schlimm, aber eine Ratte …«

      »Mäuschen« ist ein Kosename, »Ratte« ein Schimpfwort. Ratten sind eklig, gefährlich, machen Angst. Vielleicht hat sich deshalb die Rattenfänger-Sage über die ganze Welt verbreitet. Geschätzt eine Milliarde Menschen kennt die Geschichte aus der Schule, aus Filmen, Opern oder der Werbung. 2014 schaffte es der Rattenfänger auf die Liste des immateriellen Kulturerbes.

      Auch wenn es hier nach purer Chemie aussieht: In Sachen Gift bevorzugt Ralf Schmidt ökologische Mittel

      Foto: Norman Konrad

      Ralf Schmidt (Quelle: Norman Konrad)


      Ähnlich globalisiert ist auch die Wanderratte selbst. Auch sie hat sich weltweit verbreitet und die zu den Zeiten des historischen Rattenfängers verbreitete Hausratte an den Rand des Aussterbens gebracht. Wanderratten sind intelligente und soziale Tiere, die in hierarchisch organisierten Gruppen von 20 bis 60 Tieren leben. Unbekannte Nahrung fressen zunächst die jungen Tiere. Geht es den Vorkostern hinterher schlecht, rührt die Gruppe die Futterquelle nicht an.

      Deswegen wirkt modernes Rattengift zeitverzögert. Cumarinderivate heißen die Stoffe, die beim Menschen zur Blutverdünnung eingesetzt werden. Hoch dosiert sind sie tödlich, aber erst nach Tagen. Die Tiere verbluten dann innerlich.

      Pfeifenspiel hilft nicht

      Weil sich der Todeskampf über Stunden hinzieht, sind die Mittel umstritten, die EU überprüft gerade ihre Zulassung. Allerdings fehlt es an wirkungsvollen Alternativen. Sieht Schmidt ein Tier im Todeskampf, holt er mit dem Spaten zum gezielten Schlag aus. »Das geht schneller und ist humaner«, sagt er.

      Pfeifenspiel jedenfalls hilft nicht. Wissenschaftler haben das tatsächlich untersucht. Es lockt höchstens Touristen an. Während die Stadt mit dem Rattenfänger wirbt, ist Schmidts Programm die Diskretion. »Ich muss mich hier wie ein Handwerker geben«, sagt er. Während er vor der Kühltruhe hockt und nach Schaben sucht, greift der Kunde neben ihm nach einer Tiefkühlpizza. Es ist Schmidts Selbstverständlichkeit, die wie ein Tarnumhang wirkt.

      Ralf Schmidt, Kammerjäger. Den Schutzanzug braucht er vor allem im Sommer, zur Floh-Saison

      Foto: Norman Konrad

      Schädlingsbekämpfung (Quelle: Norman Konrad)


      Seine Auftraggeber schätzen sein dezentes Auftreten, weil ihnen ihr Ungeziefer peinlich ist. Beim ersten Anruf unterdrücken sie noch gern die Nummer. Erste Frage: Müssen Sie das dem Gesundheitsamt melden? Zweite Frage: Kommen Sie mit Werbung am Auto? Nein, kommt er nicht. Sein roter Kleinwagen ist unauffällig.

      Im Sommer, wenn die Flöhe Saison haben, wirft sich Schmidt in seine Kampfmontur: Gasmaske, Schutzanzug, Gummistiefel, Handschuhe. Dann holt er seine Giftspritze hervor. Früher wurde prophylaktisch gegen Insekten gesprüht, heute wird erst geprüft, ob welche da sind. Früher durften alle möglichen Gifte verwendet werden, heute bevorzugt Schmidt ökologische Mittel.

      Von Schädlingsmitteln aus dem Baumarkt hält Schmidt nicht viel: »Je billiger, umso giftiger. Und dann wundern sich die Leute, dass sie Kopfschmerzen bekommen.«

      Über Umwege zum Kammerjäger geworden 

      Schmidt macht seinen Job seit gut 20 Jahren. Gelernt hat er Großhandelskaufmann, dann im Tierschutz gearbeitet. Der Wechsel fiel ihm trotzdem leicht. Über das Töten habe er sich als junger Mann noch nicht so viele Gedanken gemacht. Damals, als er als Angestellter anfing, galt noch das Prinzip Learning by Doing. Eine reguläre Ausbildung gibt es erst seit Mitte der 1990er-Jahre. Schmidt absolvierte sie und übernahm nach einigen Jahren den Betrieb.

      Mehrmals im Jahr wird Schmidt zum Geisterjäger. Dann rufen Menschen an, die Hilfe benötigen. Sie hätten Juckreiz, überall auf ihrer Haut krabbele es. Die Menschen leiden, aber nicht unter echten Quälgeistern, sondern unter der Angst vor ihnen. »Meist erkennt man Schädlingswahn daran, dass die beschriebenen Symptome nicht zusammenpassen«, sagt Schmidt, »es gibt ja nur wenige Tiere, die Menschen als Wirt nutzen.« Viel machen könne er da nicht. »Eigentlich bräuchten diese Leute psychologische Hilfe. Ich kann nur hoffen, dass sie einen Arzt konsultieren.«

      Mehrmals im Jahr wird Schmidt zum Geisterjäger

      Ekel kennt Schmidt nicht. »Sonst hätte ich diesen Job nicht so lange durchziehen können.« Überhaupt sei vieles kulturell bedingt. »Die Fliege zum Beispiel ist bei uns ja ein akzeptiertes Tier. Dabei ist sie unter den Insekten der schlimmste Hygieneschädling überhaupt. Sie legt ihre Eier in Kot und hat das größte Viren- und Bakterien­potenzial aller Insekten.« Jetzt verzieht Schmidt doch den Mund.

      Da war ihm sein Felix schon viel lieber. Felix stammte aus dem Labor, konnte fauchen und machte nicht viel Mist. Die acht Zentimeter große Madagaskar-Schabe war neben Hund und Kaninchen das Haustier der Schmidts.