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      Eine Schutzmaske, wie Lackierer sie tragen, könnte gegen Heuschnupfen helfen. Aber unter Leute kann man so auch nicht gehen (Quelle: Sammy Hart)

      7. April 2017

      Pollenfluch

      Text: Wäis Kiani
      Foto: Sammy Hart
      Wer nicht selbst von Heuschnupfen betroffen ist, macht sich keine Vorstellung, wie schlimm so eine Allergie sein kann. Unsere Autorin kämpft seit 20 Jahren dagegen an. Eine persönliche Leidensgeschichte.

      Der Heuschnupfen kam, da war ich 16 oder 17. Ich radelte im Frühsommer mit nackten Beinen durch ein saftig begrüntes Waldstück und hatte danach stundenlang Niesanfälle, Augenjucken und eine triefende Nase. Meine nackten Beine in Shorts waren übersät mit roten geschwollenen Flecken, die entsetzlich juckten. Sie sahen aus wie Masern und fühlten sich auch so an.

      Ich wusch mich mit klarem Wasser, und am nächsten Tag waren sie fast verschwunden, es juckte aber weiter munter vor sich hin. Von da an jedes Jahr im Frühling das Gleiche: brennende Augen, juckender Rachen und Gehörgang – so schlimm, dass ich mir am liebsten eine Flaschenreinigungsbürste hineinschieben wollte, um einfach nur zu kratzen, zu kratzen und richtig zu kratzen.

      So ein Heuschnupfenschub fühlt sich an wie eine schlimme Grippe. Man ist dauerverschnupft, hat eine rote laufende Nase, muss ständig niesen, und der Kopf fühlt sich schwer an. Zu allem kommt eine ruinierte Optik: eine geschwollene, wunde Nase und gerötete Schweinsäuglein. Um mein Leid zu lindern, gab mir mein Vater ein Antihistaminikum namens Cetirizin.

      Heuschnupfenattacken kommen ohne Vorwarnung

      Ich weiß nicht, vielleicht hätte mich mein Vater, der zwar ein ausgezeichneter Kinderarzt, aber nicht unbedingt ein guter Allergologe ist, gleich zu einem Spezialisten schicken sollen. Aber als Kinderarztkind geht man nie zum Arzt, das ist bis heute noch so. Ich reagiere richtig verärgert, wenn ich meinen Vater wegen einer Grippe anrufe und er sagt: "Geh zum Arzt!" Und ich: "Wie? Zu einem Arzt da draußen?" Wenn er mich zum Arzt schickt, weil er keine Ferndiagnose am Telefon stellen möchte, dann ist es etwas Ernstes.

      So ein Antihistaminikum nimmt man selten prophylaktisch ein, sondern erst, wenn man ohne Vorwarnung an einen frisch gemähten Rasen gerät. Es hilft dann nach etwa einer Stunde. Wenn nicht, muss man zu Cortison ­Tabletten greifen. Ändern auch die nichts, zum Beispiel nach einem Bienenstich, dann gibt es eine schöne Cortison­ Spritze. Die hilft immer. Aber bei einer Heuschnupfenattacke, egal wie dramatisch, bekommt man die nur selten, da kann ich meinen Vater an flehen, wie ich will: "Nein, man kann sich doch nicht dauernd Cortison spritzen."

      Ein Heuschnupfenschub fühlt sich an wie eine schlimme Grippe. Man ist dauerverschnupft, hat eine rote laufende Nase, muss ständig niesen, und der Kopf fühlt sich schwer an.

      Foto: Sammy Hart

      Ein Heuschnupfenschub fühlt sich an wie eine schlimme Grippe. Man ist dauerverschnupft, hat eine rote laufende Nase, muss ständig niesen, und der Kopf fühlt sich schwer an. (Quelle: Sammy Hart)

      Irgendwann schickte mich mein Vater doch zu verschiedenen Allergologen, die aber zu meiner Verwunderung keine große Hilfe waren. Es gab noch mehr riesige Tuben diverser Salben und Cremes, aber ansonsten hatten die nichts, um mich zu erlösen. Es war immer das gleiche Ritual: Ich erzählte, dann musste ich mich ausziehen (was mir bei jüngeren Ärzten sehr unangenehm war), damit sie meine Kniekehlen und Armbeugen mit einer großen Lupe betrachten konnten. Danach schüttelten sie den Kopf und sagten, es wäre ein Jammer, aber ich wäre selbst schuld, denn ich würde kratzen. Dann wurde ich erst richtig sauer.

      Irgendwann fragte ein Allergologe, ob man bei mir denn schon mal einen Allergietest durchgeführt hätte? Mittlerweile ging mein Heuschnupfen in Asthma über, was der Grund war, warum ich ihn aufgesucht hatte – er behandelte Allergien und Asthma! Schwer schnaufend schüttelte ich den Kopf. Er wunderte sich.

      Der Allergietest bringt Gewissheit

      Seine Assistentin malte mir mit Kugelschreiber ein Raster auf den Unterarm und stach in jedes Kästchen mit einem anderen Allergie­-Auslöser. Wenige Minuten später bildeten sich deutliche Beulen bei: Gräsern. Und bei: Pollen. Und: Birke. Und bei Muscheln und Nüssen. Kleinere Beulen bei Katze und bei Hund. Der Arzt belehrte mich: Nie sollte ich nach einem Ausflug in die Natur mit der gleichen Kleidung in mein Schlafzimmer oder in mein Bett gehen. Ich sollte mich abduschen, frische Sachen anziehen und die alten Kleider waschen.

      Die ärztlich verordnete Textilpflege half nicht. Waschen brachte keine Linderung. Meine Mutter verzichtete meiner Haut zuliebe schon lange auf Weichspüler, weshalb meine Sachen immer steif und kratzig von der Leine kamen und auf den Krusten scheuerten. Frische Wäsche? Ein Albtraum.

      Der Arzt schlug mir eine Desensibilisierung vor. Ein Prozess, der drei Jahre lang dauern und aus Spritzen in immer länger werdenden Intervallen bestehen sollte. Erst täglich, dann wöchentlich, und später monatlich. Es sollte genau das gespritzt werden, wogegen man allergisch ist, und mit der Zeit würden die Symptome abklingen. Drei Jahre lang. Ich ging in mich und erkannte ehrlich: Nein, ich bin nicht die Person, die in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten und Jahren bei diesem Arzt auftauchen kann.

      „Die ärztlich verordnete Textilpflege half nicht. Frisch Wäsche? Ein Albtraum!"

      Ich wählte die Desensibilisierung mit Tabletten. Die erste Tablette musste ich unter Aufsicht des Arztes nehmen, denn ich hätte einen Allergieschock erleiden, umkippen und sterben können. Ich nahm die Tablette, schluckte sie und wartete auf einem Stuhl vor dem Arzt sitzend auf den Tod. Er kam nicht, stattdessen kribbelte alles, sogar die Fingerspitzen.

      Einige Tage später musste ich nach Zürich zurückfliegen und nahm meine Tablette nicht. Ich hatte Angst, umzukippen und nicht gefunden zu werden. Ich flog also ohne Tablette und nahm sie danach auch nie wieder. Seltsamerweise ist mein Heuschnupfen seitdem fast verschwunden. Er kommt nur noch für ein paar Tage im April und setzt mich außer Gefecht. Verbietet mir Dates, Meetings, Sex, Interviews und Fotoshootings. Wenn ich an einem frisch gemähten Rasen vorbeikomme oder länger in einem Baumhaus sitze, geht es mir allerdings einige Stunden sehr schlecht. Aber auf Baumhäuser kann man ja verzichten.

      Einmal mitten in einer blühenden Wiese stehen – für unsere Autorin ein unerfüllbarer Traum. Mit Rücksicht auf ihre Gesundheit organisierten wir daher eine Fototapete.

      Foto: Sammy Hart

      Einmal mitten in einer blühenden Wiese stehen – für unsere Autorin ein unerfüllbarer Traum. Mit Rücksicht auf ihre Gesundheit organisierten wir daher eine Fototapete. (Quelle: Sammy Hart)

      In meiner Handtasche findet sich immer ein kleines Töpfchen kortikoidfreie Basissalbe, das ich mit einer Riesentube zu Hause immer nachfülle. Dazu eine kleinere Tube für die Hände. Die besten Cortison­Salben gibt es allerdings in Spanien, noch dazu rezeptfrei. Von dort importiere ich gleich zwei verschiedene, eine für harte Fälle und eine leichtere für bessere Tage. Ebenfalls immer dabei sind drei Sorten Antihistaminika: Cetirizin, Fexofenadin und Ketotifen, das mir mein Zürcher Dermatologe verschrieben hat. Leider macht das so müde, dass ich noch am nächsten Tag neben der Spur bin. Da ist bestimmt Valium drin oder Schlimmeres.

      Zum Glück kann ich meinen Job machen, ohne das Haus verlassen zu müssen. Ich kann arbeiten, solange sich meine Finger bewegen und mein Gehirn funktioniert. Dem ein oder anderen Mann musste ich eine Schreibblockade vortäuschen, um das Date mit ihm absagen zu können. Die Wahrheit ist: Ich habe nie Schreibblockaden, aber Männer stehen darauf, sich vorzustellen, wie sich die Schriftstellerin durch ihre Texte kämpft. Es klingt so herrlich intellektuell. In Wahrheit liege ich mit fettiger Salbenhaut und von Tabletten benebelt im Bett und trinke abgekochtes Wasser, um mich von innen von den Giftstoffen zu reinigen.

      Heuschnupfen ist zum heulen – und schneuzen

      Bald geht es wieder los, ich weiß nicht, wo und wann es mich erwischen wird, denn der Heuschnupfen kommt ohne jegliche Vorwarnung. Es kann bei einem Interview passieren, bei einer literarischen Diskussion auf der Bühne oder bei einem romantischen Dinner: Unvermittelt breche ich in Tränen aus und muss mich bremsen, nicht ins Tischtuch zu schneuzen.

      In den letzten Jahren war es nicht mehr so schlimm, aber das kann sich jederzeit wieder ändern. Oft sitze ich im Sommer irgendwo auf einer schön bepflanzten Dachterrasse mit Freunden, das Leben scheint perfekt, bis einer dieser weißen Pollenwuschel vorbeigesegelt kommt, so leicht, so zart, so unschuldig. Niemand beachtet ihn, nur mir läuft es kalt den Rücken hinunter. Ich stürze von meinem Platz und renne in die Wohnung, in Sicherheit, und bleibe drinnen sitzen, zitternd vor Angst, als hätte ich ihm ins Gesicht gesehen, dem Tod persönlich.


      Wäis Kiani ist Journalistin und Schriftstellerin. Zuletzt erschien bei Piper ihr Buch "Die Susi-Krise. Warum Frauen keine Männer mehr brauchen und sich jetzt langweilen".


      Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 2/2017 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" zum Schwerpunktthema "Bunte Welt der Wiese". Alle bisherigen "1890"-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download sowie als App für Apple-Geräte in itunes und für Android bei Google Play.