Suchen
      • Suchen
      In Polen kostet ein Pflegeplatz viel weniger als in Deutschland. (Quelle: Enno Kapitza)

      Alterspflege 13. Mai 2015

      Zabełków: Zu Gast beim Nachbarn

      Text: Katharina Fuhrin
      Foto: Enno Kapitza
      Immer mehr deutsche Rentner zieht es zur Alterspflege in den Osten. In Zabełków gibt es bezahlbare Heimplätze, deutsches Fernsehen und "La Bamba" - und Dallmayr prodomo, so viel man möchte.

      Emmi Kirchner trägt die weißen Haare vorn kurz abgeschrägt und hinten durchgestuft. "Gut siehst du aus, Mutter!", sagt ihr Sohn Berthold, der sie das letzte Mal vor einem halben Jahr gesehen hat. Die 82-Jährige geht neuerdings regelmäßig zum Friseur. Sieben Euro kostet ein Haarschnitt. Die kann sie sich wieder von ihrer eigenen Rente leisten.

      Emmi Kirchner aus Bayern lebt seit Herbst 2013 in der "Seniorenresidenz an der Oder" – nicht in Frankfurt, sondern sehr viel weiter südöstlich im oberschlesischen Zabełków, Polen, nahe der tschechischen Grenze. 40 Bewohner hat das Heim. Die Älteste hier ist 92, die drei Jüngsten 69. Manche haben Parkinson, viele sind dement, einige hatten in der Vergangenheit Alkoholprobleme. Und sie alle sind auf der Suche nach einem bezahlbaren Pflegeplatz zu Auswanderern geworden.

      Emmi Kirchner mit ihrem Sohn Berthold und der Enkelin Lea. Die beiden besuchen sie das erste Mal, seit Frau Kirchner im August 2013 in die Residenz kam.

      Foto: Enno Kapitza

      Emmi Kirchner mit ihrem Sohn Berthold und der Enkelin Lea. Die beiden besuchen sie das erste Mal, seit Frau Kirchner im August 2013 in die Residenz kam. (Quelle: Enno Kapitza)

      Die Voraussetzung dafür schuf Werner Gratza, ein Unternehmer, der im Ruhrgebiet bereits ein gutes Dutzend Altenheime hochgezogen hat. Als Trockenbauer, im Auftrag eines regionalen Trägers. Irgendwann kam er auf die Idee, seine eigene Residenz zu bauen. Für Deutsche, nach deutschem Standard. Aber nicht in Deutschland, sondern in seiner Heimat Polen, wo er ohnehin noch ein Baugrundstück hatte. Von seinem Schwiegersohn, einem Unternehmensberater, ließ er sich sein Konzept durchrechnen. Die Erfolgsformel aber ist denkbar einfach. "Mit 1300 Euro Rente können sich die Deutschen einen Heimplatz für 3300 Euro nicht leisten", sagt Gratza. "In Polen ist es ganz genauso: Mit 1300 Złoty Rente kann ich kein Heim für 3300 Złoty bezahlen. Jetzt rechnen Sie aber mal um." 1300 Euro Rente entsprechen ungefähr 5200 Złoty. "Und schon haben Sie in Polen Ihren Heimplatz", sagt Gratza.

      Dallmayr prodomo, so viel man möchte

      Wie ein Raumschiff steht die Residenz in dem etwas schmucklosen Durchfahrtsdörfchen Zabełków. Es ist das größte, neueste, schönste Haus im Ort, ein heller Bau, umgeben von Feldern und einem hübschen Garten mit Zaun. Ein Weg führt zur nächsten Straße, auf der die Lastwagen entlangrauschen. Wenn Wilhelm Theuer spazieren geht, kehrt er an dieser Stelle um. Er muss auf sich aufpassen, seiner Frau zuliebe. Seit ihrer Hochzeit 1952 haben die Theuers jeden Tag gemeinsam mit einem Kuss begonnen, fast 50 Jahre lang in derselben Wohnung in der Nähe von Hanau. Nach Else Theuers Schlaganfall 2010 trennten sie plötzlich zehn Kilometer. Halbseitig gelähmt und stark sprachgestört kam sie in ein Pflegeheim. Obwohl er sich nichts sehnlicher wünschte, als zu ihr zu ziehen. "Das Geld reichte nicht für einen zweiten Heimplatz", sagt Theuer.

      Pflegeleiterin Latifa Dehbi kann sich mit ihrem Team intensiver um Bewohner kümmern als einst in Deutschland.

      Foto: Enno Kapitza

      Alterspflege in Polen: Des Pudels Kern: Pflegeleiterin Latifa Dehbi kann sich mit ihrem Team intensiver um Bewohner kümmern als einst in Deutschland (Quelle: Enno Kapitza)

      Zumindest nicht in Deutschland. Nachdem er einen Fernsehbeitrag über Zabełków gesehen hatte, zogen die Theuers – er 88, sie 83 – im Oktober 2013 zusammen nach Polen. 1200 Euro zahlen sie hier pro Person jeden Monat, plus jeweils 100 Euro Einzelzimmeraufschlag. Das ist deutlich mehr, als ein durchschnittlicher Heimplatz in Polen kostet, aber dafür verfügt er über zahlreiche Importe aus der Heimat: "Probieren Sie mal den Kaffee, wie gut der hier schmeckt", sagt Wilhelm Theuer. Dallmayr prodomo, so viel man möchte. Ein Taschengeld von umgerechnet 100 Euro für jeden ist auch schon inklusive. Für einen Friseurbesuch reicht das locker.

      "Ich habe kein schlechtes Gewissen mehr. Wäre meine Mutter in Deutschland geblieben, wäre sie heute tot."

      Und trotzdem ist Emmi Kirchner nicht ganz zufrieden: "Ich kann mir überhaupt nichts kaufen", klagt sie, während ihr Sohn sie vorbei an Ständen mit Obst, Blumen, Oberhemden und Schrotflinten über den Markt im Ort schiebt. "Warum denn nicht?", fragt er. "Weil wir alles haben", antwortet seine Mutter, "selbst Obst bekommen wir ständig!" Und die kleinen Seifen und Cremes, die Emmi Kirchner so gerne hat, gewinnt sie freitagabends beim Bingo.

      Die alte Dame aus Würzburg hätte auch am Balaton oder in Karlsbad landen können. Denn ihr Sohn hatte sich bereits bei diversen Einrichtungen im Ausland erkundigt. "Ich habe anfangs nur ans Finanzielle gedacht", erzählt er. Die Entscheidung für Zabełków fiel, nachdem auch Berthold Kirchner den Beitrag im Fernsehen gesehen hatte. Doch als er seine Mutter tatsächlich mit dem Auto die 800 Kilometer aus Unterfranken nach Polen gebracht hatte, musste er sich in seinem Bekanntenkreis lange für diesen Schritt rechtfertigen. "Aber ich habe kein schlechtes Gewissen mehr. Null. Wäre meine Mutter in Deutschland geblieben, wäre sie heute tot."

      Beruhigungsmittel sind in Zabelkow tabu

      Die Pflegeleiterin Latifa Dehbi hat schon viele Bewohner beobachtet, die bettlägerig nach Polen kamen und heute im Garten mit den Pflegerinnen Fußball spielen. "Zuallererst holen wir sie von den Beruhigungsmitteln runter, dann geht es ihnen oft sehr schnell besser", sagt sie. Schon als sie selbst noch als Altenpflegerin in Deutschland arbeitete, hat sie sich an der gängigen Praxis gestört, die alten Leute mit Medikamenten ruhigzustellen. "Dort war ich allerdings auch oft mit einer Schülerin für 15 Leute alleine da, unter diesen Bedingungen geht es kaum anders."

      Liebe fürs Leben: Else und Wilhelm Theuer beginnen jeden Tag mit einem Kuss.

      Foto: Enno Kapitza

      Liebe fürs Leben: Else und Wilhelm Theuer beginnen jeden Tag mit einem Kuss. (Quelle: Enno Kapitza)

      In Zabełków leitet die 30-jährige Dehbi ein Team aus 19 Pflegerinnen. Etwa 80 Prozent von ihnen sprechen Deutsch – eine bessere Quote haben auch viele Heime westlich der Neiße nicht. Für die anderen bietet das Haus einmal pro Woche einen Sprachkurs an. Wird der Raum im zweiten Stock nicht für den Unterricht gebraucht, gibt es hier Filmabende mit deutschen Klassikern und Bastelstunden. Je nach Jahreszeit und Feiertag wird das ganze Haus mit den Handwerksarbeiten der Bewohner geschmückt.

      Von "Kreuzberger Nächte" bis "La Bamba"

      Auf der anderen Seite des Gangs hat Werner Gratza eine kleine Kapelle einrichten lassen, in der ein Pfarrer einmal pro Woche einen Gottesdienst auf Deutsch abhält. Nur seine musikalische Begleiterin an der Orgel singt manche Lieder auf Polnisch. Wer keine Lust auf Kirche hat, kann in einem der drei Aufenthaltsräume Spiele spielen, deutsches Fernsehen schauen oder einfach Musik hören: "Kreuzberger Nächte", "Aber bitte mit Sahne", "La Bamba".

      "Vor grauem Haar sollst du auf­stehen und die Person eines Greises ehren" (3. Buch Mose, Kapitel 19): Gottesdienst in der Seniorenresidenz.

      Foto: Enno Kapitza

      Alterspflege in Polen: In Zabelkows Seniorenresidenz werden regelmäßig deutsche Gottesdienste abgehalten. (Quelle: Enno Kapitza)

      In diesen Bereichen, die als offene Wohnküchen eingerichtet sind, bekommen die Gruppen auch Frühstück (Graubrot mit Schinken und Käse), Mittagessen (ein Restaurant in der Nachbarschaft kocht die deutschen Lieblingsessen der Bewohner, nur Spargel ist in Polen schwierig zu bekommen), Kaffee (mit Kuchen, den die Bewohner selbst backen) und Abendbrot (wer möchte, darf sich Pizza liefern lassen).

      "Unser Ziel ist, möglichst individuell auf die Wünsche der Bewohner einzugehen", sagt Latifa Dehbi. Das neueste Projekt für die tierliebenden Hausbewohner ist die Malteser-Hündin Daisy, die gerade eingezogen ist. Eine Katze soll folgen – sobald Werner Gratza das zweite Haus nebenan fertig gebaut hat. 40 weitere Plätze für die deutsche Pflegeexklave in Polen.

      Info Alterspflege Polen

      Wer in ein polnisches Pflegeheim ziehen möchte, meldet sich erst bei einer zuständigen Meldestelle um und reicht das unterschriebene Formular "S1" bei seiner Krankenkasse ein.

      Damit wechselt man in die gesetzliche polnische Krankenkasse, die NFZ, die medizinische Leistungen in der Folge mit der Krankenkasse in Deutschland abrechnet. Die Kasse erstattet die Leistungen entsprechend dem polnischen Standard.

      Die deutsche Pflegeversicherung bezahlt bei selbst beschaffter Pflege das Pflegegeld je nach Pflegestufe. Bei einer privaten Versicherung ändert sich nichts.

      Für deutsche Rentenbezieher im Ausland ist das Finanzamt Neubrandenburg zuständig.