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    • Pfeilschwanzkrebse: Ein Lottogewinn für die Pharmaindustrie
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      Die Entdeckung der Pfeilschwanzkrebse war ein Lottogewinn für die Pharmaindustrie. (Quelle: Fotolia/klauskreckler)

      13. Oktober 2015

      Blaues Blut

      Text: Felix Zeltner
      Foto: Fotolia/klauskreckler
      Ein lebendes Fossil steht im Dienst der Pharmaindustrie. Die zapft es massenweise an. 

      Blau ist im Tierreich die seltenste Farbe, und blaues Blut haben nur ein paar Superstars: Hummer, Oktopus, Tarantel, Skorpion. Das vielleicht faszinierendste blaublütige Tier aber kennen nur wenige: den Pfeilschwanzkrebs. Er wird so groß wie ein Pizzateller, sieht aus wie ein Stahlhelm mit Augen und steht im Mittelpunkt eines millionenschweren Geschäfts, das im Meer beginnt und auf den Konten von Pharmafirmen endet.

      "Sie sind leicht zu fangen. Sie wehren sich nicht"

      Die Fischer entlang der Ostküste Nordamerikas jagen die Krebse nachts, im Sommer, während der Paarungszeit. Wenn sie am Strand und im flachen Wasser keine finden, fahren sie mit kleinen Motorbooten zwei, drei Kilometer aufs offene Meer hinaus und ziehen Schleppnetze hinter sich her, bis sich ganze Haufen der sperrigen Kreaturen darin verfangen haben.

      "Sie sind leicht zu fangen", sagt Kapitän George Doll, Fischer und Bürgermeister von Northport, nordöstlich von New York City. "Nichts an ihnen ist giftig. Sie sind langsam und wehren sich nicht." Doll fischt seit 1963. In den 90er-Jahren war die Krebspopulation stark dezimiert, seither gibt es Fangquoten. "Wir dürfen nur noch um die 150.000 Tiere pro Saison fangen, im ganzen Bundesstaat New York. Wir müssen Formulare ausfüllen, Zahlen angeben, aber es wird viel gelogen, es gibt einen Schwarzmarkt. Die Preise gehen durch die Decke. Früher brachte einer 25 bis 50 Cent. Heute sind es bis zu 4 Dollar."

      Gliedertiere haben kein Eisen im Blut, sondern Kupfer – daher die blaue Farbe.

      Foto: Fotolia/severija

      Blaues Blut: Gliedertiere haben kein Eisen im Blut, sondern Kupfer – daher die blaue Farbe. (Quelle: Fotolia/severija)

      Umgerechnet 3,50 Euro für ein Lebewesen aus dem Erdaltertum, Urahn sämtlicher Skorpione und Spinnen. Meistens saugt es wie ein Schwimmbadroboter den Meeresgrund ab. Der Pfeilschwanz- oder Hufeisenkrebs existiert in ähnlicher Form seit dem Kambrium, dem Erdzeitalter vor einer halben Milliarde Jahren, in dem sich die Großkontinente Gondwana und Laurasia aneinander rieben. Nordamerika erreichte seine heutige Position vor etwa 20 Millionen Jahren. Die Krebse reisten mit. Als vor ungefähr zweieinhalb Millionen Jahren die ersten Frühmenschen auftauchten, hatte das Urvieh mit seinen zehn Augen Eiszeiten überlebt und auch die Dinosaurier kommen und gehen gesehen.

      Bakteriengifte verwandeln das Blut in eine gelartige Masse

      1956 entdeckte der US-Mediziner Frederick Bang, der an den Krebsen forschte, dass sich das Blut eines toten Exemplars in eine gelartige, halbfeste Masse verwandelt hatte. Er fand heraus, dass aus dem Krebsblut ein Gel wurde, sobald es mit winzigsten Mengen von Endotoxinen – also Bakteriengiften aller Art – in Kontakt kam. Gemeinsam mit einem Kollegen entwickelte er ein simples und schnelles Bakterientestverfahren und nannte es LAL, Limulus Amebocyte Lysate, nach dem lateinischen Namen des Krebses, Limulus polyphemus.

      Die Entdeckung veränderte die Pharmaindustrie. Denn bis dahin waren neue Medikamente und Impfstoffe in den USA an Kaninchen getestet worden. Man injizierte den Tieren die fragliche Substanz und wartete 48 Stunden. Traten bei den Kaninchen erhöhte Körpertemperaturen auf, waren die Medikamente durchgefallen. Seit es LAL gibt, hat die US-Gesundheitsbehörde das aufwendige und tierethisch fragwürdige Verfahren nicht mehr zwingend vorgeschrieben. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Europäische Arzneibuch-Kommission empfehlen den Einsatz von LAL. Trotzdem wurden 2012 in Europa noch 110.000 Kaninchen dem Test auf Bakteriengift unterzogen.

      Die Nachfrage an Krebsen wächst

      Mit dem medizinischen Fortschritt wächst auch der Anspruch der Pharmaindustrie auf mehr und
      mehr blaues Blut. Es gibt vier Arten von Pfeilschwanzkrebsen. Die Art an der Ostküste der USA und im Golf von Mexiko gilt noch nicht als bedroht, über die drei Arten vor der Südostküste Asiens liegen den Artenschützern keine ausrei- chenden Daten vor. Allerdings werden vor allem in Taiwan und Hongkong die Krebse gerne gegrillt und verspeist, was deren Population schrumpfen lässt.

      In den USA enden die meisten Krebse als Köder für Aale und Meeresschnecken an den Angelhaken von Berufsfischern, nicht immer legal. Der Anteil der Pharmaindustrie ist stark reguliert. Nur vier Firmen sind berechtigt, Krebse bluten zu lassen, etwa eine halbe Million Exemplare dürfen sie pro Jahr dafür fangen. Einer der industriellen Blutsauger ist der Pharmariese Lonza in Walkersville, unweit der Küste des US-Bundesstaates Delaware. In den dortigen Gewässern schwimmen geschätzt neun Millionen Pfeilschwanzkrebse, die weltweit größte Population. "Für uns ist wichtig, dass die Tiere kühl bleiben. Deswegen fischen wir nachts", sagt Allen Burgenson, Blaublutfachmann bei Lonza. "Wir verladen die Krebse im Hafen direkt vom Boot in einen gekühlten Lastwagen."

      "Insgesamt sind die Tiere nur 24 Stunden aus dem Wasser"

      Der chauffiert den Fang ins Lonza-Labor nach Salisbury, etwa 45 Minuten von der Küste entfernt. Dort binden Mitarbeiter die Tiere mit Lederriemen auf Werkbänken fest. Bei jedem einzelnen klappen sie vorsichtig das bewegliche Hinterteil um, sodass die einzige Öffnung im Panzer freiliegt. Mit einer Kanüle stechen sie direkt ins Herz der Krebse. Das Blut fließt in Glasflaschen ab, pro erzwungener Spende etwa 100 Milliliter oder 30 Prozent der Gesamtmenge im Tier.

      Nach der Bluternte werden die Krebse wieder ins Meer entlassen.

      Foto: Fotolia/Ellie Nator

      Nach der Bluternte werden die Krebse wieder ins Meer entlassen. (Quelle: Fotolia/Ellie Nator)

      "Der Aderlass dauert nur ein paar Minuten", sagt Burgenson, "dann bringen wir sie zurück ins Meer. Insgesamt sind die Tiere nur etwa 24 Stunden aus dem Wasser." Worüber er ungern spricht: Die Todesrate beim Aderlass liegt bei 15 bis 30 Prozent. Daher betont er lieber, dass die Tiere nicht im Fangrevier freigelassen werden, sondern an einem anderen Ort, um ihnen einen weiteren Aderlass zu ersparen.

      Das fertige Produkt ist 13.000 Euro wert

      Im Labor wird das Blut zentrifugiert, mit firmengeheimen Substanzen versetzt und gefriergetrocknet, sodass am Ende ein Pulver entsteht, das Lonza für die LAL-Tests verkauft. Ein Liter des fertigen Produktes soll 13.000 Euro wert sein, die Umsätze der beteiligten Firmen addieren sich zu geschätzten 45 Millionen Euro.

      Studien zufolge lässt die Produktivität der Krebse an der Ostküste nach, was am Aderlass liegen könnte. Dies führt aber nicht nur dazu, dass die Gesamtzahl der Krebse leicht sinkt, sondern auch, dass Millionen Zugvögel, die sich auf ihrem Weg nach Norden befinden, weniger Nahrung bekommen – sie ernähren sich von den am Strand abgelegten Krebseiern. Pfeilschwanzkrebse, vernetzt im Nahrungskreislauf, scheinen in Gefahr. Die Zucht der Tiere in Gefangenschaft ist bislang gescheitert.

      Auch deshalb wird nach Alternativen gesucht. Seit 2012 ist der Monozyten-Aktivierungstest auf Basis menschlichen Blutes in der EU zugelassen, und Hyglos, ein Start-up aus Bernried am Starnberger See, will mit einem Test namens EndoLISA die Pfeilschwanzkrebse schonen. Es braucht Zeit, die Medikamentenhersteller von den neuen Tests zu überzeugen, zu schnell und zu einfach funktionieren die etablierten.

      Vor 250 Millionen Jahren haben die Pfeilschwanzkrebse ein Massenaussterben überstanden, das 95 Prozent aller Tierarten im Meer dahinraffte. Sollten sie jetzt auch noch den Menschen überleben, haben sie gute Chancen auf die nächsten 500 Millionen Jahre.

      Dieser Text stammt aus der Anfang Oktober 2015 erschienenen Ausgabe des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" zum Schwerpunktthema Blut.