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      Paralympics-Sportlerin Vanessa Low aus Oklahoma City sagt: "Die Hälfte meines Körpers ist Technik". (Quelle: Roderick Aichinger)

      28. Juli 2015

      Das Stehaufmädchen

      Text: Felix Zeltner
      Foto: Roderick Aichinger
      Von der Komapatientin zur Topatheltin: Bei den Paralympics nächstes Jahr in Rio will Vanessa Low Gold für Deutschland holen. Auf Beinen, die nicht ihre sind.

      Es ist heiß in Oklahoma City, und Vanessa Low möchte vor dem Training noch einen Milchshake trinken. Sie parkt ihren Truck vor Braum’s, ihrem Lieblingsladen, einem Fast- Food-Imbiss mit Biomarkt. Die wenigen Kunden drehen sich nach ihr um, Kinder sehen an ihr he- runter, dieser großen blonden Frau in Hotpants, und starren auf ihre Beine. Vanessas rechter Oberschenkel ist zurzeit schwarz, ein Ersatzteil. Auf ihren Silikonfüßen stecken Badelatschen, die Zehen haben keine Nägel, trotzdem hat sie grellpinken Nagellack darauf gepinselt. Wer ihr hinterherschaut, blickt in metallene Gelenke.

      Die Paralympics im Blick, trotzt Vanessa auf ihrer Trainingsbahn nahe Oklahoma City heißem Asphalt und fliegenden Ameisen.

      Foto: Roderick Aichinger

      Die Paralympics im Blick, trotzt Vanessa auf ihrer Trainingsbahn nahe Oklahoma City heißem Asphalt und fliegenden Ameisen. (Quelle: Roderick Aichinger)

      "Die Hälfte meines Körpers ist Technik", sagt Vanessa, 1990 in Schwerin geboren, im schleswig-holsteinischen Ratzeburg aufgewachsen, Beruf Leichtathletin. Ihre Beine bedient sie per Bluetooth-Fernbedienung, in den Knien stecken Mikroprozessoren. Ist sie ein Cyborg? Vanessa lacht. "Eher ein Fembot." Fembots sind die verführerischen weiblichen Roboter aus dem Film "Austin Powers". Den Humor hat sie sich angewöhnt, spätestens seit eine durchaus promi- nente Politikergattin sie bei einem Dinner während der Paralympics in London als Erstes fragte, ob man die Prothesen beim Sex abnimmt.

      Eine Stunde später sitzt Vanessa an ihrer Trainingsbahn, mitten im oklahomischen Nichts, umschwirrt von fliegenden Ameisen. Die Beine, knapp 100.000 Euro wert, lehnen neben ihr. Sie zieht den Amputationsstrumpf straff, der die Reste ihrer echten Beine, zwei unterschiedlich lange Stumpen, luftdicht abdeckt. Dann rollt sie Silikondichtringe darüber und gleitet in ihre Sportprothesen, zwei schwarze Oberschenkelhüllen aus Karbon, an denen L-förmige Federn hängen, verbunden durch metallene Schnappgelenke. Per Ventil lässt Vanessa die Luft aus den Schalen. Unterdruck entsteht, und es zischt und ploppt, als sich die Prothesen an ihren Schenkeln festsaugen und sie wie eine menschliche Grille über die Bahn federt. Sie übt Starts. Ihr Antritt ist lang- sam, aber dann geht es los. Ihr Höchsttempo erreicht sie bei 75 Metern. Die 100 Meter schafft sie in etwas über 16 Sekunden. Die schnellsten Frauen mit Beinen brauchen etwa zehneinhalb.

      Auf Touren kommen: Vorbereitung vor dem Wettkampf.

      Foto: Roderick Aichinger

      Auf Touren kommen: Vorbereitung vor dem Wettkampf. (Quelle: Roderick Aichinger)

      Vanessa ist die einzige doppelt oberschenkelamputierte deutsche Leichtathletin. In ihren Disziplinen, 100 Meter und Weitsprung, tritt vor allem gegen Frauen an, die mindestens noch ein gesundes Bein haben. Dennoch ist sie aktuell Weltrekordhalterin im Weitsprung und zweite im Sprint. Zur WM in Doha im Winter 2015 reist sie als Mitfavoritin, auch bei den Paralympics in Rio de Janeiro 2016 will sie eine Medaille gewinnen. Ihr Unfall wird dann zehn Jahre her sein.

      Wenn sie heute über den 18. Juni 2006 spricht, versucht sie, gelassen zu wirken, aber ihr kommen die Tränen. Vanessa weiß noch, dass sie dunkelblaue Jeans, ein schwarzes Poloshirt und hellbeige Puma-Schuhe trug, als sie sich gegen 21 Uhr zum Bahnhof in Ratzeburg aufmachte. Die Schuhe hat sie bis heute, sie sind unversehrt geblieben, kein Spritzer Blut. Der Bahnsteig ist voll, mit Vanessa warten viele Jugendliche auf den Ausflug in die Stadt. Es ist ein lauer Sonntagabend im WM-Sommermärchen, Gruppenphase, Schland geht es gut.

      Als sie hinter dem Zug kurz zu sich kam, dachte sie: "Ich habe diese Sekunde überstanden"

      Als die Regionalbahn um kurz nach halb zehn einfährt, stürzt Vanessa in die

      Tiefe. Gestolpert oder gestoßen, das bleibt unklar. Sie will von den Gleisen springen, doch der Zug erwischt sie. Die Wucht des Aufpralls zertrümmert ihre Schulter, reißt ihren unteren Rücken auf und zerfetzt ihr Bein. Die Schrauben in den Bahnschwellen schlagen Löcher in ihren Hinterkopf.
      Ein paar Augenblicke später. Ihre einzige echte Erinnerung, sagt Vanessa. Gesichter über ihr, sie auf den Schienen hinter dem Zug. "In dem Moment habe ich mir gesagt, okay, ich bin noch nicht fertig. Und ich habe es durch diese Sekunde geschafft. Ich denke, das hat mich am Leben erhalten." 

      In Jeans und Badelatschen sind die künstlichen Füße erst auf den zweiten Blick zu erkennen.

      Foto: Roderick Aichinger

      In Jeans und Badelatschen sind die künstlichen Füße erst auf den zweiten Blick zu erkennen. (Quelle: Roderick Aichinger)

      In der Uniklinik Lübeck können die Chirurgen ihre Blutungen nicht stillen. Sie nehmen auch das rechte Bein ab, es geht ums Überleben. Vanessa liegt im Koma, neben ihrer Wirbelsäule klafft ein Loch, eine Querschnittslähmung droht. Ihre Verletzung am Hinterkopf ist angeschwollen, Kurzzeitgedächtnis und Erinnerungen sind erst mal weg. Am 3. Juli kommt Vanessa nach zwei Wochen Koma aus der Bewusstlosigkeit zurück. "Ein langsamer Prozess, das hat geholfen – ich bin nicht aufgewacht und hatte keine Beine mehr."

      Die ersten Gesichter, die sie erkennen kann, sind die ihrer Eltern. Die Schwellungen sind zurückgegangen. Das Loch am Hinterkopf ist mit einem Dutzend Stiche genäht. Den Muskel an ihrem Oberschenkel haben die Ärzte nach hinten vernäht und zusätzlich Haut transplantiert. Vanessa liegt auf einem Luftbett, das jede Bewegung ausgleicht. So entgeht sie der Querschnittslähmung.

      "Ich dachte, sobald ich Prothesen habe, laufe ich los"

      Dann wird sie in eine Spezialklinik in Hamburg verlegt. Die Ärzte bereiten sie auf ein Leben im Rollstuhl vor. Ihr alter Handballtrainer kommt und fährt sie durch die Gänge. Doch Vanessa will nicht aufgeben. Ein Prothesentechniker erzählt ihr von amputierten Athleten. Im Internet findet sie Videos des Kaliforniers Cameron Clapp. Ihm fehlen beide Beine und ein Arm. Die Filme zeigen ihn beim Surfen, Klippenspringen und Sprinten. "Ich dachte, sobald ich Prothesen habe, laufe ich los", sagt Vanessa. "Diese naive Einstellung hat mir geholfen."

      Ihre ersten Prothesen sind aus rohem Metall. Die Kniegelenke quietschen, die Amputationsstrümpfe schmerzen, der Druck auf die Hüften ist unerträglich. Vanessa stolpert und stürzt immer wieder. Doch nach einem halben Jahr widerlegt sie die Prophezeiung der Ärzte. Sie kann auf Prothesen und Krücken gehen und kehrt zurück an ihr Gymnasium in Ratzeburg. Im Hauptgebäude nimmt sie den Fahrstuhl, für die Kurse im Nebengebäude trägt sie ein Freund die Treppen hinauf und hinunter – jeden Tag. Andere Mitschüler ziehen sich zurück. Einige beschweren sich, dass sie zu spät zu Unterrichtseinheiten kommen darf.

      Aufgeben kam für Vanessa Low nie infrage.

      Foto: Roderick Aichinger

      Aufgeben kam für Vanessa Low nie infrage. (Quelle: Roderick Aichinger)

      Mit ihren Mitschülern kann sie nichts mehr anfangen

      "Ich war damals 16 und konnte mit den Leuten in meinem Alter nichts mehr anfangen. Mich hat es halt nicht mehr interessiert, welche Schuhe ich trage. Ich bin ganz eng an meine Familie herangerückt." Mit ihren Eltern macht sie auch die Schuldfrage aus – und beschließt, auf eine Anzeige zu verzichten. "Manche sagen, ich wurde vielleicht geschubst, manche sagen, ich bin gestolpert. Wir wissen es nicht, und wir wollen niemanden beschuldigen, der vielleicht gar keine Schuld hat. Die Beine sind nun mal weg, kein Geld würde das ersetzen."

      In Deutschlands paralympischem Leistungszentrum von Bayer Leverkusen lehnt man sie zunächst ab. Ihre Behinderung erscheint zu schwer. Nach einem halben Jahr des Nachfragens stellt Bayer Vanessa dann doch die ersten Federn aus Karbon. Nicht einmal ein Jahr später knackt sie den Weltrekord im Weitsprung. Bayer nimmt sie ins Förderprogramm auf, stellt neue Prothesen. Anfang 2010 beginnt Vanessa parallel zum Leistungssport eine Ausbildung zur Mediengestalterin in Köln. Sie arbeitet für die Frühsendungen von RTL, Dienstbeginn 3:30 Uhr morgens, nach Schichtende Training. Nach drei Jahren ohne Freizeit schafft sie bei den Paralympics in Lon- don 2012 trotzdem nur ihre alte Weite, keinen Zentimeter mehr. Ihre Trainerin zaudert. "Sie meinte, mit meiner Behinderung könne ich nicht weiter springen und schneller laufen. Ich dachte nur: Ich trainiere doch nicht 20 Stunden die Woche, um Vierte zu werden."

      "Das C-Wort - Can't - wird nicht akzeptiert"

      Katrin Green, ihre langjährige Zimmerkollegin bei Wettkämpfen, lädt sie nach Oklahoma City ein, wo Katrins Mann und Trainer, Roderick Green, lebt. Mit ihrem Olympiafrust fliegt Vanessa mitten nach Amerika und trainiert spontan in der interdisziplinären Gruppe der Greens, zusammen mit nichtbehinderten Athleten. "Die Gruppe ist bunt gemischt. Basketball, Football, Baseball, alles dabei. Wir unterstützen uns gegenseitig, gleichen Schwächen aus, es gibt keinen Neid. Und das C-Wort – Can’t – wird nicht akzeptiert, egal ob mit Prothesen oder ohne. Roderick hat von Anfang an blind an mich geglaubt. Er hat gesagt: 'Du hast einen Körper, du kannst genauso trainieren wie alle anderen auch.'"

      Ende 2013 zieht sie ganz nach Oklahoma. Drei Tage nach ihrer Ankunft sagt Roderick, sie solle 1200 Wiederholungen in einer Ruderma- schine machen, bei der man bei jedem Schwung aufsteht. "Ich schaffte zehn und hatte nach vier Stunden offene Blasen an meinen Händen." Trotzdem macht Vanessa weiter: "Ich habe noch nie so oft geweint, es war das härteste Jahr mei- nes Lebens."

      Auf einen Milchshake in Vanessas Lieblingsimbiss in Oklahoma City.

      Foto: Roderick Aichinger

      Auf einen Milchshake in Vanessas Lieblingsimbiss in Oklahoma City. (Quelle: Roderick Aichinger)

      Auf die Trainingsmethoden angesprochen, verzieht Roderick, selbst unterschenkelamputiert und Medaillengewinner bei den Paralympics in Sydney, die gleiche Miene wie ein Ausbilder der US Marines: keine. "Sie hatte eine Hübsche-Mädels-Attitüde, als sie hier ankam", sagt er. Anfangs habe er sich Tage im Kalender markiert, an denen er Vanessa "mental pushen" wollte: Tausende Male Hammerschwingen, Traktorreifen wuchten, Hanteln stemmen, Stadiontreppen hoch- und runtersprinten.

      Für die Anfangsmonate war Vanessa bei Roderick eingezogen. "Abends, nach dem Training, habe ich ihn so tief und innig gehasst, dass ich nicht mit ihm an einem Tisch sitzen konnte." Doch nach einem Jahr brutalem Training sprintet Vanessa die 100 Meter anderthalb Sekunden schneller und springt einen neuen Weltrekord: 4,60 Meter. "Sie kapiert gar nicht, wie gut sie sein könnte", sagt ihr Trainer, der Vanessa eigentlich erst 2017 im Zenit sieht.

      "Die Prothese beschleunigt nicht, sie ermüdet nicht"

      Szenenwechsel. Fort Smith, Arkansas, Stadion der Southside High School. Nach drei Stunden im Auto von Oklahoma City nun Lautsprecherdurchsagen im Südstaaten-Slang. On your mark! Set! Paff! Ein Pistolenschuss. Applaus, Schnau- fen, Medaillenvergabe in der Mitte des Footballfelds. So geht das den ganzen Tag. Es ist Vanessas Welt, die meisten ihrer US-Wettkämpfe finden auf Highschool-Plätzen statt. Heute rennt sie für den guten Zweck, es wird Geld gesammelt für amputierte Kinder. Auf den Rängen im Nieselregen sitzen vielleicht 200 Zuschauer. Sie ist die einzige Amputierte im 100-Meter-Sprint, holt die Teenagerinnen spät ein und landet im Mittelfeld. Es ist nicht ihre Art von Rennen. "Sportler mit und ohne Prothese sollten sich nicht vergleichen. Die Prothese ist kein aktiver Körperteil. Sie beschleunigt nicht, sie ermüdet nicht." Auch die Unterschiede innerhalb der Amputierten sind in der paralympischen Sportwelt immer wieder ein Thema. "Einen einseitig amputierten Unterschenkel bemerkst du kaum", sagt Vanessa, "bei uns in der Behindertensportwelt sagt man: Die haben nur ’nen Kratzer."

      Zur WG gehören auch der Schäfer-Husky Frankie und der Boston Terrier Milo, den Vanessa zum Assistenzhund ausbildet.

      Foto: Roderick Aichinger

      Zur WG gehören auch der Schäfer-Husky Frankie und der Boston Terrier Milo, den Vanessa zum Assistenzhund ausbildet. (Quelle: Roderick Aichinger)

      Nach Vanessa starten andere amputierte Profis gegen die Highschool-Kids. Der einzige, der alle abhängt: der unterschenkelamputierte Weltrekordhalter über 400 Meter, David Prince. "Vanessa ist einzigartig", sagt er, "zweifach über dem Knie Amputierte gibt es viele, aber die meisten haben sich aufgegeben."

      Ihre Förderung: dürftig, ihre Prothesen: teuer. Fast alle behinderten Athleten schuften in Nebenjobs. Vanessa hat kein US-Arbeitsvisum, sie lebt von etwa 1400 Euro Sportförderung im Monat. Roderick coacht kostenlos, abgesehen von 10 Prozent Provision an den Preisgeldern. So plant Vanessa über den Sport hinaus. In ihrem WG-Zimmer in Oklahoma City lernt sie für Prüfungen für ihr Fernstudium in Digitalen Medien. Nach den Paralympics in Rio de Janeiro will sie zu ihrem Freund, dem einseitig unterschenkelamputierten Sprinter Scott Reardon, nach Brisbane ziehen und in Australien Arbeit suchen.

      Zuvor hofft sie noch auf neue Alltagsprothesen vom Marktführer aus Deutschland. 130.000 Euro, wasserfeste Kniegelenke. Mit ihnen könnte sie sich einen ihrer größten Wünsche erfüllen, Tag für Tag – duschen, ganz normal, im Stehen.

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