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      Ein Spiel auf Augenhöhe: Der FC Bayern tritt gegen das deutsche Parabasketballteam an. (Quelle: Erik Mosoni)

      Parabasketball 17. August 2016

      Rollenspiel

      Text: Niclas Müller
      Foto: Erik Mosoni
      Das deutsche Parabasketballteam tritt gegen die Profis des FC Bayern an. Eine Lehrstunde im Rollstuhlfahren. Und eine Sternstunde für Inklusion.

      Vor der Partie will Sebastian Magenheim das Ereignis nicht allzu hoch hängen: maximal 3,05 Meter. Das ist die Distanz, in der Basketballkörbe über dem Boden hängen. Ja, seine Mannschaft werde gewinnen, sagt er. Und nein, das wäre keine große Überraschung.

      Nach dem Abpfiff ordnet der Nationalspieler die Partie neu ein: Sein Team hat den Gegner mit 28:5 überrollt. Aber das Sportliche ist da längst unwichtig, denn das Menschliche hat dem Tag eine Größe verliehen, die weit oberhalb von 3,05 Metern liegt. "In meinen Augen ist das heute ein Meilenstein", sagt Magenheim, "für den paralympischen Sport, für die Akzeptanz von Menschen mit Handicap, für Inklusion."

      Behinderte und Nichtbehinderte spielen auf Augenhöhe

      18. April 2016, Audi Dome in München. In der Heimarena der Basketballer des FC Bayern stehen sich zwei Teams gegenüber, die sonst Welten trennen: auf der einen Seite fünf rot gekleidete Riesen aus dem Bayernkader der Saison 2015/16 – Chad Toppert, Vitalis Chikoko, Daniel Mayr und Karim Jallow. Auf der anderen die deutschen Nationalspieler Jan Haller, Jan Sadler, Sebastian Magenheim, Thomas Böhme und Matthias Heimbach. Sie sitzen im Rollstuhl. Als die Bayern aus der Kabine in die Halle schreiten, wirken die Männer in Schwarz noch etwas klein. Dann nehmen auch die Bayernprofis Platz. Behinderte und Nichtbehinderte spielen auf Augenhöhe.

      Sebastian Magenheim (im schwarzen Trikot) streckt sich vergeblich nach dem Ball.

      Foto: Erik Mosoni

      Sebastian Magenheim (im schwarzen Trikot) streckt sich vergeblich nach dem Ball. (Quelle: Erik Mosoni)

      Der Schaukampf findet vor leeren Rängen statt, wird aber live ins Internet übertragen. Auf www.facebook.com/allianzdeutschland verfolgen rund 2000 Zuschauer die Partie. Mittlerweile wurden mit der Aktion auf Facebook über eine halbe Millionen Menschen erreicht. Als die Partie startet, spielen die Bayern ihren Längenvorteil aus: Mayr, 2,17 Meter groß, gewinnt den Hochball gegen Magenheim. Toppert legt sich den Ball umständlich in den Schoß und gibt ihn an Chikoko ab. Der dribbelt behäbig nach vorn. Der Ball springt vom Boden fast bis über seinen Kopf, damit er Zeit gewinnt, um in der Flugphase seinen Rollstuhl mit beiden Händen nach vorn zu schieben. Pass zu Toppert, dessen Dreierversuch missglückt. Danach wechselt das Spiel vom Zeitlupen- in den Zeitraffermodus. Magenheim schnappt sich den Rebound, schiebt kräftig an und passt von der Mittellinie auf Heimbach, der längst unter den Bayernkorb gesprintet ist und zum 2:0 einnetzt. Der schwarze Rollstuhlschwarm bewegt sich fortan in einem Tempo über den Hallenboden, der an Eishockey erinnert: Während die Nationalspieler ihre Gegner umkreisen, Pässe hinter dem Rücken verteilen und Bälle in Schräglage auf einem Rollstuhlrad vor dem Aus retten, sehen die Bayern so aus, als wären sie in Pantoffeln aufs Glatteis geraten.

      Inklusiver Spaß: Dusko Savanović(2. v. li.) wird Fan. Er trägt das Dress des Rollstuhlteams.

      Foto: Erik Mosoni

      Dusko Savanović (2. v. li.) trägt das Dress des Rollstuhlteams. (Quelle: Erik Mosoni)

      "Vor zehn Jahren hätte es so etwas nie und nimmer gegeben"

      Nach dem Spiel ist Karim Jallow tief beeindruckt: "Es war eine tolle Erfahrung. Ich dachte nur die ganze Zeit: Und die können nicht laufen? Respekt!" Rollstuhlfahrer Böhme sagt, dass es allen Spaß gemacht habe: "Man sieht schon, dass die Bayern Sportler sind, Ehrgeiz und Ballgefühl haben. Nur fahrerisch ... das ist eine andere Disziplin." Am Ende kommen immer mehr Bayernprofis auf das Spielfeld – auch solche, die nicht mitgespielt haben. Der Serbe Dusko Savanović zieht ein schwarzes Trikot von Magenheim an. Er klatscht in die Hände und mit jedem Spieler ab.

      Für die Vorbereitung auf die Paralympischen Spiele, bei denen die deutsche Mannschaft ab dem 7. September auf Iran, Brasilien, Algerien sowie die Favoriten USA und Großbritannien trifft, hat das Match vielleicht wenig Fortschritte gebracht. Und trotzdem hält es Magenheim für einen Meilenstein: "Vor zehn Jahren hätte es so etwas nie und nimmer gegeben. Heute ist der volle Respekt da. Auch wir zeigen großen Sport."