Captain Future: Christoph Klamroth inmitten seines Winterweizens. Hinter ihm die 27 Meter langen Arme des Zwei-Kammer-Spritzgeräts
Captain Future: Christoph Klamroth inmitten seines Winterweizens. Hinter ihm die 27 Meter langen Arme des Zwei-Kammer-Spritzgeräts Foto: Sebastian Krawczyk

Je smarter der Landwirt, desto reicher die Ernte: Christoph Klamroth führt im Harz einen Familienhof mit jahrhundertelanger Tradition. Dass er GPS-gesteuerte Traktoren und Roboter im Kuhstall einsetzt, ist für ihn eine Frage der Zukunftssicherung

Starker Wind pfeift am Traktor vorbei, über den Weizen auf das blühende Rapsfeld zu. Gewitterwolken ziehen übers Land. Wird es regnen? Christoph Klamroth blickt von seinem Handy auf und in den Himmel. »Bei dem Wetter kann ich nicht spritzen. Unkontrollierbar, wohin es weht. Am Ende wächst der Weizen nur halb so hoch, wenn er zu viel abbekommt.« Er zeigt auf eine Stelle im Feld, an der die Flut aus grünen Halmen eine Welle nach unten wirft. »So was passiert, wenn man die Technik ausschaltet und selbst wendet. Dem GPS wäre das nicht passiert.« So schnell kann man sich von Klischees über das Bauerndasein verabschieden. Mistgabel ade! Hallo GPS! Und willkommen bei den Klamroths, einer Bauernfamilie aus dem Harz mit erstaunlich langer Tradition, die bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht. Doch statt auf Nostalgie setzt man hier auf Experimentierfreudigkeit. Schon die Eltern probierten vieles aus, für Juniorchef Christoph ist der Einsatz von smarten Helfern Normalität und auch eine Frage der Zukunftssicherung.

Nachdem Vater Kurt ihm 2014 die Hälfte des Betriebs vermacht hatte, kümmerte sich Christoph zuerst um das Wohl der 125 Kühe. Als studierter Agraringenieur nahm er sich vor, den Melkvorgang zu verbessern. Im Internet entdeckte er Spezialfirmen in Irland und Kanada. Er fragte an, ob sie etwas Neues mit ihm entwickeln wollten. Wollten sie. Seither stehen zwei Melkroboter im Stall. Das Besondere: Anders als herkömmliche Maschinen funktionieren sie vollautomatisch. Die Kühe lassen sich aus freien Stücken melken: Sie entscheiden selbst, wann sie Milch geben wollen. Als Belohnung bekommen sie danach eine Portion Kraftfutter. Vorher scannt eine Kamera das Kreuzbein der Kuh von oben, ein 3-D-Laser die Zitzen von unten. Wenn die Kuh sich bewegt, reagiert der Roboter sofort. Ein Responder, den jede Kuh um den Hals trägt, sendet wichtige Daten an die Maschine: Wiederkauminuten, Aktivitäten im Stall, Brunstwahrscheinlichkeit. Auch die Literleistung sowie Leitfähigkeit, Fett- und Eiweißgehalt der Milch werden nach jeder Gabe analysiert und gespeichert. Stimmen irgendwelche Daten nicht mit dem Herdenschnitt überein, erkennt der Algorithmus des Roboters die Abweichung und meldet sich. Ein Kuhalgorithmus, sozusagen. »Es ist unser Alarmsystem. Jeden Morgen gucke ich da rein und sehe: Geht’s meinen Kühen gut, oder geht’s meinen Kühen nicht gut?«

Neue Bauernregeln

»Die Leute sagen immer, unsere Milch schmecke besser. Ich sag dann nur: Sagt’s den Kühen, die machen die Milch!«
Emmi Klamroth

Wir stehen beim Melkroboter, mitten im Stall und doch separiert in einem kleinen Raum. Es riecht nach Kuh, und die Maschine piepst. Das eben gemolkene Tier ist fertig und möchte raus, doch ein älteres versperrt den Weg. Unschlüssig steht die jüngere Kuh da und wirkt verwirrt. Christoph erklärt, dass sie vor wenigen Tagen das erste Mal gekalbt hat und noch nicht an den Roboter gewöhnt ist. Die ältere Kuh wird sanft verscheucht, und Christoph wendet sich dem Display mit den Diagrammen zu. Ein Punkt fällt aus dem Raster. Deutlich. Er zückt sein Handy. Der Roboter hat ihm eine Nachricht mit einer Warnung geschickt: »Wiederkauminuten 244, 0 Laktationstage, 13 Liter Milch am Tag«. Beunruhigend schlechte Werte. »Normalerweise würde ich bei so einem Ausreißer Angst kriegen und denken, der Kuh geht’s sehr schlecht. Ich weiß aber, dass sie zum ersten Mal Milch gegeben hat. Der Algorithmus des Roboters weiß das nicht.« Ohne Menschenverstand geht’s also doch noch nicht.

1,1 Millionen Euro investierte Christoph in den Hof. Sogar ein neuer Stall wurde gebaut, der nur dem Wohlbefinden der Kühe dient: mit Außenbereich und größeren Boxen mit viel Stroh. Ein unscheinbarer Futterschieber entpuppt sich bei näherem Hinsehen als künstlich intelligenter Knecht, der sich mehrmals am Tag selbst aktiviert und loszuckelt, um das Futter der Kühe zurück in ihre Reichweite zu schieben, bevor er sich wieder, heimlich, still und leise, in seine Ecke mit der Aufladestation verzieht.

Frisch vom Erzeuger: Im Hofladen werden der selbst hergestellte Joghurt, Käse und andere feine Sachen verkauft
Frisch vom Erzeuger: Im Hofladen werden der selbst hergestellte Joghurt, Käse und andere feine Sachen verkauft

Es hätte günstiger sein können, erzählt Klamroth. Statt der üblichen 5600 Euro pro Tier und Stall gab er 7800 aus. Fürs Tierwohl. »Die Tiere danken es uns, indem sie länger leben. Schon mein Vater hat immer gesagt, wenn wir Tiere halten, wollen wir es vernünftig machen, sonst machen wir’s nicht.« Es ist mehr als eine Lebensaufgabe, so einen Hof zu führen – mehrere Generationen und Verwandte sind daran beteiligt. Nicht nur Christoph ist es wichtig, das Erbe weiterzuführen und Neues auszuprobieren. Sondern auch seiner Schwester.

Emmi Klamroth, 33, steht noch ganz traditionell um vier Uhr morgens auf. Traditionell ist auch, dass sie einen Teil der Milch ihres Bruders weiterverarbeitet zu Käse, Quark, Joghurt. Und dann kommt die moderne Powerfrau. Emmi studierte ebenfalls Agraringenieurswesen, landete dann aber eher zufällig bei der Milchverarbeitung. Es war eine Idee ihrer Eltern, um nicht von Großkonzernen und den damit verbundenen Marktschwankungen abhängig zu sein. Warum also nicht selbst weiterverarbeiten, was man sowieso vor Ort hat? So machte Emmi sich auf, besuchte für mehrere Monate Kommilitonen auf der Schwäbischen Alb. »Es hat lange gedauert, bis jemand mich wirklich in das Käsen eingewiesen hat, es ist doch ein kleines Geheimnis«, erzählt sie. Auch sie machte sich selbstständig, nahm, genau wie ihr Bruder, Kredite auf und investierte: Durchlaufpasteur und Homogenisator für die Milch und einen Käse- und Mehrzweckkessel. Auch eine automatische Joghurtmaschine wurde gekauft, die 500 Becher pro Tag und 25 bis 30 verschiedene Sorten herstellen kann. »Was wir hier aufgebaut haben, war schon ein Risiko. Es musste laufen.« Und es läuft. 10 bis 15 Prozent der Milch ihres Bruders verarbeitet sie weiter. Das sind mehr als 100 000 Liter im Jahr. Vier Verkäuferinnen arbeiten im Hofladen, der 2014 eröffnet wurde. Sie hat zwei Fleischer eingestellt, die für sie schlachten. Neben Milchprodukten und Rindfleisch werden dort auch Honig, Gemüse, Wein und allerlei andere Produkte von ausgesuchten Bauern der Umgebung verkauft.

Die Daten im Blick: Von wegen einfacher Bauer – heutzutage ist der moderne Landwirt ein Maschinist und IT-Experte. Im Cockpit des Traktors sieht es aus wie im Raumschiff
Die Daten im Blick: Von wegen einfacher Bauer – heutzutage ist der moderne Landwirt ein Maschinist und IT-Experte. Im Cockpit des Traktors sieht es aus wie im Raumschiff

»Im März und April haben wir Niederschlag, danach geht die Trockenheit los. Jedes Jahr«
Christoph Klamroth

Was derzeit alle in landwirtschaftlichen Familienbetrieben umtreibt, ist das Wetter. Früher konnte man sich auf Bauernweisheiten verlassen. Von seinem Vater kennt Christoph den Spruch: Wenn Hunde Gras fressen, fängt es an zu regnen. Er hat einen Hund, doch das Wetter hat der noch nie beeinflusst. Kein Wunder also, dass Christophs erster Blick nach dem Aufstehen nicht zu Bello, sondern aufs Handy geht, auf die Wetter-App. Wie ist der Wind heute? Wie stark der Tau? Wird es gar hageln? Gegen solches Extremwetter hat Christoph zum Glück einige Notfallversicherungen abgeschlossen – so auch gegen die Dürre bei seinen Maisfeldern. Die heißen Sommer der vergangenen Jahre mit langen Trockenperioden machten auch der eigentlich robusten subtropischen Pflanzenart schwer zu schaffen. Sofern jedoch kein Extremwetter alle Planung zunichte macht, können die Ernteerträge durch Technik maximiert werden. Am Computer lassen sich Strecke des Traktors und Spritzmenge für jeden Quadratmeter Feld genauestens festlegen. Sobald der Traktor ans Feld gefahren wurde und der Automatisierungsprozess aktiviert ist, fährt dieser von selbst seine Strecke ab. Der Fahrer muss nur sitzen bleiben. Ganz auf das Spritzen verzichten die Klamroths nicht. Aber Christophs Mutter untersucht die Pflanzen regelmäßig im Labor und erkennt einen Befall dort frühzeitig, um möglichst wenig Mittel einsetzen zu müssen. Seit 1996 ist ihr Betrieb gentechnikfrei. Warum kein Bio? Der Trend ginge weg von Bio, meint Christoph. »Damit wurde zu viel Schindluder betrieben. Und es ist kein Allheilmittel. Ich denke, den Leuten ist es wichtiger, regionale Produkte zu kaufen: Hier stehen die Kühe, und man sieht, dass es ihnen gut geht. Hier kaufe ich ein.«

Auch auf dem Feld zeigt sich, wie die Klamroths Technik nutzen, um weniger Pflanzenschutzmittel einzusetzen. Christoph reißt einen Halm des Winterweizens ab und deutet auf winzige braune Stellen. Nicht gut. Ein Fall für die 27 Meter langen Arme des Zwei-Kammer-Spritzgeräts. Ob die gröberen, roten Düsen aktiviert werden oder die feineren, violetten reichen? Der Wind macht beides unmöglich. Und er vertreibt auch den Regen. Wie der Sommer wohl wird? Christoph lacht. »Vielleicht frisst mein Hund endlich mal genug Gras!«

 
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Egal ob ein Sturm das Dach vom Stall wegfegt, Dürre oder Hagel die Ernte bedrohen oder eine Krankheit Rinder, Schweine und Geflügel gefährdet. Ob Waldbrände drohen, ein Cyberangriff auf die Technik oder das Maschineninventar versichert werden soll. Die Allianz bietet im Verbund mit der MM Agrar maßgeschneiderte Produkte speziell für landwirtschaftliche Betriebe. Von der Betriebshaftpflicht bis zu Pflanzen- und Tierversicherungen und Risikomanagement findet sich für alle Fälle die richtige Versicherungslösung.

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  • Versicherungen für Landwirte: Sebastian Krawczyk