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       (Quelle: istockphoto/lookslike)

      Daten 14. Februar 2017

      Nachgefragt: Wem gehören die Daten vernetzter Autos?

      Text: Joachim Müller
      Foto: istockphoto/lookslike
      Moderne Fahrzeuge produzieren immense Datenmengen. Dieser Informationsstrom ist für Hersteller, IT-Unternehmen und Versicherer interessant. Wem die Rechte an den Daten gehören, erklärt Allianz Deutschland Schaden-/Unfall-Vorstand Joachim Müller. 

      Moderne Fahrzeuge produzieren bereits heute pro Sekunde eine immense Datenmenge. Dieser gewaltige Informationsstrom ist für Hersteller, IT-Unternehmen und Versicherer interessant. Die Rechte an den Daten gehören aber den Kunden. 

      Damit ein Auto künftig ganz von allein fahren kann, braucht es technische Helfer: Radar- und Laserscanner sowie Video- und Ultraschallsensoren bilden die Umgebung des Fahrzeugs permanent in 3-D ab. Sie messen beispielsweise den Abstand zwischen den Fahrzeugen und sorgen dafür, dass der Wagen automatisch bremst, wenn der Vordermann plötzlich stoppt. Die Sensoren des Google Driverless Car etwa scannen pro Sekunde bis zu 1,3 Millionen Messpunkte. Dadurch entsteht ein gigantischer Datenberg bei selbstfahrenden Autos. Ein Fahrzeug produziert etwa ein Gigabyte pro Sekunde. 

      Fahrzeughersteller reklamierten Daten für sich

      Schon heute findet in unseren Fahrzeugen ein reger Austausch von Daten statt. In Oberklasse-Limousinen wie dem BMW 7er oder der S-Klasse von Mercedes sind etwa 100 Steuergeräte verbaut, die ein stetig wachsendes Datenvolumen generieren. Was passiert aber mit den vielen Bits und Bytes, die ein vernetztes Auto produziert, und wem gehören diese Daten? 

      Nach den Vorgaben des Bundesdatenschutzgesetzes hat der Fahrer bzw. Halter des Fahrzeuges ein Selbstbestimmungsrecht an den im Auto erzeugten personenbezogenen – also den persönlichen – Daten des Fahrers. Die Fahrzeughersteller haben sich in der Vergangenheit teilweise auf den Standpunkt gestellt, dass es sich bei den im Fahrzeug gespeicherten Daten lediglich um fahrzeug- und nicht um fahrerbezogene Daten handle, sodass dem Fahrer auch kein Recht an den Daten zustehe. 

      Allianz: Die Rechte an den Daten gehören dem Kunden

      Das sehen wir als Allianz anders. Für uns sind die im Fahrzeug gespeicherten Daten grundsätzlich dem Fahrer oder Halter zuzuordnen. Somit muss auch der Fahrzeughalter oder -fahrer frei entscheiden können, wem er seine Daten zur Verfügung stellt, seien es Fahrzeughersteller, Automobilclubs, IT-Unternehmen oder Versicherer, und unter welchen Bedingungen und zu welchem Zweck die Daten genutzt werden dürfen. 

      Dies gilt auch für zu Wartungszwecken gespeicherte Daten wie beispielsweise Daten zur Motordrehzahl und zum Bremsverhalten. Spätestens im Schadenfall „mutieren“ auch bloße Fahrzeugdaten zu personenbezogenen Daten, da diese jetzt einer konkreten Person zugewiesen werden können.

      Joachim Müller, Vorstand Schaden-/Unfallversicherung der Allianz Deutschland AG: "Sind hochautomatisierte Fahrzeuge in Unfälle verwickelt, brauchen wir einen freien und direkten Zugang zu den im Fahrzeug erfassten Daten, um die Schadenursache klären und die Haftungsfrage beantworten zu...

      Foto: Allianz Deutschland AG

      Joachim Müller, Vorstand Schaden-/Unfallversicherung der Allianz Deutschland AG: "Sind hochautomatisierte Fahrzeuge in Unfälle verwickelt, brauchen wir einen freien und direkten Zugang zu den im Fahrzeug erfassten Daten, um die Schadenursache klären und die Haftungsfrage beantworten zu können." (Quelle: Allianz Deutschland AG)

      Ganz besonders wichtig ist für uns als Versicherer der Zugriff auf die Daten nach einem Verkehrsunfall. Sind hochautomatisierte Fahrzeuge darin verwickelt, brauchen wir einen freien und direkten Zugang zu den im Fahrzeug erfassten Unfalldaten, um die Schadenursache klären und die Haftungsfrage beantworten zu können. Am besten ist dies über Datenspeicher möglich, die in Fahrzeugen serienmäßig verbaut werden. Hierfür bedarf es transparenter, herstellerübergreifender Standards für einen geregelten Zugang zu den Daten, für den aufzuzeichnenden Datensatz und die verwendeten Datenformate.

      So viele Daten wie nötig, so wenig wie möglich

      Dabei muss grundsätzlich gelten: So viele Daten wie nötig – so wenige Daten wie möglich! Denn eine schnelle Schadenregulierung liegt in unser aller Interesse. Dafür müssen wir wissen, ob der Unfall durch einen Fahr- oder einen Systemfehler verursacht wurde. Also ob das Auto zum Unfallzeitpunkt automatisiert fuhr, vom Fahrer gesteuert wurde oder sich gerade in der Übergabephase zwischen menschlichem Fahrer und Bordautomatik befand. Wissen müssen wir außerdem, welche Softwareversion zum Unfallzeitpunkt im Fahrzeug aktiv war. 

      Uns als Allianz ist sowohl der Schutz der personenbezogenen Daten als auch der Schutz der Fahrzeug-Systemdaten vor Angriffen von außen besonders wichtig. Daher favorisiere ich derzeit das Modell eines unabhängigen Treuhänders, der in Zukunft einen standardisierten und diskriminierungsfreien Datenzugang für alle Berechtigten zu den Fahrzeugdaten regelt. Als unabhängige Institution soll er die Rohdaten verschlüsselt und unparteiisch behandeln und den Zugriff nach berechtigtem Interesse unter Einhaltung des Datenschutzes und der Privatsphäre des Fahrzeughalters oder -fahrers gewähren. 

      Kunden müssen selbst bestimmen können, wem sie ihre Daten zur Verfügung stellen

      Die Einwilligung des betroffenen Fahrzeughalters bzw. Fahrers vorausgesetzt, muss auch ein fairer und diskriminierungsfreier Wettbewerb um die Daten und die damit ermöglichten Kundenservices im Fahrzeug gewährleistet sein. Hinsichtlich der im Fahrzeug angebotenen Services – beispielsweise, welchem Assistenzunternehmen er im Falle einer Panne seine Daten übermitteln möchte – muss der Kunde frei bestimmen können.

      In der aktuellen Diskussion wird oft übersehen, dass die Beachtung des Kundenwillens wenig bringt, wenn der Kunde technisch keine Möglichkeit hat, Daten über eine Fahrzeugpanne an einen Automobilclub oder Autoversicherer zu übermitteln. Automatisch ausgelöste Notfall- oder Serviceanrufe müssen zudem direkt den Kontakt zu demjenigen Anbieter vermitteln, den der Kunde zuvor ausgewählt hat. 

      Datendienste können Autofahrer vor Gefahren warnen

      Es gibt viele Beispiele, wie wir die Digitalisierung und die damit einhergehenden wachsenden Datenmengen zum Nutzen unserer Kunden verwenden können. So können sicherheitsbezogene Dienste Autofahrern helfen, Gefahrenzonen, Verkehrsunfälle oder Schäden zu vermeiden. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Allianz künftig den Autofahrer vor Glatteis, Hagel oder Unfall-Hotspots warnt.

      Eine erweiterte Datennutzung ermöglicht es uns außerdem, das individuelle Risiko des einzelnen Fahrers noch mehr als heute bei der Prämiengestaltung zu berücksichtigen und damit die Notwendigkeit pauschaler Sicherheitszuschläge zu reduzieren. Die Absicherung wird dadurch mittelfristig für unsere Kunden vielfach günstiger werden. 


      Bei diesem Text handelt es sich um einen Gastbeitrag des Allianz Deutschland Schaden-/Unfallversicherungs-Vorstands Joachim Müller für focus.de. Er erschien dort am 14. Februar 2017.

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