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      All oder nichts: Mit SpaceX will Musk in den Weltraum. Bis zum Mars. Mit einer wiederverwendbaren Rakete. (Quelle: Olav Marahrens (Illustration))

      1890 Ausgabe "Das Rad neu erfinden" 23. Oktober 2017

      Musk macht mobil

      Text: Felix Zeltner
      Foto: Olav Marahrens (Illustration)
      Elon Musk gilt als Pionier für die Mobilität der Zukunft. Er hat Tesla gegründet, will Menschen wie Rohrpost verschicken und zum Mars fliegen. Annäherung an einen, der sich stets am Rande des Denkbaren bewegt

      Nächste Frager hier drüben, sagt der Moderator und zeigt in die Ecke des Saals. Eine kleine Frau tritt ans Mikrofon. Sie blickt zur Bühne, wo Elon Musk sitzt und gegen das Scheinwerferlicht anblinzelt. Ihr Name sei Tracy Luckow, sagt sie, und sie habe überhaupt keine Ahnung vom Weltraum. "Ich bin die coole, leicht überengagierte Mutter meiner 10-jährigen Tochter Harper und meines 14-jährigen Sohns Ben." Ein Raunen geht durch die Menge.

      Bei der Jahreskonferenz der Internationalen Raumstation ISS im "Shoreham"-Hotel in Washington D. C. geht es bislang um Raketenantriebe, Module und Labortests im All. An den Tischen sitzen keine Familien, sondern hunderte Wissenschaftler und NASA-Mitarbeiter, dazwischen ein paar echte Astronauten. Dass der Unternehmer und Milliardär Elon Musk, der öffentliche Auftritte meidet und unter Lampenfieber leidet, hier ist, hat vor allem einen Grund, den sein Outfit – anthrazitfarbener Anzug, fein gemusterte graue Krawatte, gestärktes weißes Hemd, handgenähte Lederschuhe – noch unterstreicht: Die NASA ist sein wichtigster Kunde. Der laufende Vertrag mit Musks Raketenfirma SpaceX über Transporte zur Raumstation beläuft sich auf 2,6 Milliarden US-Dollar.

      Elon Musk ist Pop-Star für die Kinder von heute

      "Für meine Kinder", sagt Tracy Luckow ins Mikrofon, "sind Sie das, was Madonna in dem Alter für mich war." Das Raunen wird zum Johlen, die Weltraum-Community applaudiert. Musk dreht den Kopf weg vom Publikum, verbirgt ein Schmunzeln in der rechten Hand. "Ganz schön hohes Lob", murmelt er. "Sie sollten mich mal tanzen sehen." Luckow lässt sich nicht beirren. Sie ist mit ihren Kindern aus New York angereist, hat Schilder gebastelt: "I think I need some SPACE" und "Can’t we all just get Elon-g?" steht darauf. Und sie hat eine Frage: "Was ist Ihr Rat an meine Kinder?"

      Musk richtet sich auf. "Ich würde empfehlen, Physik, Ingenieurswissenschaften und Biowissenschaften zu studieren", sagt er in seinem leicht stockenden, gedämpften Tonfall. "Und sich dann zu überlegen, wie man eine Stadt auf dem Mars baut." Die Mutter nickt. "Geben Sie Ihren Kindern eine Menge Probleme zu lösen", sagt er. "Bauen und Probleme lösen, das sind die Skills der Zukunft." Applaus. Luckow geht zurück an ihren Platz und strahlt. "Er weckt Neugier in meinen Kindern, und er steht dafür, das Unmögliche zu schaffen", sagt sie. Ihr Tischnachbar, ein pensionierter japanischer Astronaut, nickt zustimmend.

      Seine Stärke: Ankündigen, was unmöglich scheint

      Elon - alle hier nennen ihn nur beim Vornamen - ist eine erfrischende Abwechslung zu den anderen Rednern der Konferenz, die vor allem mit langweiligem Behördensprech  und bunt gemusterten Socken auffallen. Ein Quereinsteiger, ein Staubaufwirbler, ein Prophet. Einer, der Bilder in den Kopf setzt. "Wenn ihr mal so richtig Furore machen wollt, dann kündigt an, dass ihr eine Basis auf dem Mond baut und von dort den Mars besiedelt", rät er der NASA. Das sei doch Wahnsinn, findet ein Fragensteller, schließlich dauere die Reise zum Mars drei Jahre. Musk schiebt den Unterkiefer nach vorn. "Drei Jahre? Das geht schneller."

      Wie es denn mit den selbstfahrenden Autos laufe, will ein anderer wissen. "Ende 2017 wird ein selbstfahrendes Auto quer durch die USA fahren, vom Pier in Los Angeles bis auf einen Parkplatz in Brooklyn", sagt Musk. Wieder geht ein Raunen durch den Saal. Es ist seine beste Eigenschaft: ankündigen, was unmöglich scheint. Hart daran arbeiten. Andere dafür begeistern. Und es dann mit viel Hilfe und viel Geld irgendwie doch schaffen.

      All oder nichts: Mit SpaceX will Musk in den Weltraum. Bis zum Mars. Mit einer wiederverwendbaren Rakete.

      Foto: Olav Marahrens (Illustration)

      All oder nichts: Mit SpaceX will Musk in den Weltraum. Bis zum Mars. Mit einer wiederverwendbaren Rakete (Quelle: Olav Marahrens (Illustration))

      Zu erst einmal klang das alles verrückt

      Verrückt klang zunächst alles: jemandem Geld per E-Mail schicken. Einen vollelektrischen Sportwagen fahren. Mit einer wiederverwendbaren Rakete in den Weltraum fliegen. Längst sind die Firmen dahinter weltbekannt: PayPal, Tesla, SpaceX. Für jede Idee wurde Musk am Anfang verspottet – um am Ende recht zu behalten. Sein Vermögen wird heute auf über 20 Milliarden US-Dollar geschätzt. Er treibt konservative Industrien vor sich her, und auch die deutsche Autobranche arbeitet seinetwegen härter denn je an Elektroautos.

      Im Interview mit dem "Handelsblatt" kanzelte er sie kürzlich alle ab: Die Chefs der deutschen Autokonzerne, erzählte Musk, "akzeptieren die Zukunft bisher nicht". Deutschland sei ein Pionier in der Verbrennertechnologie gewesen, hänge aber zu sehr an der Vergangenheit. Es sei jetzt an der Zeit, völlig neue Autos zu bauen. Der Dieselskandal scheint ihm recht zu geben. "Er tut, was er will, und dabei ist er gnadenlos", sagt seine Exfrau Justine Wilson, mit der er fünf Kinder hat. "Es ist Elons Welt, und der Rest von uns lebt auch darin.

      Schon als Kind ein Bücherwurm und Tagträumer

      Elon Reeve Musk, 1971 im südafrikanischen Pretoria geboren, ist bereits in jungen Jahren ein Nerd, ein unsportlicher Bücherwurm und Tagträumer, der von seinen Mitschülern gemieden wird. Der Vater Errol, Ingenieur, und die Mutter Maye, Model und Ernährungsberaterin, trennen sich, als Elon und seine zwei Geschwister noch klein sind. Er bleibt zunächst als einziger bei seinem Vater, einem unglücklichen, strengen, psychisch quälenden Mann, und wächst in einem von der Apartheid zerrissenen Land auf. "Mehrere Jahre lang hatte ich keine Atempause", erzählte Musk seinem Biografen Ashlee Vance.

      "In der Schule wurde ich von Gangs gejagt, die das Letzte aus mir herausprügeln wollten, und zu Hause war es genauso schrecklich. Es war Nonstop-Terror." Mit 17 reißt er aus und zieht ins Geburtsland seiner Mutter, nach Kanada. Von dort schafft er es an Universitäten in den USA und bringt sich selbst Programmieren bei. Mitstudenten sagen ihm ein fotografisches Gedächtnis und eine unglaubliche Intelligenz nach.

      Die Ein-Mann-Wagniskapitalfirma

      Mit 24 Jahren gründet er mit seinem Bruder zusammen Zip2, eine Art Branchenbuch für das damals noch neue WWW. Vier Jahre später, 1999,
      übernimmt Compaq das Start-up für 307 Millionen Dollar. Musk verdient dabei 22 Millionen, die er fast komplett in sein nächstes Projekt steckt: die Onlinebank X.com, aus der später PayPal wird. Als größter Einzelaktionär von PayPal wird Musk reich, als eBay im Jahr 2002 das Unternehmen für 1,5 Milliarden Dollar übernimmt.

      Die Dotcom- Krise überspringt er und investiert in neue Ideen: 100 Millionen Dollar in SpaceX, 70 Millionen in Tesla und 30 Millionen in SolarCity. Musk wird zu einer Ein-Mann-Wagniskapitalfirma, die enorm komplexe Produkte herstellt. Nach viel Häme, unzähligen gescheiterten Tests und verbrannten Milliarden nehmen alle drei Unternehmen Fahrt auf. Vom neuen Tesla-Modell 3 werden Hunderttausende verkauft, SpaceX bekommt NASA-Verträge und verschafft der US- Raumfahrt neues Ansehen, SolarCity baut im Bundesstaat New York die größte Solarfabrik der westlichen Hemisphäre.

      Einzylinder: Wegen der vielen Staus in Los Angeles will Musk mit Hyperloop Menschen wie Rohrpost befördern

      Foto: Olav Marahrens (Illustration)

      Einzylinder: Wegen der vielen Staus in Los Angeles will Musk mit Hyperloop Menschen wie Rohrpost befördern (Quelle: Olav Marahrens (Illustration))

      Obama nahm sich oft Zeit für ihn

      Die Unternehmen befruchten sich gegenseitig: Tesla produziert Batterien, die auch SolarCity verwendet. SolarCity wiederum liefert die Solarmodule für Ladestationen, mit denen er Tesla-Kunden kostenloses Aufladen anbieten kann. SpaceX protiert vom Know-how beider Firmen und verwendet es im Weltraum. Um seine Unternehmen erfolgreich zu machen, handelt er für neue Fabriken Steuervergünstigungen in Milliardenhöhe aus und genießt die Rückendeckung der Politik. Expräsident Barack Obama nahm sich oft Zeit für Musk, ein kurzer Flirt mit dem aktuellen Präsidenten Donald Trump endet, als dieser seinen Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen verkündet. "Ich steige aus dem Beraterzirkel aus. Klimawandel ist real. Paris aufzugeben ist weder gut für Amerika noch für die Welt", twittert er Anfang Juni.

      Auch Musks jüngster Coup richtet sich gegen die Umweltverschmutzung. Die schier endlosen Staus an seinem Wohnort Los Angeles bringen ihn auf die Idee, Menschen wie Rohrpost in Vakuumröhren unter der Stadt hindurchzuschießen. 2015 ruft er dafür einen weltweiten Wettbewerb aus und schließt Ingenieure von Tesla und SpaceX zusammen. Er nennt das Projekt Hyperloop. Nach den ersten vielversprechenden Einsendungen baut er eine Teströhre und beginnt mit dem Bau des ersten Tunnels unter Los Angeles.

      Wie als hörte Michael Jackson bei der Bandprobe zu 

      Im August 2017 versammeln sich 24 Teams aus aller Welt in Musks Hauptquartier im Hawthorne, einem Industrievorort von Los Angeles, um die besten Tunnelschlitten um die Wette rasen zu lassen. Der Sieger: ein Team der Technischen Universität München. 324 Stundenkilometer erreicht ihr Bob im Tunnel – eine 80 Kilogramm schwere Kapsel, in die sich gerade so ein Mensch zwängen könnte. "Wir waren so aufgeregt und in unsere Arbeit vertieft, dass wir gar nicht gemerkt haben, dass er uns zugeschaut hat", erzählt Anna Branz, Ingenieurstudentin und Teamleiterin des TU-Teams.

      "Und dann stand er plötzlich neben uns und hat gefragt: ‚Wie schnell?‘ ‚90 Meter pro Sekunde‘, haben wir gesagt. ‚19?‘ hakte er nach. Wir: ‚Nein, 90! Neun Null! ‚Wow! Sehr beeindruckend‘, meinte er, hat gelächelt und mir in die Augen geschaut. Das war schon ein bisschen so, als wenn dir Michael Jackson bei der Bandprobe zuhört." Musk bringt auch seine fünf Kinder, ihre Betreuerinnen und einige Leibwächter mit zum Termin und lässt sich noch mit den Münchner Studenten fotografieren, bevor er wieder verschwindet.

      "Ich habe ihn beim Foto dann einfach umarmt", erzählt Branz. "Mich beeindruckt, dass er alles aus eigener Kraft erreicht hat. Er hat nichts geerbt. Er hatte eine Vision, hat sich auf den Hintern gesetzt und das gemacht." Würde sie lieber für ein Start-up wie SpaceX arbeiten oder für ein deutsches Traditionsunternehmen? "Für SpaceX", sagt Branz. "Aber nur, wenn es geregelte Arbeitszeiten gibt. Ich habe gehört, dass die gerade die Jahrgangsbesten von den Unis rekrutiert und Leute mit Familie sofort ausgesiebt haben, weil zu wenig Engagement zu erwarten ist."

      Überforderte Mitarbeiter - alles für das höhere Ziel

      Tatsächlich ist Musk bekannt dafür, seine Mitarbeiter zu überfordern. Ideen müssen in 24 Stunden umgesetzt werden. Hire and Fire ist üblich, auch lang gediente Weggefährten traf es schon. Alles für das höhere Ziel. "Wenn Musk unrealistische Ziele vorgibt, Mitarbeiter niedermacht oder sie bis zur Erschöpfung arbeiten lässt, wird das von ihnen als Teil der Agenda für die Marsbesiedelung verstanden", schreibt sein Biograf Ashlee Vance.

      Musks große Vision entstammt der Science Fiction, die er als Kind las: interstellares Leben, um als Spezies weiterzuexistieren. Er will mit Mondtourismus beginnen, um schließlich den Mars bewohnbar zu machen. All seine Projekte für die Zukun der Mobilität – Tunnels, Elektroantriebe, landbare Raketen – gipfeln in der Marsfantasie. "Im Idealfall möchte ich für einen Besuch dorthin, eine Weile zur Erde zurückkommen undwieder hochfliegen, wenn ich 70 bin – und dann einfach dableiben", erzählte er Vance. "Ich möchte auf dem Mars sterben."

      Ob der Hyperloop tatsächlich gebaut wird, ob Tesla die Elektrowende in den Automarkt bringt, und ob SpaceX zum Mars fliegt – das weiß keiner. Trotzdem wird Musk längst zusammen mit Steve Jobs, Henry Ford und Thomas Edison genannt – als einer der großen Erfinder unseres Jahrhunderts. Vom Astronauten bis zum Maschinenbaustudenten feiert ihn die Technikwelt. Als er bei der NASA-Konferenz in Washington nach zwei Stunden von der Bühne geht, leuchten viele Augen. Auch die von Tracy Luckow und ihren Kindern. "Er hat mit Websites angefangen, und jetzt bringt er uns auf den Mars", sagt ihr Sohn Ben. "Wenn ich so was mal von mir behaupten könnte, wäre ich ziemlich glücklich."


      Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe 4/2017 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" zum Schwerpunktthema "Mobilität". Alle bisherigen "1890"-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download sowie als App für Apple-Geräte in itunes und für Android bei Google Play.