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      Open Source: Allianz Business System bald frei verfügbar (Quelle: istockPhoto/monsitj)

      29. Januar 2018

      Mit Open Source die Intelligenz der gesamten Branche nutzen

      Text: Marion Zauner (Interview)
      Foto: istockPhoto/monsitj
      Als Versicherung und Finanzdienstleister kennt die Allianz jeder. 128 Jahre nach ihrer Gründung bietet sie auch Software an. Teile des Allianz Business System (ABS) werden in einer „Open-Source-Edition“ frei verfügbar sein. Christof Mascher, Chief Operating Officer der Allianz SE, und Andreas Nolte, IT-Chef der Allianz Deutschland AG, erzählen im Interview über ihre Pläne mit ABS

      In den Medien war zu lesen, dass die Allianz eine offene Plattformlösung für andere Versicherer plant. Worum geht es?

      Christof Mascher: Im Laufe der letzten Jahre haben wir mit ABS für uns eine Plattform entwickelt, die in sämtlichen Sparten des Versicherungsgeschäfts zum Einsatz kommen kann: für Sach-, Lebens- und Krankenversicherungen. Das ist ein großer Unterschied zu anderen Versicherungssystemen, die am Markt verfügbar sind. ABS ist bei uns mittlerweile in 15 Ländern im Einsatz. Wir verwalten damit über 42 Millionen Verträge, die korrespondierenden Kunden- und Partnerdaten, sowie Schäden und Leistungen.

      Andreas Nolte: In Deutschland haben wir zum Beispiel bereits über 20 Millionen Verträge in ABS. Wir wollen unser System, bereinigt um Funktionalität wie z.B. Produktmodellierungen, auch anderen Marktteilnehmern zur Verfügung stellen. Das ist die grundlegende Idee der offenen Plattform.

      Mascher: Wir haben viel in die fachliche und technische Weiterentwicklung des ABS investiert. Für uns war stets wichtig, ABS nicht nur breit auszurollen, sondern es immer wieder auf den neuesten Stand zu bringen. In diesem Zusammenhang haben wir Gespräche mit anderen Versicherungs- und auch mit IT-Unternehmen begonnen, ob es nicht sinnvoll wäre, ABS als Plattformlösung anzubieten.

      Aber wieso gehen Sie diesen Schritt in Verbindung mit Open Source?

      Mascher: Wir haben mit ABS ein System geschaffen, das fit ist für die zentralen Herausforderungen der Digitalisierung und des Datenschutzes. In unseren Gesprächen mit Versicherern haben wir wiederholt festgestellt, dass unsere Software den Vergleich mit kommerziellen Lösungen ganz bestimmt nicht scheuen muss. Im Gegenteil: Wir sehen Softwareentwicklung als Kernkompetenz und betreiben ein hochprofessionelles Kompetenzzentrum für die Entwicklung des ABS.

      Nolte: Im Tagesgeschäft zeigt sich immer wieder der große Vorteil, dass wir die Software nicht nur selbst bauen, sondern auch nutzen. Wir vereinen damit die Kompetenzen Versicherung und Software. Diese Kombination ist nur schwer zu schlagen. Ungeachtet der Vorteile haben wir aber auch festgestellt, dass im Markt eine gewisse Scheu vor dem System eines direkten Konkurrenten vorhanden ist. Daher sind wir bereit, den Kern unseres Systems der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Jeder kann den Code prüfen. Das schafft Transparenz.

      Andreas Nolte ist Chief Information Officer der Allianz Deutschland AG

      Andreas Nolte ist IT-Chef der Allianz Deutschland AG

      Wird ein Teil der eigenen Lösung damit nicht zum Allgemeingut?

      Mascher: Absolut. Aber das hat für uns große Vorteile. Die Entwicklung von ABS erfolgt schon heute global, wenngleich Allianz intern. Wir schätzen die Vorteile dieser Art von Zusammenarbeit sehr. Durch die gemeinsame Weiterentwicklung des Systems in einer Open Source Community erwarten wir uns wertvolle Impulse für ABS.

      Nolte: Ganz genau. Open Source ist in der IT-Community durchaus üblich und trägt vor allem zur Qualität bei. Die Intelligenz einer ganzen Branche ist einfach besser, als wenn nur einer allein daran arbeitet. Wir sind davon überzeugt, dass es entscheidend ist, eine Kombination aus IT- und versicherungsspezifischen Fähigkeiten zu haben, um gute Versicherungssoftware zu entwickeln. Die Allianz hat eine extrem gute Expertise sowohl auf der Versicherungs- als auch auf der IT-Seite. Wir glauben zudem fest an den Plattformgedanken.

      Wie soll diese Plattformlösung denn konkret aussehen?

      Nolte: Das Modell besteht aus mehreren Komponenten. Innen ist die bereits angesprochene Open-Source-Edition auf die jeder zugreifen kann und die Teil unseres ABS-Kerns ist. Darüber liegen für die jeweiligen Länder sogenannte Country Layer. Der Country Layer für Deutschland beinhaltet zum Beispiel alle versicherungsrelevanten Funktionalitäten für den deutschen Versicherungsmarkt, d. h. gesetzliche und regulatorische Anforderungen. Nicht enthalten ist alles, was wir aus rechtlichen Gründen nicht weitergeben dürfen, oder Dinge, die wir nicht weitergeben wollen wie zum Beispiel unsere Tarifierungslogiken. Mithilfe des Country Layers lassen sich Verträge, Schäden und Leistungen bearbeiten. Zusätzlich gibt es dann einen Company Layer, den jedes Unternehmen individuell für sich konfektioniert (Produkte, Tarife etc.).

      Mascher: Lassen Sie mich das am Beispiel Kfz-Versicherung erklären. Der ABS-Kern stellt die Basis-Funktionalität bereit für Kunde, Vertrag, Schaden etc. Im Country Layer für Deutschland stehen die Spezifika für Kfz-Zulassungen, für die Registrierung, für die Prüfung. In der dritten Schicht, d. h. im jeweiligen Company Layer, können dann die spezifischen Produkte und die Tarifierung der einzelnen Versicherer enthalten sein.

      Nolte: Mit dem ABS-Kern und dem Country Layer, also der sogenannten Enterprise Edition, ist man in der Lage, Verträge, Leistungen und Schäden zu verwalten – und das möglichst effizient und mit hoher Automatisierungsquote. Daneben gibt es noch eine sehr wesentliche zusätzliche Komponente der offenen Plattform: den Marktplatz. Wir wollen einen Marktplatz aufbauen, auf dem Value Added Services angeboten werden.

      Welche Services sollen das sein?

      Mascher: Sie können sich das vorstellen wie einen App Store. Es handelt sich um einen offenen Marktplatz, auf dem auch andere Unternehmen etwas anbieten können. Das können so einfache Services sein wie zum Scannen und Erkennen von Text, zum Drucken oder sogar ein Open Broker Marketplace für Makler. Der Marktplatz stellt lediglich die Infrastruktur zur Verfügung, um einen Austausch zu ermöglichen.

      Christof Mascher ist Chief Operating Officer der Allianz SE

      Foto: Allianz

      Christof Mascher ist Chief Operating Officer der Allianz SE (Quelle: Allianz)

      Und das macht alles die IT der Allianz, und alles läuft unter dem Dach der Allianz?

      Nolte: Wir sind derzeit auf der Suche nach einem IT-Partner, der die Enterprise Edition betreibt. Was die Organisation angeht: Die Open-Source-Edition wird von einem Verein in Österreich verwaltet und weiterentwickelt. Der Verein ist auch für andere Mitglieder offen. Außerdem wurde eine Gesellschaft mit dem Namen „inSphere“ gegründet, das Wort setzt sich zusammen aus Insurance und Sphere. Die inSphere entwickelt die Enterprise Edition und den Marktplatz. Für unsere Mitarbeiter ändert sich damit grundsätzlich nichts. Denn inSphere beauftragt den Bau der Enterprise Edition bei den bisher zuständigen Einheiten.

      Mascher: Es wird überlegt, dass sich mittelfristig an der inSphere gegebenenfalls auch externe Partner – beispielsweise IT-, Finanz- und Versicherungsunternehmen – beteiligen können.

      Wieso sollte ein anderes Unternehmen sich auf eine Allianz Lösung einlassen?

      Nolte: Wir kennen die Situation der Branche, nicht zuletzt aus eigener Erfahrung. Mit ABS haben wir einen guten Weg gefunden, schrittweise die zahlreichen Plattformen in Sach, Leben und Kranken abzulösen, die teilweise noch aus den 70er- und 80er-Jahren stammen. Sehr viele Versicherer stehen derzeit vor ähnlichen Entscheidungen.

      Mascher: Den Weg wollen wir teilen und gemeinsam mit anderen Versicherern beschreiten. Wir sind der festen Überzeugung, mit einer offenen Plattform gemeinsam ein nachhaltiges Versicherungsökosystem für die ganze Branche schaffen zu können.

      Die Allianz verschenkt also wirklich ihre Software?

      Nolte: Die Open-Source-Edition mit ihren Basisfunktionen ist kostenlos. Für die Enterprise Edition sind Lizenzgebühren zu zahlen.

      Gibt die Allianz damit die Kontrolle über ihre eigene Software auf?

      Mascher: Nein. Wir werden weiter zur Entwicklung der Funktionen der Open-Source-Edition beitragen, aber gemeinsam mit der ganzen Community. Durch Partnerschaften und die Zusammenarbeit mit anderen Versicherern werden wir so alle gemeinsam einen großen Mehrwert für unsere Kunden schaffen.

      Dieses Interview wurde ursprünglich auf allianz.com veröffentlicht.