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      The Land - Risk Wise (Quelle: Richard Barker)

      Leseprobe 25. September 2015

      Mit dem Feuer spielen

      Text: Polly Morland (Übersetzung: Katharina Böhmer)
      Foto: Richard Barker
      Rostige Nägel, morsche Baumstämme und scharfe Sägen - Dinge, die auf einem Kinderspielplatz nichts zu suchen haben. Oder doch? Polly Morland beschreibt im ersten Kapitel ihres Buches "Risk Wise - Von der Kunst mit Risiken zu leben", warum Kinder einen Ort brauchen, an dem sie mit dem Feuer spielen können.

      Ein kleines Mädchen hämmert einen zehn Zentimeter langen Nagel in ein Holzbrett. Sie trägt ein pinkfarbenes Sommerkleid und schwarze Schuhe ohne Strümpfe. Äußerst konzentriert schlägt sie mit aller Kraft zu. Zwischen ihrem dreckigen Zeigefinger und dem Daumen hält sie den Stahlstift des Nagels, das Brett liegt gefährlich wackelnd auf einem kurzen Abflussrohr aus Beton, auf das jemand ein paar Kringel gesprüht hat. Ein Schlag des Hammers – einer mit Gummigriff aus dem Baumarkt – gleitet seitlich am Daumen des kleinen Mädchens ab. Sie verzieht das Gesicht und drückt den Daumen einen Moment lang in ihren Handballen. Dann hämmert sie weiter, bis auf der anderen Seite des Brettes ein winziges Stückchen Holz absplittert, hinter dem sich die glänzende Nagelspitze hervorschiebt.

      "Ich mache da was", sagt sie, ohne aufzublicken, und schnappt sich eine rostige Säge vom Boden.

      Vorbei an einer verrußten Feuerschale, in der tags zuvor ein paar Kinder ein Feuerchen gemacht haben, kraxeln zwei Kerle bis zum Gipfel eines riesigen, wabenartigen Stapels aus Paletten. Abwechselnd springen sie von ganz oben auf den Bug eines alten Boots aus Glasfaser. Im Flug strampeln sie ein paar Sekunden lang im Sonnenschein mit den Beinen, bevor sie mit einem Freudenschrei landen: Es knallt, als würde in der Ferne etwas explodieren.

      "Da kann man sich richtig hochschnalzen lassen", schreit der eine dem anderen zu.

      Es sieht nicht ungefährlich aus, dieses Boots-Crashpad, aber gleichzeitig auch nach richtig viel Spaß. So viel Spaß, dass man sich bei der Frage ertappt, ob sie einen wohl auch mal springen ließen.

      Nicht weit entfernt fließt ein Rinnsal voller Müll – Autoreifen, ein roter Schuh, eine Kabelrolle, irgendein grauer Polsterschaumstoff und ein alter metallener Schulstuhl ohne Sitzfläche. Am Bächlein entlang stehen große Bäume, in denen ein Mädchen und ein Junge mit bloßen Füßen herumklettern.

      "Weiß Mama, dass ich draußen bin?", fragt ein Kind das andere.

      "Weiß ich nicht", kommt die Antwort, und sie klettern weiter.

      Ist's auf den ersten Blick ein Spielplatz? Eine Baustelle? Eine Wertstoffhof? Auf jeden Fall ist es: Ein Abenteuer.

      Foto: Richard Baker

      Abenteuerspielplatz (Quelle: Richard Baker)

      Dieser Schrottplatz ist ein wahrer Rattenfänger. Er liegt versteckt am Ende einer Gasse, hinter einem trostlosen Gemeinschaftsgebäude mitten im Zentrum von Plas Madoc, einer Wohnsiedlung südlich von Wrexham in Nordwales. Plas Madoc befindet sich in den oberen 10 Prozent des "Welsh Index of Multiple Deprivation". Nicht von ungefähr nennen es die Leute hier in der Gegend "Smack Madoc" (Heroin-Madoc) oder "Cardboard City" (Kartonstadt). Seit dem Bau der Siedlung in den Sechzigern haben die einheimischen Kinder auf diesem knappen halben Hektar Brachland gespielt, das von einem – im Sommer fast ausgetrockneten, im Winter rauschenden – Bach zweigeteilt wird. Obwohl er an diesem heißen Sommertag kaum mehr als eine Pfütze ist, kursierten vor Jahren Geschichten, dass einmal ein Kind darin ertrunken sei, lange bevor die Siedlung gebaut wurde. Die Einheimischen erinnern sich, wie ihre Mütter ihnen als Kindern sagten: "Ihr seid doch nicht etwa unten am Bach gewesen, oder?", woraufhin sie mit den Köpfen schüttelten und "Nein, ganz sicher nicht" sagten – was eine Lüge war.

      Aber die Kinder von Plas Madoc liebten dieses raue Stück Land, dieses Nichts zwischen den Häusern. Es war ihr Raum, ihr "Zimmer für sich allein". Sie nannten es einfach "Das Land". Niemand hier kann sich erinnern, dass man es je anders nannte.

      In den letzten Jahren hat man diese Art des Spielens – frei, unbeaufsichtigt, voller Schrammen und Beulen, manchmal gemein, oft albern und fast immer schmutzig – in einer Krise gesehen. Eine ganze Generation von Kindern, heißt es, wächst in Wohnungen auf, abgeschnitten von der Außenwelt. Dafür verantwortlich sind die konspirierenden Mächte der institutionalisierten Risikoaversion, eine auseinandergebrochene, ängstliche Elternschaft sowie der Niedergang des gesellschaftlichen Zusammenhalts. 

      "Das Gegenteil von Spiel ist nicht Arbeit. Es ist Depression."

      Den weitverbreiteten elterlichen Ängsten vor Gefährdung durch fremde Leute und vor Unfällen im Alltag stehen jetzt gegenüber vergleichbar düstere Warnungen von Expertenkommissionen und Psychologen vor den Kosten der "Spieldeprivation". Ein angesehener Spieltheoretiker, Brian Sutton-Smith, formuliert das so: "Das Gegenteil von Spiel ist nicht Arbeit. Es ist Depression." Auf der grundlegendsten evolutionären Stufe, so argumentiert er, geht es um unser emotionales Überleben. Wenn übertriebene Vorsicht dazu führt, dass Kindern die Zeit, der Raum und die Erlaubnis zum Spielen verweigert wird – zu richtigem Spielen, ohne dass ihnen irgendwelche Erwachsenen ständig im Nacken sitzen –, dann werden wir in Zukunft die sozialen Kosten in isolierten, gestörten, zornigen oder gar gewalttätigen Erwachsenen zu spüren bekommen. Mit Sicherheit wird der Zeitpunkt kommen, an dem wir uns wünschen, wir hätten uns gelegentlich lieber für Nachsicht als für Vorsicht entschieden. 

      2012 stimmte sogar die "Health and Safety Executive", die Behörde für den Arbeitsschutz in Großbritannien, in diesen Chor mit einer Stellungnahme ein, in der behauptet wurde: "Wer Spielgelegenheiten zur Verfügung stellt, darf nicht das Ziel haben, das Risiko zu eliminieren, sondern die Risiken und den Nutzen gegeneinander abzuwägen. Kein Kind wird lernen, mit Risiko umzugehen, wenn es in Watte gepackt wird."

      Das Motto von "The Land" lautet "Work hard, play hard!". Frei übersetzt: Spielen jenseits der Rundum-Sorglos-Zone.

      Foto: Richard Barker

      Das Motto von The Land: Play hard! (Quelle: Richard Barker)

      Hier in Wales ließ sich die Regionalregierung etwas einfallen, das sie "Play Sufficiency Duty" nannte, was man mit "Verpflichtung zur Herstellung angemessener Spielmöglichkeiten" übersetzen könnte, womit sie sich – der irgendwie trostlosen Bezeichnung zum Trotz – verpflichtete, allen Kindern Möglichkeiten zu verschaffen, so herumzualbern, wie Kinder das nun mal tun – oder wie sie es zumindest tun sollten. Im Fall von Plas Madoc wurde ein Teil der Gelder, die zur Bekämpfung der Armut vorgesehen waren, für Spielinitiativen abgezweigt. Und für "Das Land", das ein trostloser Platz geworden war, wo – wie es ein Einheimischer beschrieb – "Leute nur üble Sachen im Sinn haben", bedeutete das ein ganz neues, eigenständiges Leben.

      Im Oktober 2011 wurde das Grundstück eingezäunt. Der Holzzaun wurde mit lustigen Graffitis verziert und ein Team von Spielebetreuern rekrutiert. Verschwunden waren Hundehaufen, Glasscherben und Nadeln und ein Gemisch von sympathischerem Sperrmüll wurde herbeigekarrt. Irgendeiner schleppte Hämmer und Sägen aus einem Billigladen an, und per Kran wurden zwei Schiffscontainer als Lagerraum und als Büro für die Leiterin des Spielplatzes abgesetzt. Im Februar 2012 wurde "Das Land" zum Bauspielplatz von Plas Madoc: weit und breit keine Schaukel und kein Klettergerüst, nichts Vorgegebenes, nichts Neues, nichts in Form eines süßen kleinen Tierchens, einfach nur Haufen von Abfall, die sich im Laufe der Tage wie Sanddünen in der Sahara bewegen.

      Eine der wenigen Regeln lautet: "Plastik wird nicht verbrannt"

      Leiterin des "Landes" ist Claire Griffiths, selbst in Plas Madoc geboren und aufgewachsen und zu einem guten Teil die Architektin des fröhlichen Chaos. Leicht schaukelnd, als würde sie lieber draußen spielen, sitzt sie auf ihrem Bürostuhl in dem Schiffscontainer, der ihr als Vorstandsetage dient. Sie erklärt, wie der Ort funktioniert: dass er gar nicht so anarchisch ist, wie er vielleicht aussieht, wie wachsam sie und ihre Kollegen sind, wann immer "Das Land" seine Tore öffnet, wie sie – in ihren Worten – "absichtlich herumlungern", sich anscheinend mit anderen Dingen beschäftigen, aber mit Augen und Ohren immer bei dem sind, was die Kinder gerade tun, wie gründlich sie den Platz vorbereiten und dabei die Gefahrenquellen beseitigen, die Risiken aber bestehen lassen, wie gut das Team die rund zweihundert Mädchen und Jungen kennt, die hier angemeldet sind und herkommen, um für sich zu spielen, wie wenige Regeln es gibt (die Tatsache, dass eine von ihnen lautet "Plastik wird nicht verbrannt", mag einem vielleicht eine Vorstellung von diesem Ort geben), dass immer drei Spielebetreuer anwesend sind, die aber nur sehr selten intervenieren und die Kinder gewähren lassen, wenn sie sich die Knie abschrammen, ihre Daumen treffen, ihre Augenbrauen versengen, im Geäst von Bäumen stecken bleiben, Streit haben und Fehler machen, weitgehend unbehelligt vom öden, gesunden Menschenverstand der Erwachsenen.

      Eher Spielgelegenheiten als Spielgeräte: Weite Teile von "The Land" sehen nicht ungefährlich aus, aber gleichzeitig auch nach richtig viel Spaß.

      Foto: Richard Baker

      Abenteuerspielplatz "The Land" (Quelle: Richard Baker)

      "Wenn man auf andere Spielplätze geht", sagt Claire, "ist alles irgendwie vorgeschrieben und ich wusste, dass ich das für "Das Land" nicht wollte. Ich dachte mir, diese Kinder könnten es selbst in die Hand nehmen, und es ist ästhetisch nicht ansprechend hier, aber ich bin nicht dafür da, irgendeiner erwachsenen Vorstellung von Ordnung oder Sauberkeit zu entsprechen. Es ist nicht keimfrei hier, es ist wild. Und das war für mich das große Risiko, das ich eingegangen bin. Werden mich die Kinder verstehen? Werden sie ankommen, aber wo ist die Schaukel, wo ist die Rutsche? Aber sie haben das nicht gemacht." Sie hält inne und schaut durch die Tür hinaus auf den Spielplatz. "Sie haben es verstanden. Irgendwie von Anfang an."

      Claires Kollege vom Gemeinderat in Wrexham, Mike Barclay, ist vorbeigekommen und setzt sich auf den anderen schäbigen Bürostuhl im Schiffscontainer. Wenn Claire die Architektin des "Landes" ist, dann ist Mike wohl der Ingenieur. Man muss nur auf jene Spielplätze zu sprechen kommen, auf denen es Nestschaukeln gibt, aus denen man nicht herausfallen kann, mit schwammartigen Sicherheitsoberflächen und einer Wippe in Primärfarben – und er schüttelt den Kopf und sagt: "Aber ist das wirklich Spielen?" Als Verantwortlicher für das lexikondicke Handbuch zur Risikoprävention für "Das Land" weist er darauf hin, dass man sich daran gewöhnt, "extrem hinterfragt" zu werden, wenn man das tut, was Claire und er tun – um es mal höflich zu formulieren.

      "Ich glaube, Risiko ist im Spiel der Kinder angelegt"

      Und schon sprudelt ein oft abgespulter Bericht aus ihm heraus, wie jedes einzelne Risiko, das sie im "Land" eingehen, seinen ungefährlichen Doppelgänger in Gestalt eines offensichtlich vernünftigen Nutzens hat. Er rasselt die Studien herunter, die zeigen, wie Kinder durch Risiken lernen, ihre Emotionen zu regulieren, wie die geteilte Risiko-Erfahrung starke soziale Bindungen entstehen lässt, wie sie die Verschaltung unseres Systems der Stressbewältigung weiterentwickelt und die kognitive und verhaltensmäßige Flexibilität in Übereinstimmung bringt, die diesen Kindern später im Erwachsenenleben zugute kommt, weil sie sie kompetent und belastbar macht und vielleicht sogar – wenn man das sagen darf – glücklich.

      Im Kern von all dem befindet sich ein bemerkenswert nuanciertes Verständnis davon – eines, das auch manch ein Psychologe oder ein Politologe anerkennen würde –, wie schwierig es zunächst sein kann, Risiko zu definieren, aber auch wie verführerisch und wie fundamental in Bezug auf unser Verhältnis zu allem Ungewissen.

      "Ich glaube, Risiko ist im Spiel der Kinder angelegt", sagt Mike, "wenn man mit Risiko Ungewissheit meint, und das Spiel ist immer ungewiss, weil man sich nie ganz sicher sein kann, wohin es treiben wird."

      "Es geht wesentlich darum", sagt Claire, "dass wir diesen Kindern vertrauen, wir sehen sie nicht als unfähig oder inkompetent an. Sie können hierherkommen und etwas ausprobieren und sie können scheitern, und niemand beurteilt oder bewertet sie oder sagt ihnen, wie man es eigentlich macht. Sie müssen das alles für sich allein herausfinden. Es ist wichtig, dass Kinder Fehler machen können und" – Claire zuckt mit den Schultern und lächelt – "sie überleben."

      "Und diese ganze Ungewissheit", sagte Mike, "das ist es doch, was 'The Land' zu einem guten Platz zum Spielen macht."

      "Risiko ist im Spiel der Kinder angelegt", ist Gemeinderat Mike Barclay überzeugt.

      Foto: Richard Barker

      The Land - Risk Wise (Quelle: Richard Barker)

      Sich einen besonderen Aspekt der Ungewissheit zu eigen zu machen, war zu Beginn des 15. Jahrhunderts so etwas wie ein Spiel für einen kleinen päpstlichen Bürokraten mit einem großen Namen – Poggius Florentinus, auch Poggio Bracciolini genannt.

      Tagsüber ein erfahrener apostolischer Sekretär hegte Poggio in seiner Freizeit eine Leidenschaft für ein wissenschaftliches Hobby, die "Buchjagd": Er durchkämmte die Klosterbibliotheken im mittelalterlichen Europa nach in Vergessenheit geratenen Manuskripten lateinischer Autoren. Darin war er sehr gut – unter anderem grub er alle zwölf Bände von Quintilians mächtigem Werk über die Rhetorik aus, Vitruvs De Architectura in seiner Gesamtheit, mehrere unbekannte Reden von Cicero sowie verschiedene andere klassische Texte, die er alle kopieren ließ und unter den Gelehrten verteilte. An einem Wintertag zu Beginn des Jahres 1417 fiel Poggio in einer Klosterbibliothek irgendwo in Deutschland seine größte Entdeckung in die Hände: die vollständige Kopie eines bis dahin verloren geglaubten Gedichts des epikureischen Dichters Titus Lucretius Carus, genannt Lukrez. Es trug den Titel De Rerum Natura, "Über die Natur der Dinge", und es enthielt eine Idee, die die Welt verändern sollte.

      "Von etwas runterspringen, das mache ich am liebsten."

      Fast siebeneinhalbtausend Zeilen lang und alles andere als eine Strandlektüre ist De Rerum Natura übervoll mit zukunftsweisenden Ideen. Das von dem umtriebigen Poggio wiederentdeckte Poem sollte später Shakespeare, Montaigne und Newton inspirieren, selbst Darwin, Einstein und Heisenberg nahm es vorweg – und alles mit der kühnen Darstellung eines Universums, das nicht vom Schicksal oder den Göttern regiert wird, sondern das durch die Bewegung unendlich kleiner Partikel, von Atomen, den »Samen der Dinge«, charakterisiert ist. 

      Zudem – und das war Lukrez’ Wahnsinnsidee – war diese atomische Welt einem "Clinamen" unterworfen, wie er es nannte, einer Abweichung. Diese Abweichung war schwach und trat nur gelegentlich auf, war zugleich aber unvorhersehbar und zufällig – und unterschied sich darin von jeder vorhersagbaren und geordneten Bewegung. Es war das, was – sowohl auf der Ebene der Atome als auch auf derjenigen des Menschen – für den Zufall verantwortlich war, für den Faden fundamentaler Unberechenbarkeit, der sich durch unser aller Leben zieht. Das "Abweichen" des Lukrez war die eigentliche Quelle von Risiko.

      Und so rät der Dichter zu einer gelassenen Lebensführung innerhalb dieser Welt voller "Abweichungen", und unter den Tröstungen, die er anbietet, findet sich eine, die für jeden, der sich mit Risiko auseinandersetzt, befreiend und aufschlussreich ist. Lukrez verweist darauf, wie bestärkend jene essentielle Unberechenbarkeit sein kann, dass sie "die Bande des Schicksals zerreißen" und einer "endlosen Kette, in der Ursache auf Ursache folgt", zuvorkommen kann. Tatsächlich, argumentiert er, ist diese Unsicherheit das Lebenselixier unseres freien Willens, unserer Kreativität. Und wenn wir uns nur selbst beibringen können, im Fluss zu sein, kann dies vielleicht genau die Grundlage unserer Freiheit sein.

      "Glaubst du, ich schaff das?", fragt ein kleiner Junge in einem roten T-Shirt, der in der Nähe der Tür von Claire Griffiths’ Büro im "Land" steht und in den Sonnenschein nach oben zu ein paar älteren Kindern blinzelt, die auf das Dach des Schiffscontainers geklettert sind und jetzt abwechselnd hinunterspringen.

      "Das kannst du nur selbst wissen, Junge", sagt ein Betreuer in der Nähe, der gerade eine dünne Schicht Müll über dem lehmigen Boden zusammenrecht.

      "Es tut gar nicht weh", brüllt der Typ, der gerade auf einer mit Plastikfolie umwickelten Matratze gelandet ist. 

      Ein schlaksiger Junge mit einem Hammer späht vom Dach des Containers nach unten. Weil er wohl nicht mit ihm in der Hand springen will, schleudert er den Hammer hinunter. Er rauscht durch die Luft und schlägt, knapp fünf Zentimeter von den braunen Locken eines Mädchens entfernt, in den Boden ein – das Mädchen hatte sich gerade nach unten gebeugt (es ist abgewichen, wie man auch sagen könnte), um den Senkel an ihrem Turnschuh zu binden. Keiner zuckt auch nur mit der Wimper.

      "Weitgehend unbehelligt vom öden, gesunden Menschenverstand der Erwachsenen": Den jungen Besuchern von "The Land" werden so viele Grenzen wie nötig, aber so wenig wie möglich gesetzt.

      Foto: Richard Baker

      Sprungschanze (Quelle: Richard Baker)

      Die beiden Jungen, die den Nachmittag damit begonnen haben, immer wieder auf das alte Boot zu springen, lassen sich auf ein Gespräch ein. Der ältere der beiden sagt, er heißt James Greenshields und ist neun Jahre alt. 

      "Ich komme ein paar Mal in der Woche her", sagt er und wischt mit dem Handrücken ein bisschen Dreck von der Nase. "Manchmal würde ich am liebsten einfach da bleiben. Hier kann ich Sachen aus Holz bauen, Nägel reinhämmern. Sägen, solche Sachen. Manchmal kann es auch ein bisschen gefährlich werden, wie damals, als ich nicht wusste, dass da ein Nagel hervorstand. Ich bin runtergesprungen und hatte danach ein großes Loch im Fuß."

      "Ja, und vergiss die Sägen nicht", ist ihm sein Freund behilflich.

      "Das ist Brandon. Ja, einmal habe ich mir mit der Säge in den Finger geschnitten, stimmt’s?"

      Brandon nickt.

      "Was ich da mache, von etwas runterspringen wie da drüben, das mache ich am liebsten." James deutet auf eine provisorische Konstruktion über zwei Ebenen, die aus Sperrholz, Paletten, zwei Ölfässern und einer alten Leiter um einen Baum herumgebaut ist: "Und wenn du da oben bist, ist es unheimlich, aber ich denke dann für mich, ist das ungefährlich? Schaffe ich es, eine perfekte Landung hinzukriegen? Und wenn ich denke, dass ich es nicht schaffe, naja, dann mache ich es nicht. So wie vorhin, als wir auf das Boot runtergesprungen sind, da wusste ich, dass ich es kann." James wechselt plötzlich das Thema. "Aber diesen Sommer will ich auf den Baum da klettern." Er deutet auf ihn. "Diesen da. Weil es da oben nicht viele Äste gibt. Das wird ganz schön schwer werden."

      "Wir können alle bessere Menschen werden, wenn wir ein bisschen mehr spielen"

      Einen Augenblick lang betrachtet er den Baum. "Da ist mein Vater", sagt er dann und rast los, um vor der Teepause noch mit dem zerschlissenen Seil über den Bach zu schwingen.

      Wayne ist James’ Stiefvater. Er sagt, er kümmert sich jetzt allein um James und um seinen eigenen Sohn, James’ kleinen Bruder Taylor, nach einem langen, hässlichen Sorgerechtsstreit mit der Mutter der Jungen vor vier Jahren.

      "Weil es so schwierig war, das Sorgerecht zu bekommen", erzählt er, "war ich zuerst wie gelähmt vor Angst, meine Jungs könnten nicht bei mir bleiben. Also wollte ich sie nicht draußen spielen lassen. Ich habe sie nicht mal im Garten spielen lassen und wenn es klingelte, schrie ich: Nicht aufmachen. Nicht aufmachen. Papa guckt erst mal durchs Fenster." Wayne wirft einen Blick hinüber zu James, der Hals über Kopf wie Tarzan an dem Seil über den Bach hängt. 

      "Wenn ich heute daran denke, ist es verrückt, dass ich so war. Ich habe versucht, alle Zugänge zu den Jungs zu versperren, damit sie in Sicherheit sind, aber die Entscheidungen, die ich traf, brachten unsere langfristigen Pläne total durcheinander. Es war so schwer für mich, sie hierher kommen zu lassen. Ich wusste nicht, was 'The Land' war und wofür es stand. Und ich brauchte Zeit, bis ich hierher kommen und verstehen konnte, dass wir alle bessere Menschen werden können, wenn wir ein bisschen mehr spielen und wenn wir lernen, ein paar Risiken mehr im Leben einzugehen. 'The Land' ist wahrscheinlich der einzige Ort, an dem James sich zuhause fühlt. Es ist für ihn ein wirklich sicherer Ort. Er hat ihm Freiheit gegeben."

      Wayne blickt zu Boden und kickt ein Bonbonpapier weg. Dann schaut er wieder hoch und sagt es noch einmal.

      "Freiheit."


      Das Buch "Risk Wise - Von der Kunst mit Risiken zu leben" von Polly Morland mit Fotos von Richard Baker ist seit 28. September 2015 auf deutsch erhältlich (Verlag weissbooks, Frankfurt am Main).

      Gefördert wurde das Buchprojekt von Allianz Global Investors, mehr zu den Hintergründen dieser Zusammenarbeit hier.

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