Suchen
      • Suchen
      Markus Rehm in Action: Für den TSV Bayer 04 Leverkusen springt Rehm um den Sieg. (Quelle: Dirk Bruniecki)

      Markus Rehm vor den Paralympics 2016 27. Mai 2016

      Paralympics oder Olympia? Markus Rehm im Portrait

      Text: Detlef Dreßlein
      Foto: Dirk Bruniecki
      Das Wort Behinderung mag Markus Rehm so gar nicht. Schon allein, weil er sich durch seine Behinderung selten behindert fühlt. Auch empfindet er sie nicht als Schicksalsschlag. Die Amputation des rechten Unterschenkels im Alter von 14 Jahren - ein eher marginales Detail in seiner Vita.

      Behindert fühlt sich Markus Rehm eher von Verbänden, Regularien und Paragrafen. Denn er ist vor allem einer der besten Weitspringer Deutschlands, wenn nicht Europas oder der Welt. Trotz oder wegen seines Handicaps - im Alter von 14 Jahren stürzte er vom Wakeboard und geriet in eine Schiffsschraube, der rechte Unterschenkel musste amputiert werden. Die große Frage, die ihn seit Jahren umtreibt: Darf er zusammen mit der nicht-behinderten Weltelite starten und sich mit ihnen auf nationalen und internationalen Wettkämpfen messen, wie nun bald bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro?

      Die Prothese als sportlicher Vorteil - oder als Nachteil? 

      Eine Frage, auf die der Internationale Leichtathletikverband (IAAF) eher ausweichend reagiert. Und trotz einiger Anfragen stets Rehms Wunsch ignoriert, eine biomechanische Analyse durchzuführen oder auch nur die Kriterien dafür darzulegen. Das aber wäre essentiell, weil auch Rehm selbst nicht weiß, ob er durch seine Prothese nun Vor- oder Nachteile hat.

      Natürlich hilft ihm die Federkraft der Karbonprothese nach dem Absprung. Andererseits: „Wenn es ein so großer Vorteil wäre, gäbe es doch viel mehr paralympische Springer mit Weiten über acht Meter,“ so Rehm. Und es gebe eben auch Nachteile. „Ich muss immer einen Kompromiss finden, habe Schwierigkeiten beim Anlauf und ein gestörtes Gleichgewicht.“ Aber weil Fragen Antworten fordern, ergriff Markus Rehm – zusammen mit dem Deutschen Behindertensportverband (DBS) – selbst die Initiative und sorgte dafür, dass ein Gutachten erstellt wird.

      Markus Rehm mit seiner Beinprothese: Bei den Paralympics in Rio 2016 wird er wieder beim Weitsprung und auf Sprintdistanzen an den Start gehen.

      Foto: Dirk Bruniecki

      Markus Rehm mit seiner Beinprothese: Bei den Paralympics in Rio 2016 wird er wieder beim Weitsprung und auf Sprintdistanzen an den Start gehen. (Quelle: Dirk Bruniecki)

      „Man hat die Chance, inklusiven Wind reinzubringen“

      Am Montag, dem 30. Mai 2016, wird der Weitspringer aus Leverkusen die Ergebnisse der Öffentlichkeit präsentieren. Unterstützt wurden die Messungen von einem japanischen Fernsehsender, der Rehm in den letzten anderthalb Jahren begleitete. Allein hätte der Athlet die enormen Kosten nicht stemmen können. Die Untersuchungen wurden vom Institut für Biomechanik und Orthopädie der Deutschen Sporthochschule in Köln, vom Department of Integrative Physiology der Universität von Boulder/Colorado und vom National Institute of Advanced Industrial Science and Technology in Tokio durchgeführt.

      „Der IAAF und ich, wir haben doch ein gemeinsames Ziel: Den Sport nach vorn zu bringen“, sagt Rehm. „Bei allen Problemen, mit denen sich die Leichtathletik herumschlagen muss, hat man doch so die Chance, mal einen positiven, einen inklusiven Wind reinzubringen.“

      Sich nicht über das ärgern, was man nicht hat

      Der Auslöser, der letztlich zu der Untersuchung führte, waren die Deutschen Meisterschaften im Jahr 2014 in Ulm. Zum ersten Mal sprang er dort spektakulär in die Schlagzeilen. „Anfangs war da ein Wohlwollen, nach dem Motto: Lasst ihn mal mitmachen, wegen Inklusion und so. Und wäre er Siebter geworden, hätten sich alle gefreut“, sagt Rehms Trainerin Steffi Nerius. Aber Markus Rehm wurde Erster und fortan seien ihm viele mit „Neid und Missgunst“ begegnet. 

      Denn oft steht er jetzt im Mittelpunkt. So wie im Februar in Glasgow beim „Indoor Grand Prix“, als Wochen vorher nur die Rede war vom Duell zwischen ihm und Greg Rutherford, dem derzeit besten Springer der Nichtbehinderten. Woran man sieht, dass Inklusion im Spitzensport nicht nur von den Zuschauern akzeptiert, sondern sogar als Bereicherung empfunden wird. Kein Wunder, sagt Markus Rehm, „denn paralympische Athleten bringen ganz andere Werte rüber. Etwas aus dem Leben zu machen, das Schicksal anzunehmen und sich nicht über das ärgern, was man nicht hat.“

      Markus Rehm gewann bei den Paralympics 2012 in London Gold im Weitsprung.

      Foto: Dirk Bruniecki

      Markus Rehm gewann bei den Paralympics 2012 in London Gold im Weitsprung. (Quelle: Dirk Bruniecki)

      Das alte Leben war mit 14 abrupt vorbei

      Ohnehin ist er nicht nur als Ausnahmesportler, sondern auch charakterlich ein Vorbild. Denn als sein altes Leben im Alter von 14 Jahren so abrupt vorbei war, da begann er umgehend mit dem neuen. Optimistisch und zukunftsgewandt. Und mit der gleichen Disziplin, mit der er seit 2008 den Weitsprung betreibt, geht er seinem Beruf als Orthopädiemechaniker nach.

      Das Duell mit den Besten seines Sports reizt einen ambitionierten Athleten wie Rehm. Das kann ihm die paralympische Konkurrenz nicht mehr bieten. Seine Bestleistung liegt bei 8,40 Meter; sein Hauptkonkurrent in seiner Klasse schafft maximal einen Meter weniger. 

      Aber das Sportliche ist eben nur ein Aspekt. Die wissenschaftliche Untersuchung soll der Inklusion dienen, sagt Markus Rehm: „Damit es für die nächste Generation von Athleten völlig normal ist, gemeinsam zu starten. Und auch wenn ich vielleicht nichts mehr davon habe, so konnte ich mithelfen, etwas ganz Schönes zu schaffen.“ 

      Jetzt informieren

      Gesundheit - das höchste Gut:Allianz Gesundheitswelt