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       (Quelle: VG Bild-Kunst Bonn Courtesy Michael Sailstorfer and Galerie König)

      22. September 2017

      Geschickt verschickt

      Text: Elena Witzeck
      Foto: VG Bild-Kunst Bonn Courtesy Michael Sailstorfer and Galerie König
      Das hier ist Kunst – und es kann weg. Nach Peking, zur bislang größten Ausstellung deutscher Kunst in China. Nur: Wie schafft man die 320 Werke dorthin? Die Geschichte einer logistischen Meisterleistung

      Die Autos haben keine Türen, keine Scheiben, keine Motoren. Vor allem haben sie keine Räder. Sie wurden aller Merkmale beraubt, die sie als Ikonen der Mobilität ausweisen. Sie werden auch niemals fahren, denn sie bilden ein Kunstwerk des Berliner Bildhauers Michael Sailstorfer. "Brenner" hat er seine Installation genannt. Installation – das klingt immobil und fest verankert, und doch muss sich eines der sechs Autoskelette jetzt bewegen. "Brenner 05" wird auf große Reise gehen. Manchmal muss Kunst mobil werden, um ihre Botschaft zu transportieren. 16 Tage, nachdem es von einem Gabelstapler in eine gartenhausgroße Transportkiste gehievt wurde, wird "Brenner 05" in Peking ankommen. Dort ist es Teil von "Deutschland 8", der mit rund 320 Exponaten größten Ausstellung deutscher Kunst in China.

      "Brenner 05" wird in Berlin in die maßgezimmerte Kiste gehoben, die dann in einem Container landet. Ein Lkw bringt die­ sen in den Duis­ burger Hafen, wo ihn ein Kran auf die Bahn Richtung Peking setzt 

      Foto: VG Bild-Kunst Bonn, Daniel Biskup, Thekla Ehling

       (Quelle: VG Bild-Kunst Bonn, Daniel Biskup, Thekla Ehling)


      Dass die Kunstwerke gut am anderen Ende der Welt ankommen, dafür ist Hans-Ewald Schneider verantwortlich, der Geschäftsführer der Kunstspedition Hasenkamp in Köln-Frechen, einem Familienunternehmen in vierter Generation. Schneider sammelt selbst Kunst, ist ein jovialer Typ, direkt und gleichzeitig diskret. Für ihn ist das kulturelle Riesenereignis eine pragmatische Angelegenheit: von der Wand im Museum in die passende Kiste, in den Lastwagen, zum Flugzeug und dann ab ins Zielland. So funktionieren Kunsttransporte bei Hasenkamp normalerweise, und so funktionieren sie auch für 318 Werke, die, ausgestattet mit Allianz Versicherungen, nach China geflogen werden.

      Kunst verschicken ist auch eine Kunst. Hans­ Ewald Schneider, der Geschäftsführer der Kunstspedition Hasenkamp 

      Foto: VG Bild-Kunst Bonn, Daniel Biskup, Thekla Ehling

       (Quelle: VG Bild-Kunst Bonn, Daniel Biskup, Thekla Ehling)

      Kunst unterwegs in der Transsibirischen Eisenbahn

      Nur "Brenner 05" und die 3,80 Meter hohe Bronzeskulptur "Uranos" von Markus Lüpertz reisen auf Schienen, mit der Transsibirischen Eisenbahn. Beide werden in Berlin abgeholt, in maßgefertigte Kisten verstaut, nach Köln gefahren, in Container verladen und im Hafen von Duisburg mit einem Kran auf den Zug gehievt. Dass Kunstwerke so transportiert werden, ist selbst für die Spezialspedition neu. Und ein wenig Symbolcharakter hat der Reiseweg auch: Die Kunst bewegt sich zum Teil auf der alten Seidenstraße, dem einst wichtigsten Handelsweg zwischen Fernost und Europa. In Peking müssen die Werke dann auf die verschiedenen Museen verteilt werden. EinDreivierteljahr dauerte die Koordinierung, der eigentliche Transport brauchte nur drei Wochen.
      Einen weit weniger pragmatischen Blick hat Walter Smerling. Er ist einer der beiden Kunstexperten, die für die Auswahl der Werke zuständig waren. Smerling ist Kunstmanager, Kurator, Museumsdirektor und Leiter der Stiftung für Kunst und Kultur, die er 1986 mit anderen Kunstschaffenden gegründet hat. Als Jugendlicher war er in Bonn Joseph Beuys begegnet. Da war ihm klar, dass er mit Kunst arbeiten wollte.
      Vor 20 Jahren reiste Smerling zum ersten Mal für eine Ausstellung deutscher Kunst nach China. Es war der Beginn eines regen Austauschs. "Das Interesse Chinas an deutscher Kunst ist enorm", sagt Smerling. Enorm ist auch das Projekt "Deutschland 8": 320 Werke von 55 Künstlern hat er ausgesucht, darunter Anselm Kiefer, Jörg Immendor und Gerhard Richter. Die Verantwortlichen in China hatten viele Fragen. Diskutiert wurde zum Beispiel die Ironie bestimmter Motive. Aber wozu das alles? Der große Aufwand, der teure Transport, die vielen Museen? Smerling glaubt an den Wandel durch Annäherung: Die Kunst soll helfen, Verständnis zu fördern. Hinschauen, nachdenken, darüber sprechen.

      Brücken bauen durch Kunst

      Das ist auch für Eric Wolzenburg das Wichtigste: dass Kunst Brücken baut und die Verständigung zwischen den Nationen ermöglicht. Wolzenburg, der die Kunstversicherung der Allianz leitet, hat die Versicherung des Großprojekts übernommen, sämtliche 320 Werke, "von Nagel zu Nagel", wie er sagt. Die Initiatoren der Ausstellung brauchten keine Prämien zu zahlen, für Wolzenburg Kompetenzbeweis und Kultursponsoring gleichermaßen. Die Versicherungssumme mag er nicht nennen, verständlich, der Wert von Kunst reicht ja ohnehin weit über das Materielle hinaus.
      "Kunstwerke sind wertvoller, als sie je waren", sagt auch Smerling. Deshalb werden die Transporte immer aufwendiger. Zu seiner ersten Ausstellung in China brachte Smerling die Kunstwerke noch zusammengerollt und auf der Schulter abgelegt aus dem Land. Heute undenkbar.

      Die Männer der Kölner Spedition Hasenkamp brauchen viel Feingefühl für den Umgang mit der wertvollen Fracht 

      Foto: VG Bild-Kunst Bonn, Daniel Biskup, Thekla Ehling

       (Quelle: VG Bild-Kunst Bonn, Daniel Biskup, Thekla Ehling)

      Während "Brenner 05" schon seit mehreren Tagen gen Osten rollt, geht es für Pragmatiker Hans-Ewald Schneider weiter. In den langen Fluren seiner Spedition hängen Plakate von Ausstellungen, vor dem Fenster stapeln sich Getränkekästen und Baumaterial. Drinnen die Kunst, draußen das Notwendige. Schneider koordiniert in seinem Büro die nächsten Lieferungen. Jetzt ist "Farbraumkörper 1981" dran. Ein rot schimmerndes Kissen von Gotthard Graubner, ein mit Lein- wand bespannter Schaumstoffkörper. Nun reist auch dieses Werk nach Peking. Eine Restauratorin hat es vor dem Verpacken mit einer UV-Lampe geprü und den guten Zustand schri lich festgehalten. Auf dem Boden steht die weiße Klimakiste mit der Aufschrift "Packed and shipped by Hasenkamp". Wenn die Firma Kunstwerke abholt, bringt sie alles mit – von den Werkzeugen bis zum Transportkran. Komplexere Skulpturenwerden mithilfe von 3D-Scannern abgetastet. Daraus entstehen individuelle Schalenbausteine, die sich wie Lego zusammensetzen lassen.

      Westliche Kunst zum ersten Mal in der verbotenen Stadt

      Alle, die sich bei Hasenkamp der Kunst nähern, haben Erfahrung, ruhige Hände und Geduld. Die Werke dürfen nur im Notfall angefasst werden – und auch nur mit Handschuhen. 60 Kisten haben die vier Männer diese Woche schon gefüllt. "Die besten Packer haben Feingefühl, weil sie ein Handwerk gelernt haben, Bäcker, Konditoren, Schreiner", sagt Schneider.

      Spediteure verpa­cken das Werk "Farbraumkörper 1981". Nur wenn es nicht anders geht, darf ein Kunstwerk berührt werden. 

      Foto: VG Bild-Kunst Bonn, Daniel Biskup, Thekla Ehling

       (Quelle: VG Bild-Kunst Bonn, Daniel Biskup, Thekla Ehling)


      Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen sind die Sammler natürlich akut besorgt, wenn ihr Eigentum um die Welt reist. Bei Hasenkamp ist jede Halle kameraüberwacht, an einer Tür steht: "Öffnung führt zum Polizeinotruf". Hans-Ewald Schneider lässt nur langjährige Mitarbeiter in die Nähe solcher Transporte. Um das Risiko weiter zu minimieren, werden in Frankfurt die 318 Kisten auf vier Frachtflugzeuge verteilt, die dann direkt nach Peking fliegen. Dabei dürfen nicht alle Werke eines Sammlers gemeinsam versandt werden. Auch nicht alle Werke eines Künstlers. Kuriere, die von Museen, Sammlern und der Spedition beauftragt wurden, begleiten das Verladen mit kritischem Blick.
      Und dann, Ende August, erreichten die Werke endlich ihre Ausstellungsorte. Einer davon ist der Taimio Tempel in der Verbotenen Stadt. Es ist das erste Mal, dass dort zeitgenössische westliche Kunst ausgestellt wird. Und das macht beide stolz, den Kurator Walter Smerling und den Spediteur Hans-Ewald Schneider. Als alles hängt und richtig steht, als das Rot von Graubners Kissenkunstwerk vor dem weißem Hintergrund leuchtet, atmet Hans-Ewald Schneider durch und denkt: Was für ein wunderbarer Job.

      Der Transport in Zahlen

      320 Kunstwerke von 55 deutschen Künstlerinnen und Künstlern werden bei "Deutschland 8" zu sehen sein. Unter anderem von Georg Baselitz, Katharina Grosse, Andreas Gursky, Candida Höfer, Anselm Kiefer, Markus Lüpertz, A.R. Penck, Sigmar Polke, Neo Rauch, Gerhard Richter und Rosemarie Trockel.

      11 200 Kilometer reisten zwei der Kunstwerke mit dem Zug. Die anderen 318 wurden per Flugzeug von Frankfurt/Main nach Peking gebracht.

      8 Ausstellungsorte sind über ganz Peking verteilt: Taimiao Tempel, CAFA Museum, Today Art Museum, White Box Art Center, Beijing Minsheng Museum, Red Brick Museum und Yuan Art Museum. Den achten "Ort" bildet ein Symposium über deutsche und chinesische Kunst.

      700 Kilogramm wiegt das schwerste Kunst- werk, "Uranos" von Markus Lüpertz. Die Statue ist 3,80 Meter hoch.

      46 Tage dauert das deutsch-chinesische Kulturereignis: vom 15.09. bis 31.10.2017.


      Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Ausgabe 4/2017 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" zum Schwerpunktthema "Mobilität", die am 2. Oktober 2017 erscheint. Alle bisherigen "1890"-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download sowie als App für Apple-Geräte in itunes und für Android bei Google Play.