Startup Unicorn
Illustration: Noam Weiner

Wer als Founder mit seinem Start-up einen Angel zum Investment überreden will, braucht dazu Rockstars, Ninjas und Gurus. Aber zuallererst einmal einen Grundkurs im Silicon-Valley-Jargon. Bitte schön, hier ist er

Schon mal gemerkt? Jedes Jahrzehnt hat seinen ganz eigenen heimlichen Traumberuf. Für gewöhnlich sind das neuartige Jobs mit unklarem Ausbildungsweg, aber ziemlich klarem Ertrag. Und zwar in Form von viel Geld, flotten Drogen oder guten Anzügen. Meistens alles zusammen. In den 70er-Jahren waren es langhaarige Rockstars, in den 80er-Jahren gelackte Wall-Street-Typen, in den 90er-Jahren die verrückten Werber, dann kamen die global jettenden Unternehmensberater.

Und heute? Sind es wohl die Gründer. Auch wenn das Wort Gründer immer noch eher nach Lincoln-Bart klingt, nach Handelskammer und solidem Mittelstand. Trotzdem wird es heute ausgesprochen, als wäre gründen eine schon in sich bewundernswerte Leistung. Die globale Gründerszene hat es jedenfalls geschafft, sich selbst den Anschein eines verwegenen Haufens zu geben. Angesichts der meist trockenen wirtschaftlichen Vorgänge schon wirklich eine beachtliche Leistung. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Sprache. Der Code, den heute stolz jeder spricht, der mal durchs Silicon Valley gefahren ist, verleiht den Gründern und Start-up-Teams den Anstrich einer verschworenen Gemeinschaft. Einer Gemeinschaft, die sich auf der ganzen Welt Sachen zurufen kann wie: „We’ve been talking to local angels about our seed!“ Was übersetzt in nüchternes Betriebswirtschaftsdeutsch nur so viel heißt wie: „Wir haben erst mal vor Ort Klinken geputzt, um zu sehen, ob unsere Idee überhaupt was taugt.“ Klingt natürlich mit Angels und Seed viel besser.

Alle wollen Einhörner werden, niemand will Zombie sein

Angels also sind schnöde Investoren, aber beileibe nicht das einzig märchenhafte Personal im Start-up-Sprech. Einhörner etwa heißen junge Firmen wie Airbnb oder Uber, die mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet werden und somit das geschafft haben, wofür in den renovierten Fabriketagen zwischen Berlin und Sydney nonstop gepitcht wird. (Ziel ist ein Uber für jeden Lebensbereich, das gehört auch zum kleinen Start-up-Einmaleins.)

Alle wollen Einhörner werden, aber niemand will ein Zombie sein. Denn das sind ehemals hoch gehandelte Start-ups, die heute halbtot vor sich hin dümpeln mit Aktien zum Preis eines Kaugummis. Gefragte Mitarbeiter werden Rockstars genannt, Ninjas oder Gurus, erstrebte Wachstumskurven sind Hockey-Sticks, und auch sonst klingt ein Start-up-Stammtisch immer ein bisschen nach Kindergeburtstag. Kein Wunder, bei dem Eid, den alle Gründer insgeheim geschworen haben und der von Oberguru Mark Zuckerberg stammt: „Move fast and break things!“ (“Seid schnell und macht Sachen kaputt!”) Tja, früher hat man so was Zuckerschock genannt. Aber wild, laut, irgendwie unangepasst zu sein, ist eben auch vor allem ein schmeichelhaftes Selbstbild für Menschen, die in Wahrheit doch nur hauptsächlich zwischen Vertriebler-Sitzung und dem nächsten Elevator Pitch herumhetzen.

Einhörner, Angels, Nomaden, weiße Ritter. Die Funktion dieses schwärmerischen Vokabulars liegt auf der Hand. Trockene Materie wird damit romantisiert. Es fällt einfach leichter, 70 Stunden in der Woche für Einhörner und Angels zu arbeiten und sich ein wenig wie in einem fantastischen Rollenspiel zu fühlen. Vermutlich lassen sich so spielerisch auch Misserfolge besser wegstecken. Hoppla, da sind wir wohl im Deathpool gelandet, haha! Firmengründung als Jump & Run oder besser noch als Trial & Error. Fail better, und so weiter.

Irgendwie wird mit der Sprache auch das Außenseitertum gefeiert. Denn seit die reichsten Menschen der Welt allesamt Ex-Nerds sind, ist aus dem Nerdism eine geachtete und Erfolg versprechende Lebenseinstellung geworden. Man trägt also auch als kleiner Gründer vorsichtshalber bunte Strümpfe, komische T-Shirts und redet eben in einer Geheimsprache, in Abgrenzung zu den Alten, den Erwachsenen. Es ist eine beinahe sich selbst erfüllende Prophezeiung: Seht her, wir erfinden alles neu. Erst mal unsere Sprache, dann deinen Alltag! Seit die Start-up-Kultur sogar fernsehtauglich geworden ist und sich die Pitcher öffentlich in der Höhle der Löwen (wieder so ein Wort!) präsentieren, weiß man, dass sich manche an diese auswendig gelernten Vokabeln klammern, als wäre das schon das eigentliche Geschäft.

Es geht nicht vorrangig ums Business, es geht um Emotionen

So gesehen, sind diese Codewörter auch nichts anderes als die linguistische Entsprechung zu den Kickertischen, die in jedem Gründerbüro aufgebaut werden. Symbol einer irgendwie lockeren, neuen Unternehmerwelt. Es geht nicht vorrangig ums Business, es geht um Emotionen, das steht ja auch nicht von ungefähr in jedem zweiten Start-up-Ratgeber. Dialekt einer Branche, die sich selbst irgendwo zwischen Neo-Goldgräbern und Glücksspielern sieht. Vielleicht ist die Hoffnung hinter dem Glauben an Engel und Einhörner aber auch ganz banal. Große Teile der Geschäfte bei Start-ups basieren nun mal auf Fantasie. Mitarbeiter müssen an die überzogenen Ziele glauben. Geldgeber müssen die irrsten Visionen erkennen. Kunden sollen eine bessere Zukunft sehen. Da hilft es, wenn schon die Anbahnung ein bisschen die Fantasie stimuliert und märchenhafte Stimmung erzeugt. Märchen, das weiß man, gehen schließlich immer gut aus.

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