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    • Kannibalismus unter Tieren: Welche Arten sich selbst töten
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      Auch unter den Tieren gibt es Kannibalisten - der Braunbär gehröt ab und an dazu. (Quelle: Fotolia/ Martina Berg)

      15. April 2015

      Bär frisst Bär - Kannibalismus im Tierreich

      Text: Cord Riechelmann
      Foto: Fotolia/ Martina Berg
      Auch wenn es absurd klingt: Kannibalismus kann im Tierreich durchaus fürsorglich gemeint sein. Ein paar Beispiele dafür, wie eigenartig sich manche Lebewesen ernähren.

      Man möchte kein Eisbär sein, im nicht mehr ganz so kalten Polar. Einer wie der selige Knut hätte hier kaum überlebt. Für die Männchen der eigenen Art sind die kleinen pelzigen Kuscheltiere eine Delikatesse, je süßer, umso besser. Die Weibchen bringen ihre Jungen in Sicherheit, sobald ein Bärenmann am Horizont auftaucht.

      In Tierfilmen auf Youtube kann man sehen, wie die Eisbärmütter nervös werden, sich kleinmachen und so unauffällig und schnell wie möglich das Weite suchen. Könnte der körperlich stärkere Bär nämlich die Jungen ergreifen, würde er sie töten und auffressen – unabhängig davon, ober er nun der Vater ist oder nicht. Auch bei Braunbären ist das Verhalten keine Seltenheit. Der Braunbärmann ist allerdings wählerischer, er verspeist am liebsten die Nachkommen der anderen.

      Töten, um die eigene Stellung zu verbessern

      Säugetiere töten Junge aber nicht nur, um sie zu fressen. Bei Löwen und einigen Affenarten wie den indischen Hanuman-Languren ist beobachtet worden, dass Männchen, wenn sie einen Harem von einem anderen Mann übernehmen, bisweilen alle Jungen der Gruppe töten. Allerdings fressen sie die Jungen, wenn sie sie getötet haben, nicht. Die mögliche Erklärung: Der neue Haremschef erhöht damit seine Fortpflanzungsmöglichkeiten. Denn solange die vom Vorgänger gezeugten Jungen von der Mutter gesäugt und gepflegt werden, sind die eigenen Zeugungsmöglichkeiten des "Neuen" blockiert. Tötet er die Gruppe, werden die Weibchen wieder empfängnisbereit und paaren sich mit ihm.

      Wölfe sind in Hungerzeiten ähnlich pragmatisch. Der Rudelführer tötet einfach sämtlichen Nachwuchs außer dem des ranghöchsten Weibchens. So bleibt immer genügend Milch für die überlebenden Jungen übrig.

      Es sind aber nicht nur die Männer, die zu Kannibalen werden. Die Ethnologin Jane Goodall dokumentierte als erste, wie ein Schimpansenweibchen schwächere Schimpansenmütter überfiel, deren Kinder raubte und anschließend verspeiste. Bei den Männchen kann das Töten von Artgenossen kriegsähnliche Züge annehmen. Schimpansentrupps patrouillieren regelmäßig die Grenzen ihrer Territorien und überfallen dabei gut koordiniert und gezielt Mitglieder benachbarter Gruppen, die sie dann auch fressen. Nicht aus Hunger, eher zum Ausschalten fremder Esser im Clangebiet.

      Sex und Ex: Bei manchen Spinnen verspeist das Weibchen seinen Partner beim Paarungsakt

      Foto: Fotolia/ afpejaphotographer

      Sex und Ex: Bei manchen Spinnen verspeist das Weibchen seinen Partner beim Paarungsakt. (Quelle: Fotolia/ afpejaphotographer)

      Die Schwarze Witwe, eine Spinne aus der Ordnung der Webspinnen, hat ihren Namen daher, dass sie gelegentlich nach der Paarung das kleinere Männchen auffrisst. Das hat zwei Vorteile: Zum einen gibt es eine gesunde und bekömmliche Mahlzeit, zum anderen wird gleich ein Nahrungskonkurrent im Territorium ausgeschaltet.

      Auch für eine männliche Gottesanbeterin ist bei einer Paarung meist das Weibchen das Letzte, was sie sehen. Manchmal beginnt die Frau schon während des Akts damit, den Partner aufzufressen. Wenn der Mann nach dem Sex entkommt, wird er in der Regel aggressiv verfolgt.

      "Shades of Grey im Tierreich"

      Bei anderen Arten haben die Männchen Gegenstrategien entwickelt. So versucht die männliche Listspinne Pisaura, die Weibchen durch Brautgeschenke zu befrieden, während die männlichen Spinnen der Gattung Xysticus die Weibchen während der Paarung lieber gleich mit Spinnfäden an der Unterlage fesseln, einem Ast etwa. Shades of Grey im Tierreich.

      Bei Lemmingen, Erdhörnchen, Hausmäusen und Präriehunden, in deren Gruppen sich alle Weibchen fortpflanzen, ist oft gegenseitiges Töten von Jungtieren durch säugende Weibchen beobachtet worden. Ein Verhalten, das man noch nicht ganz verstanden hat. Zu interpretieren ist es am ehesten durch die Konkurrenz um günstige Nestplätze und Nahrung. Wenn die Nebenmutter keine Kinder mehr zu versorgen hat, bleibt mehr Platz und Futter für die eigenen Jungen.

      Bissig: Lemminge fressen die Jungen ihrer Nachbarn. Damit es die eigenen Kleinen besser haben.

      Foto: Fotolia/ Christa Eder

      Bissig: Lemminge fressen die Jungen ihrer Nachbarn. Damit es die eigenen Kleinen besser haben. (Quelle: Fotolia/ Christa Eder)

      Dabei kann das Töten der Jungtiere bei Nagetieren auch in Vorausschau auf kommende Nahrungskrisen geschehen. Manchmal werden dafür schon weit entwickelte Embryonen im Mutterleib zurückgebildet oder der neugeborene Nachwuchs einfach aufgefressen.

      Junge als Nahrungsgrundlage der Alten

      Fische wie große Hechte oder Barsche fressen andauernd jüngere und kleinere Hechte und Barsche. In Gewässern, in denen es neben Barschen und Hechten keine anderen Fische gibt, kann das so weit gehen, dass sich die Großen fast ausschließlich von ihrem Nachwuchs ernähren. In solchen Gewässern bilden die Jungen, die sich von Kleinstlebewesen ernähren, die ständige Nahrungsgrundlage der Alten.

      Barscher Umgang: So mancher Fisch verspeist seine Nachkommen.

      Foto: Fotolia/ dieter76

      Barscher Umgang: So mancher Fisch verspeist seine Nachkommen. (Quelle: Fotolia/ dieter76)

      Bei lebend gebärenden Fischen wie den Tigerhaien fressen die Jungen bereits im Mutterleib ihre Geschwister auf, bevor diese eine Chance haben, geboren zu werden. Was wie eine sinnlose Grausamkeit der Natur wirkt, ist aus dem Blickwinkel der Evolution Normalität.

      Womöglich ist der Begriff Kannibalismus für das Verhalten im Tierreich irreführend. Christoph Kolumbus prägte das Wort 1492, als er die Ureinwohner auf den westindischen Inseln 1492 "Caniba" nannte. Dabei diente die "Menschenfresserei", anders als bei den Tieren, selten kulinarischen, sondern meist rituellen Zwecken. Wer das Gehirn des Toten verzehrte, nahm über den Magen auch seinen Geist auf. Bis heute lebt der Mythos der "Menschenfresser" fort.

      Kannibalismus wurde den Kungs zum Verhängnis

      Unfreiwillig komisch ist die Geschichte der Kannibalen von Kung, einem Volksstamm in Zentralafrika. Ihre einseitige Spezialdiät waren jahrelang die Gehirne getöteter Feinde. Bis alle von Lachkrämpfen geschüttelt wurden – und sich buchstäblich tot lachten. Wissenschaftler fanden später heraus, dass sich der Stamm mit einer seltenen und tödlichen Viruskrankheit angesteckt hatte.

      Solche Fälle sind die Ausnahme. Die anderen bekannten Ereignisse gehören in die Kategorie Hungerkannibalismus. Legendär die Geschichte des Flugzeugabsturzes in den chilenischen Anden im Jahre 1972. Die 16 Überlebenden verspeisten notgedrungen ihre verunglückten und toten Mitreisenden.

      Bärenhunger: Die Zähne eines Braunbären beißen auch gegen Artgenossen zu.

      Foto: Fotolia/ XK

      Bärenhunger: Die Zähne eines Braunbären beißen auch gegen Artgenossen zu. (Quelle: Fotolia/ XK)

      Neben dem Inzesttabu ist das Tötungsverbot von eigenen Artgenossen in allen Menschengesellschaften eines der universell stärksten. In aktuellen Lehrbüchern der Verhaltensbiologie und Verhaltensökologie ist das Wort "Kannibalismus" im Register nicht zu finden. Stattdessen finden sich in allen Lehrbüchern Einträge zum "Töten von Artgenossen". Und die Lehrbücher tun gut daran, das Töten von Artgenossen so neutral wie möglich zu überschreiben, ohne jede moralische Ächtung.

      Business as usual: fressen und gefressen werden

      Aus neutraler Forscherperspektive könnte Kannibalismus auch eine Form der Zuneigung sein. Auch wenn liebevolle Fürsorge normalerweise anders aussieht. Ein britisch-amerikanisches Forscherteam um Michael Bonsall hat ein Computerexperiment gemacht. In einer Simulation erfanden sie eine fiktive, eierlegende Tierart. Am Anfang waren noch alle Tiere gleich, es gab weder kinderfressende noch besonders fürsorgliche Tiere. Erst als die Forscher der Universität Oxford einen "Mutanten" in die Population einschleusten, änderte sich die Situation.

      Der Mutant hatte freie Wahl, er durfte den Nachwuchs verspeisen oder ihn großziehen. Das Ergebnis: Die Population entwickelte sich sehr ausgewogen, es gab weder eine Über- noch eine Unterpopulation. Kannibalismus und Fürsorge existierten in einer perfekten Co-Evolution. "Wenn man zu viele Babys produziert, kann man sie nicht alle versorgen. Also sterben sie entweder alle, oder man frisst ein paar von ihnen auf und kann dafür wenigstens einige Nachkommen durchbringen", sagt der Forscher Michael Bonsall. Die Eltern tanken mit dieser Taktik auch Energie, um mehr Kraft für den nervenaufreibenden Betreuungsjob zu haben. Es ist doch immer wieder schön, wenn man sich zum Fressen gern hat.