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    • Jan Frodeno: „Junge, jetzt hast du zu funktionieren!“
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      Jan Frodeno beim Laufen (Quelle: fx_makesapicture)

      Triathlon-Olympiasieger und Hawaii-Champion im Interview 16. Januar 2018

      „Junge, jetzt hast du zu funktionieren!“

      Text: Andreas Haslauer
      Foto: fx_makesapicture
      Jan Frodeno, Olympiasieger im Triathlon und zweimaliger Ironman-Weltmeister, kann nicht verlieren. Deshalb geht er immer wieder an seine Grenzen. Und darüber hinaus. Ein Gespräch über Wettkampfhärte, Demut und die Magie des Startschusses

      Der härteste Ausdauerwettkampf der Welt, der Ironman auf Hawaii, startet immer morgens um sechs Uhr. Sind Sie in der Nacht vor dem Start überhaupt nervös?
      Jan Frodeno: Und wie! Das ist bei mir wie in der Schule. Je näher die Klausur rückt, desto nervöser und hibbeliger werde ich. Der einzige Unterschied ist die Intensität zwischen einer Prüfung und einem Triathlon

      Wie meinen Sie das?
      Ich war einer, der erst immer kurz vor der Klassenarbeit angefangen hat zu lernen. Das hatte den positiven Effekt, dass ich nicht so viel grübeln und nachdenken konnte. Denn ich musste ja lernen, hatte gar keine Zeit.
      Bei meinen Wettkämpfen ist es genau andersherum. In den Tagen vor einem Ironman trainiere ich so gut wie gar nicht mehr. Das hat den Nachteil, dass ich ausgiebig Zeit zum Grübeln habe. Was allerdings eine Klausur und ein Wettkampf vereint, das verrät mir immer mein Hals.

      Ihr Hals?
      Ja. Links, wenn Sie genau hinschauen, sehen Sie, dass meine Halsschlagader ordentlich ausgeprägt ist. Die pulsiert und pocht immer ganz schön, wenn ich auf dem Weg zum Start bin.

      Wie bereiten Sie sich auf den Start vor?
      Fast gar nicht. Ich schwimme mich nur die paar Meter zur Startlinie ein, ich radle mich nicht ein, ich laufe mich nicht ein. Bei acht Stunden Wettkampf am Stück mit einem Verbrauch von Tausenden von Kalorien wird mir immer schneller warm, als mir lieb ist. Außerdem weiß mein Körper genau, wenn der Startschuss fällt: „Junge, jetzt hast du zu funktionieren!“

      Beim Triathlon wechseln Sie vom Schwimmen zum Radfahren, dann vom Radfahren zum Laufen. Ist das jedes Mal ein Neustart für Sie?
      Das versuche ich mir zumindest einzureden. Allerdings habe ich mich bisher noch nie wirklich damit überlisten können. Mein Körper signalisiert mir bei jedem Wettkampf etwas ganz anderes (grinst).

      Ironman-Rennen starten im Wasser: Zunächst steht 3,86 Kilometer schwimmen auf dem Programm

      Foto: getty images

      Ironman-Rennen starten im Wasser: Zunächst steht 3,86 Kilometer schwimmen auf dem Programm (Quelle: getty images)

      Haben Sie Rituale?
      Rituale in dem Sinn, dass ich immer den linken vor dem rechten Schuh anziehe, habe ich nicht. Aber Automatismen. Ich stehe in Hawaii um drei Uhr nachts auf, trinke einen Espresso, dann frühstücke ich Haferflocken mit Walnüssen und Bananen. Danach dehne ich mich, setze mich ganz allein in eine ruhige Ecke, gehe das Rennen im Kopf durch und bereite mich auf den Startschuss vor. Zu dem Zeitpunkt bin ich meist sicher, alle Hausaufgaben gemacht zu haben.

      Welche Hausaufgaben?
      Zusammen mit meinem Trainer nehmen wir das Startdatum von Hawaii, rechnen 48 Wochen – so lange dauert die Vorbereitung – zurück, dann haben wir unser Ausgangsdatum. Von diesem Zeitpunkt aus bauen wir unseren Trainingsplan auf. Alles ist genau auf diesen einen Tag hin ausgerichtet, wenn der Startschuss fällt. Und 21 Tage vor Hawaii mache ich dann im Geheimen meine eigene Generalprobe.

      „Mein Kopf entscheidet, ob der Schmerz mein Freund oder Feind ist“

      Ist denn Triathlon wie Mathematik planbar?
      Pulsdaten, Wattwerte und Laktatmessungen sind in der Vorbereitung sicherlich wichtig. Besonders wir Deutschen sind weltweit führend in Sachen sportwissenschaftliches Training und Leistungsdiagnostik. Über Sieg oder Niederlage entscheidet am Schluss aber immer noch der Kopf.

      Wie bringen Sie Ihrem Kopf mentale Wettkampfhärte bei?
      Indem ich ihn und meinen Körper über Jahre hinweg ans Limit bringe und manchmal darüber hinaus. Mein Kopf entscheidet ja, ob der Schmerz mein Freund oder Feind ist. Bei einem optimalen Wettkampf kann ich mich vom Start weg in den Schmerz reinsteigern.

      Das klingt nicht nach Spaß.
      Das ultimative Leiden ist das Mittel zum Zweck, aber nur, weil mich dieses Leiden meinen Zielen näherbringt.

      25 Kilometer schwimmen, 600 Kilometer Rad fahren und 100 Kilometer laufen – und das Woche für Woche. Wie können Sie sich dafür überhaupt motivieren?
      Ich muss nur an meine Konkurrenten denken. Dann springe ich sofort aus dem Bett. Ich will nicht verlieren. Schlimmer noch: Ich kann nicht verlieren. Das war schon immer so. Wenn ich als kleiner Junge bei „Mensch ärgere Dich nicht“ verloren habe, konnte es sein, dass ich das Spiel einfach umgeschmissen habe. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Dieser Antrieb, immer der Beste sein zu müssen, ist ganz tief in mir drin. Das treibt mich an. Tagein, tagaus.

      Das hat beim letzten Ironman im Oktober 2017 auf Hawaii nicht geklappt. Sie landeten am Ende auf dem 70. Platz. Wie lief die Vorbereitung?
      Die Vorbereitung war bis auf zwei kleine Infekte top. Ich hatte keine Muskelbeschwerden, keine Schwächephasen, keine Wehwehchen, nichts. Im Gegenteil: Als ich auf Hawaii ankam, war ich noch frischer, noch hungriger und noch motivierter als sonst.

      „Rien ne va plus, nichts ging mehr“

      Warum haben Sie dann versagt?
      Eigentlich lief alles nach Plan. Vom Start weg hatte ich beim Schwimmen schnelle Arme. Auch das Radfahren war gut, aber ich merkte schon einen leichten Druck auf meinen Rücken. Außergewöhnlich ist das nicht. Irgendwas tut einem ja während des Wettkampfs immer weh.

      Was hat den Schmerz verursacht?
      Der GPS-Transponder. Den müssen wir alle tragen. Erst dachte ich, der schürft  nur meine Haut am Rücken auf. Also gab ich weiter Gas und schloss sogar auf die Spitzengruppe auf. Einige Zeit später kam der absolute Super-GAU.

      Wie sah der aus?
      Schwere Beine sind nach dem Übergang vom Radfahren zum „dritten Start“, dem Laufen, völlig normal. Was nicht normal war, waren die brutalen Schmerzen am Rücken. Zu dem Zeitpunkt war ich noch felsenfest davon überzeugt, dass ich die Verkrampfung einfach rauslaufen werde. Ich redete mir ein, dass es gleich wieder wird.
      Es wurde aber die Hölle. Der Muskel hat zugemacht und wie verrückt auf den Nerv gedrückt. Dieser wiederum hat meinen ganzen Körper lahmgelegt. Rien ne va plus, nichts ging mehr. Bei genau 3,2 Kilometern lag ich wie ein Maikäfer auf dem Rücken und habe versucht, mit klassischen Dehnübungen die Blockade zu lösen. Es war wie der schmerzhafteste und fürchterlichste Hexenschuss aller Zeiten.

      Jan Frodeno windschnittig auf dem Rad

      Foto: fx_makesapicture

      Jan Frodeno windschnittig auf dem Rad (Quelle: fx_makesapicture)


      Sie haben sich auf eine Box am Wegesrand gesetzt.
      Ich wollte das Iliosakralgelenk einrenken, schaffte es aber nicht. Das war alles so demütigend. Felix, mein bester Freund, und Emma, meine Frau, standen einen halben Meter neben mir und konnten mir nicht helfen. Wenn sie das gemacht hätten, wäre ich disqualifiziert worden. Das war brutal. Alle Menschen, die ich liebe und schätze, musste ich wegschicken. Meine Frau hatte Sorgen, dass langfristige Schäden bleiben könnten, wenn ich weiterlaufe. Ein Drama. Es war nicht lebensgefährlich. Ich konnte nur nicht mehr weiterlaufen.

      „DNF, also Did Not Finish, ist keine Option“

      Irgendwie haben Sie es dann aber doch geschafft.
      Triathlon ist kein Sport, Triathlon ist eine Lebenseinstellung und Haltung, erst recht auf Hawaii. Der Finisher-Gedanke steht dort über allem. Ich fand es gegenüber jedem anderen Sportler nur gerecht, mich so wie sie zu quälen und den Ironman erfolgreich zu beenden. DNF, also Did Not Finish, ist keine Option.

      Wie konnten Sie weiterlaufen, wenn Ihr Körper streikte?
      Mein Rücken war wohl wie ein altes Scharnier. Je mehr es sich bewegte, desto geschmeidiger wurde es. Ich setzte mir deshalb kleine Ziele: „Jan, laufe einfach mal bis zur nächsten Verpflegungsstation. Und wenn du dort angekommen bist, dann schau einfach weiter.“ Ich hangelte mich, wenn Sie so wollen, von Start zu Start.

      Sie hatten sogar Zeit, sich mit Sonnenlotion einzucremen.
      2016 habe ich mir dermaßen die Stirn verbrannt ... Diesmal war an Rennen ja nicht zu denken, ich konnte anfangs nur spazieren gehen. Dabei wollte ich mir nicht wieder einen Sonnenstich einfangen. So selbstkasteiend bin ich dann doch nicht.

      Was haben Sie aus dem Rennen gelernt?
      Demut. Wenn mich in diesem Leben etwas demütig gemacht hat, dann dieses Rennen. Mein Ziel war es, den Ironman unter acht Stunden zu gewinnen. Stattdessen war ich anfangs nur traurig und enttäuscht. Die ersten Tränen liefen mir schon während des Rennens hinunter.

      Die Menschen jubelten Ihnen wie verrückt zu.
      Das habe ich am Anfang gar nicht verstanden. Und es hat mich total verwirrt, weil es mir peinlich war. Offenbar fanden es die Zuschauer anständig von mir, dass ich das Ding heimbringen wollte. Zumindest haben mir ganz viele einen Klaps auf die Schulter oder den Hintern gegeben. So nach dem Motto: „Komm Junge, Scheißtag heute, haben wir alle schon mal erlebt.“ So habe ich mich bis ins Ziel geschleppt.

      War es das alles wert?
      Wenn man etwas Großes erreichen will, muss man bereit sein, Großes zu geben. Ich habe an dem Tag alles gegeben.

      Sind Ihre Psyche und Physis inzwischen wieder einigermaßen hergestellt?

      Absolut. Ich habe den Sport einige Wochen einfach in die Ecke gestellt und nachgeholt, was ich seit zweieinhalb Jahren nicht mehr gemacht habe: Ich saß auf dem Mountainbike, habe mich mit alten Freunden getroffen und Urlaub mit der Familie gemacht. Und auch mal was Ungesundes für mein Seelenleben getan: Ich habe mir ein Bierchen geschnappt, mich auf das Dach meines Hauses in Girona gesetzt und den Sonnenuntergang genossen. Einfach so. Für mich waren die letzten Wochen wie ein Neuanfang.

      Sie posteten auch ein Bild mit dem T-Shirt „Burning for Kona“. Sie wollen also wieder nach Hawaii?
      Da oben auf dem Treppchen zu stehen ist einfach das Schönste auf der Welt. Dieser Gedanke treibt mich an, mir jeden Tag den Hintern aufzureißen und das Maximale aus meinem Körper herauszuholen.

      Trotz der Tragödie beim letzten Ironman?
      Der Stress, der Druck, die harten Einheiten – alles bröckelt von mir ab, wenn es wieder losgeht. Endlich zeigen, was ich draufhabe. Deswegen ist der Startschuss für mich auch das schönste Geräusch überhaupt. Wenn mein Körper ihn hört, weiß er: „Jetzt zählt’s. It’s Show- time.“ Ein echtes Gefühl der Erleichterung.

      Leide lieber ungewöhnlich – über Jan Frodeno

      Jan Frodeno, 1981 in Köln geboren, wuchs in Südafrika auf, wurde Schwimmer und kam erst mit 19 zum Triathlon. Acht Jahre später holte der 1,94 Meter große Athlet die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Peking. In den Jahren 2015 und 2016 gewann er den Ironman auf Hawaii. Im Oktober 2017 streikte aber der Körper. Von Rückenschmerzen gepeinigt, musste der Titelverteidiger – nach 3,2 Kilome- tern im Laufen – seine Siegchancen begraben und blieb erst mal auf dem Rücken liegen. Am Ende schleppte er sich als 70. ins Ziel: Aufzugeben war nie eine Option.


      Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 1/2018 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" zum Schwerpunktthema "Anfang". Alle bisherigen "1890"-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download.