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      iPad statt Buch und Fernseher: Vier Wochen lang verzichten die Matzigs auf alles Analoge. (Quelle: Christian Kaufmann)

      Selbstversuch 17. März 2015

      iPads rein, Bücher raus: Ein radikales Digitalexperiment

      Text: Gerhard Matzig
      Foto: Christian Kaufmann
      Wie lebt es sich maximal digital? Der Münchner Journalist Gerhard Matzig hat es mit seiner Familie ausprobiert.

      Bisher war mir nie ganz klar, warum der D-Day eigentlich D-Day heißt. Klar, der 6. Juni 1944 wird als D-Day bezeichnet. Das ist der Tag, an dem die Alliierten in der Normandie landeten. Außerdem ist damit manchmal der "Doomsday" gemeint, also der Tag des Jüngsten Gerichts.

      Alles Unsinn. D-Day heißt "Digital Day". Wobei mein persönlicher D-Day vom Dramaturgischen her durchaus in einer Liga mit Jüngstem Gericht und Alliierten-Landung spielt. Wenn ich auch zugeben muss, dass die drei Möbelpacker der Firma Brandlmeier, die am 2. Februar zu einer Uhrzeit zu uns kommen, die man nur mit "Morgengrauen" umreißen kann, nichts Paramilitärisches an sich haben. In Waldtrudering, einem Münchner Stadtteil, leben wir in einem sehr schmalen Haus: meine Frau Katharina, ich – und drei liebreizende Kinder.

      Das jüngste Kind ist sieben Jahre alt, heißt Leonard und wird Lelo genannt. Mauritz, genannt Mau, ist sein zehnjähriger Bruder. Die Älteste ist dreizehn Jahre alt und heißt Marie. Genannt: Marie. Sie ist auch sonst ein hinreißend nüchternes und ruhiges Kind. Im Gegensatz zum familieneigenen siebenjährigen Hooligan. Es ist noch nicht acht Uhr an diesem Samstag und Lelo hämmert gegen die Schlafzimmertür: "Sie kommen!", ruft er, "mach auf, die Bücher werden abgeholt, die iPads kommen!" Ich sage: "D-Day." Dann öffne ich der Digitalisierung die Tür. Nur Sekunden später halten die Kinder die neuen iPads in Händen. Mit fünf neuen iPads werden wir ab sofort ein möglichst digitales Leben führen. Hilfe, denke ich. Mal abwarten, denkt meine Frau. Endlich, denken die Kinder.

      Alles muss raus: In kürzester Zeit sind die analogen Werke in Kisten verpackt und abtransportiert.

      "Ich bin ein begnadet analoger Typ"

      Ich bin ein begnadet analoger Typ. Das heißt, ich kann stundenlang Zeitungen lesen und liebe es, wenn die Fingerkuppen danach schwarz und fettig sind vor lauter Druckerschwärze. Nichts gegen die Leute aus der Online-Abteilung einer, sagen wir mal, großen süddeutschen Zeitung, für die ich arbeite. Aber ich bin nun mal ein Print-Mensch – auch wenn man sich mit so einem Statement in Zeiten des sogenannten Zeitungssterbens anhört wie eine Mischung aus Karl Lagerfeld und Kaiser Wilhelm II. Der Kaiser sagte einst: "Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung." Und Lagerfeld sagte, das Internet sei nur eine "Mode, die bald verschwinden wird". Beweis: "Vom Walkman spricht auch niemand mehr."

      Doch, einer spricht noch davon: ich. Ich habe auch Platten, CDs und DVDs. Ich weiß, was eine Kassette ist. Und vor allem habe ich Bücher aus Papier und Buchdeckel und Bindfäden. Das sind Bücher, ich sage das für die E-Paper-Verehrer oder Kindle-Jünger unter uns, wo man die Seiten noch auf dreidimensionale Weise umblättert und "sehr richtig!" an den Rand des neuen Schirrmacher-Bestsellers kritzelt. Später bleichen die Bücher aus, man kleckert versehentlich Marmelade hinein, sie riechen nach Sonnenmilch, und manchmal fällt auch etwas Sand aus der Bestseller-Kapitalismuskritik. Übrigens fragt man sich nach Jahren, warum man diesen Wahnsinn einmal "sehr richtig!" finden konnte. So ist das mit Büchern: Sie sind wichtige Zeitzeugen. Ich brauche sie.

      Doch nun werden sie rausgetragen. Katharina dirigiert die Möbelpacker. Die Bilder: raus. Wir fotografieren sie, um sie in den nächsten Wochen wenigstens mit dem Beamer angucken zu können. Die Uhr in der Küche, vor 30 Jahren auf dem Wiener Naschmarkt für zehn Schilling gekauft, "Max Böhnel, Wien" steht drauf: raus. Der Fernseher: weg. Die Platten, DVDs und die alten Hörspielkassetten samt "My First Sony": raus, raus, raus. 69 Kisten sind es schließlich, die das Brandlmeier-Team mitnimmt. Zurück bleiben die iPads und eine Hotline-Nummer für technisch Bedürftige wie mich.

      "Alle starren beim Frühstück auf ihr iPad"

      Ich betrachte die zurückgelassenen Staubmäuse in den verwaisten Buchregalen und verfalle augenblicklich in eine tiefe Depression. Gerne würde ich mit jemandem darüber sprechen in der Familie. Aber Katharina, Marie, Mau und der Hool: Sie sind alle über ihre iPads gebeugt und emsig dabei, sich irgendwelche fabelhaften Apps zu laden. Mir fällt ein Song ein: "Denn ohne eine App", so geht der Refrain, "ist man nur ein Depp". Beim Abendbrot pusten die Kinder die Kerzen aus, die hier normalerweise so tun, als lebten wir in einer kuscheligen Steinzeithöhle. Sie stellen ihre iPads auf. Mit einer Candle-Light-App. Ich könnte in Tränen ausbrechen, habe aber Angst, dass das irgendwie zu analog rüberkommt.

      Am ersten Morgen in Digitalien sitzt die Familie vorbildlich gemeinschaftlich beim Frühstück. Der Tisch sieht so aus: Milchtüte, iPad, Brötchenteller, iPad, weiches Ei, iPad, Obstsalat, iPad, Milchkaffee, iPad. Dazwischen fünf Ladekabel und die ewige Frage, warum es in allen Häusern dieser Welt immer viel zu wenig Steckdosen gibt.

      Ein nettes Bild, gewiss. Getrübt vielleicht nur vom Umstand, dass alle auf ihre iPads starren. Ich will wissen, wie viele Apps Marie schon geladen hat. "So um die 90", sagt sie. Nach 24 Stunden. Am Ende, nach vier Wochen, werden es genau 133 sein. Darunter viele Spiele, aber auch "Phase 6", ein Lernprogramm für die Schule, das "Pocket Piano", eine App, die aus dem iPad ein wohltemperiertes Klavier macht (auf dem man wegen der fehlenden Tastenfläche aber nicht wirklich spielen kann) – und natürlich jede Menge Bücher. Das Lieblingsbuch, nein, die Lieblingsstaffel muss man sagen beziehungsweise die Lieblingsmultimedia-Datenbank, also Buch plus Hörbuch plus Newsletter plus Forum plus E-Card, kurz: das aktuelle Lieblingsdigitalimperium heißt "Warrior Cats". Ich habe mir auch was aufs iPad geladen, ein Buch mit dem Titel "Digitale Demenz". Es ist ziemlich kulturkritisch. Katharina findet prompt im Internet eine Kritik, die behauptet, der Verfasser sei ein Analog-Hirni und von gestern. Hm.

      Mutter Katharina im Interview: "Es erweitert den Horizont"

      "Am Elternsprechtag schauen mich einige Mütter scharf an"

      Marie räumt schnell auf mit meinen analogen Vorbehalten: Sie liebt ihr iPad und zählt die Vorteile gegenüber einem Analog-Buch auf: "Erstens, Mau und Lelo können es auch lesen, sobald ich es heruntergeladen habe, und zwar ohne mich zu nerven und ohne es mir wegzunehmen." Aha. Und zweitens? "Zweitens ist es eben mehr als nur ein Buch." Was dank ihres bemerkenswerten Talents zum mehrstündigen Skypen und Chatten über das Gelesene ebenfalls einleuchtet. "Und drittens", ergänzt Marie, "habe ich nur ein Gerät – aber alle Bücher sind da drauf, Filme, Hörbücher, Songs, einfach alles. Fantastisch, oder?!"

      Katharina wendet ein: "Aber die Maigret-Krimis gibt’s nicht bei iBooks!" Ich vermute mal, dass Maigret, eine großartige, Pfeife rauchende Erfindung des Schriftstellers Georges Simenon, einfach zu analog ist. In einem Band, frühe 50er-Jahre, verflucht er die neue Zentralheizung in seinem Kommissariat, weil er sich vom alten Kohleofen nicht trennen kann. Sympathisch! Andererseits wäre die Erde, hätten Maigret, der Papst und ich das Sagen, vermutlich immer noch eine Scheibe.

      Lelo, der dank seiner sieben Lebensjahre als Eingeborener der Digitalisierung gelten darf, hat übrigens intuitiven Zugang zum iPad. Mit Mau zusammen hat er in Sekunden raus, wie wir mithilfe von Sky Go die aktuellen Bundesliga-Spiele live angucken können. Das ist eine Sensation für Mauritz. Denn da ich der Familie bisher nur einen Fernseher plus Zimmerantenne gegönnt habe, musste Mau, ein riesiger Fußballfan, der sich noch nicht endgültig entschieden hat, ob er später mal bei den Bayern oder bei Barça spielt, Fußballspiele immer durch die Hecke betrachten. Durch die Hecke und durch das Fenster der Nachbarn, die sehr digitale junge Menschen sind. Das Bild, wie Mau einmal bei Regen an der Hecke stand, um Schweini und Lahm siegen zu sehen: Ich werde es nie vergessen.

      Dank Sky Go beschließe ich einige Tage später, dass wir gemeinschaftlich (wenn auch jeder für sich) einen Talk über die Gefahren der Digitalisierung angucken. Dort berichtet ein Experte von einem Versuch. Ein Dutzend Kinder soll unter drei Geschenken wählen: a) ein iPad; b) ein Fahrrad; c) ein Kaninchen. Die Hälfte der Kinder nimmt das iPad, die andere Hälfte wählt das Kaninchen. Wie sich herausstellt, haben alle schon ein Fahrrad. Und wer glaubt, das Kaninchen lasse hoffen: Die Hälfte von den Kaninchen-Fans hatte bereits ein iPad. Das gilt übrigens auch für die Freunde unserer Kinder. Nur Lelo, der Hool, ist der einzige in seiner Klasse (der zweiten), der jetzt mit einem iPad prahlen darf. Am Elternsprechtag schauen mich einige Mütter scharf an, als überlegten sie, welche Nummer das Jugendamt hat. Ich stammle etwas von Experiment und Medienkompetenz und trolle mich.

      Vater Gerhard im Interview: "Ich bin noch ein zu sehr analoger Mensch"

      "Es ist praktisch im Flugzeug eine digitale Zeitung zu lesen"

      Natürlich verändert sich das Leben der Familie in diesen vier Wochen. Aber das schafft auch ein neues Brettspiel oder ein Kaninchen. Ja, manchmal starren alle auf einen kleinen Bildschirm wie artfremde Autisten. Und ja, es kann sehr lustig enden, wenn man mit der Koch-App kocht und eine Materie produziert, die dann nur entfernt an Nahrung erinnert. Und nein, ich will mir von meiner Runtastic-Jogging-App nicht dauernd sagen lassen, ich sei vom rechten Weg abgekommen (und in indiskutablem Tempo, was ich aber, falls gewünscht, gerne der Run-Community mitteilen könne). Aber ehrlich gesagt: Es ist praktisch, eine Zeitung in iPad-Version im Flugzeug zu lesen. Und es ist großartig, immer alle Bücher bei sich zu haben. Gitarre lernen per iPad: kann man. Und auch ein veritables Tonstudio gibt es ab. Ich gebe zu: Es ist schon eine kleine Zaubermaschine.

      Beruhigend ist für mich die Beobachtung, dass niemand in unserer Familie suchtartig dem neuen Medium verfällt. Und wer partout zurück in die vordigitale Zeit möchte, der soll sich vergegenwärtigen, wie das erste Automobil auf die Menschen wirkte. Damals glaubte ein Medizinalrat Dr. Nacke, dass vor allem Frauen von der Schaukelei in den "selbstfahrenden Kutschen" einer "sinnlichen Enthemmung" verfallen würden, sodass sich am Ende ganze Gesellschaften auflösen müssten – als Folge des erotisierenden, orgiastischen Furors auf vier Rädern.

      Wäre es umgekehrt, würde also die analoge Zeit der digitalen Ära folgen, dann träten im Fernsehen ganz viele Experten auf, jammernd, dass die Jugend, die sich früher gemeinschaftlich-sinnstiftend und wahnsinnig kommunikativ von früh bis spät in den sozialen Medien herumgetrieben habe, nun furchtbar krank geworden sei. Nun läse man "Bücher". Ganz allein. Total asozial. Der Neurologe würde nachweisen, dass das Umblättern echter Seiten zu einer bedrohlichen Veränderung im dafür zuständigen Hirnareal führt. Die Bestseller hießen nicht "Digitale Demenz", sondern "Analoger Autismus".

      Als nach vier Wochen die Bücher endlich zurückkommen, als wir sie aus ihren Kisten befreien und wie Kriegsheimkehrer umarmen, als die Brettspiele wieder da sind und ich wieder mit Kochbuch kochen darf: Da bin ich einerseits sehr glücklich, andererseits frage ich mich, ob in meinem Analoghirn, bedingt durch das jahrzehntelange Umblättern, noch alles mit rechten Dingen zugeht. Ich frage, als allerletzte Aktion mit dem Leih-Pad, meine neue Freundin danach: Siri, den Computer, der mit mir spricht. Siri sagt, sie wüsste es nicht, könne aber gerne im Internet recherchieren. Ich bin beruhigt. Nach vier Wochen digitaler Existenz hätte ich angenommen, dass Siri meine Gedanken lesen kann. Kann sie nicht. Dazu müsste sie schon meine analoge Ehefrau sein. Die eben zu mir sagt: "Du bist sicher froh, dass du deine Bücher wiederhast." Stimmt genau. "Aber so schlimm", sagt Katharina, "findest du das iPad auch wieder nicht." Stimmt ebenfalls. Es ist sogar so, nun ja, also … sagen wir so: Das mit den anstehenden Oster-, Geburtstags- und Weihnachtsgeschenken könnte geklärt sein.

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