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       (Quelle: Allianz Deutschland AG/Frank Springer)

      21. Juli 2015

      So gut wie tot

      Text: Barbara Baumgartner
      Foto: Allianz Deutschland AG/Frank Springer
      15 Minuten lang war sein Puls auf null. Doch dann feierte der 67-Jährige ein großes Comeback. Vom Beginn eines zweiten Lebens.

      Er sei "ein Mensch, der nicht dramatisiert", stellt Arthur Eberle (Name von der Redaktion geändert) fest. Man glaubt es ihm gern. "Mein Herz hat aufgehört zu schlagen –und fertig", sagt er. Der Tatsache, dass er 15 Minuten lang tot war, nimmt er die Dramatik, indem er darüber scherzt. Auf die Frage nach seinem Befinden antwortet er zum Beispiel: "Im Zweiten lebt man besser" und macht die Geste aus dem Werbespot fürs ZDF.

      Tatsächlich sieht er blendend aus, deutlich jünger als 67: eine stattliche Erscheinung in schwarzen Jeans und Polohemd, die Haut leicht gebräunt, der Haarkranz silbrig. "Von der Ratio her weiß ich, dass ich eine Viertelstunde lang tot war – aber emotional beeindruckt es mich nicht besonders." Er macht eine Pause und schaut seine Tochter an, die ihm sehr nahesteht und "seine große Stütze ist", wie er sagt. "Oder vielleicht doch? Vielleicht sind die Witze meine Art, damit umzugehen?" Die Tochter nickt: "Auch deine Art, den anderen den Umgang damit zu erleichtern." Der Vater stimmt zu: "Die denken dann: 'Er ist wieder ganz der Alte' und sind beruhigt. Ich war immer ein lustiger Mensch."

      "Hier lebt ein glücklicher Ruheständler"

      Die beiden sitzen am Esszimmertisch von Eberles kleinem Haus am Hang,
      durch die Panoramafenster geht der Blick weit in die hügelige Landschaft Südbadens hinein. Es ist ein lichtes, stilvoll eingerichtetes Haus voller farbenfroher Bilder. Neben der Klingel draußen erklärt ein kleines Schild auf Französisch: "Hier lebt ein glücklicher Ruheständler".

      Das stimmt heute genauso, wie es vor ein paar Monaten zutraf, im Februar 2015. Damals ist der begeisterte Lehrer Arthur Eberle seit fast zweieinhalb Jahren pensioniert. Der Ruhestand hat ihm ermöglicht, seine krebskranke Frau zu Hause bis zum Tod zu pflegen, dafür ist er dankbar. Er selbst fühlt sich kerngesund; alle Untersuchungen, denen sich der leidenschaftliche Segelflieger und Fluglehrer regelmäßig unterziehen muss – Langzeit-EKG, EKG unter Belastung, Gleichgewichtstests – haben das bestätigt. Er ist ein aktiver, lebensfroher Mensch: kocht und isst gerne, pflegt einen großen Freundeskreis, reist, liebt Frankreich und Italien. Er gibt Flugstunden und unterrichtet einmal in der Woche an seiner alten Schule, außerdem überführt er manchmal Fahrzeuge für ein Autohaus.

      Gut, wenn jemand da ist, der gelernt hat, wie man Erste Hilfe leistet.

      Foto: fotolia/wellphoto

       (Quelle: fotolia/wellphoto)

      Alles wirkt völlig normal

      Am Vormittag des 10. Februar 2015 erledigt er solch einen Auftrag, danach bringt er den Freund, der ihn begleitet hat, nach Hause. Es ist das letzte, was er von diesem Tag in Erinnerung hat. Der Rest sind Berichte. Ihnen zufolge schaut er am frühen Abend bei einer Bekannten vorbei, um ihr bei einem Computerproblem zu helfen, und danach fahren beide in eine urige, in der Gegend sehr beliebte Bauernwirtschaft. Sie essen und unterhalten sich, alles ist völlig normal. Bis Arthur Eberle plötzlich und ohne Anzeichen von vorherigem Unwohlsein auf die Bank kippt. 

      An einem der Nebentische spielen wie jeden Dienstag drei Männer aus der Ortschaft Skat. "Wir hörten die Frau laut aufschreien, und dann sahen wir, dass sie den Mann schüttelte und er nicht reagierte", wird sich später einer von ihnen erinnern. Die drei stürzen sofort zum Tisch, fühlen nach dem Puls: Da ist kein Puls. Zu den glücklichen Umständen in dieser Geschichte gehört, dass einer der Skatspieler regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse des Roten Kreuzes absolviert hat, in seinem Betrieb ist das Pflicht. Noch während jemand die Notfallnummer anruft, beginnt er schon mit der Herzdruckmassage. "Da darf man keine Zeit verstreichen lassen!" Er weiß, man muss den Brustkorb tief eindrücken, fünf bis sechs Zentimeter, ohne Angst: Was wäre schon eine gebrochene Rippe? Die Männer pumpen im Wechsel, 13, 14 Minuten lang halten sie das Blut am Fließen, damit das Gehirn mit Sauerstoff versorgt wird.

      "Was wäre schon eine gebrochene Rippe?", dachte sich der beherzte Ersthelfer.

      In diesem Moment beschließt sie, an Wunder zu glauben

      Endlich trifft der Notarzt ein. Er setzt einen Defibrillator, das Herz schlägt
      wieder. Wenig später landet der Hubschrauber der schweizerischen Flugrettung auf der verschneiten Wiese neben dem Gasthof. Wieder ein glücklicher Umstand: Basel ist nicht weit entfernt, die Schweizer fliegen auch nachts. "Jetzt lebt der Mann wieder", denkt der entschlossene Ersthelfer, als der Patient in die Klinik nach Bad Krozingen abtransportiert wird, "aber wie wird er leben?" Der Gedanke drückt ihm noch lange danach aufs Gemüt.

      Anfangs ist die Prognose schlecht. Falls das Gehirn zu wenig Sauerstoff bekommen hat, bedeuten 14 Minuten eine Ewigkeit. Zudem sind bei der Reanimation Essensreste in die Lunge gelangt und haben eine Entzündung ausgelöst, die Eberles Zustand enorm verschlechtert. Wie die Chancen stehen, weiß seine Tochter, als die Ärzte sagen: "Es geschehen immer wieder kleine Wunder." Sie beschließt in diesem Moment, daran zu glauben.

      Weisen den Weg durch den Dschungel aus Diagnosen, Behandlungsmöglichkeiten und Reha: Die Patientenbegleiter der Allianz.

      Foto: Allianz Deutschland AG/Frank Springer

       (Quelle: Allianz Deutschland AG/Frank Springer)

      Flut an Emotionen

      Am sechsten Tag auf der Intensivstation wendet Arthur Eberle seiner Tochter den Kopf zu und schaut sie durch die Schläuche und Apparate hindurch an. Aufgeregt berichtet sie einem Pfleger davon, worauf der freundlich vorschlägt, sie solle vielleicht einen Kaffee trinken gehen. Noch am selben Tag registriert aber auch der Pfleger Reaktionen. Von eventuell vier bis sechs Wochen Koma war die Rede gewesen, nach zweieinhalb Wochen kann Eberle, dem ein Schrittmacher und Defibrillator implantiert wurden, die Klinik verlassen.

      Im Rückblick sagt er über die Krankenhauszeit: "Die anderen haben sicher mehr gelitten als ich. Ich bin ja erst aufgewacht, als es wieder aufwärts ging." Was er als "schon sehr heftig" empfand, war weniger das Bewusstsein, dem Tod von der Schippe gesprungen zu sein, als die Flut an Emotionen, die ihn und seine Besucher beim Wiedersehen ergriff, eine überwältigende Dosis Dankbarkeit, Freude, Erleichterung. Die Ärzte rieten als Anschluss an das Krankenhaus zu einer Reha – ein Koma und das viele Liegen zehren am ganzen Körper. Doch welche Einrichtung passt auf Eberles Diagnose und seine Bedürfnisse?

      Patientenbegleiter für dem Weg durch den Diagnose-Dschungel

      Wie schon während der Krebserkrankung seiner Frau stand der Familie eine Patientenbegleiterin der Allianz beratend zur Seite. Diesmal war sie für Arthur Eberle da. Er selbst sträubte sich zunächst gegen die Anschlussbehandlung
      – "ich dachte, das schaffe ich auch so, typisches Männergehabe eben". Doch noch während Eberle im Krankenhaus lag, telefonierte die Allianz Mitarbeiterin mit seiner Tochter und unterstützte die Reha. Mehrfach tauschten sich die Frauen danach auch per E-Mail aus und fanden so eine passende Einrichtung.

      "Die anderen haben sicher mehr gelitten als ich."

      Hildegard Büning, die bei der Allianz das Team der Patientenbegleiter
      mitaufgebaut hat, sagt: "Eine Fachkraft von außen gibt in einer solchen Ausnahmesituation ungemein Halt." Der Zuspruch sei sehr hilfreich gewesen, sagt auch die Tochter: "Da ist dann jemand, der mit dem Fall vertraut ist, man muss nicht jedes Mal wieder von vorne mit Erklärungen anfangen."

      Vorbereitung fürs zweite Leben

      In Eberles dreiwöchiger Reha trainiert er langsam wieder seine Muskeln, ebenso seine Ausdauer. Er lernt, wie er sein Herz künftig belasten kann, ohne es zu überlasten. Diese Therapie bereitet ihn vor für sein zweites Leben. Dies nimmt er mit Hingabe dort wieder auf, wo sein bisheriges Leben so abrupt unterbrochen wurde. Die Unterbrechung stellt für ihn jedoch keine Zä­sur dar. Wenn er benennen soll, was im zweiten Leben anders als im ersten ist, sagt er: "Ich mache jetzt langsamer. Heb’ zum Beispiel nichts Schweres mehr. Ich hab schon präsent, dass ich ein bisschen aufpassen muss."

      Aber sonst: "Ich muss sagen, es hat sich für mich eigentlich nichts geändert." Nicht das Dasein, nicht der Blick darauf. "Vielleicht bin ich da auch oberflächlicher als zum Beispiel meine Tochter." Doch beim Zuhörer bleibt ein ganz anderer Eindruck zurück: der eines beneidenswerten Menschen, der nicht erst durch einen gewaltigen Schreck daran erinnert werden musste, das Leben wirklich auszukosten. Vielleicht, so vermuten Vater und Tochter, hat das auch mit der Erkrankung der Mutter zu tun: Die hat das Bewusstsein der Endlichkeit in die Familie gebracht und war eine gute Schulung darin, die Dinge richtig zu gewichten.

      Auto fahren darf er wieder, damit hat er auch seine Unabhängigkeit zurück. Dass er kein Flugzeug mehr lenken darf, macht ihm nichts aus: "Ich kann ja mitfliegen." 

      Foto: fotolia/animaflora

       (Quelle: fotolia/animaflora)

      Sein Platz im Leben

      Vor ein paar Wochen verbrachten Eberle und seine Tochter einen schönen Abend mit den Männern, denen er sein Leben verdankt. Sie saßen in
      der Wirtschaft zusammen, in der es passiert war, und einen Moment lang hatten alle Tränen in den Augen. "Das will schon was heißen: Für unseren Schlag von Männern ist das schwierig – Tränen zu zeigen", sagt Arthur Eberle, und seine blauen Augen glitzern feucht. Er weiß, was für einen seltenen Glücksfall seine Ersthelfer darstellten: "Die meisten drücken zu wenig fest, haben mir die Ärzte gesagt."

      Seine Retter und er, diese stolzen Männer, trafen sich eines Abends wieder. Sie weinten.

      Was hätte sein können – nein, daran denke er nicht. "Ich lebe im Voraus, nicht im Danach." Nur als er erfuhr, dass sein Herz schon seit der Geburt eine Anomalie hat, die auf den Namen "Non-Compaction-Kardiomyopathie" hört - dass es jederzeit hätte stillstehen können - "da hab’ ich kurz mit Schrecken gedacht: Wenn mir das auf der Autobahn passiert wäre! Oder in der Luft, mit einem Schüler, der noch nicht fliegen kann!"

      Auto fahren darf er wieder, damit hat er auch seine Unabhängigkeit zurück. Dass er kein Flugzeug mehr lenken darf, macht ihm nichts aus: "Ich kann ja mitfliegen." Im Sommer will er mit Freunden nach Görlitz fahren, von dort aus
      werden sie das polnische Gebiet überfliegen, er freut sich schon darauf. »Ich sitze dann da, wo ich schon als Fluglehrer saß – auf dem Pilotensitz sitzt ja der Schüler. So gesehen ist das für mich keine große Veränderung." Nicht ganz derselbe, aber wieder auf dem gleichen Platz: So ähnlich ist es mit seinem Leben auch.

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