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      Golden Girl: In Aspen, Colorado, fuhr Heather Mills 2012 vier Siege ein. (Quelle: Damjan Zibert)

      Paralympics 12. August 2016

      "Angst habe ich nur vor Schwiegermüttern"

      Text: Sandra Michel
      Foto: Damjan Zibert
      Heather Mills ist ein wahres Stehaufmädchen. Sie war Model, hatte einen Unfall, blieb Model – und ist heute Unternehmerin, Moderatorin, Skirennläuferin. Wie schafft sie das alles?

      Frau Mills, 1993 musste Ihr linker Unterschenkel amputiert werden. Danach machten Sie Karriere, als sei nichts gewesen. Unter anderem weiterhin als Model. Wie erklären Sie sich das?

      Nachdem ich mein Bein verloren hatte, habe ich erst mal viele Jahre nicht als Model gearbeitet. Aber ich konnte mich als Moderatorin, Produzentin, Regisseurin und Schriftstellerin etablieren. Ich denke, dass Erfolg im Leben nichts damit zu tun hat, ob man behindert ist. Es ist eine Sache des Selbstbewusstseins und des Glaubens an sich selbst.

      Trotzdem hatten Sie nach dem Unfall plötzlich ganz andere Probleme als vorher. Richtig?

      Ja, und es hört nie auf. Ich musste letztens meinen Parkausweis abgeben. Man sagte mir, dass ich nicht mehr als behindert gelte. Wohl deswegen, weil ich mein Schicksal überwunden habe und mittlerweile als Skirennläuferin erfolgreich bin. Gut, normalerweise nutze ich den Behindertenparkplatz ohnehin nicht, aber an manchen Tagen brauche ich ihn. Das Problem ist, dass die Menschen, die solche Entscheidungen treffen, keine Ahnung von meinen täglichen Problemen haben. Sie verstehen nicht, dass mein Becken verrutscht, wegen der Metall-platten, die meine Hüften zusammenhalten. Oder mein Stumpf blutet und ich daher die Prothese nicht anlegen kann. Oder ich wegen meiner Lungenverletzung keine Luft bekomme.

      "Der Unfall bewirkte auch viele positive Dinge"

      Angeblich verkauften Sie Ihre Kranken- und Genesungsgeschichte damals für 180.000 britische Pfund an verschiedene Magazine und Zeitungen...

      Die genaue Summe habe ich nicht mehr im Kopf, darum kümmerten sich meine Anwälte. Aber wir haben damit einen Treuhandfonds für Menschen im ehemaligen Jugoslawien eingerichtet. Vielen Kindern, die durch Landminen Gliedmaßen verloren hatten, konnten wir so Prothesen beschaffen. Letztlich bewirkte der Unfall auch viele positive Dinge: Er hat es mir und meinem Team zum Beispiel ermöglicht, eine Fläche von 2100 Hektar von Landminen befreien zu lassen und mehr als 400.000 Amputierten zu helfen.

      Angstfreiheit wurde Mills in die Wiege gelegt

      2012, im Alter von 44 Jahren, gewannen Sie für das britische Paraskiteam Ihr erstes Rennen: einen Super-G in Innerkrems in Österreich. Wie kamen Sie zum Spitzensport?

      Zunächst half es mir, andere beim Umgang mit ihrem Schicksal zu unterstützen und Spenden zu sammeln. Aber nachdem ich viel Zeit damit verbracht hatte, anderen zu helfen, wurde der Sport mein Ding.

      War Bewegung schon immer Teil Ihres Lebens?

      Ja, ich treibe schon mein ganzes Leben lang Sport. Als Kind bin ich gelaufen, geschwommen und habe Tennis gespielt. Ich denke auch, dass jeder Mensch ein gewisses Suchtpotenzial in sich trägt. Es ist nur wichtig, dass man sich die richtige Sucht aussucht. Zum Glück haben mich Alkohol und Drogen nie interessiert, es war schon immer der Sport.

      Ganz ungefährlich ist auch das nicht: Unter anderem brachen Sie sich mehrmals die Schulter und rissen sich das Kreuzband. 2015 waren Sie mit 166 Stundenkilometer die schnellste Skifahrerin mit Behinderung. Haben Sie eigentlich nie Angst?

      Nur vor potenziellen Schwiegermüttern. Im Ernst: Ich glaube, du stirbst, wenn deine Zeit gekommen ist. Also muss ich keine Angst haben. Diese Einstellung könnte mit meiner Arbeit in Kriegsgebieten zu tun haben, bei der ich nie verletzt oder gar von einer Kugel getroffen wurde. Aber auch wenn ich davon überzeugt bin, dass Erfahrungen einen großen Einfluss auf die Persönlichkeit haben, so wurde mir die Angstfreiheit wohl in die Wiege gelegt.

      Rückschläge halten Heather Mills nicht auf

      Sie wollen 2018 bei den Winter-Paralympics in Pyeongchang/Südkorea teilnehmen. Wie sieht Ihr Trainingsplan aus?

      Ich trainiere an fünf Tagen die Woche. Wenn kein Schnee liegt, bin ich auf dem Fahrrad unterwegs oder arbeite mit Gewichten.

      In Bezug auf 2018 sagten Sie einmal: "Ich bin dann zwar 50, aber das hält mich nicht auf." Gilt das noch immer?

      Na ja, durch den Stress der letzten Jahre mussten mir zwei Organe entfernt werden und ich bin schwer an Borreliose erkrankt. Ich erhole mich gerade davon und hoffe, dass ich bald wieder fit bin. Aber ich bin davon überzeugt, dass ich in Südkorea eine Medaille holen kann. In meinem Leben ist alles möglich.

      Das Multitalent

      Heather Anne Mills, geboren am 12. Januar 1968 in Aldershot/ England, wurde als 25-jähriges Model von einem Polizeimotorrad angefahren und schwer verletzt. Danach engagierte sie sich unter anderem stark für Landminenopfer. Seit 2010 trainiert sie alpinen Skilauf und gewann zwei Jahre später erstmals ein Rennen. Außerdem ist sie Unternehmerin, Moderatorin, Produzentin und besitzt eine Firma, die vegetarische Fertigkost herstellt.
      Weitere Infos:
      www.heathermills.org
      www.vbitesfoods.com