Formel E – Die stehen unter Strom

In der Formel E rasen die Rennautos ohne viel Lärm ins Ziel. Ist die Zukunft des Motorsports batteriebetrieben? Ein hoch spannender Tag in New York

12:20 Boxengasse, Team Abt

Daniel Abt legt sich ein u-förmiges Gestell um den Hals. Der Nackenschutz, der verhindern soll, dass er sich das Genick bricht. Er zieht seinen Helm über. Ihm gegenüber lehnt seine Freundin Nadine im schwarzen Kleid an der roten Wand der Abt- Rennbox. Sie blickt ihm in die Augen, er schaut starr geradeaus. Draußen in der Boxengasse tönen zwei Trillerpfeifen. Der erste Rennwagen surrt vorbei. Es wird Zeit.

Der 24-Jährige drückt mit dem Daumen einen Knopf am Lenkrad, und schaltet die Anzeigen auf dem Display durch. Er nickt kurz. Kabel werden abgezogen. Leise rollt der Wagen los. Die zwei Trillerpfeifen ertönen wieder, damit die Boxengasse frei bleibt. Mit einem sirrenden Geräusch verschwindet er aus dem Blickfeld. “Sorgen mache ich mir keine”, sagt Nadine leise. “Wenn man sich da reinsteigert, wird man ja verrückt.” Ein Techniker läuft an ihr vorbei und schnauft hörbar aus. Ihre Blicke treffen sich. “Rock this shit”, sagt Nadine.

Die stehen unter Strom
Daniel Abt fuhr in New York die schnellste Runde. Foto: Helga Traxler

Seit fünf Jahren folgt sie ihrem Freund über den Globus. Zu Hause sind sie in Kempten im Allgäu. Daniel Abt, groß geworden im Familienunternehmen Abt Sportsline, das erst mit dem Tunen von Autos und dann als Rennstall bekannt wurde, gilt als einer der talentiertesten deutschen Rennfahrer. Nach Kart, Tourenwagen und Formel 3 fährt er seit 2014, dem Geburtsjahr der Formel E, im familieneigenen Team in der elektrischen Rennserie mit.

Abts Rennwagen röhrt nicht, er summt. Der Benzingestank, das Schmieröl an den Händen der Mechaniker, die Flammen aus dem Auspuff, der unbeschreibliche Lärm eines Autorennens, all das entfällt bei der Formel E. Dafür fahren die Rennprofis nicht in der Provinz im Kreis, sondern mitten in Großstädten, auf engen, kurvigen Strecken: Berlin, Tokio, São Paulo. Und jetzt New York.

Der Formel E Grand Prix in Brooklyn ist das allererste Autorennen überhaupt, das in New York City stattfindet. Vier Jahre lang haben die Macher der Rennserie mit der Stadtverwaltung dafür gekämpft. Niemand interessierte sich für ihre Idee,bis die stellvertretende Bürgermeisterin New Yorks auf einer Reise nach Paris zufällig in das dortige E-Rennen geriet und das ziemlich gut fand.

Der Rennstall
Der Rennstall des Allgäuer Familienunternehmens Abt Sportsline. Foto: Helga Traxler

12:25 Hinter der Boxengasse

Kommst du mit auf den Grid?” fragt Marc Schneider, Pressesprecher des Abt-Teams. Er hält eine Banane, eine Packung Kokoswasser und ein kaltes nasses Handtuch – Ausrüstung für Daniel Abt. Der “Grid” sind 15 Minuten Zugeständnis an die Wichtigen und die, die sich für wichtig halten, und der ultimative Test für die Konzentration der Fahrer.

Nur Minuten, bevor ihre Boliden an den Start rollen, drängelt sich eine Horde von Zivilisten auf die Rennstrecke. Sponsoren, Presse, Freunde, Familie, VIPs. Einige Frauen haben Alexander-Wang-Shoppingtaschen über der Schulter, andere ziehen Kinder in weißen Sommerpolos hinter sich über den glühenden Asphalt. Der Teint der Männer liegt zwischen Ocker und Lehm, die Blicke hinterden dunklen Sonnenbrillen suchen nach bekannten Gesichtern.

Das Hollywoodpaar Michael Douglas und Catherine Zeta-Jones steht da, FIA-Präsident Jean Todt mit Schauspielerfreundin Michelle Yeoh händeschüttelt sich vorbei, Virgin-Chef Richard Branson trägt den Rennanzug seines Teams und hält sein Prinz-Eisenherz-Grinsen in Dutzende Phone-Kameras.

Schaulaufen
Schaulaufen auf dem grünen Teppich. Foto: Helga Traxler

Rennlegende Alain Prost, dessen Sohn im hinteren Feld mitfährt, wird kaum beachtet und verdrängt von einer Marching Band und einem aufgeblasenen Michelin-Männchen. Den Mittelpunkt des Lärm- und Selfie-Gewitters bildet ein gelockter Spanier mit Frau und Kindern. Ständig klopfen ihm neue Männer in Flanellhemden und Loafers auf die Schulter, stellen ihre Frauen vor. Great job, Alejandro. May I introduce?

Alejandro Agag, 47, ist der Gründer, Geschäftsführer und Promoter der Formel E, es war seine Idee, es ist sein Business. Die größten Anteile an der in Hongkong gegründeten Formel E Limited halten der spanische Milliardär Enrique Bañuelos, die globalen Mediengiganten Discovery und Liberty Media sowie Alejandro Agag selbst.

Agag gilt als Senkrechtstarter in den Fluren der Macht. Mit 25 wurde er politischer Berater des spanischen Ministerpräsidenten José María Aznar. Sechs Jahre später heiratete er dessen Tochter Ana. Dazwischen wirbelte er das europäische Parlament durch, auf Seiten der Konservativen. Nach der Hochzeit entschied er sich, ins Sportbusinesszu wechseln. Gemeinsam mit mächtigen Freunden wie Bernie Ecclestone, Lakshmi Mittal und Silvio Berlusconi kaufte er Formel-1-Rechte, Fußballklubs, Rennteams.

2011 überzeugt er Jean Todt von der Idee der Formel E, seit 2014 fahren die Elektroautos weltweit im Kreis. Seine Frau und die vier kleinen Söhne sind mit dabei auf dem Grid, sie posieren so selbstverständlich für Fotos wie er. Er scheint nicht zu schwitzen, nicht zu zwinkern, er wirkt selbst aus der Nähe wie verchromt.

Rennverband
Alejandro Agag, Gründer der Formel E, hält Jean Todt im Arm, den Präsidenten des Rennverbands FIA. Foto: Helga Traxler

Kurzes Interview, Señor Agag? “You got 30 seconds.” Seine Pilotenbrille glitzert im Sonnenlicht. Was ist ihr langfristiges Ziel für die Formel E, Señor? Er zögert nicht. “Ich möchte, dass alle Autos der Welt elektrisch fahren.” Was bedeutet das für die Formel 1? Wird sie verschwinden? “Es gibt ja auch noch Pferderennen, und trotzdem reiten wir nicht ins Büro”, sagt Agag und dreht ab.

Ein paar Meter weiter steht Daniel Abt, der Strom der Wichtigen fließt an ihm vorbei. Nur einmal posiert er, für ein Foto mit dem Bürgermeister von Toronto, dem Gastgeber des nächsten Rennens nach New York. Vier Männer kommen näher und geben ihm einen Handschlag. Der Pressesprecher von Abt. Der Pressesprecher von Audi Motorsport. Sein Vater, der Teamchef. Und Georg F.W. Schaeffler, fränkischer Milliardär und Sponsor des Abt-Teams.

Für alle sind die Einsätze hoch. Formel E gilt für die Autoindustrie als die Plattform der Zukunft. Audi wird 2018 den Startplatz von Abt übernehmen. Mercedes, Porsche und BMW werden mit eigenen Rennställen an den Start gehen.

13:03 Pressezentrum

Start. Reifen quietschen. Die Chassis klappern. Der Motorenlärm bleibt aus. Nur rote Lichter am Heck der Rennautos verraten etwas über die Kraft der Motoren. Bereits in der ersten Kurve ereignet sich ein Crash. “Es gibt viel Kleinholz, das mögen die Leute”, kommentiert Claus Mühlberger die Kollision. Für die Zeitschrift “auto motor und sport” berichtet er seit Jahrzehnten über Rennsport, jetzt über die Stromschnellen.

225 km schnell
225 km/h bringen die E-Boliden bisher auf den Asphalt – lange nicht so rasant wie die PS-Monster aus der Formel 1. Fotos: Helga Traxler

Formel-E- Rennautos fahren maximal 225 km/h, lange nicht so schnell wie die PS-Monster der Formel 1. Außerdem braucht jeder Fahrer zwei Autos, weil die Batterien noch nicht für das ganze Rennen reichen. Trotzdem, oder gerade deswegen, sind die Fahrer besonders gefordert: “Formel-1-Autos sind gewichtsmäßig ausgeglichen. In der Formel E hängt die schwere Batterie hinten, und die Vorderreifen reißen leicht aus. Das Auto verzeiht nichts, und die Kurse sind sehr eng”, sagt Mühlberger.

13:15 Haupttribüne

Während hinter den Kulissen deutsch, französisch und britisch gesprochen wird, sitzen auf den Tribünen Locals. “Ich war noch nie bei einem Formel-1-Rennen”, sagt Jake aus Cobble Hill, einem benachbarten Stadtviertel. “Ich bin hier, weil wir in der Nähe wohnen.” Den Gehörschutz, die Atemmasken, die viele Motorsportfans zum Zuschauen brauchen, kennt Jake nicht. Er trägt Bart und Birkenstock und ist zum Rennen geradelt. “Wow, so leise”, ruft Jake, als die Autos vorbeisummen.

Die Formel E ist Autorennen für Hipster, sagen die Spötter. Die Formel E ist der Weg, Elektroautos in den Mainstream zu bringen, sagen die Fahrer. Alle benutzen das gleiche Gehäuse, die gleichen Reifen, die gleiche Batterie. Nur die Motorendürfen die Teams maßschneidern. Und auch selbst fahrende Autos sind Teil des Zirkus. Das Roborace im Vorprogramm, bei dem ein einzelnes Auto autonom über die Strecke kurvt, hat bereits Fans.

Welcome to Brooklyn
Welcome to Brooklyn: Die Rennautos sausen schnell, aber leise an der Haupttribüne vorbei. Foto: Helga Traxler

13:25 Box des Teams Roborace

Der russische Milliardär und Erfinder des Roborace, Denis Sverdlov, sitzt abseits der Boxengasse in seinem Zelt, wo er sein neuestes Modell ausstellt: Ein H-förmiges aerodynamisches Geschoss ohne Cockpit, designt vom Deutschen Daniel Simon, der erst Fahrzeuge für Volkswagen und dann für die Hollywood-Kassenschlager “Tron”, “Captain America” und “Oblivion” gestaltet hat.

Der hagere Sverdlov, der sein Geld im russischen Handymarkt verdiente und für kurze Zeit als Regierungssprecher arbeitete, spricht von der Formel E wie von einer Übergangslösung, hin zu einer Ära der selbst fliegenden Autos. Die bringen Menschen in Sekundenschnelle von A nach B, ohne in jemandes Garage zu versauern, Straßen zu benutzen oder fossile Treibstoffe zu verbrennen.

Sein Roborace sei das Scharnier dazwischen: eine Rennserie für neuartige künstliche Intelligenzen. Für das Publikum solle das Roboterrennen vor allem eins tun: Akzeptanz für Roboter auf der Straße schaffen. “Die Leute sehen hier, dass Roboter in Extremsituationen gut reagieren. Es hilft, die Angst zu nehmen, sie zu akzeptieren.”

Unter Spannung
Unter Spannung: Blick auf die inneren Werte eines E-Boliden. Foto: Helga Traxler

13:35 Batterieausfall

In weißer Rennmontur lehnt Daniel Abt am Reifen seines Wagens. Draußen tobt das Rennen. Er hat die Arme verschränkt, ist ein wenig in sich zusammengesunken. Seine Augen sind vom Helmvisier verborgen, aber er schaut Richtung Fernseher ander Wand. Das Livebild zeigt nunmehr nur noch 19 der besten Rennfahrer der Welt. “Batterieausfall”, flüstert Nadine. Sie sieht zu ihrem Freund hinüber. Was ihm wohl durch den Kopf geht? “Es kotzt ihn einfach an.”

Zwei dunkel gekleidete Männer mit Headsets und Laptops tauchen in der Box auf. Sie beugen sich über Daniel Abts Rennauto, das mit orangefarbenem Band abgesperrt ist wie eine Leiche am Tatort. Techniker des Abt-Teams kommen dazu. Gemeinsam schauen sie auf Laptops, lesen die Daten der 250 Sensoren aus, die in jedem Formel- E-Wagen stecken.

Abt steht direkt daneben und würdigt die Techniker keines Blickes, sein Helm zeigt weiter Richtung Fernseher. “Natürlich würde man in dem Moment am liebsten alles kurz und klein schlagen”, sagt er später. “Es gehen einem tausend Sachen durch den Kopf. Ich habe versucht, einigermaßen ruhig zu bleiben, alles zu ignorieren.”

Nach endlosen Minuten steigt er zurück in seinen Boliden. Die Batterie springt an, er summt davon. Sekunden später blendet das Fernsehbild seinen Namen als letzten der Rangliste ein. Daniel Abt, #66. Am Ende des Tages wird er die schnellste Runde gefahren sein, ein paar Trostpunkte im Kampf um den Titel.

Ein Hoch auf die Zukunft
Ein Hoch auf die Zukunft. Sam Bird vom siegreichen Virgin-Team verspritzt Schampus. Foto: Helga Traxler

14:20 Siegertreppchen

Sam Bird, ein 30-jähriger Brite, steht ganz oben auf dem blauen Siegertreppchen. Den Pokal widmet er seinem Teamchef bei Virgin: “Sir Richard, this is for you!” Er überschüttet sich und die Menge mit Champagner. Bald hängt sein Duft in der Luft wie eine Parfümwolke. “Beim Motorsport ist’s meistens so: Wenn 20 fahren, sind 3 glücklich. Bei den 17 anderen geht’s so”, sagt Daniel Abt, der den Mini-Pokal für die schnellste Runde hält.

Auch Nick Heidfeld, der zweite Deutsche in der Formel E, darf eine Magnum asche ausleeren, er hat es mit aufs Podest geschafft. Der 40-Jährige, der aus der Formel 1 in die Formel E gewechselt hat, wirkt glücklicher als bei der berühmten großen Schwester. Warum? “Hier ist viel weniger Krach. Wir haben jüngere Fans, mehr Familien. Wir gehen mitten in Städte rein. Das macht auch den Fahrern Spaß.”

Aber was, wenn die Roboter kommen? “Ich glaube, es wird schwierig, bei Computern Charaktere zu haben wie bei Menschen”, sagt Abt. Heidfeld ergänzt: “Ich bin gespannt, wann diese Autos schneller sind als die, die von uns gefahren werden. Im Moment bin ich noch überrascht, wie langsam die sind.”

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