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      Wohnung 7: Upper West Side. Nur ein Zimmer, dafür am Central Park (Quelle: Fotos: Roderick Aichinger, Louisa Summer)

      15. Januar 2018

      Fast wie zu Hause

      Text: Felix Zeltner
      Fotos: Roderick Aichinger, Louisa Summer
      Was tun, wenn man in New York keine Wohnung findet? Einfach jeden Monat in eine neue ziehen. Verrückt, aber bei dieser Familie hat das tatsächlich funktioniert

      Der leicht scharfe Duft von Marihuana ist schon im Treppenhaus zu riechen. Ich klopfe an der roten Tür von C-1, und eine Frau mit verschwitztem Gesicht öffnet. Sie stellt sich als Kate vor, parkt den Putzeimer und zeigt mir ihr Apartment. Es steckt voller Erinnerungen an die 30 Jahre, in denen sie hier Bücher geschrieben und ihre Tochter großgezogen hat. Inzwischen wohnt sie in einem Holzhaus im Wald irgendwo zwischen hier und Kanada und lebt davon, dass sie ihre alte Miete zahlt und ihre Untermieter den Marktpreis. Zuletzt, sagt sie, habe eine Gruppe Models hier gehaust, die einen lukrativen Marihuana-Lieferservice betrieben. Sie erfuhr davon erst, als ein Reporter die Sache aufdeckte und die Models von einem auf den anderen Tag auszogen. Sie zeigt mir die Überreste, Kisten voller Plastiktütchen mit Bonbons, Schokolade, Lollis, alles auf Haschisch- Basis. "It’s good stuff", gute Qualität, sagt sie und lächelt müde.

      "Der Schlüssel beweist, dass es die Wohnung gibt, dass wir reindürfen, dass wir ein Zuhause haben."

      Wohnung 1: Long Island City. Der Ausblick vom Dach war ganz okay

      Wohnung 1: Long Island City. Der Ausblick vom Dach war ganz okay

      Kate gibt mir einen kleinen Schlüsselbund mit einem Dinosaurier-Anhänger. Es ist der elfte Schlüssel der vergangenen elf Monate in New York, den ich entgegennehme. Jedes Mal triumphiere ich: Der Schlüssel beweist, dass es die Wohnung tatsächlich gibt, dass wir reindürfen, dass wir ein Zuhause haben für die nächsten Wochen. Bald werden wir hier aufwachen, uns einen Kaffee holen, Emma in die Kita bringen, leben. Und überlegen, wie es weitergeht. Denn der verrückteste Mietmarkt der Welt hat meine Frau Christina, unsere Tochter Emma und mich zu Nomaden gemacht. Wir fangen jeden Monat neu an, in einer neuenWohnung, einem neuen Stadtviertel von New York City, mit nur dem Allernötigsten an Gepäck. Ein Leben im Zustand des Von-vorn-Beginnens.

      Warum tun wir uns das an? Dazu muss ich vielleicht erzählen, dass ich zwischen meinem 1. und 24. Lebensjahr genau nullmal umgezogen bin. Mein Aufwachsen war wie der Fischbach, der sich durch die Wiesen meines Heimatorts schlängelt. Beschaulich, unkompliziert, behütet. Meine Eltern wohnen noch heute dort, in einem mittelalterlichen mittelfränkischen Fachwerkhaus, in dem ich mein Kinderzimmer habe, seit ich denken kann. Erst im Studium, mit dem ersten selbst verdienten Geld, begann ich zu reisen und später auch im Ausland zu arbeiten. Als Christina dann 2012 den Job bekam, der sie zurück in ihre Geburtsstadt New York führte, war sofort klar: Ich komme mit.

      Wohnung 4: East Williamsburg. Das ganze Haus war leicht windschief

      Wohnung 4: East Williamsburg. Das ganze Haus war leicht windschief

      Unser neues zu Hause - New York

      New York bedeutete für uns: die erste gemeinsame Bude – ein Kellerloch mit Kakerlaken –, doppelt so viel Arbeit, alles Geld in die Miete, und trotzdem: ein Versinken im Glück. Christina umarmte New York so sehr, dass die Stadt an mir vorbeizog wie ein Rausch. Ich folgte ihr Nudeln schlürfend durch Chinatown, mit dem Fahrrad über die George Washington Bridge, mit der Badehose ins Meer vor Coney Island. Es dauerte Monate und einen Umzug auf die Upper East Side, wo Christina ihr erstes Lebensjahr verbracht hatte, bis ich verstand, dass ich dieses Kaleidoskop an Leben meine neue Heimat nennen darf. Es dauerte noch viel länger, bis ich Brooklyn von Queens und Long Island von Long Island City unterscheiden konnte und nicht mehr täglich in die falsche Richtung lief. Und irgendwann war mir klar: Es gibt keinen besseren Ort für mich, für uns. Die Welt in einer Stadt. Unfair, laut, magisch, wunderschön. Im Frühjahr 2014 heirateten wir in der City Hall: "Before the Great State of New York, I pronounce you husband and wife!"

      Am 1. November 2014 kam unsere Tochter Emma zur Welt, im schicken Mount Sinai Hospital mit Blick auf den Central Park. Als Emma ein paar Tage alt war, landete eine Vorladung im Briefkasten: Wir hätten nicht genug Teppiche in unserem Apartment, der Mietvertrag sei verletzt. Denn die versiffte Frau in der Wohnung unter uns, die, wie wir nun erfuhren, das ganze Haus geerbt hatte, wollte uns junge Familie nicht mehr. Bald standen wir neben ihrem Anwalt vor dem Housing Court in Manhattan, nur ein paar Meter entfernt vom Standesamt, es fühlte sich an wie zwischen Himmel und Hölle. Wir gaben uns schnell geschlagen. Im Juli 2015 zogen wir mit Säugling in eine hektisch ausgewählte Wohnung in Brooklyn, Stadtteil Park Slope, der Prenzlauer Berg New Yorks – ein Viertel, in dem perfekte Häuser, perfekte Yogaposen und perfekte Kinder die Maxime sind.

      Wohnung 6: Brooklyn. Das Haus war mal eine Schuhfabrik

      Wohnung 6: Brooklyn. Das Haus war mal eine Schuhfabrik

      Im März 2016 kündigte unser Vermieter Angelo, ein Italo-Ex-Cop, der uns mit offenen Armen empfangen und die Wohnung kurz vor unserem Einzug noch illegal umgebaut hatte, per E-Mail an: "Ihr wart gute Mieter, und ich hoffe, ihr verlängert euren Vertrag. Die neue Miete beträgt in diesem Fall 3200 $ im Monat." 400 Dollar mehr – das konnten wir uns nicht leisten. Wir waren also zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres dem härtesten Wohnungsmarkt der Welt ausgesetzt.

      12 Monate - 12 Neighborhoods

      Wir wurden uns nicht einig, wo wir denn nun eine Wohnung suchen sollten. Bei den mysteriösen Porzellanverkäufern in Chinatown? Zwischen den bestaussehenden Baptisten der Welt in Harlem? Bei den windigen Jongleuren an der Wall Street? Oder raus ans Meer, zu den nostalgischen Sowjets nach Brighton Beach? Irgendwie wollten wir überall wohnen. Und da kam uns die Idee: Das geht vielleicht sogar, für ein Jahr. 12 Monate, 12 Neighborhoods, alle fünf Bezirke: Manhattan, Brooklyn, Queens, Bronx, Staten Island. In Viertel ziehen, die wir uns eigentlich überhaupt nicht leisten können, und in solche, von denen wir nur Schlechtes hören – für einen Monat wird’s schon gehen. Und auf dem Weg ein neues Zuhause finden.

      Wir sind schnell begeistert, betrunken von unserer Schnapsidee, sie setzt sich fest im Kopf, und wir beginnen bereits auf Airbnb zu suchen, alsChristinas Vater anruft. "Schwachsinn", sei unser Vorhaben, "gefährlich", schlichtweg "nicht machbar". Er habe immer gesagt, wie wichtig in einer stressigen, lauten und überfordernden Stadt wie New York eine feste Wohnung als Oase sei. Auch meine Mutter hat ernsthafte Zweifel. Was macht das mit eurem Kind? Wie soll das alles funktionieren?

      So bekommt unser Projekt eine Protestnote: Wir zeigen es den Unkenrufern aus Deutschland. Jetzt erst recht. Airbnb, so stellt sich heraus, ist viel zu teuer für Monatsbuchungen. Aber die New Yorker Freunde helfen, feiernunsere Idee und lachen die Bedenken weg. Ein Arbeitskollege beschafft die erste Wohnung, ein Luxusapartment in Long Island City, Queens, das zum Verkauf und leer steht. Es kann losgehen. Wir räumen unsere Bude in Brooklyn aus, spenden, was wir können, behalten nur Klamotten, Bücher, Sofa, Tisch, Stühle, Lampe. Alles andere: weg! Das befreiende Gefühl am Tag des Auszugs werde ich nie vergessen. Mit auf die Reise im Sommer 2016 kommt nur das Nötigste – und für die ersten Wochen eine Freundin aus Deutschland, die hilft, Emma zu betreuen, während wir weitervoll arbeiten. Wir laden zum ersten von insgesamt einem Dutzend Neighborhood Dinners, die Nachbarn kommen und erzählen, ein paar Blogger schreiben, und schon erreichen uns E-Mails aus der ganzen Stadt, von New Yorkern, die uns in ihr Viertel einladen.

      "Der Oktober schüttelt uns durch. Alle Anfragen scheitern. Am 31. sind wir tatsächlich obdachlos."

      Über einen E-Mail-Newsletter der New Yorker Kreativcommunity lernen wir die serbische Designerin Ana Kraš kennen, die uns ihr riesiges Lagerhausloft in Chinatown untervermietet. In Chinatown finden wir auch eine gute und vor allem bezahlbare Kita für Emma – ein Geschenk, das wir ohne unsere Idee nie gefunden hätten.

      Wohnung 10: South Bronx. Ein deutsch-amerikanisches Paar überließ Christina und Felix ihr ganzes Haus

      Wohnung 10: South Bronx. Ein deutsch-amerikanisches Paar überließ Christina und Felix ihr ganzes Haus

      Von Asien ziehen wir nach Westafrika, von Chinatown nach Harlem, in die Dachwohnung eines kanadischen Männermodels, gemietet via Airbnb. Es hätte so weitergehen können. Doch der Oktober, der hektischste Arbeitsmonat in New York, schüttelt uns durch. Jede einzelne Wohnungsanfrage scheitert, und am 31. sind wir tatsächlich obdachlos. Wir machen notgedrungen einen Roadtrip, quer durch den herbstlich verfärbten Wald um New York, und schlafen in Motels. Unser Hab und Gut lagert derweil im Mietauto.

      Aus Verzweiflung buche ich schließlich eine Wohnung in Sunset Park, einem Industrie- viertel im Westen von Brooklyn, gerade frisch auf Airbnb, noch ohne Bewertungen. Der Vermieter kommuniziert nur per SMS, ich schicke ihm die Anzahlung per PayPal. Es ist riskant, aber unsere einzige Chance. Auf dem Weg dorthin wetten wir im Spaß: Gibt es die Wohnung wirklich?

      Wohnung 14: Blick aufs Meer und viel Ruhe für den Mittagsschlaf der kleinen Emma

      Wohnung 14: Blick aufs Meer und viel Ruhe für den Mittagsschlaf der kleinen Emma

      "Hier gibt's keinen John. Hier wird auch nichts untervermietet."

      Ich drücke die Klingel, und wir sehen an der Fassade des vierstöckigen Hauses hoch. Das Haus ist grau, die Gegend auch. Ich klingle noch einmal. Dann drücke ich alle Klingeln. Nach einer endlosen Minute öffnet ein alter Mann in Unterhemd und Shorts. "Was wollt ihr hier?" "Kennen Sie John? Wir haben seine Wohnung untergemietet", sage ich."Hier gibt’s keinen John. Hier wird auch nichts untervermietet. Ich wohne hier seit 30 Jahren." Ich ziehe mein iPhone aus der Tasche und zeige ihm den Mietvertrag für 340 W 54th St, Brooklyn. Der Mann zögert keine Sekunde. "Es gibt keine West 54th St", sagt er. "Nur die 54th St."

      Die vielen Planeten der Stadt New York

      Das kleine W vor meinen Augen verschwimmt. Wir sind tatsächlich reingefallen. Die nächsten Wochen werden zum unbequemen Couchsurfing in Long Island City, im Haus des Freundes, in dem wir begonnen haben, von Wohnung zu Wohnung zu ziehen. Im November überlassen uns Freunde ihre windschiefe Wohnung in East Williamsburg. Trump wird gewählt, und die Stadt versinkt in der Depression. Wir ziehen uns in den stillen Süden von Bushwick zurück und wagen uns dann wieder vor ans Wasser, nach Dumbo. Unsere Planung wird besser, wir werden süchtig nach dem Entgegennehmen der Schlüssel, dem Tag, an dem das Taxi mit unseren immer weniger werdenden Sachen vor die neue Tür fährt, das erste Aufwachen in der neuen Gegend, das Erkunden der besten Cafés und Läden, das Einladen der Nachbarn. Wir lernen, wie anders doch die vielen Planeten der Stadt New York sind. Alles läuft in unterschiedlicher Geschwindigkeit, auch die Gentrifizierung. In der Bronx wird sie noch mit Nägeln und Klauen bekämpt, in Chelsea aber ist der Kampf längst verloren. Immer häufiger schreiben uns New Yorker auch mit konkreten Angeboten, und so ziehen wir von der Upper West Side über Chelsea in den Süden der Bronx, zu einem Paar, das uns ihr ganzes wunderbar eingerichtetes Townhouse überlässt. Und wir genießen Washington Heights, ganz oben in Manhattan, wo die beiden Flüsse die Insel schmal machen und die Luft frischer ist und wir im ehemaligen Buchladen des berühmten Antiquars Kurt Thometz unterkommen, der uns Vorlesungen über New Yorker Literatur gibt.

      Nach den Wochen in Kates nach Marihuana duftendem Apartment im East Village pendeln wir täglich mit der Fähre nach Staten Island ins Haus eines Immigranten aus Antigua. Danach sonnen wir uns in einem Diplomaten-Penthouse im LGBT-Viertel Hell’s Kitchen und landen schließlich zum krönenden Abschluss am Strandvon Seagate, einer Gated Community ganz im Süden Brooklyns. Wir wohnen im Türmchen einer alten Holzvilla, deren Besitzer Billie und Bob, zwei echte Hippies, im Erdgeschoss Schmuck basteln. Emma, unsere Tochter, interessiert sich für all unsere Wohnungen nur am Rande. Das Einzige, was sie in jeder Wohnung wieder findet, ist eine Milchkiste mit ihren Spielsachen – und uns. "Neue Hause?" fragt sie, wenn wir wieder vor einer neuen Tür stehen. "Neue Hause!", antworten wir, und damit ist das Thema für sie erledigt.

      "Ein paar Neighborhoods haben wir nicht geschafft. Es kribbelt noch immer."

      Nach unserer 14. Wohnung nehmen wir uns den August frei und kehren im September zurück ins East Village, zwischen Kates Möbel und staubige Teppiche. Sie würde uns ihre Wohnung gern für länger überlassen. Aber wir sind uns nicht sicher, denn ein paar Neighborhoods, zum Beispiel die Wall Street, haben wir nicht geschafft, und es kribbelt noch immer. Gerade erst trafen wir eine Deutsche, die unsere Geschichte im Radio hörte und sich daraufhin Urlaub nahm, einen Flug nach New York sowie drei Airbnbs in drei Stadtteilen buchte. Macht das System Schule? Sollen wir ganz zu Nomaden werden? Meine Perspektive auf Wohnen und Besitz hat sich jedenfalls grundlegend verändert. Ich brauche weniger, bin weniger pingelig, sehe Wohnraum sehr relativ, als etwas, das man stets auch bereit sein sollte aufzugeben. Selbst mein Kinderzimmer in Mittelfranken ist davon betroffen – ich habe nach Jahren endlich angefangen, dort auszumisten.

      Neulich habe ich Emma um Rat gefragt: "Wie fandest du das, als wir jeden Monat ein neue Hause hatten? Kannst du dich überhaupt erinnern?" Sie nickte und blickte zu mir hoch: "Noch mal machen!"

      Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe 1/2018 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" zum Schwerpunktthema "Start". Alle bisherigen "1890"-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download sowie als App für Apple-Geräte in itunes und für Android bei Google Play.

      Veröffentlicht am 15.01.18