Suchen
    • Aktuell
    • Erklärt
    • Europa, quo vadis? Wir haben Deutsche und Franzosen gefragt
      • Suchen
       (Quelle: istockphoto/_marqs)

      Europa 28. Juni 2017

      Europa, quo vadis? Wir haben Deutsche und Franzosen gefragt

      Text: Dr. Lorenz Weimann
      Foto: istockphoto/_marqs
      Umfrage zur Stimmungslage in Deutschland und Frankreich vor den nationalen Wahlen 2017: Zwei Drittel der Deutschen beurteilen die Wirtschaftsaussichten als gut, in Frankreich nur ein Drittel. Das Vertrauen in die Politik sinkt in beiden Ländern.

      Das Ergebnis der französischen Parlamentswahl, das Emmanuel Macrons Partei "La République en marche" eine klare Mehrheit bescherte, steht im Einklang mit einer von der Allianz beauftragte Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach zur Stimmung in Deutschland und Frankreich vor den jeweiligen Wahlen. Dieser Studie zufolge wünschen sich nahezu die Hälfte der Franzosen tiefgreifende wirtschaftliche und gesellschaftliche Reformen. Die deutschen Befragten dagegen plädieren für Reformen in kleinen Schritten. 

      Schon 2015 hatte das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Allianz eine repräsentative Bevölkerungsumfrage zur politischen und wirtschaftlichen Situation in Deutschland und Frankreich durchgeführt. „Nach der Entscheidung Großbritanniens für den Brexit, ist die Zukunft der EU mehr denn je von den deutsch französischen Beziehungen abhängig. Erfreulich ist daher das Ergebnis der Umfrage, dass sich 2017 im Vergleich zum vorigen Befragungszeitraum Deutsche und Franzosen stärker für die Entwicklungen im jeweils anderen Land interessieren. Bei vielen anderen Themen sind die Einschätzungen jedoch sehr unterschiedlich“, sagte Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz SE. 

      Deutsche und Franzosen sind sich mit jeweils 73 Prozent darin einig, dass die Sicherung des Rentensystems besonders wichtig für eine gute Zukunft ist. Auch eine erfolgreiche Terrorabwehr, die Verbesserung des Bildungssystems und der Ausbau der sozialen Absicherung stehen in beiden Ländern gleichermaßen oben auf der Prioritätenliste.

      Zunehmende Unzufriedenheit

      Bereits in der vorangegangenen Studie 2015 war überraschend, wie unterschiedlich Deutsche und Franzosen das Tempo der gesellschaftlichen Veränderung erlebten. Während die Deutschen sich in einem dynamischen Wandel sahen, hatten die Franzosen den Eindruck von Stillstand. Das Empfinden der französischen Bevölkerung, in einer statischen Gesellschaft zu leben, hat sich 2017 weiter verstärkt: 74 Prozent der Befragten befanden, die Gesellschaft in Frankreich verändere sich "weniger stark" beziehungsweise "gar nicht".

      Die "Passerelle des Deux Rives" verbindet die deutsche Stadt Kehl mit ihrem französischen Nachbar Straßburg - ein architektonisches Symbol für die Freundschaft der beiden Länder.

      Foto: istockphoto/rsester

      Die "Passerelle des Deux Rives" verbindet die deutsche Stadt Kehl mit ihrem französischen Nachbar Straßburg - ein architektonisches Symbol für die Freundschaft der beiden Länder. (Quelle: istockphoto/rsester)

      In Deutschland wird die Situation vollkommen anders eingeschätzt, hier sind nur 20 Prozent dieser Meinung. Dennoch zeigt die Umfrage auch in Deutschland ein wachsendes Unbehagen. Während 2015 noch 34 Prozent der Befragten sagten, dass die negativen Entwicklungen im eigenen Land überwiegen, waren es 2017 schon 54 Prozent. Diese kritischere Bewertung hat nicht wie in Frankreich mit ökonomischen Entwicklungen und Defiziten zu tun, sondern vor allem mit den Themen innere Sicherheit und Migration.

      In beiden Ländern sinkt das Vertrauen in die Politik

      Sowohl in Deutschland als auch in Frankreich ist das Vertrauen in die Politik im Vergleich zu 2015 gesunken. Die politische Stabilität sehen nur 23 Prozent der Franzosen als Stärke ihres Landes an, 2015 waren es noch 35 Prozent. In Deutschland liegt der Wert bei 72 Prozent nach 81 Prozent im Jahr 2015. Das politische System insgesamt halten unverändert 62 Prozent der Deutschen für eine Stärke ihres Landes. In Frankreich sind es nur noch 15 Prozent (2015: 23 Prozent).

      Vordringlichstes Ziel der französischen Politik muss 81 Prozent der Befragten zufolge die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sein, während nur 42 Prozent der deutschen Befragten dieser Ansicht sind. „Präsident Macron hat die richtige oberste Priorität: die weitreichende Reform des französischen Arbeitsmarktes um endlich die hohe Arbeitslosigkeit anzugehen. Mehr Flexicurity, ein Marshallplan für berufliche Aus- und Weiterbildung und Maßnahmen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit werden die Schaffung von Arbeitsplätzen im privaten Sektor beschleunigen", erklärte Ludovic Subran, Chefvolkswirt von Euler Hermes.

      Wunsch nach einem Wirtschaftswunder

      Die wirtschaftliche Lage ihres Landes beurteilen Franzosen und Deutsche wenig überraschend vollkommen unterschiedlich. 62 Prozent der Franzosen bewerten die aktuelle Situation als kritisch, 13 Prozent sogar als sehr kritisch. Auch die Zukunftsaussichten sind ihrer Ansicht nach alles andere als rosig − während 75 Prozent der Deutschen mit einer positiven Wirtschaftsentwicklung rechnen, sind dies nur 36 Prozent der Franzosen.

      Ansichtssache: In diesem Haus wohnen entweder ein überzeugter Europäer - oder zwei Nachbarn, die das Fähnchen für's eigene Land hochhalten.

      Foto: istockphoto/Detailfoto

      Ansichtssache: In diesem Haus wohnen entweder ein überzeugter Europäer - oder zwei Nachbarn, die die Fahne für's eigene Land hochhalten. (Quelle: istockphoto/Detailfoto)

      Damit einher geht die Sicht von 38 Prozent der Franzosen, Wohlstandsverlierer zu sein, während sich 37 Prozent der Deutschen als Wohlstandsgewinner sehen. Folgerichtig wünschen sich nur 26 Prozent der Deutschen tiefgreifende wirtschaftliche Reformen gegenüber 47 Prozent der Franzosen, und das, obwohl wiederum 50 Prozent der französischen Befragten von solchen Reformen persönliche Nachteile für sich erwarten. Michael Heise: „Dieses Ergebnis ist Rückenwind für Macrons Reformagenda. Es sollte jetzt alles dafür getan werden, die ehrgeizigen Reformen umzusetzen und Frankreich wieder wirtschaftlich zu stärken. Trotz der positive Einschätzung der wirtschaftlichen Lage in Deutschland ist kein Platz für Selbstzufriedenheit. Insbesondere die Investitionsschwäche bleibt die Achillesferse der deutschen Wirtschaft."

      Profitiert das eigene Land von der Globalisierung?

      Auch in der Einschätzung, ob das eigene Land von der Globalisierung eher profitiert oder diese eher schädlich ist, spiegelt sich die Wirtschaftsskepsis der Franzosen wider: 55 Prozent der Franzosen meinen, dass ihrem Land die Globalisierung schade, wohingegen 57 Prozent der Deutschen denken, dass die Globalisierung der deutschen Wirtschaft zugutekommt. Es verwundert nicht, dass vor diesem Hintergrund protektionistische Tendenzen in Frankreich nahezu doppelt so verbreitet sind wie in Deutschland: Nur 16 Prozent der Deutschen gegenüber 33 Prozent der Franzosen sind der Ansicht, dass Handelsschranken positiv wirken. Schutzzölle auf Waren aus Nicht-EU-Ländern würden 56 Prozent der französischen Bevölkerung begrüßen, aber nur 31 Prozent der Deutschen.

      Angesichts der neuen Regierung und der angekündigten wirtschaftlichen Reformen in Frankreich erwartet die Ökonomen von Allianz und Euler Hermes ein stärkeres Wirtschaftswachstum als bisher vorhergesagt: "Aufgrund der steigenden Zuversicht gehen wir davon aus, dass das Wachstum bereits 2017 anzieht, und haben deshalb unsere Prognose auf bis zu 1,5 Prozent erhöht", fasst Ludovic Subran die Aussichten für Frankreich zusammen. Für Deutschland bleibt die Wachstumsprognose unverändert bei 1,7 Prozent für 2017.


      Die gesamte Studie von Allianz SE und Institut für Demoskopie Allensbach zur Stimmungslage in Deutschland und Frankreich vor den nationalen Wahlen 2017 Sie hier.