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       (Quelle: fotolia/Barabas Attila)

      Pflege der Eltern 13. August 2015

      Entscheiden tut weh

      Text: Reiner Schloz
      Foto: fotolia/Barabas Attila
      Wenn Eltern dement werden, müssen Kinder handeln. Die wenigsten sind darauf vorbereitet. Wie unser Autor, der Vater und Mutter fünf Jahre lang pflegte.

      Es fing alles ganz harmlos an. "Könnten Sie morgens vielleicht vor dem Büro noch mit ihren Eltern frühstücken?", fragte der Hausarzt. Aber natürlich. Wir wohnten im selben Haus. Wir sind immer prima miteinander ausgekommen. Und wenn den beiden ein gemeinsames Frühstück das Älterwerden leichter macht - für meine Eltern immer.

      Aus dem gemeinsamen Frühstück wurde schnell Frühstück vorbereiten. Einkaufen, Kaffee kochen. Bald schnitten wir die Brötchen mundgerecht. Es traten Schwierigkeiten beim Gehen auf, meine Mutter fiel auf der Straße hin. Man konnte aufpassen, wie man wollte. Sie fragte: "Wer sind eigentlich deine Eltern?" Dann konnte sie das Bett nicht mehr verlassen. Mein Vater wurde unsicher, wir gingen regelmäßig zum Neurologen. Tagsüber übernahm eine Pflegerin das Kommando, die Diakonie kam regelmäßig. Meine Frau und ich hatten Frühschicht. Und Spätschicht. Und Wochenendschicht.

      Gutes Teamwork entscheidend

      Mein Bruder half mit - und er kümmerte sich um die finanziellen Dinge: Rente, Pflegeversicherung. Immer wieder setzten wir uns alle zusammen, besprachen, wie es weitergehen soll. Wenn wir am Abend etwas vorhatten, mussten sich meine Frau und ich absprechen. Zusammen ausgehen war kaum möglich. Urlaub gestaltete sich problematisch - und irgendwie war er nicht mehr so erholsam wie früher. Es fehlte die Zeit. Die Pflege bestimmte unseren Rhythmus. Unser Leben.

      Die medizinischen Anforderungen wurden höher. Die Pflegerin und die freundlichen Helfer von der Diakonie zeigten uns, was wir zu tun hatten. Im Drei-Stunden-Rhythmus, auch nachts. Es blieb ja nicht bei der Demenz. Bei meinem Vater kamen leichte Schlaganfälle dazu. Mutter war nicht mehr ansprechbar und stöhnte, wenn man sie nur berührte. Es war ein ständiges Neu-Organisieren, immer wieder mussten wir uns auf veränderte Situationen einstellen. Wir kamen während der ganzen Zeit nie auf die Idee, sie in ein Heim zu geben.

      Fünf Jahre Ausnahmesituation: Eine Lektion übers Altwerden

      Mutter starb zuerst. Vater zwei Jahre später. Wir saßen jedes Mal am Bett bis zum letzten Atemzug. Die Ausnahmesituation dauerte insgesamt fünf Jahre. Manchmal fragen mich Kollegen, die bei ihren Eltern Ähnliches befürchten, um Rat. Ich frage zurück: "Wie verstehst du dich mit deiner Frau?" Alles andere lässt sich regeln. Ob es einer mental verträgt, muss er selber wissen. Es war hart, aber auch gut. Wir haben viel übers Altwerden gelernt.

      Ich würde es wieder tun. Jetzt, Jahre danach, wissen wir, dass es wichtig war. Fünf Jahre für die Eltern. Es fühlt sich heute gut an.

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