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       (Quelle: Deutscher Verkehrssicherheitsrat)

      8. Februar 2018

      Endlich geschnallt – wie die Allianz die Gurtmuffel überzeugte

      Text: Michael Cornelius
      Foto: Deutscher Verkehrssicherheitsrat
      Kaum zu glauben, wie emotional die Einführung der Gurtpflicht diskutiert wurde. In den 1970er-Jahren verweigern sich Millionen Deutsche dem Lebensretter. Männer fühlen sich im Fahrspaß eingeengt, Frauen fürchten um ihren Busen. Ein Dummy der Allianz trägt dazu bei, dass Gurtmuffel überzeugt werden

      Einsteigen, klick, losfahren. Für Autofahrer ist der Griff zum Gurt eine alltägliche Gewohnheit. Das war nicht immer so. Obwohl der Dreipunktgurt bereits 1959 von Nils Bohlin erfunden wurde, dauerte es viele Jahre, bis er in allen Autos serienmäßig eingebaut wurde. Vergessen ist heute der teilweise verbissen und hysterisch geführte Streit von Befürwortern und Gegnern der Anschnallpflicht.

      Lebensretter oder Fessel?

      In einer „psychologischen Studie“ des Bundesverkehrsministeriums aus dem Jahr 1974 sprechen interviewte Gurtmuffel von einem Akt der „Selbstfesselung“. Die Angst ist groß, nach einem Unfall angekettet im Auto zu verbrennen. Der Gurt sei zudem „eine Art drohender Zeigefinger, der auf die Gefahren des Straßenverkehrs hinweise und daher den Spaß am Fahren beinträchtige“, und überhaupt sei das „Anlegen umständlich, und die Kleidung würde verknittern.“ „Der Spiegel“ widmet dem absurden Streit ein Jahr später sogar die Titelgeschichte: „Gefesselt ans Auto“.

      Juristen diskutieren damals ernsthaft die Frage, ob es nicht zu den Freiheitsrechten des Menschen gehöre, sein Leben mit einem Flug durch die eigene Windschutzscheibe zu beenden. Die Unfallzahlen der Zeit sprechen eine eindeutige Sprache. Zwischen 1960 und 1970 verdoppelt sich der Pkw-Bestand auf Westdeutschlands Straßen von 7 auf 14 Millionen. Die Zahl der Unfalltoten erreicht 1970 einen Höchststand mit 21.300 Getöteten. Viele davon hätten gerettet werden können. Überlebende erlitten als Folge des ungebremsten Aufpralls auf die A-Säule oder die Scheiben schwere Kopfverletzungen und Entstellungen.

      Nichts geschnallt: Die Politik setzt auf Freiwilligkeit

      Die  Pro-Gurt-Kampagne „Könner tragen Gurt“ bewirkt zunächst wenig.

      Foto: Deutscher Verkehrssicherheitsrat

      Die  Pro-Gurt-Kampagne „Könner tragen Gurt“ bewirkt zunächst wenig. (Quelle: Deutscher Verkehrssicherheitsrat)

      Unglaublich aus heutiger Sicht: Das Thema beschäftigt sechs Verkehrsminister, die zwar das lebensrettende Sicherheitspotenzial des Gurts erkennen, aber dann trotz erschreckender Unfallzahlen einen Rückzieher machen. Noch 1972 bekräftigt die Bundesregierung: „Es ist nicht beabsichtigt, einen gesetzlichen Benutzungszwang vorzusehen.“ Immerhin tritt im gleichen Jahr die „Gurteinbaupflicht für neu in Verkehr kommende Fahrzeuge“ in Kraft. Erst 1976 wird eine „Gurtanlegepflicht“ eingeführt, doch auf ein Bußgeld bei Nichtbeachtung bewusst verzichtet. Man setzt auf Freiwilligkeit – doch regelmäßige Umfragen ergeben, dass rund 50 Prozent der Autofahrer den Gurt ignorieren. Die Diskussion um Sinn und Unsinn des Sicherheitsgurts hört nicht auf. Aufklärungen und Werbemaßnahmen von Politik und Deutschem Verkehrssicherheitsrat wie etwa die Pro-Gurt-Kampagne „Könner tragen Gurt“ bewirken zunächst wenig.

      Gurt oder Tod – ein Buch rettet Leben

      Bewegung in die verfahrene Sache bringt endlich Max Danner. Der Begründer der Unfallforschung im Allianz Zentrum für Technik (AZT) veröffentlicht 1983 das Buch „Gurt oder Tod“. In dem viel beachteten Bestseller dokumentiert er auf 475 Seiten den Forschungsstand. Fotoserien von Allianz Crashtests zeigen plastisch, wie nicht angeschnallte Dummys mit dem Kopf auf das Lenkrad aufschlagen oder gegen die Windschutzscheibe fliegen. Dazu zeigt Danner schockierend eindrucksvoll auch die ungeschminkten Aufnahmen von realen Unfällen, Fotos von verletzten, nicht angeschnallten Insassen, manche unmittelbar nach der Erstversorgung in der Unfallklinik. In dem ungewöhnlichen und schonungslosen Buch werben auch zahlreiche Prominente in persönlichen Stellungnahmen für den Gurt. Der legendäre Rallyefahrer Rauno Aaltonen appelliert an die männlichen Gurtmuffel: „Ich hatte im Sport und bei Testfahrten viele Überschläge. Ohne Gurt wäre ich längst tot.“ Ulrike von Möllendorff, Moderatorin der ZDF-Nachrichtensendung „heute“, wendet sich an die Frauen: „Ich sage mir heute: Eine zerknitterte Bluse ist leicht auszubügeln, ein zerschnittenes Gesicht nur schwer.“ 

      Mit seinem Buch "Gurt oder Tod" öffnet Max Danner vielen die Augen.

      Foto: Allianz Zentrum für Technik

      Mit seinem Buch "Gurt oder Tod" öffnet Max Danner vielen die Augen. (Quelle: Allianz Zentrum für Technik)

      Schadenverhütung für die Kraftfahrzeugversicherung ist für Max Danner Chefsache. Der Experte leitet seit Ende der 1960er-Jahre die Abteilung Kraft-Technik, die sich mit Fragen der Verkehrssicherheit und technischen Problemlösungen zur Abwicklung von Versicherungsfragen beschäftigt. Auch die Entwicklung von Standards für Reparaturmethoden und Arbeitszeitvorgaben für die Vertragswerkstätten sowie die Schulung von Sachverständigen gehören schon früh zu den Aufgaben des Unfallforschers, der ab 1971 das Allianz Zentrum für Technik maßgeblich prägt.

      Bitte anschnallen: zwei Verkehrsminister und ein Dummy beim Crashtest

      Max Danner leistet auch bei Politikern Überzeugungsarbeit. Verkehrsminister Volker Hauff besucht im Jahr 1982 das AZT und erlebt bei einer Crash-Demonstration, was bei einem Aufprall mit knapp 50 km/h passiert, wenn die Kinder auf der Rückbank nicht angeschnallt sind. Ein Jahr später ist Hauffs Nachfolger Werner Dollinger im Allianz Zentrum für Technik. Diesmal ist der Minister selbst am Steuer eines Audi 100. Neben ihm sitzt ein lockenköpfiger Dummy als Beifahrer. Der Versuchswagen fährt mit einer Geschwindigkeit von nur 15 km/h gegen die Wand. Eine Kamera dokumentiert den Crash in Zeitlupe.

      Crashtest 1982 mit Verkehrsminister Werner Dollinger (Video: Allianz Deutschland AG)

      Der beim Experiment angeschnallte Werner Dollinger bleibt natürlich unbeschadet, während der nicht angeschnallte Dummy mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe knallt. Dennoch dauert es ein weiteres Jahr, bis die „Benutzungspflicht“ für Gurte amtlich wird. Das Bußgeld für Gurtmuffel beträgt 40 DM, mit Wirkung vom 1. August 1984. Die Verletzungsstatistik zeigt bereits nach kurzer Zeit, dass der Nutzen des Gurts die Nachteile bei Weitem überwiegt. Der absurde Streit über das Anschnallen ist heute fast vergessen.

      Viele alltägliche Unfälle, bei denen es früher noch zu schweren Verletzungen gekommen wäre, gehen heute für die Insassen glimpflich aus. Heute ist der Sicherheitsgurt zwar selbstverständlich, aber technisch gesehen nur noch ein Teil eines gesamten Rückhaltesystems einschließlich der Airbags. Aber – auch dieses System kann ohne den Sicherheitsgurt nicht vor Verletzungen schützen.

      Wie die bei der Allianz ausgebaute Sicherheitsforschung wesentlich dazu beitrug, dass Unfallzahlen, Personenschäden und Kosten kontinuierlich abnahmen, erzählen wir in einer der nächsten Geschichten.

      Weitere Informationen zur Geschichte der Allianz finden Sie hier. 

      Veröffentlicht am 08.02.2018

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