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      Theresienwiese (Quelle: Fotos: Dieter Mayr)

      Kundenmagazin "1890" 22. Juni 2017

      Ein weites Feld

      Text: Veronika Keller
      Fotos: Dieter Mayr
      Wenn das Oktoberfest Pause macht, serviert Mutter Natur auf der Theresienwiese Kuba-Spinat, Knoblauchsrauke und Kamillentee. Protokoll einer botanischen Feldforschung

      Wer zum ersten Mal hier ist, muss denken, die Münchner haben sich auf dem Oktoberfest zu oft ihre Gehirnzellen weggespült. Warum, um alles in der Welt, sollte man diesen Ort sonst als Wiese bezeichnen? Die Theresienwiese ist keine Wiese, sondern ein 42 Hektar großer, lebensfeindlicher Meteoritenkrater aus Schotter und Beton. Die Anwohner haben ein Wort dafür: Theresien­wüste.

      Für die Stadt gilt die Theresienwiese auch nicht als Grünfläche, sondern als Veranstal­tungsort. Hier, südwestlich des Stadtzentrums, lässt man sich in Tracht durch Bierzelte schieben, hängt benebelt im Kettenkarussell oder verzehrt auf Öko­-Weihnachtsfestivals Veggie­-Döner und Bio­-Glühwein. Nach dem Fest ist vor dem Fest. Der Münchner sucht hier den Rausch, nicht die Natur.

      Einst war die Theresienwiese Weideland

      Kaum vorstellbar, aber einst war die Fläche Weideland. Als The­rese von Sachsen-­Hildburghausen vor mehr als 200 Jahren per Hei­rat Prinzessin von Bayern wurde, benannte ihr Volk das Grün vor den Toren der Stadt nach ihr. Botanisch betrachtet ging es seitdem steil bergab. Wo ist sie hin, die Wiese auf der Wiesn?

      Wenn einer das beantworten kann, dann ist es Jürgen Feder. Er ist selbst ernannter "Extrembotaniker" und Autor des Buchs "Feders fantastische Stadt­pflanzen". Er sucht die Flora dort, wo keiner sie vermutet: an Autobahnraststätten, auf Bahnhöfen, unter öffentlichen Mülleimern. Seine Überzeugung: Auf dem Land habe die Monokultur die Pflan­zenwelt im Griff, vielseitig sei die Flora heute allein in der Stadt.

      Jürgen Felder bei der Arbeit. An einigen Stellen erinnert die meist staubige Theresienwiese tatsächlich an eine Wiese

      Wiesn

      Die große Zeit der Wiese: Vor der Wiesn

      Es ist ein sonniger Junitag, was blühen kann, blüht – die richtige Jahreszeit für eine Arteninven­tur. Jürgen Feder ist aus Bremen angereist. Irgend­ wann ruft er an, weil er die Theresienwiese nicht findet. Nach kurzer Standortbeschreibung stellt sich heraus: Er steht direkt davor. Kein Wunder, dass die Orientierung schwerfällt, eine Wiese gibt es hier ja auch nicht zu sehen.

      Auf dem Unter­suchungsfeld angekommen, stellt sich heraus, dass er das wichtigste Utensil des Tages vergessen hat: seine Artenliste zum Abhaken. "Ist aber kein Pro­blem", sagt er: "Ich habe ein fotografisches Ge­dächtnis, die Liste fülle ich zu Hause aus." Dann rennt er los. Seine Mission: So viele wilde Arten finden wie möglich. Gräser, Blumen, Unkraut, was auch immer zu einer Wiese gehört.

      Kamillentee am Ort des großen Bierfests

      Schon nach wenigen Sekunden ertönt ein hei­serer Jubelschrei: "Kamille, überall Kamille!" Fe­der springt über den Platz, als wäre die Kamille auf der Flucht. Vorbei an zwei schwitzenden Män­nern, die im nördlichen Teil der Festwiese ein Zelt abbauen, eilt er über den Asphalt hin zu einem grünen Fleckchen. Und tatsächlich: Auf einer Insel aus Grashalmen strahlen kleine, weiß­gelbe Son­nen.

      Er zerreibt sie zwischen den Fingern, und es riecht nach Bauchweh und Wärmflasche. "Tee ist der Klassiker", sagt Jürgen Feder, "aber man kann die Blüte auch wunderbar braten, das schmeckt toll!" Dass ausgerechnet an diesem Ort Kamille wächst, sei Zufall, sagt der Botaniker, "viel wahrscheinlicher sind hier Pflanzen, die es gern mögen, wenn man sie tritt." Er ist es wohl gewöhnt, dass Laien auf solche Aussagen mit Stirnrunzeln reagie­ren, und lacht: "Echt jetzt, die gibt es! Trittpflan­zen heißen die. Moment, ich suche schnell eine!" Dann rennt er wieder.

      Der Vögelknöterich mag es, wenn man auf ihn tritt

      Jürgen Feder bei der Artenbestimmung zu be­obachten ist, als schaue man einem großen, schlak­sigen Kind im Spielzeugladen zu. Er stolpert mit leuchtenden Augen auf ein unscheinbares blass­ grünes Hälmchen zu, das sich durch eine Ritze im Asphalt gedrückt hat, kniet nieder und bestaunt es, als wäre es eine seltene Orchidee. Es ist nicht zu bestreiten: Der Mann mit den hellblauen Augen und der heiseren Stimme liebt Pflanzen über alles. 

      "Vogelknöterich", schreit er beglückt: "Der braucht es zum Beispiel, dass man ab und zu drauftritt. Und Mineralien kann der auch ab, da kann man draufpinkeln, so viel man will, der verträgt alles." Mit diesen Worten reißt er sich ein Blatt von der Pflanze daneben ab und steckt es sich in den Mund. Kauend erklärt er: "Knoblauchsrauke, die kann man sich aufs Wurstbrot legen." Jürgen Feder ver­dreht genießerisch die Augen und erklärt, dass die kleinen Blättchen wie Knoblauch schmecken, nur der Geruch baue sich schneller wieder ab.

      Ein Klassiker unter den Kräutern: die echte Kamille. Aus den Blüten kann man Tee kochen - oder sie einfach in der Pfanne braten

      Kamille

      Ein Dschungel, wo viele nur tristes Grau sehen

      Ein paar Schritte weiter hat er schon wieder den Mund voll. Zwischen den Fingern hält er  einen mickrigen Stängel mit herzförmigen Blättchen. "Beiß mal rein! Hirtentäschelkraut hat mehr Vitamine als eine Zitrone!" Es schmeckt leicht bitter, aber gar nicht übel." Feder starrt konzentriert in die Ferne und visiert bereits die nächste Beute an. Seine Sehkraft ist bewundernswert. Wo für die meisten Laien ein tristes, graues Nichts ist, scheint er auf Dutzende Meter Entfernung den reinsten Dschungel zu erkennen.

      Diesmal hat er etwas in der Hecke entdeckt, hinten, an der Grenze zur Straße. Er kniet sich auf eine Bank und rupft ein tellerförmiges, fleischiges Blatt aus der Hecke. "Kuba­-Spinat", ruft er trium­phierend. Der schmecke wie Feldsalat. Man könne ihn roh essen, aber auch wie Spinat kochen. Jürgen Feder genießt ihn pur und auf der Stelle. Von der Nachbarbank aus starren ihn drei ältere Dosen­biertrinker an. "Esst mehr Gemüse", ruft er ihnen zu und grinst. Die Hälfte der Pflanzenarten hier sind essbar, schätzt der Botaniker.

      Durchfallkraut auf dem Spielplatz

      Die Bestandsaufnahme geht weiter, und bei genauerem Hinsehen ist diese Fläche gar nicht mehr so öde und einheitlich, im Gegenteil: Mal geht man auf Beton, mal auf Kies, und auf der Süd­hälfte gibt es sogar größere grüne Flächen. Mitten im Grau tauchen manchmal wie aus dem Nichts Büschel hoher Gräser auf, zum Beispiel um Gullis herum oder an Laternenmasten. Kein Zufall, er­ klärt der Experte, sondern sogenannte Gailstellen, wo Wasser und Nährstoffe zusammenlaufen. "Das ist wie bei den Kuhfladen, da wächst drum herum auch immer mehr", sagt er. Das gleiche Phänomen finde man in Dörfern um Misthaufen und Ställe herum.

      Als er sich einem eingezäunten Spielplatz nähert, setzt Jürgen Feder ein diabolisches Grinsen auf. "Gif­tig, ganz giftig!", zischt er und hat sich schon über den Zaun gewuchtet. An der Wippe bückt er sich nach ei­nem gelb blühenden Kraut. "Da haben wir was ganz Besonderes aus Südafrika", erklärt er: "Schmalblätt­riges Greiskraut, das macht sofort Durchfall." Dass es auf dem Spielplatz den Kindern gefährlich werden könnte, beeindruckt ihn nicht. Er zuckt nur die Ach­seln: "Man sollte seinen Kindern immer genug Eis kaufen, dann kommen die auch nicht auf Ideen."

      Am Laternenmast gedeiht die Vegetation besonders üppig. Weil die Biertrinker und Hunde solche Stellen regelmäßig düngen

      Laternenmast

      Zwischen den Bierzelten gedeiht eine bedrohte Pflanzenart

      Es geht weiter Richtung Süden. Jürgen Feder hüpft, bleibt abrupt stehen, hockt sich hin, springt wieder auf und bewegt sich lustvoll kauend über die Fläche, die schon viel lebendiger scheint als noch vor einer halben Stunde. Erneut ein Aufschrei: "Ich fasse es nicht, da hinten ist eine Rote­-Listen-­Art!" Feder sprintet los. In 20 Metern Entfernung haben sei­ne Adleraugen etwas entdeckt. Als er wieder bei Atem ist, erzählt er, dass es sich um einen Rauen Hah­nenfuß handele, lateinisch Ranunculus sardous. Er beugt sich schnaufend darüber.

      "Stufe 3, das heißt, gefährdet", keucht er: "Das ist echt toll!" In Südeuropa sei der Ranunculus sar­dous häufiger, hier eigentlich nicht. Dass das Gewächs gerade auf einer Festwiese stehe, sei aber wiederum nicht verwunderlich. "Das liegt wieder am Tritt", sagt er: "Hier gehen viele Menschen, sie stellen Bierzelte auf, Brauereipferde trampeln he­rum. All das macht Konkurrenzarten kaputt, die dem Hahnenfuß den Boden wegnehmen würden." Die gefährdete Pflanze sei robust genug, diese Art der Belastung wegzustecken.

      Solche Pflanzen nen­ne man auch Störzeiger, weil sie Störungen brau­chen. Menschen, Tiere, Traktoren und zur Not eben auch: das größte Volksfest der Welt. Wäre die Theresienwiese ein Naturschutzgebiet, würden all die Trittpflanzen verschwinden. "Mein erster Fund dieses Jahr", flüstert Feder und streicht liebevoll über die kleine, gelbe Hahnenfußblüte. Er sieht glücklich aus.

      Kletten an der "Kotzwiese"

      Jürgen Feder nähert sich einer Böschung im Westen und setzt eine Detektivmiene auf: "Aha, hier machen wohl viele Hunde hin." Man braucht ihn gar nicht fragend anzuschauen, er ahnt auch so, dass Erklärungsbedarf besteht. Während er den Hang hochsteigt, zeigt er auf den Boden: Löwenzahn. "Das ist ein Nährstoffjunkie, genau wie die­ser Stumpfblättrige Ampfer hier, ein Güllezeiger, oder auch das Kletten­-Labkraut da hinten."

      Er rupft ein großflächiges Blatt ab und hält es sich ans T­Shirt. Die Klette bleibt am Stoff hängen. "Irgend­ einen Dünger scheint es hier zu geben", sagt er nachdenklich, und diesmal hilft ein wenig Münch­ner Insiderwissen: Er steht mitten in dem Bereich, den man hier auch "Kotzwiese" nennt. Hierhin verziehen sich die Oktoberfestbesucher, die keine Lust aufs Schlangestehen vorm Klohäuschen haben oder die speien müssen.

      "Kotzwiese", sagt Feder nachdenklich und nickt zufrieden: "Daran wird es liegen." Zwei Stunden später entdeckt der Extrembotaniker im­mer noch Neues. Jürgen Feder hält einen dünnen Halm namens Hain­-Rispengras hoch. "Typisch ist, dass das Blatt im 90­-Grad­-Winkel vom Stengel ab­ steht", sagt er.

      Wiese statt Wüste: Die Theresienwiese kann mehr als nur Oktoberfest

      Mehr als 80 Arten hat der Freund der Stadt­pflanzen inzwischen katalogisiert und angesichts dieser Liste zeigt er sich hochzufrieden mit der Theresienwiese. "Das ist eine grüne Lunge", findet er. "So eine riesige unbebaute Fläche mitten im Zentrum ist ein Highlight, das hat nicht jede Stadt." Die Theresienwiese hat einen neuen Fan, und zwar einen, der noch nie auf der Wiesn war. Und auch das steht nach diesem Tag fest: Das Wort "Theresienwüste" können die Münchner aus ihrem Wortschatz streichen.


      Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 2/2017 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" zum Schwerpunktthema "Bunte Welt der Wiese". Alle bisherigen "1890"-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download sowie als App für Apple-Geräte in itunes und für Android bei Google Play.