Ein ganz neuer Mensch
Foto: Wolfgang Stahr

Manchmal will, kann oder muss man noch einmal ganz von vorne anfangen. So wie diese sieben Leute hier, deren Leben eine spektakuläre Wendung genommen hat

Der Selbstvergessene

Die Leere in meinem Kopf reicht von meiner Geburt bis zur Volljährigkeit. Das Erste, woran ich mich nach meinem Sturz erinnere, ist das Krankenhausbett, in dem ich an einem Samstag im Winter vor neun Jahren aufgewacht bin. Ich war damals 17, hatte die Schule abgeschlossen, eine Ausbildung zum Steuerfachangestellten begonnen und trainierte die Fußballmannschaft im Dorf. An nichts davon konnte ich mich erinnern. Ich wusste nicht, dass die Frau an meinem Bett meine Mutter war. Sie litt furchtbar. Ich konnte sprechen, lesen und schreiben. Auch Plus- und Minusrechnen konnte ich, aber schon das Einmaleins war mir ein Rätsel.

Ich habe dann noch mal ganz von vorne angefangen, eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann gemacht. Doch dann entdeckte ich meine Leidenschaft für gutes Essen und guten Wein und beschloss, in die Gastronomie zu wechseln. Ob ich mich in meinem ersten Leben auch dafür interessiert habe, weiß ich nicht. In den letzten neun Jahren habe ich kaum in meiner Vergangenheit geforscht. Noch hoffe ich, dass meine Erinnerungen zurückkehren, weshalb ich sie nicht durch Erzählungen und Fotos verfälschen möchte. Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt jedoch bei unter einem Prozent

Ein ganz neuer Mensch. Max Rinneberg, 26 Jahre, verlor bei einem Unfall sein Gedächtnis. Heute beschäftigt er sich nicht mehr mit Steuerfällen, sondern mit Wein
Max Rinneberg, 26 Jahre, verlor bei einem Unfall sein Gedächtnis. Heute beschäftigt er sich nicht mehr mit Steuerfällen, sondern mit Wein. Foto: Dirk Bruniecki

Die Aussteigerin

Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, schäme ich mich. Die autoritäre Erziehung und die nationalsozialistischen Ansichten meines Vaters haben meine gesamte Kindheit geprägt, als Jugendliche bin ich selbst in die Neonazi-Szene abgerutscht. Ich habe vielen Menschen misstraut, viele gehasst und war grundsätzlich negativ eingestellt. Mit 15 Jahren begannen meine Zweifel an der Ideologie. In meinem heutigen Ehemann fand ich einen Verbündeten, mit dem ich gemeinsam aus diesem Leben fliehen wollte. Allerdings verlangt der Ausstieg aus der Neonazi-Szene viel Kraft. Weil uns das nicht gleich gelungen ist, holten wir uns Hilfe von der Aussteigerorganisation Exit. Dort besprachen wir als Erstes die Sicherheitslage: Wir mussten uns Lügen ausdenken, um nicht von anderen Neonazis verfolgt oder bedroht zu werden. Anfangs bekamen wir Polizeischutz. Mittlerweile können wir ein normales Leben führen.

Ich habe eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht, mein Mann betreut hauptberuflich andere Aussteiger. Mein altes Leben wird mich immer begleiten – was in der Kindheit passiert ist, prägt ja das ganze Leben. Wenn ich heute anderen von meiner Jugend erzäh-le, sind die meisten überrascht. Was sie hören, sagen viele, passe gar nicht zu der Person, die ich heute bin. Das ist für mich das schönste Kompliment.

Ein ganz neuer Mensch. Heidi Benneckenstein
Heidi Benneckenstein, 25 Jahre, vertrat früher rechtes Gedankengut. Heute hilft sie ehrenamtlich Neonazis beim Ausstieg aus der Szene. Foto: Wolfgang Stahr

Der Superlehrer

Während ich noch zur Schule ging, hatte ich das Glück, Profifußballer zu werden. Mein Abitur habe ich trotzdem gemacht, aber den Plan, Lehramt zu studieren, nicht weiter verfolgt. Mit dem FC Bayern wurde ich Deutscher Meister, gewann den DFB-Pokal und spielte sogar für die Nationalmannschaft.

Irgendwann hatte ich nicht mehr genug Feuer in mir, ich war ständig verletzt. Also beschloss ich, mit dem Spielen aufzuhören. Eine Karriere im Profigeschäft, etwa als Trainer, kam für mich nicht infrage. Ich wollte etwas machen, für das ich mich auch in 30 Jahren noch begeistern kann, und schrieb mich für das Lehramtsstudium ein. Meine Familie und Freunde haben meine Entscheidung sofort verstanden, viele meiner Fußballkumpels nicht. Aussteigen aus dem Geschäft, studieren, einer von vielen sein – für die meisten ist das unvorstellbar und führt zu einer Krise. So ging es mir nicht. Ich bin von einem Tag auf den anderen ins echte Leben eingetaucht und habe mich sofort wohlgefühlt. Im Kopf war ich immer mehr Lehrer als Fußballer. In meiner Freizeit spiele ich immer noch Fußball, in der Kreisliga. Der Sport wird für mich immer wichtig bleiben, und das Gefühl, in ein ausverkauftes Stadion einzulaufen, werde ich nie vergessen. Aber das Leben und die Strukturen im Profigeschäft vermisse ich nicht.

Ein ganz neuer Mensch. Tobias Rau, 36 Jahre, lebte, bis er 27 Jahre alt war, den Traum vom Fußballprofi. Heute ist er glücklich als Sport- und Biologielehrer
Tobias Rau, 36 Jahre, lebte, bis er 27 Jahre alt war, den Traum vom Fußballprofi. Heute ist er glücklich als Sport- und Biologielehrer. Foto: Dominik Asbach

Die Geistreiche

Mein Leben als Unternehmensberaterin war bequem. Ich konnte viel von zu Hause arbeiten und mich nebenbei um die Kinder kümmern. Gleichzeitig bedeutete der Job: keine neuen Herausforderungen. Alltagstrott. Als ich nach 20 Jahren das Unternehmen verließ, war klar: Ich muss etwas anderes machen. Etwas, für das ich mich wirklich interessiere. Bei mir waren das Obstbrände. Im Restaurant habe ich immer zuerst die letzte Seite der Speisekarte gelesen. Und ich habe Destillier-Kurse besucht. Der Schritt zu einer richtigen Ausbildung zum Schnapsbrenner war da nicht mehr weit. Das Programm richtete sich an Landwirte, aber ich habe nicht lockergelassen, bis ich aufgenommen wurde – als einziger Fischkopp unter bayerischen Obstbauern. Während der Ausbildung habe ich beschlossen, mich selbstständig zu machen. Im Norden gibt es kaum Obstbrennereien, das war die Chance, die ich genutzt habe.

Eigentlich vermisse ich nur eines: den Feierabend. Früher konnte ich das Büro verlassen und abschalten. Das geht als Selbstständige nicht. Dafür kann ich alles selbst machen: die Entwürfe, die Produktion, die Vermarktung. Selbst wenn ich mit Gummistiefeln in einem Berg Aprikosen stehe und Angst habe, dass sich durch die Hitze Bakterien entwickeln, die den ganzen Schnaps verderben, weiß ich: Es war die richtige Entscheidung.

Ein ganz neuer Mensch. Birgitta Schulze van Loon, 55 Jahre, arbeitete 20 Jahre lang als Unternehmensberaterin. Heute produziert sie ihre eigenen Obstbrände.
Birgitta Schulze van Loon, 55 Jahre, arbeitete 20 Jahre lang als Unternehmensberaterin. Heute produziert sie ihre eigenen Obstbrände. Foto: Charlotte Schreiber

Der Reformierte

Es war tatsächlich schon im Kindergarten, als ich zum ersten Mal merkte, dass mit mir etwas nicht stimmt. Alle Mädchen sollten ihre Puppen mitbringen, nur ich hatte keine. Ich bin in den 1970er-Jahren in Franken aufgewachsen, das war keine Umgebung, in der es erlaubt war, anders zu sein. Ich habe immer darüber nachgedacht, wer ich bin und wer ich sein möchte. Irgendwann begann ich, mir einzugestehen, dass ich im falschen Körper geboren wurde. Der Entschluss, meine Transidentität öffentlich zu machen und mich anpassen zu lassen, war ein schleichender Prozess. Immer wieder habe ich mich gefragt: Will ich weiter gegen mich leben? Gegen meinen Körper und dieses Gefühl?

Bei der Entscheidung musste ich außerdem bedenken, dass ich als Pfarrer nicht nur die Verantwortung für mich selbst trage, sondern auch für die 3000 Mitglieder meiner Gemeinde. Als mir im Sommer 2017 Vertreter der Landeskirche versicherten, dass sie hinter mir stehen, konnte ich mich auf den Weg machen. Nach diesem Gespräch war ich zum ersten Mal in meinem Leben glücklich. Einen Tag vor dem 500-jährigen Reformationsjubiläum habe ich meine Entscheidung im Anschluss an einen Gottesdienst öffentlich gemacht. Einige wussten es bereits, bei den anderen fielen die Reaktionen fast immer positiv aus. Jetzt kann ich sagen: Es geht mir gut.

Ein ganz neuer Mensch. Pfarrer Finn Wolfrum, 46 Jahre, lebte bis vor Kurzem als Silke Wolfrum. Am Ende des Lutherjahres fand er den Mut, es allen zu sagen
Pfarrer Finn Wolfrum, 46 Jahre, lebte bis vor Kurzem als Silke Wolfrum. Am Ende des Lutherjahres fand er den Mut, es allen zu sagen. Foto: Dominik Pietsch

Der Ganovenschreck

Meine Jugend in Osnabrück verlief normal: Handelsschule, Fachabitur, Ausbildung zum Orthopädieschuhmacher. Dann starb meine Mutter. Mein kleiner Bruder und ich mussten uns plötzlich alleine durchkämpfen. Acht Jahre lang habe ich alles gestohlen, was sich versilbern ließ: Kunst, Uhren, Schmuck. Auch eine Untersuchungshaft änderte daran nichts. Einmal traf ich beim Einbrechen einen anderen Einbrecher in der Wohnung an. Verrückt, oder?

Gebremst wurde ich erst, als einmal auch bei mir eingebrochen wurde. Alles drehte sich. Auf einmal war ich das Opfer und habe gespürt, wie sich das anfühlt. Ständig die Gedanken, dass jemand in meinem Haus war. An dem Punkt war mir klar: Ich muss mit dem Einbrechen aufhören. Also Zeitung geholt, Jobanzeigen gelesen. Wenn andere das so machen, schaffe ich das auch. Mit Glück habe ich einen Job im Vertrieb gefunden. Mittlerweile arbeite ich als Redakteur für ein Berliner Magazin und habe ein Buch über meine Vergangenheit geschrieben. Ich halte Vorträge an Schulen und Universitäten, wie man sich vor Einbrechern schützen kann. Alle Themen, mit denen ich mich heute befasse, sind von meiner Vergangenheit geprägt: Integration, Gewalt, Krieg. So betrachtet, habe ich die Straße nie verlassen. Nur sehe ich heute das Leben dort aus einer anderen Perspektive.

Ein ganz neuer Mensch. Hammed Khamis, 39 Jahre, brach früher in Häuser und Wohnungen ein. Heute gibt er Tipps, wie man sich vor solchen Tätern schützen kann
Hammed Khamis, 39 Jahre, brach früher in Häuser und Wohnungen ein. Heute gibt er Tipps, wie man sich vor solchen Tätern schützen kann. Foto: Urban Zintel

Die Klosterfrau

Seit ich denken kann, beschäftigen mich existenzielle Fragen nach Gott, dem Glauben und der Welt. Als Jugendliche verbrachte ich all meine freie Zeit bei der ökumenischen Brüdergemeinschaft von Taizé in Frankreich. Dort lernte ich Menschen kennen, die sich die gleichen Fragen stellten wie ich. Das hat mich tief berührt, und ich habe viel darüber nachgedacht, was ich in meinem Leben machen möchte. Selbst ins Kloster zu gehen, kam dabei nie infrage. Das Ordensleben bedeutete für mich: Was man will, darf man nicht, und was man darf, ist uninteressant. Nach dem Abitur studierte ich Pharmazie, promovierte und arbeitete an der Universität am Lehrstuhl für pharmazeutische Biologie.

Ich hatte eine wunderbare Zeit, aber ständig dachte ich: Gott und mein Glaube kommen in diesem Leben zu kurz. Also beschloss ich, dem Leben im Kloster doch eine Chance zu geben. Vor meinem ersten Besuch hatte ich riesige Angst, mein Herz raste. Doch es dauerte nicht lange, bis sich all meine Klischees vom Klosterleben in nichts auflösten. Ich habe gemerkt, dass die Frauen dort ihren Glauben so leben, wie ich es mir oft erträumt hatte. Viele stellen sich das Gemeinschaftsleben im Kloster als reine Geborgenheit vor – so ist das nicht immer, manchmal bin ich einsam. Trotzdem dachte ich von Anfang an: Hier bin ich richtig. Dieses Gefühl ist geblieben.

Ein ganz neuer Mensch. Schwester Ursula, 42 Jahre, forschte früher als Pharmazeutin an der Universität. Heute lebt sie als Nonne in einem Dominikanerinnen-Orden
Schwester Ursula, 42 Jahre, forschte früher als Pharmazeutin an der Universität. Heute lebt sie als Nonne in einem Dominikanerinnen-Orden. Foto: Dominik Pietsch
Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 1/2018 des Allianz Deutschland Kundenmagazins „1890“ zum Schwerpunktthema „Start“. Alle bisherigen „1890“-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download …

Bildquellen

  • Max Rinneberg: Dirk Bruniecki
  • Heidi Benneckenstein: Wolfgang Stahr
  • Tobias Rau: Dominik Asbach
  • Birgitta Schulze van Loon: Charlotte Schreiber
  • Finn Wolfrum: Dominik Pietsch
  • Hammed Khamis: Urban Zintel
  • Schwester Ursula: Dominik Pietsch