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       (Quelle: Ralf Dujmovits, David Goettler)

      16. Januar 2017

      Diese Frau war auf dem Gipfel - und was kommt dann?

      Text: Juliette Dreiss
      Foto: Ralf Dujmovits, David Goettler
      Als erste Frau hat Gerlinde Kaltenbrunner alle 14 Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen. Sie ging an ihre Grenzen und erlitt schwere Rückschläge. Eine Geschichte über Lebens­pläne, kalkuliertes Risiko und der Traum von neuen Gipfeln.

      Der Aufstieg, der Gerlinde Kaltenbrun­ners Lebens verändern sollte, beginnt mit strahlendem Sonnenschein. Es ist der 13. Mai 2007, ein Samstag, als sie den 8167 Meter hohen Dhaulagiri, den sechsthöchsten Gipfel im Himalaja besteigen will. Es soll ihr zehnter Achttausender werden. Ein weiterer Meilenstein. Und eine neue Herausforderung.

      Unterwegs ist sie mit ihren drei spanischen Freunden. Gegen Nachmittag erreichen die vier das Lager II, auf 6650 Meter Höhe und schlagen dort ihre Zelte auf. Eiskalt ist es, der Himmel sternenklar. Bis plötzlich Sturm auf­ kommt. Gegen 9 Uhr löst sich ein Schneebrett und reißt Kaltenbrunners Zelt 25 Meter in die Tiefe. Die Öster­reicherin wird unter den Schneemassen begraben. "Einen Moment lang habe ich gedacht, jetzt ist alles vorbei. Es ist mir wie eine Ewigkeit vorgekommen, bis ich mich nach etwa einer Stunde endlich befreit hatte."

      "Es war ein Albtraum. Ich habe unentwegt geschrien"

      Kaltenbrunner hatte enormes Glück. Eine kleine Blase gab ihr genügend Luft zum Atmen und Bewegen, um sich Stück für Stück durch die Schneemassen arbeiten zu können. Ihre beiden spanischen Kollegen Santiago Sagaste und Ricardo Valencio überlebten das Unglück nicht, sie wurden von den Schneemassen regelrecht er­ drückt und völlig einbetoniert. "Es war ein Alptraum. Ich habe unentwegt geschrien und zusammen mit Javi nach unseren Freunden geschaufelt und geschaufelt, obwohl ich wusste, dass sie tot sind." 

      Unter Schneemassen begraben. Ich dachte einen Moment lang, jetzt ist alles vorbei.

      Die frühere Krankenschwester brauchte lange, um diese Tragödie zu verarbeiten. Immer wieder dachte sie darüber nach, warum sie überlebt hat und ihre Freunde sterben mussten. Heute fällt es ihr leichter, über diese Erlebnisse zu berichten. Angst vor dem Tod hat sie ohnehin nicht mehr. Und wenn sie klettert, denkt sie über die möglichen Gefahren und Risiken nicht nach. "Ich habe dem Tod viel zu oft ins Auge gesehen", sagt sie.

      Der Drang, Grenzen zu überwinden

      Die Geschichte von Gerlinde Kaltenbrunner ist eine Geschichte von der großen Leidenschaft für die Berge und dem Drang, Grenzen zu überwin­den. Als einzige Höhenbergsteigerin der Welt hat sie in den vergangenen 17 Jahren alle vierzehn Achttausender ohne Hilfe von künstlichem Sauerstoff erklommen. Eine kaum vorstellbare Leistung. Das gelingt nur, wenn man eine außergewöhnliche körperliche wie mentale Disziplin besitzt und sich mit den Risiken im Vorfeld akribisch aus­ einandersetzt.

      Kaltenbrunner hat alles davon im Über­fluss, schlicht deshalb, weil das Besteigen großer Berge ihr Leben ist. "Ganz tief zufrieden bin ich, wenn ich auf dem Berg bin. Es ist so kraftvoll, die Natur zu spüren und das auch aus eigener Kraft zu schaffen. Das sind unbeschreib­liche Erlebnisse. Nicht nur auf den Achttausendern, auch bei uns in den Alpen, da geht es mir richtig gut", erklärt die Extremsportlerin anschaulich.

      Das Unvorstellbare erreichen - das treibt die Extremsportlerin an

      Bis an die Grenze zu trainieren, um das Unvorstell­bare zu erreichen, das treibt die Extremsportlerin Tag für Tag an. So ist sie fortwährend in Bewegung, testet ihre eigenen Grenzen aus, bis zum Limit, begibt sich seit nun­ mehr 18 Jahren stets freiwillig in extreme Situationen, in denen man die Gefahr nie gänzlich ausschalten kann.

      Selbstverständlich jedoch ist es für Kaltenbrunner und ihr Team, sich vor jeder Expedition mit den mögli­chen Risiken auseinanderzusetzen. Wo sollte man in der Nacht aufsteigen, um weniger Steinschläge abzubekom­men, wo könnten Lawinen abgehen, welche Routen sind weniger anstrengend, wie groß ist das höchstmögliche Risiko an steilen Eiswänden, wie sind tiefe Gletscherspalten schadlos zu überqueren oder wie kann man bei minus 40 Grad in 8000 Meter Höhe überleben? 

      Ein Restrisiko bleibt auch bei der besten Vorbereitung

      Das alles sind lebenswichtige Überlegungen. "Und trotzdem, selbst wenn wir im Vorfeld die Risiken rauf und runter kalkulie­ren, wissen wir alle, wenn wir da hinaufsteigen und sicher wieder herunter kommen wollen, ein Stück Restrisiko bleibt immer. Also braucht es eine gewisse Bereitschaft, auf Gefahrensituationen einzugehen", erläutert die Grenzgän­gerin zwischen Himmel und Erde.

      Nicht nur die akribi­sche Auseinandersetzung mit der Route gibt der 41­Jähri­gen eine gewisse Sicherheit. Kaltenbrunner bereitet sich außergewöhnlich diszipliniert auf ihre Expeditionen vor. Geht auch da bis an ihre Grenzen. Trainiert unermüdlich. Auf diese Weise halte sie das Unfallrisiko möglichst klein: "Das ist ein ganz wichtiger Punkt, das gibt mir sehr viel Sicherheit. Aber mal ganz ehrlich, wir gehen da freiwillig hin, niemand zwingt uns dazu, es ist unser Traum und wir wissen, dass immer etwas passieren kann."

      Grenzerfahrungen prägen

      Zwei Monate nach dem Drama im Himalaja bricht sie wieder auf in die Berge, in den Kara­korum nach Pakistan, weil sie die Bilder und das Gefühl vollkommener Hilflosigkeit nicht loslassen. "Ich musste das genau so machen, denn erst dort konnte ich den Unfall akzeptieren, dort in den großen Bergen, wo ich mich am wohlsten fühle. Es ist passiert. Ich hab es dann so stehen lassen können, hatte aber Monate lang noch einen Kontrolltick, ob mein Zelt auch richtig befestigt ist."

      Diese Grenz­erfahrung hat sie geprägt. "Ja klar, man wird vorsichtiger im Umgang mit dem Risiko und der Gefahr, obwohl ich immer schon eine eher vorsichtige Bergsteigerin gewesen bin." Und noch ein Erfolgsrezept hat sie. Sie weiß genau, wann sie weitergehen kann und wann sie umkehren muss. Aber noch etwas sei sehr wichtig: "Das Andere", wie sie es mittlerweile voller Leidenschaft bezeichnet, "das Urver­trauen! Das hat man oder man hat es nicht. Ich horche ganz oft auf mein Bauchgefühl. Es hat mich bisher noch nicht im Stich gelassen. So gab es viele Situationen, wo ich umgedreht bin, weil mir mein Gefühl sagte, dass es sehr gefährlich werden könnte."



      Grafik: C3 / Kundenmagazin 1890

       (Quelle: Grafik: C3 / Kundenmagazin 1890)

      Dem Gefühl vertrauen - es warnt vor großen Gefahren

      Diese starke Charaktereigenschaft erklärt unter an­ derem, warum sie für die Besteigung des sagenumwobe­nen K2 so viele Anläufe nehmen musste. Der 8611 Meter hohe Gigant zwischen Pakistan und China hat ihr immer wieder auch ihre eigenen Grenzen aufgezeigt und sie zum Umkehren gezwungen. Mehrmals hatte sie es in den letzten Jahren versucht, immer wieder ist sie an dem zweithöchsten Berg der Welt gescheitert. Die Wetterlage war häufig unsicher, Schneestürme, Lawinengefahr, Blankeis, das Risiko wäre schlicht zu groß gewesen.

      Bei ihrem sechsten Besteigungsversuch 2010 aber ist alles anders. In jenem Jahr hatte sie sich erneut vorgenommen, den für sie letzten der 14 Achttausender der Welt zu be­steigen. Dieser Traum endet für Kaltenbrunner jedoch dramatisch. Am 6. August 2010 stürzt ihr Begleiter und guter Freund, der Schwede Frederic Ericsson, auf etwa 8300 Höhenmetern ab. Sie steht nur wenige Meter ent­fernt am Eishang, schaut in diesem Moment nicht zu ihm hoch, es herrscht dichter Nebel, als ihr vertrauter Kollege plötzlich vor ihren Augen 1000 Meter tief in den Tod stürzt.

      Sie schreit, steht wie angefroren da und klammert sich an ihren Steileisgeräten fest. Steigt sofort ab und denkt, sie könne ihn noch retten. Sie will es nicht wahrha­ben. "Zum ersten Mal war ich an einem Punkt angelangt", erinnert sie sich, "an dem ich nicht mehr wusste, ob ich jemals in die Berge zurückkehren werde."

      Direkte Konfrontation: Auch ein Weg, mit dem Trauma umzugehen

      Die Bilder des Unglücks und der Tragödie laufen Monate lang immer und immer wieder vor ihren Augen ab. Sie ist geschockt, traumatisiert, traurig. Zu Hause kann sie es nicht verarbeiten und so macht sie sich zwei Monate später erneut auf den Weg und steht tatsächlich wieder auf dem Gipfel eines Berges, auf der Carstensz­ Pyramide, dem höchsten Berg Ozeaniens.

      Kaum zu begreifen für Außenstehende, für Kaltenbrun­ner schlicht nicht anders möglich. Wer bis an die Grenze seines Könnens geht, erlebt Grenzerfahrungen und möch­te lernen, damit umzugehen. Zart und stark zugleich wirkt die beste Höhenbergsteigerin der Welt, die glasklare Gedanken aus diesen Schicksalsschlägen zieht. Denn sie hat einige gute Freunde in den letzten 20 Jahren verloren.

      Am Berg braucht es neben körperlicher auch mentale Stärke

      Die Höhenbergsteigerin Christina Castagna, "sie war eine sehr gute Freundin, Krankenschwester wie ich. 2009 war es, wir waren auf dem K2 und sie kletterte daneben am Broad Peak. Am Vorgipfel ist sie abgestürzt. Das sind tra­gische Momente, es war schwer für mich, das zu verkraften. Aber wenn ich dann wieder auf den Berg steige, weiß ich, dass unsere Freunde bei uns sind. In anderer Form, es ist ein Kreislauf. Das gibt mir Trost. Wenn ich nach Schick­salsschlägen immer enorm hadern würde, könnte ich das so nicht weiter führen."

      Wenn ich dann wieder auf den Berg steige, weiß ich, dass unsere Freunde bei uns sind. Das gibt mir Trost.

      Ihre Erfahrungen am Berg haben diese feinsinnige Frau in all den Jahren sicher körperlich und mental noch stärker gemacht, ihr aber auch jene auffallend starke Ruhe mitge­geben. Im vergangenen Jahr ist ihr Lebenstraum schließ­lich perfekt. Sie erreicht den Gipfel des K2, ihren letzten Achttausender, am frühen Abend des 23. August 2011. Um 18 Uhr 18. Tränen fließen, das Panorama ist wunderschön. Alles leuchtet im Abendrot.

      Wie geht es nach dem Höhepunkt weiter?

      Die Besteigung des K2 war si­cher eine ihrer großen Herausforderungen, mit vielen ge­fährlichen, aber auch intensiven Facetten. Lawinengefahr, anstrengende Spurarbeit, immer wieder schlechte Sicht. Dieser Achttausender ist zwar nicht der höchste, gilt aber als der schwerste. 80 Menschen bezahlten den Versuch mit ihrem Leben. Statistisch kommt damit auf vier erfolgrei­che Besteigungen ein Todesfall.

      Und wie geht’s nach dieser letzten Herausforderung weiter? "Nun möchte ich mich eher auf schöne Sechs­ und Siebentausender konzentrieren. Auf abgelegene, seltene oder noch nie begangene Routen." Den 7861 Meter hohen Nuptse in Nepal hat sie im Mai schon hinter sich gelassen. Der Beginn einer neuen Serie – aber keinesfalls die Suche nach etwas Neuem. Denn Gerlinde Kaltenbrunner sucht nicht mehr, sie hat ihr Glück längst gefunden: in den Bergen.


      Dieser Beitrag stammt aus der ersten Ausgabe des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890", der Nullnummer aus dem Jahr 2012. Alle seitdem erschienenen "1890"-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download.