Suchen
      • Suchen
      Zehntausende Handyschäden werden jedes Jahr bei der Allianz gemeldet. (Quelle: Attila Hartwig)

      23. November 2015

      Aus Schaden wird man klug

      Text: Michael Cornelius
      Foto: Attila Hartwig
      Schatzkammer und Fundgrube für Geschichten: Was man bei einem Rundgang durch die Asservatenkammer der Allianz lernen kann.

      Kaputte Handys, Gebisse, Autoschlüssel – jeden Tag treffen in der zentralen Sammelstelle der Allianz in den Berliner Treptowers Dutzende Objekte von Schadenfällen aus ganz Deutschland ein. "Die Verwahrstücke haben eine eigene Schönheit", sagt Dirk Schosstag, Chef des Kuriositätenkabinetts im Logistik-Service-Zentrum (LSZ). "Durch die Asservaten wird Versicherung sichtbar, man kann sie mit den Händen greifen. Hinter jedem Stück steckt eine Geschichte. Die Mitarbeiter meines Teams sehen täglich, was die Allianz leistet. Sie sehen nicht das Geld, das dahinter fließt, aber sie sehen physisch die Fälle."

      Autoschlüssel zum Beispiel, die nach einem "Totaldiebstahl" samt Papieren von den Besitzern eingesendet werden. Nach einem Monat geht das Auto in das Eigentum der Versicherung über. Taucht der geklaute Wagen irgendwo wieder auf, holt man die Schlüssel aus der Kammer. Oder die vielen Gipsmodelle von Gebissen: Wenn ein Kunde eine aufwendige Sanierung plant, prüfen Gesellschaftszahnärzte die medizinische Notwendigkeit.

      Gut sortiert im Bauch der Berliner Treptowers: Blick in die Asservatenkammer

      Foto: Attila Hartwig

      Gut sortiert im Bauch der Treptowers: Blick in die Asservatenkammer (Quelle: Attila Hartwig)

      Was in den vielen kleinen transparenten Tütchen steckt? Tierhaare. Sachverständige haben die Proben von den Stoßstangen der Autos gewonnen, die in einen Wildunfall verwickelt waren. "Daraus kann man viel lernen", sagt Schosstag, "stammen die Haare von einem Reh, dann ist das ein versicherter Wildschaden." Solche haarigen Fragen klärt ein Speziallabor. Manchmal gibt es dabei auch Überraschungen, wenn es statt Bambis Fell nur ein Stück Perserteppich war.

      Asservate sind die letzten analogen Relikte

      Bis zu 60.000 Briefe, 45.000 E-Mails und 15.000 Faxe werden heute täglich gescannt und elektronisch an die zuständigen Fachabteilungen weitergeleitet. Die sperrigen Asservate werden von Hand aussortiert. Man kann sie nicht digitalisieren. Noch nicht. Sie sind die letzten analogen Relikte. Mehr als eine Million Verwahrstücke hat das LSZ in den vergangenen acht Jahren ein- und ausgelagert. Die meisten für nicht länger als 40 Tage, denn Haftpflichtschäden wie kaputte Brillen oder iPhones sind in der Regel schnell reguliert. Andere bleiben zehn bis 30 Jahre unter Verschluss. So lange sind die Aufbewahrungfristen etwa für versiegelte Urkunden, Originalrechnungen und Gutachten.

      Ganz nebenbei lässt sich beim Rundgang durch das Archiv auch der Wandel der Technik- und Designgeschichte ablesen: Wenn ein neues iPhone herauskommt, häufen sich schon mal die Ein­sendungen von kaputten älteren Modellen. "Manchmal komme ich mir vor wie in einem Apple-Store", sagt Schosstag. In der Zukunft könnten 3 D-Scanner eingesetzt werden. Dann bräuchte man die Objekte nicht mehr physisch verwahren. "Der Sachbearbeiter würde sich das Gebiss dann einfach dreidimensional ausdrucken."

      Der Fotograf Attila Hartwig hat einige der Asservate ins richtige Licht gesetzt:

      Meist geht die Brille in der Schule oder zuhause zu Bruch.

      Foto: Attila Hartwig

      Meist geht die Brille in der Schule oder zuhause zu Bruch. (Quelle: Attila Hartwig)

      Die Brillengläser

      Rund 11.000 Brillenschäden reichen Kunden im Durchschnitt jährlich bei der Allianz ein. Die meisten Missge­schicke passieren im Bekanntenkreis, gefolgt von Schadenfällen in der Schule. Insgesamt werden deutschen Haftpflichtversicherern jedes Jahr rund 200.000 kaputte Brillen gemeldet. Im Durchschnitt er­stattet die Allianz 168,75 Euro pro Brille.

      Ist das Auto weg, müssen Schlüssel und Papiere eingeschickt werden.

      Foto: Attila Hartwig

      Ist das Auto weg, müssen Schlüssel und Papiere eingeschickt werden. (Quelle: Attila Hartwig)

      Die Schlüssel

      Bei einem "Totaldiebstahl" eines Fahrzeugs müssen die Versicherungsnehmer alle Schlüssel und Papiere einschicken. Sollte der Wagen wieder auftauchen, fordert die Rückholcrew der Allianz die Unterlagen aus der Asservatenkammer an. Der Besitzer eines gestohlenen VWs meinte es besonders gut, fotografierte die Schlüssel zuerst und klebte dann die Originale drauf.

      Auch ein Geldbeutel kann zum Versicherungsfall werden.

      Foto: Attila Hartwig

      Auch ein Geldbeutel kann zum Versicherungsfall werden. (Quelle: Attila Hartwig)

      Der Geldbeutel

      Es sollte ein Geschenk für die beste Freundin sein, doch dann schwappte Tee auf das feine Leder. Jetzt lässt sich die Börse nicht mehr schließen. Den ungewöhnlichen Wasserschaden schickte eine Kundin ein, die hier natürlich ­anonym bleiben muss.

      Zehntausende Handyschäden werden jedes Jahr bei der Allianz gemeldet.

      Foto: Attila Hartwig

      Zehntausende Handyschäden werden jedes Jahr bei der Allianz gemeldet. (Quelle: Attila Hartwig)

      Das Handy

      Rund 35.000 Handy­schäden wurden im vergangenen Jahr gemeldet. 72 Prozent der Smartphones hatten gesprungene Displays oder kaputte Gehäuse. Mitunter geriet die Batterie in Brand wie bei diesem verschmorten Gerät. Jeder zweite Mobiltelefon­schaden ist laut der Deutschen Versicherungs­wirtschaft ein möglicher Betrugs­fall. Rund 5 Millionen Euro zahlte die ­Allianz im vergangenen Jahr wegen defekter Handys an ­Versicherte aus.

      Eine Haarprobe gibt Aufschluss: Reh oder doch Perserteppich?

      Foto: Attila Hartwig

      170.000 Mal kracht es jährlich zwischen Autofahrer und Reh. (Quelle: Attila Hartwig)

      Die Reh-Haare

      Nach Schätzungen des Deutschen Jagdverbands ereignen sich pro Jahr rund 190.000 Wildunfälle. Der Großteil davon sind Kollisionen mit Rehwild: Es kracht 170.000 Mal. In solchen Fällen klären Proben, die ein Sachverständiger von der Anstoßstelle des Pkws entnommen hat, ob es sich um einen Versicherungsfall handelt. Versichert sind Unfälle mit wilden Tieren, die dem Jagdrecht unterliegen. Katzen oder Schafe zählen also nicht dazu. Ein Fachlabor stellte in diesem Fall zweifelsfrei fest: Es war ein Reh.

      Die tiefen Schrammen sind ein eindeutiges Indiz für einen Verkehrsunfall.

      Foto: Attila Hartwig

      Die tiefen Schrammen sind ein eindeutiges Indiz für einen Verkehrsunfall. (Quelle: Attila Hartwig)

      Der Helm

      Die Zeiten, in denen viele Pakete mit ganzen Motorradmonturen in der Asservatenkammer eingelagert werden mussten, sind vorbei. In den meisten Fällen genügen heute Fotos von der Unfallstelle. Nur in Zweifelfällen werden Objekte gezielt angefordert. Die Schrammen am Helm stammen eindeutig von einem Sturz.

      Gipsabdrücke belegen, ob eine Zahnsanierung notwendig ist oder nicht.

      Foto: Attila Hartwig

      Gipsabdrücke belegen, ob eine Zahnsanierung notwendig ist oder nicht. (Quelle: Attila Hartwig)

      Das Gebiss

      Zahnmodelle und Patientenunterlagen wie Röntgenbilder werden im Vorfeld einer Behandlung gezielt angefordert. Plant der Kunde eine aufwendige Zahnsanierung, z. B. mit Implantaten, prüfen Gesellschaftszahnärzte Umfang und Notwendigkeit des Eingriffs auch mit Hilfe der Gipsabdrücke. Häufig bleiben die Modelle bis zum Abschluss der Behandlung im Archiv.

      Ein besonderes Highlight der Asservatenkammer: Die Stradivari.

      Foto: Attila Hartwig

      Ein besonderes Highlight der Asservatenkammer: Die Stradivari. (Quelle: Attila Hartwig)

      Die Violine

      Im Kuriositätenschauschrank der Asservatenkammer hat eine Stradivari seit Jahren einen Ehrenplatz. Auch wenn man nicht mehr darauf spielen kann, erfreut das Verwahrstück die Besucher wie ein schönes Solo. Vermutlich wurde das Instrument beim Transport nach ­einem Konzert beschädigt. Die näheren Umstände sind vertraulich.

      Heißes Öl im Topf vergessen - Fazit: viel Gestank, kein Geld.

      Foto: Attila Hartwig

      Heißes Öl im Topf vergessen - Fazit: viel Gestank, kein Geld. (Quelle: Attila Hartwig)

      Der Topf

      Ist man versichert, wenn man Öl im Topf eine ­halbe Stunde auf dem heißen Herd vergisst? Leider nein. Für die Kollegen von Sach war dieses Asservat schon zu Schulungs­zwecken im Einsatz.

      Löcher beweisen es: Dieser Mantel ist ein Feuerschaden.

      Foto: Attila Hartwig

      Löcher beweisen es: Dieser Mantel ist ein Feuerschaden. (Quelle: Attila Hartwig)

      Der Mantel

      Zur Überprüfung eines Feuerschadens wurde der Kunde gebeten, seinen Pelzmantel einzuschicken. Am Arm und auf der Rückseite haben sich Löcher eingebrannt.

      Ein Fall für die Kuriositätenkammer: Das Rohr.

      Foto: Attila Hartwig

      Ein Fall für die Kuriositätenkammer: Das Rohr. (Quelle: Attila Hartwig)

      Das Rohr

      Gewissenhaft legte ein Kunde zur Reparaturrechnung unaufgefordert auch noch das Corpus Delicti dazu. Es hat gute Chancen, bald in den Kuriositätenschrank zu kommen.



      Jetzt informieren

      Schaden melden?Online auf allianz.de