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    • Die kleinsten Flughäfen der Welt: Wie Droneports Afrikas Infrastruktur revolutionieren
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      Die Wirtschaft soll surren: dank Transportdrohnen und Miniflughäfen auch an entlegenen Orten. (Quelle: Büro Foster)

      Drohnen 20. September 2016

      Wo die Drohnen wohnen: Afrikas Infrastruktur hebt ab

      Text: Isabelle Buckow
      Foto: Büro Foster
      Jonathan Ledgard will Transportdrohnen ein­ setzen, um einen ganzen Kontinent zu beflügeln. Star­Architekt Norman Foster hat dafür die kleinsten Airports der Welt geplant. Schon 2017 soll in Ruanda gebaut werden. Die Geschichte einer Vision, so abgehoben wie bodenständig.

      Visionäre Ideen kommen häufig von oben. So wie etwa bei Isaac Newton. Der englische Denker saß der Legende nach einst unter einem Baum, als ihn ein Apfel am Kopf traf. Danach begriff er die Erdanziehungskraft und begründete die moderne Physik. Die Menschheit verdankt also gewissermaßen dem Fallobst, dass sie die Gravitation erkannte, sie mit Apparaten überwand und fliegen lernte.

      Die Vision, die Jonathan Ledgards Leben verändern sollte, offenbarte sich ihm mehr als 350 Jahre später. Unter einem Baum. Im Süden Somalias im Jahr 2009. Dort saß der Kommandant einer Truppe der Al-Shabaab-Miliz auf einem Plastikstuhl. Der Mann beantwortete die Fragen von Journalisten, zu denen Ledgard zählte. "Es war eine brutale, schwere Zeit", erinnert sich der damalige Korrespondent des Magazins "The Economist". Kämpfer der islamistischen Al-Shabaab terrorisierten Somalia, eine Hungersnot raffte die Bevölkerung dahin. Doch Ledgard hatte dort im Schatten des Baumes nur Augen für die zwei Mobiltelefone des Kommandanten. Sie waren mit unterschiedlichen Netzen verbunden. "Es herrschten Chaos und Elend, nichts funktionierte. Nur die beiden Telefone hatten selbst mitten im Nirgendwo Empfang", sagt Ledgard. "Das war wie ein Aha-Erlebnis für mich." Seit diesem Moment sucht Ledgard nach Wegen, die offenbar intakte digitale Kommunikationsinfrastruktur zu nutzen, um Afrikas Probleme zu lösen.

      Jonathan Ledgards Traum vom Fliegen: Drohnen, die die Menschen Afrikas versorgen.

      Foto: Maria Feck

      Jonathan Ledgard mit einer Styropor-Miniatur der Redline-Drohne. (Quelle: Maria Feck)

      Drohnen sollen Medizin und Nahrung in entlegene, verminte Gebiete bringen

      Jonathan Ledgard, 48, hat fröhliche, aufmerksame Augen und ein verschmitztes Grinsen. Nach acht Jahren, in denen er aus Darfur, Ruanda, Kenia, aus mehr als 20 Ländern insgesamt, berichtete, will der Schotte den Menschen jetzt anders helfen als durch Reportagen. Wie kann Hightech dazu beitragen, die Lebensbedingungen in Afrika zu verbessern? Ließen sich die realen Krisen am Boden durch digitale Technik in der Luft überwinden? Ledgard will die unsichtbaren Datenautobahnen nutzen. Sein Traum vom Fliegen: Ferngesteuerte Drohnen erheben sich über desolate Schotterpisten und vermintes Gelände. Sie bringen Medikamente, Nahrungsmittel, Wirtschaftsgüter in Regionen ohne Hoffnung. Ginge es nach Ledgard, käme in Afrika bald so viel Gutes von oben, dass die politischen Konflikte in den Niederungen ihren Schrecken verlören.

      Auch wenn die Vision etwas Abgehobenes hat, verfolgt sie Ledgard seit Jahren hartnäckig. Gemeinsam mit Forschern der Technischen Hochschulen in Zürich (ETH) und Lausanne (EPFL) gründete er 2012 "Afrotech", eine Initiative, die neue Technik nach Afrika bringen will. Am EPFL in Lausanne leitet Ledgard ein Team aus Robotikexperten, Logistikern und Architekten. Er steht in einem Fluglabor und erzählt von seinem Traum: "Hier findet die Zukunft statt", sagt er.

      Starke Charaktere - starke Bilder: Wingsuiterin Geraldine Fasnacht im "Making Of".

      "Fliegende Esel" sind die "nächste große Sache in Afrika"

      Die Drohnenwerkstatt befindet sich im Keller des EPFL. Große, blaue Netze hängen von der Decke. Vor einer Wand stehen mannshohe Kartons, die mit Punkten in unterschiedlichen Farben markiert sind. Sie sollen verschiedene Untergründe und Hindernisse simulieren, erklärt Ledgard. In der Mitte des Raumes hält er eine Drohne in den Händen. Er drückt auf einen Knopf, und eine weibliche Computerstimme ertönt: "Welcome to Eternity 9 EXO Pro." Die Rotoren des Geräts starten. Als es abhebt, erfüllt ein Surren die Luft, als fliege ein Riesenschwarm durchs Labor.

      Laut Ledgard sind Drohnen "die nächste große Sache in Afrika", weil sie das Gütertransportproblem in Luft auflösen könnten. Die filigranen Roboter nennt er "fliegende Esel" – sie sollen als Ergänzung zu Trucks und Lasttieren dafür sorgen, Lebenswichtiges in abgeschiedene Regionen zu bringen. Später sollen kommerzielle Güter folgen.

      "Red Line" heißt die Initiative von Jonathan Ledgard, die Patienten mit Blutkonserven beliefern will.

      Foto: Büro Foster

      "Red Line" heißt die Initiative von Jonathan Ledgard, die Patienten mit Blutkonserven beliefern will. (Quelle: Büro Foster)

      "Red Line" hat Ledgard das Projekt genannt, dessen Umsetzung am Weitesten gediehen ist. Seine große Vision fängt klein an: In Ruanda soll die Drohnenrevolution starten, dem überschaubaren "Land der tausend Hügel", das kaum größer ist als Mecklenburg-Vorpommern, aber siebenmal so viele Einwohner hat. Nach dem Völkermord von 1994 lag der ostafrikanische Staat in Trümmern. Inzwischen hat sich das Land erholt, rund zwölf Millionen Menschen leben hier. Internet und Handynetze sind gut ausgebaut, die Straßen nicht überall. Präsident Paul Kagame gilt als fortschrittlich, zukunftsorientiert – und befürwortet Ledgards Pläne. Das Pilotprojekt "Red Line" soll die Folgen der in Ruanda verbreiteten Sichelzellenanämie bekämpfen: Die Erbkrankheit lässt sich mit Bluttransfusionen behandeln – wenn die Konserven frisch genug ankommen. "Drohnen sind schneller als andere Transportmittel, günstiger, und überwinden alle Hindernisse", sagt Ledgard. Sechs Blutlieferungen pro Tag würden ausreichen, um 4300 Menschen pro Jahr das Leben zu retten.

      Die Infrastruktur in vielen Teilen Afrikas ist sehr schlecht: Diesem Misstand will Jonathan Ledgard abhelfen - mit einem Netz von Droneports, kleinen Flughäfen für Drohnen. (Video: Maria Feck)

      Star-Architekt Norman Foster plant Droneport-Logistikzentrum

      Außer der Drohnenflotte soll ein Transportnetz mit neuartigen Start- und Landeplätzen in Ruanda entstehen. Die Droneports sind als Knotenpunkte konzipiert, in denen die Flugroboter beladen und gewartet werden können. Für die Gestaltung dieser Logistikzentren konnte Ledgard den Architekten Norman Foster gewinnen, der schon dem Berliner Reichstag eine Glaskuppel aufsetzen ließ, die Millennium Bridge in London entwarf und in Cupertino/Kalifornien gerade den gigantischen, Ufo-förmigen Apple Campus 2 realisiert. Dass Ledgard den Star-Architekten für seine Idee begeistern konnte, ist kein Zufall. Die beiden Briten kennen sich persönlich. Außerdem mag Foster den Flugebtrieb: 1991 eröffnete der Londoner Airport Stansted ein neues Terminal nach seinen Plänen. Vor den olympischen Spielen 2008 wurde der Pekinger Flughafen unter seiner Regie ausgebaut.

      Ledgard erzählt, wie er Foster überzeugte. Er habe den 81-Jährigen zu Hause besucht, sich hingesetzt und gesagt: "Norman, du hast den größten Flughafen der Welt gebaut. Kannst du jetzt den kleinsten bauen?" Die Antwort: "Yes!"

      Startplatz: Ledgard kennt Ruanda seit seiner Zeit als Korrespondent für den "Economist". Das kleine, dicht besiedelte Land in Ostafrika bietet gute Voraussetzungen für einen Praxistest.

      Foto: Maria Feck

      Jonathan Ledgard mit einer Styropor-Miniatur der Redline-Drohne. (Quelle: Maria Feck)

      Auf der Architektur-Biennale in Venedig 2016 stellten Ledgard und Foster den Droneport-Prototyp vor, ein gewölbtes, futuristisch anmutendes Gebäude, das einfach zu errichten ist: aus Lehm-ziegeln. "Mit unserem Projekt wollen wir Arbeitsplätze vor Ort schaffen", sagt Ledgard. Im besten Fall werden die Drohnenflughäfen zu lebendigen, lokalen Handelszentren mit angrenzenden Läden, Postamt, Apotheke. Wo genau in Ruanda der erste Drohnenstützpunkt gebaut werden soll, ist noch unklar. "Wir sprechen mit den Dorfgemeinschaften, damit wir Standorte finden, an denen es für sie am meisten Sinn ergibt", sagt Ledgard. In jedem Fall, so der Visionär, werde ein Droneport nicht mehr kosten als eine Tankstelle. Und wenn die Flugroboter erst einmal gelandet seien, würden sie von der lokalen Bevölkerung genutzt, gewartet und auch gebaut werden können.

      "Red Line"-Visionär Jonathan Ledgard erklärt im Video, in welchem Umfeld seine Idee von den Droneports für Ruanda entstanden ist. (Video: Maria Feck)

      Schon 2017 soll der erste Flughafen in Ruanda stehen. Für Testflüge, sagt Ledgard, habe er die amerikanische Firma Zipline als Partner gewonnen. Das Unternehmen aus dem Silicon Valley zählt unter anderem den Paketdienst UPS zu seinen Geldgebern und soll mit der Auslieferung von Blutkonserven und Medikamenten per Drohne beginnen. Die Konserven, erklärt Ledgard, kämen von einem Blutspendedienst in Ruanda.

      Am EPFL in Lausanne tüftelt Ledgards Team derweil an der Optimierung von Drohnen. Hier sitzen Maschinenbauingenieure, Computerwissenschaftler und Studenten in einem Raum zusammen und starren konzentriert auf ihre Bildschirme. Von der Decke hängen Drohnenmodelle. Manche sehen aus wie Quallen, andere wie Sterne oder kleine Raketen. Auf einem Fensterbrett liegen Miniaturen aus Styropor – Designstudien auf dem Weg zur Red-Line-Drohne. Inzwischen, sagt Ledgard, sei der erste Prototyp mit einer Flügelspannweite von drei Metern fertig. In wenigen Jahren sei die Drohne so weit, dass sie zehn Kilogramm, also 20 Blutkonserven, 50 Kilometer weit tragen könne. Produktionskosten: 1000 Euro. Entwickelt werde außerdem bereits eine zweite Drohnenflotte für kommerzielle Güter. Die Blue-Line-Drohne soll doppelt so lang werden, bis zu 100 Kilogramm tragen und noch größere Distanzen überbrücken. "Bauern aus abgelegenen Dörfern könnten dann Geflügel, Fisch und andere Waren per Drohne zum nächsten Markt transportieren und so am Handel teilnehmen", erklärt Ledgard. Ruandas Wirtscha würde nicht brummen, sondern surren.

      Making Of: Die Journalistin Isabelle Buckow und die Filmerin Maria Feck erzählen im Video, was sie an diesem Projekt besonders fasziniert hat.

      Bis 2030 könnte jede kleine Stadt des Landes ihren eigenen Droneport haben – bis zu 40 Stationen schweben Ledgard landesweit vor. Ruanda könnte dann das Vorbild für andere Regionen in Afrika sein. Doch nicht nur dort: Sri Lanka, Bolivien, Sibirien – Ledgards Traum vom Fliegen ist, dass es keine hoffnungslos abgehängten Orte mehr geben wird.

      Dieser Text stammt aus der Ausgabe 4/2016 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" zum Schwerpunktthema "Fliegen". Alle bisher erschienenen "1890"-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download.