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      Wingsuitler stürzen aus Flugzeugen und Ballkörben, um sich für einige Minuten zu fühlen wie ein Vogel. (Quelle: Oliver Kröning)

      Sport 20. September 2016

      Komische Vögel

      Text: Christian Gottwalt
      Foto: Oliver Kröning
      Wingsuiter betreiben den aufregendsten und gefährlichsten Sport überhaupt. Sie stürzen sich aus Flugzeugen und Ballonkörben. Sie rauschen von den Gipfeln der Berge herab. Wir haben fünf von ihnen gefragt: Warum?

      Helmut Tacke ist Raumausstatter und trainiert die deutsche Wingsuit-Nationalmannschaft.

      Foto: Oliver Kröning

      Helmut Tacke ist Raumausstatter und trainiert die deutsche Wingsuit-Nationalmannschaft. (Quelle: Oliver Kröning)

      Helmut Tacke

      Kurz vor dem Absprung kommt das Adrenalin, das Hirn braucht mehr Sauerstoff und dann pumpt das Herz. Vorher lasse ich mich von den anderen checken, ob alles sitzt. Dann gehe ich in mich und atme tief durch. Ich habe ja tatsächlich ein wenig Höhenangst. Weshalb ich Zeit brauche, bis ich an die Kante gehe. Aber sobald ich in der Luft bin, legt sich das. Nach wenigen Sekunden kann ich mich voll aufs Fliegen konzentrieren. Es kommt dem Vogelflug sehr nahe, halt nur mit 180 Stundenkilometern. Nach 200 Fallschirmsprüngen durfte ich mit der Wingsuit aus Flugzeugen springen. Aber erst nach 600 Flügen fühlte ich mich sicher genug für meinen ersten Base-Jump.

      Oliver Furrer ist Aircraft-Manager von Business-Jets.

      Foto: Oliver Kröning

      Oliver Furrer ist Aircraft-Manager von Business-Jets und steht als Wingsuitler im Guiness-Buch. (Quelle: Oliver Kröning)

      Oliver Furrer

      Beim Fliegen geht es um die Freiheit, um die Faszination, mit der Natur zu spielen. In der Luft kannst du loslassen. Ich mag die Vorbereitung: den Schirm zu packen, Karten zu studieren, den Sprungpunkt zu finden. Der Flug ist dann nur das letzte Puzzlestück. Okay, natürlich auch die Glücksgefühle bei der Landung. Mit meiner Wingsuit brauche ich keine vertikale Wand mehr, nach 25 Metern fliege ich bereits vorwärts. Das Material wird ständig besser, was aber auch Risiken birgt. Die jungen Springer sehen ein Video im Netz und wollen das nachfliegen. Die gehen an die Grenzen, um aus der Masse herauszustechen. Ich habe 7000 Sprünge, Weltrekorde und stehe im Guiness-Buch. Ich muss nichts mehr beweisen.

      Yuri Bayat ist Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik.

      Foto: Oliver Kröning

      Yuri Bayat ist Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik und springt in seiner Freizeit gerne aus Flugzeugen. (Quelle: Oliver Kröning)

      Yuri Bayat

      "Von außen betrachtet gehört dazu schon etwas Verrücktheit"

      Meine Schüler finden es spannend, wenn ich vom Wingsuit-Fliegen erzähle. Dabei betone ich natürlich, dass der Sport viel voraussetzt: Verantwortung, eine gute Vorbereitung, Achtsamkeit und Risikomanagement. Dann ist es auch ein sehr si- cherer Sport – wenn man aus dem Flieger springt. Vom Berg ist das Risiko natürlich größer, dessen bin ich mir bewusst. Ich habe 700 Sprünge aus dem Flugzeug und 100 vom Berg absolviert. Am Berg bin ich eher konservativ und springe nur von zwei bestimm- ten Spots. Dabei gehe die Sache langsam an. Vor dem Sprung schaue ich mir alles genau an: das Tal, die Felsen, die Berge. Manche springen sofort. Ich dagegen stehe gern etwas länger da und gucke.

      Susanne Böhme ist Fallschirmtechnikerin.

      Foto: Oliver Kröning

      Susanne Böhme ist Fallschirmtechnikerin und ist seit einem Wingsuitunfall querschnittsgelähmt. (Quelle: Oliver Kröning)

      Susanne Böhme

      "Dass ich wieder laufen kann, war ein hartes Stück Arbeit"

      An den Unfall erinnere ich mich nur bruchstückhaft. Wahrscheinlich bin ich beim Absprung ausgerutscht und dann an der Felswand hängen geblieben. Der zweite Lendenwirbel war zertrümmert, seither bin ich querschnittgelähmt. Aber seit letztem Jahr kann ich die Zehen wieder bewegen. Ich kann wieder Reserveschirme packen und meine Nähmaschine mit dem Fuß bedienen. Und ja, ich bin so auch schon wieder Fallschirm gesprungen. Die Ärzte sagten, es ist alles genauso stabil wie vor dem Unfall. Bei der Landung lasse ich die Beine schleifen und drehe mich im richtigen Moment zur Seite. 18 Sprünge aus dem Flugzeug habe ich so gemacht. Dann war Pause: Da kam nämlich mein Kind auf die Welt.

      Geraldine Fasnacht ist Profi-Sportlerin.

      Foto: Oliver Kröning

      Geraldine Fasnacht ist Profi-Sportlerin und liebt es, neue Sprungstellen zu finden. (Quelle: Oliver Kröning)

      Geraldine Fasnacht

      Ich liebe das Leben viel zu sehr, als dass ich mich aus Dummheit einer Gefahr aussetzen würde. Wenn ich es doch tue, muss ich mir sicher sein. Der Sprung vom Matterhorn war so eine Situation. Nach acht Stunden Klettern bist du richtig müde, und dann geht es am Exit-Point nur 107 Meter senkrecht in die Tiefe. Mein Sport ist es nicht, bis an die Grenze zu gehen, mein Sport ist es, durch die Berge zu ziehen und neue Sprungstellen zu finden. Früher hat man Steine hinunter geworfen, heute messe ich mit einem Laser jeden Felsvorsprung aus. Für diesen Sport muss man fühlen, dass man dafür gemacht ist. Sich seiner selbst ganz gewiss sein. Höhenangst habe ich nur ohne Fallschirm, mit ihm fühle ich mich wohl.

      Starke Charaktere - starke Bilder: Wingsuiterin Geraldine Fasnacht im "Making Of".

      Dieser Text stammt aus der Ausgabe 4/2016 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" zum Schwerpunktthema "Fliegen". Alle bisher erschienenen "1890"-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download.

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