Kundenbericht Allianz Deutschland Lebensphasen. Der Blick zurück bleibt
Fotos: Markus Burke

Alt zu werden, bringt 
schleichende Veränderungen 
mit sich. In der kurzen Sicht 
kaum wahrnehmbar – und 
doch so grundlegend, dass 
wir immer mehr von unserem 
gewohnten Leben aufgeben. 
Besuch bei einer alten Dame.

Ihr liebster Platz ist der am Fenster, mit Blick auf 
den Spielplatz des benachbarten Kindergartens. 
„Wenn die Zwergerl da spielen, das ist immer nett 
anzuschauen“, sagt Therese Huber* und strahlt. Der 
Spielplatz liegt unter der großen Buche gegenüber 
vom Münchner Kreszentia-Stift. Hier lebt die 91-Jährige 
seit gut zwölf Jahren. Nicht aus eigenem Antrieb, aber 
auch nicht gegen ihren Willen.

Damals erhielt sie einen unangenehmen Brief: die Kündigung für ihre Zweizimmerwohnung wegen Eigenbedarfs. „Beim Mieterverein sagte man mir, dass ich kaum eine Chance hätte, eine neue bezahlbare Wohnung zu finden. Die meisten Vermieter bevorzugen jüngere Mieter“, sagt sie ohne Groll. 
So war sie froh, dass eine Bekannte aus ihrer Kirchengemeinde ungefragt einen Besichtigungstermin im Kreszentia-Stift für 
sie vereinbart hatte. Das Haus liegt nur etwa vier Kilometer entfernt von ihrer alten Wohnung, und Therese Huber gefiel der Gedanke, in ein von Nonnen geführtes Alten- und Pflegeheim zu gehen. Die Seniorin wuchs in der Nähe der oberbayerischen Benediktinerabtei Scheyern auf. Die Nähe zur Kirche war und ist ihr wichtig.

Das alte Leben bleibt zurück

Mit dem Einzug in ihr neues Zuhause begann für Huber ein Abschied von ihrer Selbstständigkeit. Sie ließ nicht nur den größten Teil ihrer Möbel und viele Erinnerungsstücke zurück. Vor allem verlor sie mit dem Umzug einen beachtlichen Teil ihrer Selbstständigkeit. Gerade noch hatte sie ihren Haushalt allein geführt, war regelmäßig einkaufen gegangen, kochte für sich – und wenn die Portion etwas größer war, auch für mich, ihren Nachbarn. Sie putzte, erledigte ihre Wäsche. In ihrem Heim sah es stets tipptopp aus. Kein Wunder, Hausarbeit bestimmte einen großen Teil ihres Lebens: Als Hausmeisterin in Münchens edler Königinstraße beschränkte sie sich nicht darauf, das Treppenhaus zu putzen und dafür zu sorgen, dass Gebäude und Garten gut in Schuss blieben. Vielmehr arbeitete sie seit Mitte der 1950er-Jahre quasi 
als Mädchen für alles in der großen Villa, in der nach dem Wiederaufbau vier Mietparteien wohnten.

Wenn sie heute zurückblickt, zählt die Zeit dort zu ihrer besten, auch wenn es stets viel zu tun gab – die Herrschaften waren der Adresse gemäß anspruchsvoll. Sie bekochte die Gäste, servierte, putzte und kümmerte sich um die Gebäudetechnik. Selbst die Studenten, denen die Eigentümer ein Zimmer der Hausmeisterwohnung vermieteten, umsorgte sie 
wie eine Mutter. Huber lebte meist glücklich mit ihrem Mann und ihrer Tochter im Souterrain. Die kleinen Sorgen und 
Nöte der Hausbewohner waren bei ihr gut aufgehoben – 
ob nun die Ängste nach der Krebsdiagnose einer Mieterin 
oder das Geheimnis des Damenbesuchs eines Mieters.

Deutlich ruhiger verlief ihr Leben, als sie in den Ruhestand trat und eine kleine Zweizimmerwohnung in der Münchner Maxvorstadt bezog. Einfach nichts weiter zu tun, als den eigenen Haushalt zu führen, war ihr Anfang der 1990er aber zu wenig. Und so half sie in der benachbarten Metzgerei aus: morgens in aller Herrgottsfrühe Lieferungen annehmen, vormittags Frikadellen – oder, wie sie auf gut Bayerisch sagt: „Fleischpflanzerl“ – braten. Und zum Wochenende gab’s einen Kuchen für die Metzgersfamilie. Langweilig wurde ihr nicht. Sie wurde weiterhin gebraucht. Auch wenn ihre Tochter weiter entfernt wohnte, hatte sie doch wenigstens so etwas wie eine Ersatzfamilie – und für die Metzgerskinder diente sie als Ersatzoma.

Fakten & Zahlen
Wie viel die gesetzliche Pflegeversicherung bezahlt, richtet sich nach der Einstufung in einen der fünf Pflegegrade und danach, ob sich Angehörige oder ein ambulanter Pflegedienst um den Hilfebedürftigen kümmern oder ob er in einem Heim stationär versorgt wird. Bei Pflege durch die Familie fließt erst bei erheblicher Beeinträchtigung der Selbstständigkeit Geld, und zwar in Höhe von 316 Euro. Die höchste Leistung von 2.005 Euro wird nur bei besonders hohen Anforderungen an die Pflege im Heim gezahlt. 2015 kostete ein entsprechender Heimplatz im Durchschnitt 3.165 Euro.
Statistisches Bundesamt (Hg.): Familie wichtige Stütze der Pflege – Kosten Heimpflege, Pflegestatistik 2015, S. 18

Die Aufgaben werden weniger

Doch mit dem Umzug ins Altenheim änderte sich das zwangsläufig. Sie ließ ihre Ersatzfamilie und die Arbeit zurück. Mit 79 fühlte sie sich nicht mehr danach, unbedingt für andere arbeiten zu müssen. Ihren eigenen Haushalt aber hätte sie schon noch gerne weitergeführt. Nur darauf sind die Einzelzimmer mit Bad im Kreszentia-Stift nicht ausgelegt. Auf die rund 
20 Quadratmeter passen Bett mit Nachttisch, ein kleiner Tisch, drei Stühle, ein kleines Regal samt Fernseher, Kühlschrank, Sessel und Kleiderschrank. Für eine Kochecke ist da kein Platz mehr. Und auch wenn es ihn gäbe, ginge es nicht: Selbst 
eine brennende Kerze ist in den Zimmern aus Sicherheitsgründen verboten. Heute müssen LED-Lämpchen in Kerzenform herhalten, wenn es stimmungsvoll werden soll.

„Es war ganz gut, dass ich hierhergezogen bin“, weiß 
Huber die Annehmlichkeiten der Rundumversorgung im 
Seniorenheim durchaus zu schätzen. Mittlerweile würde es ihr schwerfallen, lange am Herd zu stehen. Und bis vor einem halben Jahr gehörte sie noch zu den wenigen im Haus, die 
ihre Wäsche selbst erledigen. Jetzt ist sie froh, dass ihr die Arbeit abgenommen wird. Trotzdem macht sie das nicht wirklich glücklich: Das Essen aus der Großküche ist eben nie wie das selbst Gekochte. Und auch die Wäsche riecht nicht mehr so, wie sie es gern hat. Ganz zu schweigen vom Bügeln, das nie 
so gemacht wird, wie sie es für sich getan hat. „Aber was soll’s“, sagt sie mit dem ihr eigenen Humor, „Hauptsache, 
es wird alles erledigt. Und ich bin gut versorgt.“

Ein weiteres Stück Selbstständigkeit hat sie vor ein paar Monaten verloren. Therese Huber war zwar nie gut zu Fuß, weil sie im Alter von einem Jahr an Kinderlähmung erkrankte. Damit lernte sie nie richtig zu laufen, konnte aber sehr wohl allein gehen. Im Alter kam ein Stock hinzu, der ihr Sicherheit gab. Im Kreszentia-Stift dauerte es dann aber nicht lange, bis ein Rollator hermusste, um ihr beim Gehen den nötigen Halt zu geben. Mittlerweile lässt sie sich lieber im Rollstuhl schieben. Noch im Frühjahr hatte sie eher nur eine moralische Stütze gebraucht, wenn sie zum Einkaufen von ein paar Leckereien in den nächstgelegenen Supermarkt ging. Doch jetzt traut sie sich den Weg von ein paar Hundert Metern nicht mehr zu.

Mehr und mehr schwindet ihr früheres Leben. Nicht nur der eigene Haushalt ist verloren gegangen. Die fortschreitende Technik macht es ihr auch nicht leichter, an den großen Entwicklungen teilzuhaben. So wurde es etwa zu einer großen Aufgabe, als vor drei Jahren ihr alter Röhrenfernseher den Geist aufgab und sie von ihrer Tochter einen neuen Flachbild-TV geschenkt bekam: Was soll sie mit den vielen Knöpfen auf der Fernbedienung? Warum kann man nicht mehr einfach direkt am Bildschirm alles schalten? Und sieht nicht überhaupt ihr schnurloses Telefon ganz ähnlich wie die Fernbedienung aus? Nach anfänglichen Schwierigkeiten – mal war das Bild weg, ein anderes Mal fehlte ihr Lieblingssender, der Bayerische Rundfunk – hat sie doch noch gelernt, ihren neuen Fernseher zu bedienen.

Fakten & Zahlen

Kundenbericht Allianz Deutschland Lebensphasen. Der Blick zurück bleibt. Zu Hause –Verteilung der Pflegebedürftigen
Statistisches Bundesamt (Hg.): Zu Hause –Verteilung der Pflegebedürftigen, Pflegestatistik 2015, S. 5.
Kundenbericht Allianz Deutschland Lebensphasen. Der Blick zurück bleibt. Pflege­bedürftige 2050
Statistische Ämter des Bundes und der Länder (Hg.): 4,5 Mio. Pflege­bedürftige 2050, in: Demo­gra­fischer Wandel in Deutschland,Heft 2, 2010, S. 28.

Viel ist nicht mehr von früher geblieben

Das Telefon hat sich zu einer neuen Herausforderung entwickelt. Zwar nutzt sie schon seit einigen Jahren ein Funktelefon, doch immer öfter erweist sich die Benutzerführung für einen alten Menschen als untauglich: Das kurze Drücken der roten Taste, mit dem man ein Telefongespräch beendet, wird bei ihr oft zu einem langen – mit der Folge, dass das Telefon ganz ausgeschaltet wird und sie deshalb nicht mehr von ihrer Tochter angerufen werden kann. Zumindest hierfür funktioniert alte Technik als praktikabler Ersatz: Jetzt steht in ihrem Zimmer ein zweites Telefon, schnurgebunden, ohne Ausschalttaste.

Von ihrer früheren Selbstständigkeit ist Therese Huber nicht mehr viel geblieben. Längst hat sie ihre Geschwister, Cousins und Cousinen überlebt. „Jetzt bin ich die Letzte meiner Generation“, sagt sie, traurig. Und die Erinnerung an früher wird unschärfer. Wenn sie aus ihrem Leben erzählt, spielen Daten keine Rolle mehr. Die Tage verschwimmen ineinander. Sie gleichen sich sehr: Wie früher steht sie frühmorgens um 
6 Uhr auf, gegen halb acht kommt das Frühstück aufs Zimmer. Der nächste Termin ist das gemeinschaftliche Mittagessen um 
12 Uhr im Speisesaal. Das Abendessen gibt es dann ab etwa 
17 Uhr wieder auf dem Zimmer. Die zuverlässigste Unterhaltung kommt vom Fernseher. Besucher zählen zu den wenigen Höhepunkten. Und so bleibt ihr denn nur noch der Blick
 nach draußen, auf den Spielplatz. Da gibt’s wenigstens hin und wieder buntes Treiben. Aufblühendes Leben. Ein Anblick, der Therese Huber noch ein Stück Glück bedeutet.

*Name wurde von der Redaktion geändert

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