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       (Quelle: Enno Kapitza)

      1890 "Kinder" 6. Juli 2017

      Der Ball ist bunt

      Text: Michael Cornelius
      Foto: Enno Kapitza
      Wenn es einen Fußballgott gibt, blickt er sicher mit Freude auf die "Bananenflankenliga": Hier befreien sich Kinder mit einfachen spielerischen Mitteln aus dem Abseits

      Jonas muss jetzt ganz stark sein: Er hebt den Pokal mit beiden Armen in die Luft, küsst ihn ein letztes Mal, dann geht er in die Knie und gibt die Trophäe
      zurück. Er hat dabei Tränen in den Augen. Jonas, der mit einem Downsyndrom geboren wurde, ist ein junger Fußballer. Mit seinem Team hat er im vergangenen Jahr in einem dramatischen Finale den Pokal erkämpft. Den silbernen Pott, eine Miniaturausgabe des Champions-League-Pokals, durfte er für ein paar Monate mit nach Hause nehmen.

      Heute, an diesem Nachmittag auf dem Gelände des SSV Jahn in Regensburg geht das Training endlich wieder los. Die Spieler der wohl ungewöhnlichsten Fußballvereinigung der Republik bereiten sich auf die neue Spielsaison vor. Der Vereinsname "Bananenflanke" ist eine bewusste Anspielung auf die leicht irrwitzige Kunst, den Ball so krumm wie eine Banane in den Strafraum des Gegners zu schlagen.

      So sehen Sieger aus: Jonas mit dem Bananenflanken-Pokal

      Foto: Enno Kapitza

      So sehen Sieger aus: Jonas mit dem Bananenflanken-Pokal (Quelle: Enno Kapitza)

      Im Leben läuft nicht alles gerade

      Fußballnationalspieler Manfred "Manni" Kaltz vom HSV beherrschte es in den 1980er-Jahren wie kein anderer, den Ball mit einem gezielten Wischen des Innenspanns  in Rotation zu versetzen. Der wahre Spirit der Bananenflanke aber entfaltet sich hier bei den Kindern auf dem Platz. "Wir haben den Namen bewusst gewählt", sagt Stefan Plötz, "weil im Leben der Jugendlichen auch nicht alles gerade läuft."

      Die beiden Regensburger Heilerzieher Plötz und Ben Rückerl hatten vor fünf Jahren die Idee, auch geistig behinderten Kindern und Jugendlichen das zu bieten, was für jedes andere Kind selbstverständlich ist: in einem Verein unter professionellen Bedingungen Fußball zu trainieren und zu spielen. Damit das funktioniert, haben sie das Spiel auf das Wesentliche reduziert: Ein Torwart und vier Feldspieler treten jeweils gegeneinander an. Es gibt keine Ecke, keinen Einwurf. Der Ball ist immer in Bewegung. Das Spielfeld ist nur 15 mal 30 Meter groß.

      Aufwärmtraining des Teams Bananenflanke in Regensburg auf dem Gelände des SSV Jahn

      Foto: Enno Kapitza

      Aufwärmtraining des Teams Bananenflanke in Regensburg auf dem Gelände des SSV Jahn (Quelle: Enno Kapitza)

      Zusammenhalten, auch wenn mal einer danebenschießt

      "Wir haben lange experimentiert, bis wir die richtige Spielerzusammensetzung für jedes Team gefunden haben", sagt Plötz. "Die Kinder haben unterschiedliche kognitive und motorische Fähigkeiten." Am besten funktioniert ein ausgeglichener Mix. "Genau diese Mischung erzeugt eine Dynamik, dass der Bessere dem Schwächeren hilft und umgekehrt. Die Kinder wissen, dass sie ein Handicap haben, deshalb herrscht große Solidarität untereinander. Auch wenn einer mal daneben schießt."

      Luca ist zehn Jahre alt. Er hat eine Entwicklungsstörung und stottert, wenn er aufgeregt ist. Seine Mutter sitzt auf der Zuschauertribüne und erzählt, wie unglücklich er in einem anderen Verein war. "Da saß er nur auf der Reservebank und durfte manchmal eine Minute zum Schluss spielen." Seit er bei der Bananenflanke spielt, fiebert er die ganze Woche bis zum nächsten Training. Er liebt den Jubel, wenn die Zuschauer ihn anfeuern.

      Klar, jede Mannschaft will die meisten Tore schießen - wahrer Sportsgeist zeigt sich allerdings oft in den kleinen Gesten am Spielfeldrand.

      Foto: Enno Kapitza

      Klar, jede Mannschaft will die meisten Tore schießen - wahrer Sportsgeist zeigt sich allerdings oft in den kleinen Gesten am Spielfeldrand. (Quelle: Enno Kapitza)

      "Rodríguez ist nicht so ein Angeber wie Ronaldo"

      Jetzt im ersten Trainingsspiel dribbelt er los, verschärft plötzlich das Tempo und macht mit einem gekonnten Heber das erste Tor für sein Team. Wenn er am Ball ist, taucht er ein in eine andere Welt, bewegt sich so elegant wie sein Vorbild Arjen Robben. Beim Abklatschen nach dem Torschuss liegt ein breites Lächeln auf seinem Gesicht. Er und seine Mitspieler sind im Profimodus. "Sie schlüpfen voll rein ins Spiel, es ist manchmal zum Schmunzeln, wie sie all die Gesten der Superstars nachleben", sagt Jens Wegmann. Er ist einer der vielen ehrenamtlichen Trainer und Pädagogen, die die Kinder coachen. Seine goldene Taktikregel: "Das Wichtigste ist, dass man hinter den Ball kommt."

      Kaum ist die Kugel wieder im Spiel, da übernimmt Florian. Der 18-Jährige gilt als einer der besten Stürmer. Er bewegt sich auf dem Platz wie Cristiano Ronaldo. Sein Vorbild ist aber ein anderer Spieler von Real Madrid, dessen Rückennummer er trägt. Die Nr. 10 von James Rodríguez. "Der ist nicht so ein Angeber wie Ronaldo", sagt Florian nach dem Spiel. Jetzt aber tänzelt er federleicht an Gegenspieler Jonas vorbei, dreht den linken Fuß leicht nach innen, um den Ball enger führen zu können. Seine Mimik strotzt vor Zuversicht. Er könnte den Ball jetzt leicht selbst versenken. Aber er gibt ab an Luca, der völlig frei an der Strafraumgrenze steht. Der schießt. Ins lange Eck. Der Torwart streckt sich. Vergebens. Tor! 2:0 zum Endstand.

      An ihm kommt man nur schwer vorbei: Tobi ist beim Torwarttraining konzentriert bis in die Zungenspitze

      Foto: Enno Kapitza

      An ihm kommt man nur schwer vorbei: Tobi ist beim Torwarttraining konzentriert bis in die Zungenspitze (Quelle: Enno Kapitza)

      Fußball beantwortet manchmal die großen Fragen des Lebens

      Die Spieler liegen sich in den Armen, und für einen Augenblick ist es egal, wer gewonnen oder verloren hat. Da ist dieser Moment, in dem das Krumme der Bananenflanke, das Unberechenbare und das Wunderbare zusammenkommen. Es geht nicht ums Siegen oder Verlieren. Sondern um das Dazwischen. Den Weg dahin. Die kleinen Schritte, das Gefühl, Teil einer Mannschaft zu sein. Zu einer Liga von Gleichgesinnten zu gehören. Wenn man Jonas fragt, warum er Fußball spielt, antwortet er. "Weil es Spaß macht." Und das ist ernst gemeint. Für ihn ist es kein Widerspruch, gleichzeitig ein Fan von Bayern München und Borussia Dortmund zu sein. SeinLieblingsspieler? "Lewandowski, weil der von Dortmund nach München wechselte."

      Fußball beantwortet manchmal die großen Fragen des Lebens. Was ist Glück? Wie gelingt unser Zusammenleben? Warum sind wir hier? Wenn man den Kindern beim Kicken zuschaut und ihre Freude dabei sieht, könnte eine der Antworten auch ganz einfach lauten: Wir sind, weil wir spielen können. Ein kleiner Junge hat beim Schusstraining den Ball verwandelt. "Du warst gut!", lobt die Betreuerin Rebecca Zack. "Wirklich?", fragt der Schütze unsicher. "Wirklich!", sagt die Universitätsmitarbeiterin, die gerade ihren Doktor in Psychologie macht. Der Junge strahlt.

      Die Kinder wissen, dass sie ein Handicap haben, deshalb herrscht große Solidarität untereinander. Auch wenn einer mal daneben schießt.

      Foto: Enno Kapitza

      Die Kinder wissen, dass sie ein Handicap haben, deshalb herrscht große Solidarität untereinander. Auch wenn einer mal daneben schießt. (Quelle: Enno Kapitza)

      "Auch wenn man eine Schwäche hat, kann man Größe zeigen."

      Solche Momente erlebe sie oft, erzählt sie. "Die Kinder blühen hier auf. Die ständige Motivation ist der Schlüssel dazu." Der Initiator der Bananenflanke sagt: "Fußball kennt keine Grenzen." Stefan Plötz hat das zum Leitspruch des Vereins gewählt. "Im Mannschaftssport geht es um das Gemeinsame, nicht darum, sich ständig mit anderen zu vergleichen", sagt er. "Fair Play mussten wir den Kindern übrigens gar nicht beibringen. Sie sehen das Spiel nicht so verbissen wie Erwachsene. Jeder gönnt dem anderen etwas und freut sich, wenn dem etwas gelingt."

      Mittlerweile ist aus der Idee eine Bewegung geworden. Rund 400 Kinder in 18 Standorten von Lübeck und Itzehoe über Köln, Trier, Offenbach und Villingen-Schwenningen bis nach Ulm, Bayreuth, Landshut, Weiden und Memmingen kicken in einem Team der Bananenflanke. Zu den Turnieren auf öffentlichen Plätzen kommen Tausende Zuschauer. Gespielt wird auf mobilen Soccer Courts. Den Regensburger Verein mit dem Maskottchen "Manni Ballnane" adelte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck im Jahr 2014 mit dem "Stern des Sports" in Gold. Die Stiftung "Allianz für Kinder" fördert die "Liga der wahren Helden" auf bundesweiter Ebene. Eine Frage zum Schluss. Was kann man von der Bananenflanke lernen? Plötz überlegt nicht lange. "Auch wenn man eine Schwäche hat, kann man Größe zeigen."


      Stiftung "Allianz für Kinder"

      Die Allianz Deutschland unterstützt mit ihren Mitarbeitern und Vertretern Initiativen wie das Team Bananenflanke. Die Stiftung "Allianz für Kinder" fördert gemeinsam mit den vier regionalen Vereinen weitere Sportprojekte wie die Hamburger Rolli-Allianz und die Berliner ALBA Rollstuhl-Basketball-Schulliga. Außerdem ist die Stiftung Partner der "Kinderreisen" der Deutschen Fernsehlotterie, einem Ferienprogramm, das es in diesem Jahr tausend sozial benachteiligten Mädchen und Jungen ermöglicht, Urlaub vom Alltag zu nehmen. Mehr Infos auf der Website der Stiftung.


      Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe3/2017 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" zum Schwerpunktthema "Kinder". Alle bisherigen "1890"-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download sowie als App für Apple-Geräte in itunes und für Android bei Google Play.