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      Gentlewoman: Denise Schindler lässt Autorin Sandra Michel eine Radlänge Vorsprung. Im Rennen würde ihr das nicht passieren. (Quelle: Christian Kaufmann)

      Paralympics 2016 5. August 2016

      Zeit, dass sich was dreht

      Text: Sandra Michel
      Foto: Christian Kaufmann
      Denise Schindler träumt von der Goldmedaille in Rio. Wir haben sie ein Stück auf dem Weg begleitet: zu Hause, im Kraftraum, auf dem Rad – aber ausnahmsweise gemütlich.

      Nordöstlich der oberbayerischen Kleinstadt Olching sieht die Landschaft im Mai so aus, als sei sie einem Heimatroman von Ludwig Ganghofer entsprungen: Grüne Futterwiesen, Fischteiche und Salatplantagen wechseln sich ab, dazwischen Bauernhöfe und vereinzelt Wirtshäuser. Über die Straße laufen Hühner, auf einem Feldweg führt eine Frau ihr Pferd. Denise Schindler aber beachtet die Szenerie kaum. Sie tritt in die Pedale, sie arbeitet. Wo Freizeitsportler ausgedehnte Runden drehen und noch längere Pausen machen, liegt ihr Trainingsrevier.

      Im Vorbeifahren zeigt die Rennradfahrerin auf einen Biergarten: "Fantastischen Spargel gibt es da!", sagt sie. Wann sie das letzte Mal dort war, weiß sie nicht. Sie hat keine Zeit. Die 30-Jährige ist Weltmeisterin im Straßenrennen und gewann bei den Paralympischen Spielen in London Silber. Ihr Ziel: Platz eins in Rio. Deshalb befindet sie sich derzeit wie in einem Tunnel, selbst in den schönsten Gegenden. Und am Ende des Tunnels strahlt das Licht golden.

      3,5 Stunden täglich trainiert Denise Schindler in einer moderaten Phase der Saison

      Um für die Spiele zu trainieren, hat sie sich von ihrem Arbeitgeber, einem Münchner Online-Vermarkter, ein Sabbatical genehmigen lassen. Nach dem Abitur hatte sie eine Ausbildung zur Event-Kauffrau gemacht. Bald aber erreichte sie auf dem Rad ein so hohes sportliches Niveau, dass sie geregeltere Arbeitszeiten brauchte. Mittlerweile genießt sie beruflichen Freiraum, hat aber für ihre Freunde kaum Zeit. "Mit vielen bin ich nur noch per Facebook in Kontakt. Wenn sie mich sehen wollen, müssen sie zu mir nach Hause kommen. Oder zum Wettkampf."

      Denise Schindlers Lieblingsstrainingsstrecke führt 59,4 km durch die hügelige Landschaft von Oberbayern.

      Foto: Christian Kaufmann

      Denise Schindlers Lieblingsstrainingsstrecke führt 59,4 km durch die hügelige Landschaft von Oberbayern. (Quelle: Christian Kaufmann)

      Die Fahrt über die ruhigen Sträßchen des Dachauer Lands ist für Denise Routine. Ihr Pen- sum heute: Sie fährt eine knappe Stunde von ih-rer Wohnung in Olching ins Fitnessstudio, dort trainiert sie 1,5 Stunden an Geräten, dann geht es auf dem Rad nach Hause. Moderates Grundlagentraining, nennt Schindler das. Noch mehr trainiert hatte sie früher im Jahr, kurz vor Rio wird es dann richtig intensiv. Das Höhentrainingslager zum Beispiel steht noch aus. Schon in den Frühjahrsrennen war Schindler gut in Form: Sie gewann in den vergangenen Wochen zweimal Gold bei den Bayerischen Meisterschaften, Gold im Zeitfahren sowie Silber im Straßenrennen bei der Deutschen Meisterschaft. Dann noch mal Gold (Straßenrennen) und Silber (Zeitfahren) beim Weltcup im belgischen Ostende.

      "Anfangs fuhr ich um die Kurven wie eine Ente. Aber mein erstes Rennen habe ich gewonnen"

      Denise Schindler fehlt der rechte Unterschenkel, seit sie als zweijähriges Kind unter eine Straßenbahn geriet. Das linke Sprunggelenk ist seitdem versteift, dem linken Unterschenkel fehlt Muskulatur. In den Sport stieg sie spät ein. Erst nachdem sie als 19-Jährige mit dem Rauchen aufgehört hatte, begann sie mit Spinning-Kursen im Fitnessstudio. Ein paar Jahre später kam die erste Alpenüberquerung mit dem Mountainbike und irgendwann hatte sie eine Nachricht vom Deutschen Radsportverband auf der Mailbox: Sie wurde gefragt, ob sie an Wettkämpfen teilnehmen wolle – auf dem Rennrad. "Anfangs fuhr ich um die Kurven wie eine Ente", erinnert sie sich, "aber mein erstes Rennen habe ich gewonnen."

      Heute kann die junge Frau sich mit nichtbehinderten Sportlerinnen messen, trainiert mit dem Deutschen Nationalteam und würde es bei den normalen Bayerischen Meisterschaften ziemlich sicher unter die Top Ten schaffen. Theoretisch, denn sie tritt in der Parawertung an. "Schon cool", findet sie ihre Leistung – ein bescheidenes Urteil. Man könnte es auch so sagen: Schindler scheint Superkräfte zu besitzen.

      In der letzten Trainingsphase vor den Spielen wird sie drei Wochen lang nach St. Moritz gehen, um Alpenpässe zu bezwingen. In der dünnen Höhenluft bildet der Organismus verstärkt rote Blutkörperchen, die im Wettkampf gebraucht werden, weil sie Sauerstoff in die Muskeln transportieren. "Man muss sich selbst gut kennen, alles aus sich rausholen – und dabei gesund bleiben", sagt sie.

      Füße hoch: Auch wenn Schindler entspannt wirkt, trainiert sie hart an der Beinpresse.

      Foto: Christian Kaufmann

      Deniese Schindler trainiert an der Beinpresse in ihrem Heimatstudio. (Quelle: Christian Kaufmann)

      Der Endspurt Richtung Rio kommt noch. In der Heimat geht es derzeit gemütlicher zu. Schindler steigt vom Rad, um einem älteren Ehepaar, das hier offensichtlich Urlaub macht, den Weg zu erklären. Wenn die beiden von Denises gut sichtbarer Beinprothese irritiert waren, haben sie es sich nicht anmerken lassen. "Natürlich bin ich behindert", sagt Denise. "In unserem Sprachgebrauch ist das zwar oft ein Schimpfwort – ich habe trotzdem nichts dagegen, wenn man mich so nennt. Ich glaube, sonst macht man den Leuten Angst, mit Behinderten überhaupt zu sprechen."

      Nach schweren Kindheitsjahren nimmt Denise Schindler heute vieles mit Humor

      Weil Denise schon als Kleinkind den Straßenbahnunfall hatte, erinnert sie sich nicht an ein Leben mit zwei gesunden Beinen. Heute nimmt sie ihr Handicap mit Humor und erzählt von einem Sportevent, bei dem sie mit einer blinden Sportlerin ein Zimmer teilte. "Wir lagen in unseren Stockbetten und lasen. Irgendwann fragte ich sie, ob sie was dagegen hat, wenn ich das Licht ausschalte – wie peinlich!" Denn natürlich war es der Blinden egal, wie dunkel es im Zimmer ist. Die beiden Frauen lachten darüber und Denise merkte, wie schwierig "political correctness" manchmal sein kann.

      Ein wenig nachdenklich hatte Denise am Morgen vor der Trainingsausfahrt hingegen noch erzählt, wie das Leben als Kind mit Behinderung sie zu dem Menschen gemacht habe, der sie heute ist. Der Unfall war in Chemnitz passiert, das damals noch Karl-Marx-Stadt hieß. Als klar wurde, dass das Mädchen mehrere Operationen brauchen würde, um seinen linken Fuß zu erhalten, besuchte die Familie die Oma nahe Regensburg. Dort blieb sie, weil die medizinische Versorgung im Westen besser war.

      Trotzdem saß die neunjährige Denise ein Jahr lang im Rollstuhl. Ihre Knochen am zu kurzen Stumpf sollten verlängert werden. 32 Drähte wurden hineingeführt, das Gewebe drumherum war dauernd entzündet. Heute sagt Denise lapidar: "Das war nicht ohne." Erst ihr nächster Gedanke zeigt, welche Spuren die leidvolle Zeit hinterlassen hat. Sie sehe sich einen Menschen immer zweimal an, sagt sie. Denn oft urteile man falsch über jemanden – ohne zu wissen, wie es in ihm aussehe. "Auch mich sehen die Leute auf dem Podest stehen und jubeln. Dann glauben sie vielleicht, mein Leben war schon immer toll – aber das war es nicht."

      Einen Gang runter: Zu Hause erholt sich die Athletin nach einem harten Trainingstag.

      Foto: Christian Kaufmann

      Zu Hause erholt sich Denise Schindler nach einem harten Trainingstag. (Quelle: Christian Kaufmann)

      Schindlers Olchinger Wohnung ist modern, lichtdurchflutet, geräumig. Ein großer Holztisch grenzt an eine offene Küche, in der Galerie hat ein Indoor-Spinningrad Platz. Als sie ihren Gästen Kaffee serviert, wird noch einmal klar, wie sehr der Sport ihr Leben dominiert. Zucker, sagt sie, sei wohl das Einzige, das in ihrem Haushalt fehle. Seit etwa sechs Jahren ernähre sie sich komplett zuckerfrei. Sie merke jetzt, wie fit sie sich dadurch fühle und wie gut sie mit Stress klarkomme: "Wenn du gutes Benzin nimmst, läuft der Motor. Ist nur Salatöl drin, verrußt er", erklärt sie. Auch wenn sie auf Reisen geht, nimmt sie eigene Lebensmittel wie Chiasamen, Sojaprodukte und Haferkleie mit. "Jetzt überlege ich schon, wie ich das ganze Zeug nach Rio bringe", sagt sie. Glücklicherweise scheint das momentan die einzige Unsicherheit der Athletin vor dem Wettkampf zu sein.

      Muskeln aus Stahl und Nerven aus Gold

      Es ist nicht ihr Wohnzimmer, aber trotzdem scheint sich Schindler auch in ihrem Fitnessstudio wie zu Hause zu fühlen. Sie nennt das Medift in Oberschleißheim liebevoll "Muckibude". Das Ambiente ist irgendwie gemütlich: persönlich, klein, ein bisschen ramschig – der Tante-Emma-Laden unter den Fitnessstudios. Es gibt Angebote in einem Raum, die man nicht nebeneinander vermuten würde. Eine Buchtauschbörse im Eingangsbereich, eine Café-Ecke, wo keine Eiweißdrinks serviert werden, sondern italienischer Espresso aus der Siebträgermaschine. Auf dem Tresen liegen Flyer, die ein "Tagesseminar Selbsthypnose" bewerben. Schindler hat ihr Radoutfit gegen schwarze Leggings und ein schwarz-weißes Top getauscht. Flo, der Studiobetreiber mit langem grauen Zopf, gibt ihr zur Begrüßung die Hand. Denise nimmt ihm das Baby ab, das er auf dem Arm trägt, und setzt sich mit dem Mädchen auf die Beinpresse. "Ob aus dir mal eine Sprinterin wird?", fragt sie.

      Dann macht sie ernst. Sie gibt Flo das Baby zurück und läuft in die hintere Ecke des Kraftraums, wo ein Hüne mit rotem Vollbart 80-Kilo-Gewichte stemmt. Es riecht nach Schweiß, trotz gekippter Fenster. Die Radfahrerin hievt eine Stange mit Gewichten auf die Schultern, geht in die Knie und presst sich wieder hoch. Zum ersten Mal heute verzerrt sich ihr Gesicht – kurz. "Das ist gar nichts", sagt sie und grinst. Überhaupt könne man das Training im Studio nicht vergleichen mit einem Rennen auf der Straße. "Da ist es durchaus schon vorgekommen, dass ich mit blauen Lippen ins Ziel fuhr und die Helfer mich vom Rad heben mussten – weil ich am ganzen Körper zitterte und völlig verkrampft war." Dabei strahlt sie übers ganze Gesicht. Die Frau muss Muskeln aus Stahl haben.
      Und Nerven aus Gold.


      Dieser Text stammt aus der Paralympics-Sonderausgabe des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890", das ab Ende August hier auf allianzdeutschland.de komplett zum Download zur Verfügung stehen wird. Alle bisher erschienenen Ausgaben des Magazins finden Sie in unserer Mediathek.