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      Mit Beinprothese auf dem Rad unterwegs: Denise Schindler ist trotzdem zu Höchstleistungen fähig. (Quelle: Christian Kaufmann)

      Mit Beinprothese zu den Paralympics in Rio 27. Mai 2016

      „Vorsicht, da hinten liegen ein paar Füße“

      Text: Michaela Schwinn
      Foto: Christian Kaufmann
      Seit einem Unfall in der frühen Kindheit trägt Denise Schindler eine Beinprothese. Gerade hat die Radrennfahrerin in Oostende den World Cup im Straßenrennen gewonnen. Kurz vor den Paralympics in Rio erzählt sie von den Hürden in der Jugend, der Bedeutung von Humor und einer ärgerlichen Führerscheinprüfung.

      Wie würden Sie sich selbst bezeichnen? Als Mensch mit Behinderung, mit Einschränkung oder mit Handicap?

      Denise Schindler: Ich finde, man darf das Kind ruhig beim Namen nennen und Behinderung sagen. Die Begriffe sind wichtig, aber noch entscheidender ist, wie diese artikuliert werden. Wenn jemand zum Beispiel „Ey, du bist ja behindert“ zu mir sagen würde, fände ich das nicht toll. Es geht dabei um die Tonalität und den Kontext.

      Finden Sie, dass Menschen heute manchmal überkorrekt sind, wenn es um das Thema Behinderung geht?

      Tatsächlich finde ich, dass sich manche zu viele Gedanken machen. Natürlich kann man darauf pochen, es als Handicap zu bezeichnen. Schließlich ist das Wort "behindert" durch den Jargon negativ besetzt. Aber ich glaube, die Gesellschaft sollte entspannter damit umgehen.

      Welche Rolle spielt dabei Humor?

      Die Dinge auch mal mit Humor zu nehmen, ist sehr wichtig. Wenn ich beispielsweise mit dem Auto unterwegs bin und es liegen Prothesen auf der Rückbank, bekommen meine Mitfahrer oft lustige Sprüche zu hören, wie: „Vorsicht beim Einsteigen, da hinten liegen ein paar Füße“.

      Haben Sie schon einmal eine Situation erlebt, in der Ihr Gegenüber das Wort "Behinderung" unbedingt vermeiden wollte?

      Nein, aber es passiert öfter, dass Leute denken, sie seien in ein Fettnäpfchen getreten und ich selbst merke es gar nicht mehr. Als ich vor kurzem mit dem deutschen Nationalteam der Sprinter trainierte, meinte eine Sportlerin am Ende des Tages, ich könne ja jetzt beide Beine hochlegen. Ich habe mir dabei nichts gedacht. Beim Abendessen stellte sich dann heraus, dass sie peinlichst berührt war, weil ich ja nur ein Bein habe.

      Vor zwei Wochen wurde sie Vize-Bahnweltmeisterin in London. Nächstes Ziel: Rio.

      Foto: Christian Kaufmann

      Vor zwei Wochen wurde sie Vize-Bahnweltmeisterin in London. Nächstes Ziel: Rio. (Quelle: Christian Kaufmann)

      „Meine Eltern waren straight und sehr hart“

      Sie haben Ihren rechten Unterschenkel im Alter von zwei Jahren bei einem Unfall mit einer Trambahn verloren. Ab wann waren Ihnen die Konsequenzen bewusst?

      Für mich gab es diesen Vorher-Nachher-Zeitpunkt nicht. Ich kenne mich nur mit eineinhalb Beinen. Es gab sogar eine Situation in meiner Kindheit, da habe ich mir Babyfotos angeschaut und meine Mutter tatsächlich gefragt, ob ich das Mädchen auf dem Foto sei.

      Nach dem Unfall ist Ihre Familie mit Ihnen von der DDR in die BRD gezogen. Sie wollte eine gute medizinische Versorgung. Haben Sie noch Erinnerungen an die Zeit?

      Es glich einem Marathon. Wir sind von Krankenhaus zu Krankenhaus gelaufen. Rechts habe ich einen sehr kurzen Stumpf amputiert bekommen. Auch mein linkes Bein war damals unter die Räder gekommen, das Sprunggelenk war komplett zerstört. Jahrelang musste ich mich heftigen Operationen unterziehen. Man wusste nie, wie der nächste Eingriff ausgehen würde.

      Ein Jahr lang saß ich sogar im Rollstuhl. Ich hatte zu dem Zeitpunkt einen Fixateur am Stumpf, zur Knochenverlängerung. Der besteht aus 32 Drähten, die in den Knochen gehen und ihn wie auf einer Streckbank zwingen zu wachsen. Tut ziemlich weh. Auch wenn es für ein Kind sehr kräftezehrend ist, immer wieder unters Messer zu kommen, waren es im Nachhinein alles gute Entscheidungen.

      Wie sind Ihre Eltern mit Ihnen umgegangen?

      Meine Eltern waren straight und auch sehr hart. Ich wurde nie in Watte gepackt. Wenn ich im Rollstuhl saß, dufte ich genauso den Tisch decken, wie sonst auch. Sie haben meistens sehr viel von mir abverlangt, weil sie wussten, dass ich es später nicht leichter haben würde.

      Welche Schwierigkeiten waren es, denen Sie später begegneten?

      Ein großes Thema war zum Beispiel der Führerschein. Ich musste eine sogenannte Eignungsprüfung machen, damit bestimmt werden konnte,  welche Art von Führerschein ich machen durfte. Da mein linkes Fußgelenk versteift ist, hieß es: Fahren ja, aber nur mit Automatik. In meinem Heimatdorf gab es aber kein Automatik-Fahrschulauto. Also blieb uns nichts anderes übrig, als meinen eigenen Wagen zum Fahrschul-Auto umzubauen – was nicht gerade billig war.

      Nachdem ich bestanden hatte, sagte mein Prüfer, mit dem ich auch die Gutachtenfahrt gemacht hatte: „So jetzt können Sie mit dem normalen Führerschein weitermachen.“ Ich war perplex und wütend. Für was hatte ich meinen Wagen umbauen lassen? Die normale Prüfung holte ich trotzdem nach. Seitdem darf ich ein Auto mit Kupplung fahren.

      Gab es in Kindheit und Jugend auch zwischenmenschliche Konflikte?

      In der Schule wurde ich wegen meiner Behinderung gemobbt. Auf dem Land war ich sowieso immer eine Kuriosität. Das hat mich sehr gestört: Als Kind will man nicht herausstechen, man will das Standard-Ideal decken. Deswegen habe ich mich nie getraut, kurze Röcke und enganliegende Hosen zu tragen. Besonders schlimm war es aber im Freibad, alle haben mich angestarrt.

      Diese Hemmungen haben Sie abgelegt. Vor einiger Zeit haben sie sich für einen Aktkalender ablichten lassen.

      Heute stehe ich absolut zu meinem Körper. Als die Fotografin Sonja Inselmann eine Sportlerin als Model suchte, habe ich trotzdem hin und her überlegt, ob ich das wirklich machen soll. Aber sie hat mich mit ihren sehr künstlerischen und ästhetischen Bildern überzeugt. Ich wollte damit beweisen, dass man auch mit Prothese erotisch sein kann. Ohne meine Prothese hätte ich mich allerdings nicht fotografieren lassen, da hätte ich mich wirklich zu nackt gefühlt.

      "Als Teenager war ich sehr unsportlich", erzählt Denise Schindler. Erst spät - und auf Umwegen - habe sie ihre Liebe zum Sport entdeckt.

      Foto: Christian Kaufmann

      "Als Teenager war ich sehr unsportlich", erzählt Denise Schindler, erst spät - und auf Umwegen - habe sie ihre Liebe zum Sport entdeckt. (Quelle: Christian Kaufmann)

      „Den Radsport werde ich nie aufgeben“

      Ist die Prothese also mehr als nur ein Hilfsmittel?

      Die Prothese ist ein Teil von mir geworden. Jeden Morgen ziehe ich sie an und lege sie erst ab, wenn ich ins Bett gehe. Das Anlegen geht ziemlich schnell, das ist wie Schuhe anziehen.

      Wie viele Prothesen haben Sie und wie unterscheiden sie sich?

      Ich habe vier bis fünf Modelle: eine für den Alltag, eine für den Kraftsport, zwei Radprothesen speziell für das Mountainbike und Rennrad und eine Badeprothese. Wenn ich trainiere, muss ich sie mehrmals täglich wechseln.

      Sie trainieren im Moment für die Sommer-Paralympics, die dieses Jahr  in Rio de Janeiro stattfinden.  Hätten Sie jemals gedacht, dass Sie sportlich so weit kommen?

      Nein, absolut nicht. Als Kind konnte ich wegen meinem versteiften Sprunggelenk kaum am Sportunterricht teilnehmen. Auch als Teenager war ich sehr unsportlich. Während meiner Kollegstufenzeit habe ich in einem Fitnessstudio gearbeitet – aber ich stand immer nur hinter der Theke. Erst als mich eine Freundin überredete, einen Vertrag abzuschließen und zu trainieren, entdeckte ich meine Liebe zum Sport.

      Vom Fitnessstudio zum Leistungssport ist es ein langer Weg. Wie sind Sie dazu gekommen, berufsmäßig Sport zu treiben?

      Ehrlich gesagt bin ich da etwas reingestolpert. Im Studio bin ich zuerst auf Spinning gestoßen. Das hat mir Riesenspaß gemacht. Als ich dann nach dem Abitur in den Bayerischen Wald zog, entdeckte ich das Mountainbike für mich. Ich bin sehr viel gefahren und versuchte mich an Alpencross. Das war aber alles eher im Hobbystil.

      Wann kam der Wettkampfcharakter hinzu?

      Irgendwann ist über Freunde der Abteilungsleiter „Radsport Bayern“ auf mich aufmerksam geworden: Franz Zißler. Er brachte mich auf die Idee, professionellen Radsport zu machen.

      Vor zwei Wochen wurden Sie bei der Bahnrad-WM in London Vize-Bahnweltmeisterin. War das eine gelungene Generalprobe für Rio oder ein Rückschlag?

      Selbstverständlich wäre ich gerne Weltmeisterin geworden. Aber meine Gegnerin war zu stark. Es wäre nicht realistisch gewesen, sie zu schlagen. Ich bin trotzdem sehr zufrieden: Meine Zeiten waren gut und ich bin auf dem Weg, wo ich hinwill. Es ist noch Luft nach oben.

      Was passiert nach Rio? Gibt es weitere Ziele?

      Der Fokus liegt ganz klar auf Rio. Aber ich schaue schon darüber hinaus. Wenn die Leistung weiter passt, mache ich bis zu den nächsten Sommer-Paralympics 2020 in Japan weiter. Aber auch wenn ich nicht mehr als Leistungssportlerin fahre, den Radsport werde ich nie aufgeben.

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