Dass er sie liebt, das weiß sie noch. Demenz, Gelassenheit, Liebe
Demenz: Seine Liebe ist stärker. Foto: Michael Hagedorn

Seit 20 Jahren leidet Ingrid an Demenz. Ihr Mann Dieter hat einen Weg gefunden, mit ihrer Krank­heit umzugehen: mit Gelassenheit und seiner eige­nen Sicht auf Normalität. Eine Liebesgeschichte

Ein Freitagmorgen im Juni, es ist heiß und schwül, Dieter Hufschmidt hat den Ausflug zum Tennisplatz trotzdem gewagt. Tennis war eine Leidenschaft seiner Frau Ingrid, der Platz ihr zweites Zuhause. »Vielleicht hat sie ja ein Déjà-vu«, hofft er.

Bis vor einer Stunde etwa war eine Pflegerin da, die morgens dabei hilft, Ingrid aus dem Bett zu bekommen. Eine Herausforderung, denn die 82-jährige Ingrid Hufschmidt, die seit 20 Jahren an Frontotemporaler Demenz erkrankt ist, mag oft nicht. Heute ging es schnell, sie hat sich freiwillig in ihre Jeans und in die Bluse mit dem Blumenmuster helfen lassen.

Nun steht sie auf dem Tennisplatz und wirkt etwas verloren. Den Tennisschläger, den Dieter ihr gegeben hat, lässt sie baumeln. Ihre Mimik ist schwer zu deuten. Doch plötzlich schrei­tet sie zielbewusst die Grund- und Seiten­linien des Tennisplatzes ab. Ob sich jetzt ge­rade ein »biografischer Schlüssel«, ein Zugang zu Erinnerungen, gefunden hat? Nicht zu beantworten. 62 Jahre alt war die Schauspielerin Ingrid Hufschmidt, als ihr Mann erste Veränderungen bei ihr feststellte. »Ich war irritiert«, erzählt er. »Sie hat kleine Fehler gemacht. Sachen, die zuvor nie passiert waren.« Verständnisprobleme beim Zeitungslesen. Sie will Italienisch lernen, kann sich aber die Vokabeln nicht merken. Sie realisiert, dass etwas nicht stimmt, ist außer sich, ihr Blutdruck steigt. »Das war ein Wendepunkt für uns«, sagt Dieter Hufschmidt.

Die Abläufe im Haushalt funktionierten noch relativ lange. Doch die Erkrankung schritt fort, Sprachstörungen, Gedächtnisverlust. Seit fünf Jahren redet Ingrid nicht mehr. Es dauerte lange, bis der 83-Jährige wusste, was mit ihr los war. Zwei Ärzte vermuteten zunächst, Ingrid habe nur eine leichte situative Depression. »Diese Diagnose war völlig falsch«, erzählt Dieter Hufschmidt. »Unser Hausarzt glaubte nicht da­ran und veranlasste eine Untersuchung.« Es zeigte sich, dass sie irgendwann einen stillen Schlaganfall gehabt haben muss, möglicherweise die Ursache ihrer Krankheit.

Mittagszeit, die Hufschmidts sind erschöpft vom Tennisexperiment. Es ist immer noch heiß, vielleicht ist es einfach der falsche Tag für eine Tour, die Erinnerungen bringen soll. Dieter Hufschmidt, der noch als Schauspieler arbeitet, hat einiges zu erledigen. Beim Einkaufszentrum in Garbsen parkt er und versucht, Ingrid dazu zu bewegen, auszusteigen. Dieter ist genervt, wird etwas lauter als sonst. Auf dem Weg in die Ladenpassage geht er vor, seine Frau folgt ihm starr aufrecht mit kleinen flinken Schritten.

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Im Asia-Imbiss bestellt Dieter Hufschmidt Frühlings­rollen. Er befestigt eine Serviette an ihrer Bluse. Sie isst eine Frühlingsrolle nach der anderen. Dann greift sie den Krautsalat. Auch mit den Fingern. »Daran habe ich bei der Bestellung nicht gedacht«, sagt er. So etwas stresst ihn nicht. Alltag. Er reicht seiner Frau eine Serviette. Dieter Hufschmidt hat gelernt, sich auf den Moment zu konzentrieren. Ob sein Leben etwas von Selbstaufgabe hat? Er spricht ungern darüber. »Ich habe über Pflegeeinrichtungen nachgedacht, aber nie sehr ernsthaft.« Eine stationäre Kurzzeitpflege hat er einmal ausprobiert, um zu sehen, ob das klappen kann. Aber es funktionierte nicht für Ingrid. »Meine Frau kam mit dem Pflegepersonal nicht zurecht. Oder umgekehrt.«

»Zu den schönsten Momenten gehört, wenn sie ­aufwacht, lächelt und ich große Zärtlichkeit spüre. Ich schöpfe Kraft daraus«

Die Tochter sagte einmal: »Sie ist der allerletzte Mensch, der in einer Pflegeeinrichtung gut aufgehoben ist.« Ingrid liebt ihr Zuhause in Horst, das Einfamilienhaus in der ruhigen Straße. Auf Fragen, wie er das alles meistert, sagt Dieter: »Mein Vorteil ist, dass ich reingewachsen bin. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich mir nie über das Alter Gedanken gemacht habe. Also bin ich nicht enttäuscht.« In den ersten Jahren der Krankheit sprach Ingrid fast nie über ihre Ängste. Sie schrieb stattdessen Nachrichten auf Zettel: Dass ihr der Kopf große Sorgen macht, steht dort etwa. Oder wie schlecht es ihr geht. »Aber sie hat mir die Zettel nie gegeben«, sagt Dieter Hufschmidt. »Ich habe sie erst Jahre später gefunden.«

Dass er sie liebt, das weiß sie noch. Demenz, Gelassenheit, Liebe
Ein souveränes Leben im eigenen Haus: Das hat sich Dieter Hufschmidt zur Aufgabe gemacht. Foto: Michael Hagedorn

Er sitzt im Garten am weißen Holztisch, streichelt Ingrids Hand. Sie trinkt Tee, führt die Tasse langsam zum Mund und streicht die Tischdecke glatt. Er sagt, er spüre keinen emotionalen Verlust. »Es gibt nicht einzelne Situationen, die schwer sind für mich. Es ist der Verlust von Kommunikation. Zu den schönsten Momenten gehört, wenn sie morgens aufwacht, mir ins Gesicht schaut, verschmitzt lächelt, und ich eine große Zärtlichkeit spüre. Ich schöpfe Kraft aus diesen Momenten.« Freunde rieten ihm, er solle sich psychologische Hilfe holen. Er probierte es aus und merkte: »Meine Arbeit als Schauspieler ist meine Therapie.«

Zu Beginn von Ingrids Krankheit suchte er Austausch und wandte sich an die Alzheimer Gesellschaft. Zwei Jahre lang ging er zu einem Gesprächskreis für Angehörige von ­Patienten mit Frontotemporaler Demenz. Über die Alzheimer Gesellschaft lernte Dieter Hufschmidt Renate und Elfi kennen, die dann rasch Freundinnen der Familie geworden sind. »Sie können gut mit Ingrid umgehen. Sie verbringen mit ihr Zeit, sie hören zusammen Musik. Wenn ich Termine habe, brauche ich zuverlässige Menschen.« Solange er nicht »hinfällig« werde, möchte er ein souveränes Leben führen, mit Ingrid. Finanzielle Sorgen hat er nicht, er ist gut versichert, für die Pflege ist gesorgt. »Es ist sinnlos, sich Gedanken zu machen, was ­alles noch passieren kann.« Sein Gefühl sagt ihm, ihr Zustand werde nie mehr besser, aber auch nicht rasant schlechter werden. »Meine Aufgabe empfinde ich als sinnvoll. Ich mache das auch meinetwegen.«

Dass er sie liebt, das weiß sie noch. Demenz, Gelassenheit, Liebe
Den Alltag vom Aufstehen übers Einkaufen bis zu den Abenden …
Dass er sie liebt, das weiß sie noch. Demenz, Gelassenheit, Liebe
… auf dem Sofa bewältigen sie gut – ein Pflegeplatz …
Dass er sie liebt, das weiß sie noch. Demenz, Gelassenheit, Liebe
… für Ingrid ist noch kein Thema. Fotos: Michael Hagedorn

Mittlerweile ist es früher Abend, der Fernseher läuft, ein klassisches Konzert. Ingrid geht mit offenen Armen auf den Bildschirm zu, als wollte sie ihn umarmen. Orchestermusiker findet Ingrid sehr komisch. Den Flötisten in Großaufnahme zum Beispiel. »Dass erwachsene Männer sich eine Stange vor den Mund halten, amüsiert sie«, erklärt ihr Mann. Große ­Gefühle zeigt Ingrid auch für ein Geschenk von ihrer Tochter: die Puppe Charlotte. Sie verbringt Stunden damit, sie umherzutragen. »Ich sage immer, das ist keine Puppe, es ist die ­Enkeltochter«, erklärt Dieter Hufschmidt. »Wenn ich ihr Charlotte gebe, sitzt sie da wie eine Mutter mit ihrem Baby.« Hufschmidt weiß, dass seine Frau in diesen Momenten glücklich ist. »Sie war immer eine gute Mutter, immer liebenswürdig. Diese Liebenswürdigkeit hat sie bis heute behalten.«

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Was weiß die Medizin?

Das große Vergessen Trotz des me­dizi­nischen Fortschritts: Bis heute sind Demenz­erkrankungen nicht heilbar. Therapien und individuelle Betreuung können den Verlauf ­allerdings lindern und hinauszögern. Die häufigste Form von Demenz ist die Alzheimer-Krankheit, bei der Nervenzellen im Hirn absterben und das Erinnern und Denken immer stärker beeinträchtigen. Einen guten Überblick über die Demenzarten und den Stand der ­Wissenschaft sowie viele hilfreiche Tipps bietet die Webseite deutsche-alzheimer.de

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3 Mio.

Steiler Anstieg 1,7 Millionen Menschen in Deutschland leiden heute an einer Demenz­erkrankung. Und alle 100 Sekunden kommt ­einer dazu. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. schätzt, dass es im Jahr 2050 drei Millionen Demenzpatienten geben wird. Dieser steile Anstieg steht im krassen Gegensatz zu den privat Pflegeversicherten: Erst vier Prozent der Deutschen haben diese wichtige Vorsorge abgeschlossen.

Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 2/2018 des Allianz Deutschland Kundenmagazins „1890“ zum Schwerpunktthema „Vorsorge“. Alle bisher erschienenen „1890“-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download sowie als App für Apple-Geräte in itunes und für Android bei Google Play.

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