Suchen
      • Suchen
       (Quelle: fotolia.de und Allianz Umweltstiftung / Helmut Roth)

      Umweltstiftung 22. Mai 2015

      Das Morgen stirbt nie - oder doch?

      Text: Ralf Rippin
      Foto: fotolia.de und Allianz Umweltstiftung / Helmut Roth
      Hat die Umweltpolitik der vergangenen 25 Jahre etwas gebracht? Und vor allem: Welche Perspektiven hat sie? Vier Experten diskutierten ihre Thesen am 29. und 30. April während der Benediktbeurer Gespräche der Allianz Umweltstiftung, die in diesem Jahr ihren 25. Geburtstag begeht

      Graue Wolken hingen über dem bayrischen Benediktbeuern. Im Allianz Saal des dortigen Klosters findet alljährlich ein Symposium mit ausgewählten Experten statt, um grundlegende Umweltfragen zu diskutieren. "Die Vergangenheit ist nicht mehr gestaltbar – es geht um die Zukunft", so das diesjährige Motto. Vor über dreihundert Gästen stellten sich dem Dialog: Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Eberhard Brandes, Geschäftsführender Vorstand des World Wildlife Fund (WWF) Deutschland, Matthias Freude, Präsident des Landesamtes für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Brandenburg und Volker Angres, Ressortleiter Umwelt beim ZDF.

      Diskutierten über vergangene, aktuelle und zukünftige Umweltpolitik (v.l.n.r.): Eberhard Brandes (Geschäftsführender Vorstand WWF Deutschland), Volker Angres (ZDF – Ressortleiter Umwelt), Dr. Lutz Spandau (Vorstand der Allianz Umweltstiftung), Prof. Dieter Stolte (Kuratoriumsvorsitzender der...

      Allianz Umwelstiftung

      Angres, schon 1999 Teilnehmer der Benediktbeurer Gespräche, ließ in einem Nebensatz die ganze Dramatik des Umweltschutzes aufblitzen, nämlich dass es bisher schon 20 Weltklimakonferenzen der Vereinten Nationen gegeben habe. In Deutschland allerdings hätte sich der Umweltschutz vom reinen Reparaturbetrieb zu einem integralen Bestandteil in der Planung der Politik und der Wirtschaft entwickelt. Einig waren sich alle, dass es an Erkenntnissen, woran man weiterarbeiten müsse, nicht fehlt.

      Eberhard Brandes, geschäftsführender Vorstand des WWF Deutschland

      Die Landschaft verändert sich - mit weitreichenden Folgen

      "Wir haben kein Konzeptproblem, wir haben ein Implementierungsproblem", beschrieb es Eberhard Brandes vom WWF. Zu den Erkenntnissen gehört beispielsweise, dass laut einer EU-Studie von 2014 in den letzten 20 Jahren 300 Millionen Vögel aus Europa verschwunden sind, so Matthias Freude aus Brandenburg. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es derzeit 18 Millionen Brutpaare und 4000 Arten von Tieren, die selten geworden sind. Die Städte sind zu Rückzugsgebieten geworden, die Lebensräume in der Landschaft werden immer weniger.

      Volker Angres, Leiter der ZDF Umwelt-Redaktion

      Allianz Umwelstiftung

      Für den Mann vom Landesamt ist klar, dass nicht der vielbeschworene Klimawandel das Problem ist, sondern die Veränderung der Landschaft, vor allem durch die Landwirtschaft. "Wir sind Meister darin, uns vor dem Falschen zu fürchten", spitzte es der Umweltbeamte zu. Dass hierbei auch die Medien eine andere Rolle spielen sollten, ist für Volker Angres vom ZDF eine Herzensangelegenheit. "Die Medien müssen die Zusammenhänge erklären und Querdenkern und Andersmachern eine Bühne geben", fordert der Mann vom Fernsehen. Ihm fehlt ein systemisches Denken in der Umweltpolitik, ein Denken, dass nicht durch ökonomische Interessen behindert wird.

      Ulrike Scharf, Bayerische Staatsministerin für Umwelt und Verbraucherschutz 

      "Umweltschutz muss Chefsache werden"

      "Umweltschutz muss Chefsache werden und in die täglichen Arbeitsabläufe der Unternehmen Eingang finden", erwartet Eberhard Brandes vom WWF. Jeder müsse seinen Co2-Fußabdruck kennen und sich Jahr für Jahr ganz persönliche Ziele zur Reduzierung setzen, "denn Ziele und Strategien sind schnell beschrieben, sie aber ernst zu nehmen erkennt man daran, ob eine konkrete Tat vorliegt".

      Prof. Dr. Matthias Freude, Präsident des Landesamtes für Ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Flurneuordnung Brandenburg

      Alle vier sehen Licht und Schatten beim Umweltschutz. Einig sind sie sich weitgehend bei der pessimistischen Einschätzung zur biologischen Vielfalt, der Biodiversität. Weltweit gehe es bei diesem Thema talwärts, auch in Deutschland. Ob Feinstaubbelastung, FCKW-Freiheit oder Trinkwasserqualität: Deutschland sei zwar Weltmeister im technischen Umweltschutz - gemessen an der Menge der Gesetzesverordnungen. Aber woran misst man die Qualität des Umweltschutzes, wenn man nicht Paragraphen heranzieht?

      Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken

      Ist unsere Art zu leben noch zukunftsfähig?

      Beinahe vernichtend das Urteil von Alois Glück vom Zentralkomitee deutscher Katholiken. "Unsere Art zu leben ist nicht zukunftsfähig, weder ökologisch noch ökonomisch. Wir erarbeiten nicht mehr, was unsere Art zu leben kostet", so die Einschätzung von Glück. Er erwarte gerade von den konservativen Gesellschaftskreisen die Fähigkeit zur Veränderung und zur Selbstbegrenzung. "Wir brauchen ein Leitbild der Nachhaltigkeit", fordert der Repräsentant der Katholiken, und Deutschland müsse hierbei international Verantwortung übernehmen.

      Prof. Dr. h. c. Dieter Stolte, Kuratoriumsvorsitzender der Allianz Umweltstiftung 

      In der abschließenden Diskussionsrunde warf Lutz Spandau, Vorstand der Allianz Umweltstiftung, die Frage auf, ob es Gründe gäbe, dennoch an ein besseres Morgen zu glauben. Denn wer auf die ökologische Apokalypse wartet, verändert die Welt nicht. Wir brauchen einerseits Menschen, die etwas in Bewegung bringen, provozieren und Impulse setzen, aber auch die kooperativen Menschen, die Umweltverbände und Politik zusammenbringen, so das Meinungsbild der Experten. Und es müssen die Bürger mitgenommen werden, damit sie Nachhaltigkeit verstehen und es als Prinzip in ihr eigenes Leben umsetzen können. Es zeichne sich bei den jüngeren Menschen ein neues Leitbild ab, das von nachhaltigen Lebensformen zumindest mitbestimmt sei.

      Dr. Lutz Spandau, Vorstand der Allianz Umweltstiftung

      Ruck in der Bevölkerung auslösen

      Ein großes Fragenzeichen wurde hinter die Kommunikation aller Beteiligten von Politik bis Umweltverbände gesetzt. "Wer Vertrauen will, muss Sinn stiften", erwartet Alois Glück. Und dieser Sinn muss vermittelt werden. Mit intelligenten, durchaus auch witzigen Kampagnen sei das auch in der virtuellen Welt möglich, die ansonsten von einer weitgehenden Unkontrollierbarkeit geprägt sei. Am Ende entscheiden aber die Bürger durch ihr Vertrauen, mit wem sie inhaltlich mitgehen wollen.

      Bei Luft und der Wasserqualität hat sich in den vergangenen 25 Jahren viel getan, in der Frage, wie die Landschaft als Ressource genutzt wird, ist dagegen noch eine Menge zu tun. Auch die Sensibilisierung für den Umweltschutz durch die Medien sollte forciert werden, um einen Ruck in der Bevölkerung auszulösen. Der Ruck ist notwendig, weil sowohl Ackerbau als auch der Bau von Siedlungen in der Natur nicht vorkommen und vom Menschen künstlich geschaffen werden. Die Ressource "Boden" ist nicht wiederherstellbar und jeglicher Verbrauch schadet der Natur. "Wir sollten eine neue Kultur der Nachdenklichkeit entwickeln, die auf den Erfolgen der Vergangenheit beruht", resümmiert der Vorstand der Umweltstiftung. "Es sollte darum gehen, neue intelligente Lösungen für die urbanisierte Umwelt zu finden."

      Jetzt informieren

      Aktiv für Mensch und Umwelt:Website der Allianz Umweltstiftung